26.11.2007

I like to be in America

Nahaufnahme: Wie die Broadway-Legende Arthur Laurents vor 50 Jahren mit „West Side Story“ das Musical revolutionierte
Seine beiden Freunde von damals, aus den Glanzzeiten des New Yorker Broadway, die er mit fast zärtlicher Intimität "Lenny" und "Jerry" nennt, hat er schon lange überlebt. Gemeinsam mit Leonard Bernstein und Jerome Robbins, beide Jahrgang 1918 wie er, schuf Arthur Laurents 1957 "West Side Story", den legendären Klassiker, ein einmaliges Bühnenwerk, eine Revolution in der Geschichte des Musiktheaters.
Zur Welttournee im Jubiläumsjahr ist der kleine Mann mit dem verschmitzten Blick und dem wachen Gedächtnis (im Gespräch rundet er sein Alter resolut auf 90 auf) noch einmal nach Paris gekommen, wo er nach dem Krieg wie so viele amerikanische Intellektuelle eine Zeitlang lebte: "Ich hatte kaum Geld, aber mit einer Handvoll Dollar kam man Anfang der Fünfziger in Europa ziemlich weit."
Am Théâtre du Châtelet hatte dort vergangenen Dienstag die Neuinszenierung der weltweit einzigen Originalproduktion Premiere. Nächstes Jahr kommt sie nach Deutschland, an die Oper Leipzig, das Festspielhaus Baden-Baden und die Oper Düsseldorf.
Ist da wirklich zur "50th Anniversary World Tour" die Originalversion der Uraufführung von "West Side Story" am 26. September 1957 im New Yorker Winter Garden Theatre zu sehen? Halt, winkt Laurents ab, nur die Choreografie, die von Robbins geschaffenen Tanzeinlagen, wurden von dessen altem Assistenten Joey McKneely getreulich rekonstituiert. Die Bühnendekoration, die Kostüme, die Beleuchtung sind neu.
Laurents hält sowieso wenig von musealer Konservierung. Nächstes Jahr will er selbst eine neue Inszenierung des Werks am Broadway wagen: "Ein frischer Blick ist notwendig, die Betrachtung von Kunst wandelt sich mit der Zeit."
Unverändert bleibt indes die Botschaft des Stücks, deren Kern sich für Laurents in einem Wort resümieren lässt: "Menschlichkeit". "West Side Story", die Geschichte der verfeindeten Jugendgangs "Jets" und "Sharks", der Liebe von Tony und Maria über die Grenzen des Hasses hinweg, sei ein Manifest gegen Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit, sagt Laurents.
Mit amerikanischer Bigotterie hat er seine eigenen Erfahrungen gemacht. Im Baseball gibt es die Regel der drei "strikes". Laurents ist Jude und schwul; "auch noch schwarz, und ich wäre draußen gewesen". Sein Lebensgefährte, der Schauspieler Tom Hatcher, mit dem er 52 Jahre lang zusammen war, starb vor einem Jahr. Der Verlust hat seine Lebenseinstellung verändert. "Früher dachte ich nie an den Tod. Ich bin nicht gläubig oder religiös geworden. Es ist mehr eine Frage der Spiritualität."
Politisch ordnete sich Laurents immer links ein, ohne je einer Partei angehört zu haben. Die Gesinnung genügte, um die Aufmerksamkeit der Hexenjäger von Hollywood und des Komitees für unamerikanische Aktivitäten unter der Leitung des unseligen Senators McCarthy auf sich zu ziehen. Zeitweilig entzog man ihm den Pass, aber er blieb standhaft. Anders als Robbins, Mitglied der amerikanischen KP, der sich nie zu seiner Homosexualität bekannte, denunzierte Laurents niemanden. Robbins nannte Namen, um seine Karriere zu retten. "Er war ein großer Künstler, aber ein schrecklicher Mensch", erinnert sich Laurents nicht ohne Wehmut.
Den deutschen Stasi-Film "Das Leben der anderen" hat er deshalb mit großem Interesse gesehen. "Jeder Mensch muss vor sich selbst eine Linie ziehen, die er nicht überschreiten darf", so Laurents. Das Starsystem fördere Heuchelei und Humorlosigkeit, "Stars haben keinen Sinn für Selbstironie, aber wenn man keinen Humor hat, ist man tot". Wenn er seine Lebensweisheit verkündet, sieht Laurents trotz seiner kleinen Statur wie ein Löwe aus.
Seine Urteile können schneidend ausfallen. Er entdeckte Barbra Streisand in der Kabarettszene, als sie 19 war. "Sie war nicht attraktiv, aber eine Künstlerin, die ein Hollywood-Star werden wollte. Also überzeugte sie jedermann, dass sie genauso aussehe wie ein Hollywood-Star. Ein Beispiel für die Macht des Geistes." Dagegen Katharine Hepburn - "ein Star, aber keine Künstlerin".
Laurents hatte Erfolg in New York wie in Hollywood, als Schriftsteller, Drehbuch- und Theaterautor. Auf "Gypsy" (1959) ist er stolzer als auf "West Side Story"; doch erlebte er auch monumentale Flops wie "Nick and Nora" (1991). "Schadenfreude", er gebraucht den deutschen Begriff, "ist der Gott des Broadway."
Sein Name aber bleibt auf immer mit "West Side Story" verbunden. Die ursprüngliche Idee hatte Robbins; er wollte Shakespeares "Romeo und Julia" in die Gegenwart übertragen. Am Pool eines Hotels in Beverly Hills schlug Laurents vor, das Phänomen der Jugendgangs in amerikanischen Großstädten als Folie für die Liebesgeschichte zu benutzen. Er verfasste das präziseste und kürzeste Musical-Buch aller Zeiten.
Die Geburt war schwierig, Produzenten und Kritiker reagierten zunächst entsetzt. Was? Zwei Tote gleich im ersten Akt? Eine Vergewaltigung auf der Bühne? Und ein dritter Toter statt eines Happy Ends? Alle Gesetze des Genres schienen verletzt. Dazu Bernsteins Musik - zu opernhaft, eine schockierend-vitale Mischung aus Swing, Jazz und rhythmischer Komplexität. Es sollte viele Jahre dauern, bis ein ähnlicher Durchbruch im Musical-Genre gelang, mit "Hair" (1967) und "Jesus Christ Superstar" (1971).
"Wir dachten nicht an den Erfolg", versichert Laurents heute in der kargen Künstlergarderobe des Pariser Théâtre du Châtelet, "für uns zählte nur das Glückserlebnis einer vollkommen gelungenen Kreation." ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 48/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"