03.12.2007

„Vor einem tiefgreifenden Umbruch“

RWE-Chef Jürgen Großmann, 55, über seinen persönlichen Wandel vom Strompreis-Aktivisten zum Konzernboss, die Preispolitik und das miese Image der Branche sowie seinen privaten Weinkonsum
SPIEGEL: Herr Großmann, erinnern Sie sich noch an Ihre Vergangenheit als Strompreis-Rebell?
Großmann: Ich war nie ein Revoluzzer. Aber in meiner Zeit als Sanierer der Georgsmarienhütte wollte ich - fürs Unternehmen wie auf Verbandsebene - möglichst günstigen Strom und mehr Wettbewerb im Energiegeschäft. An diesem Ziel hat sich nichts geändert.
SPIEGEL: Frivolerweise haben Sie damals sogar einen Vertrag aufgekündigt mit jener RWE, die Sie nun als Vorstandschef anführen. Wer muss sich mehr verändern - Sie oder der Konzern?
Großmann: Im Moment verändern sich alle - das Unternehmen genauso wie ich. Für mich ist die Führung eines solchen Dax-Schwergewichts ja auch noch was Neues. Und das Unternehmen hat durch die Liberalisierung der Strommärkte begriffen, dass es Wettbewerb geben muss ...
SPIEGEL: ... den die RWE und die anderen drei Stromriesen, E.on, Vattenfall und EnBW, bislang behindert haben, wo es ging.
Großmann: Der deutsche Markt ist offen, auch wenn wegen der hohen Kapitalbindung die Eintrittsbarrieren für neue Anbieter noch immer recht hoch sind. Da müssen auch wir helfen. Und wir müssen besser kommunizieren, dass dieser Wettbewerb bereits besteht.
SPIEGEL: Das dürfte kaum reichen. Ihre neue Branche gilt weiten Teilen der Bevölkerung nur noch als Riege sinistrer Preistreiber und Abzocker. Keine gute Startzeit!
Großmann: (lacht) Mein Job beginnt zu keinem schlechten Zeitpunkt. Ich glaube an Zyklen. Würde ich ganz oben einsteigen, könnte es ja nur bergab gehen. Wenn Menschen mit Preissteigerungen konfrontiert werden, reagieren sie unterschiedlich. Wird zum Beispiel der Sprit teurer, fährt man vielleicht ein bisschen weniger oder denkt über ein sparsameres Auto nach. Gas und Strom kommen per Leitung ins Haus. Das führt zu einem Gefühl des Ausgeliefertseins. Komischerweise wird beim Öl jeder Marktpreis akzeptiert. Für unser Geschäft gilt das nicht, obwohl wir in Leipzig dafür eine eigene, funktionierende Börse haben.
SPIEGEL: Selbst dort wird den Großen Trickserei vorgeworfen.
Großmann: Manipulationsvorwürfe sind nie belegt worden. Auch die Wall Street muss sich solche Kritik gelegentlich anhören. Unsere Energiebörse muss sich aber auch weiterentwickeln. Und je mehr Marktteilnehmer dort künftig agieren, umso besser wird sie. In fünf Jahren werden wir auch da viel weiter sein.
SPIEGEL: Inwieweit hat Ihre Branche selbst Schuld an dem miesen Image?
Großmann: Sie hat sich oft richtig hoheitlich benommen. Die Leute wurden früher nicht als Kunden, sondern als Stromabnehmer behandelt. Darüber habe ich mich schon früher als Verbraucher geärgert. Ich weiß noch, wie ich in den neunziger Jahren das erste Mal bei RWE vorfuhr und meinen gar nicht so großen Wagen vor der Tür parkte. Sofort kam einer von den vielen Pförtnern und erklärte mir, die Plätze seien für den Vorstand reserviert. Dem habe ich dann gesagt, ich sei was viel Wichtigeres als ein Vorstand, nämlich Kunde.
SPIEGEL: Um den Kunden ging es den Konzernen lange nicht. Das Bundeskartellamt wirft RWE und E.on sogar illegale Absprachen vor.
Großmann: Das weise ich zurück. Meine Vorstandskollegen sagen mir, es liege auf RWE-Seite keinerlei Fehlverhalten vor. Darüber hinaus holen wir uns jetzt die besten und schärfsten Kontrolleure ins Haus, die solche Vorwürfe untersuchen. Wir machen das gründlich und für viel Geld. Im Februar haben wir endgültige Ergebnisse.
SPIEGEL: Die EU will der Marktmacht Ihrer Branche durch Zerschlagung beikommen. Ihnen sollen die Netze weggenommen werden. Haben Sie davor keine Angst?
Großmann: Wir sind ja kein Kind, dem Mutti das Spielzeug wegnimmt. Und auch die EU will uns nicht enteignen. Es geht um die Frage, ob es im Sinne des Verbrauchers ist, wenn Stromerzeugung und -netz in einer Hand sind. EU-Kommissarin Neelie Kroes geht davon aus, dass der Strompreis in Ländern niedriger ist, wo diese Trennung besteht. Dieselben EU-Studien zeigen aber auch das gegenteilige Ergebnis. Es gibt hier keinen simplen Zusammenhang.
SPIEGEL: Sie haben die Argumente Ihrer Branche schon inhaliert?
Großmann: Halt, halt! Das Schlimmste, was ich erlebe, ist dieses tiefe Misstrauen, das uns momentan überall entgegenschlägt. Uns wird nicht mehr abgenommen, dass wir ehrbare Kaufleute sind. Eine meiner ersten Aufgaben sehe ich deshalb darin, den Ruf wiederherzustellen. Das schaffe ich aber nicht mit ein bisschen Kommunikationskosmetik. Unsere Denke muss sich ändern. Das verändert dann auch den Konzern und dessen Wahrnehmung draußen.
SPIEGEL: Als Nächstes wollen Sie mit der Politik einen "Energiepakt" schmieden. Was sollen wir uns darunter vorstellen?
Großmann: Zurzeit verteufeln sich alle Seiten nur noch gegenseitig. Deshalb will ich Erzeuger, Verbraucher und Politik an einen Tisch bringen. Die Runde soll nicht so groß sein wie beim Energiegipfel, aber sie muss unter anderem darüber reden, wie man gemeinsam den Preisdruck dämpfen kann.
SPIEGEL: Sie sollen zum Schrecken Ihrer Kollegen in den anderen Konzernen bereits ein mehrjähriges Preismoratorium vorgeschlagen haben.
Großmann: Ein völliges Moratorium würde den Eindruck erwecken, als könnten die Versorger die Preise diktieren. Das geht natürlich nicht. Aber man kann über neue Preismodelle reden, für den Fall, dass sich an den politischen Rahmenbedingungen und Rohstoffpreisen nichts ändert. Man kann zudem ein unabhängiges Transparenzbüro beim Kartellamt oder bei der Bundesnetzagentur installieren, das unsere Daten prüft. Man kann die Preise für Haushaltskunden auf zwei oder drei Jahre festlegen. Man könnte nächtliche Flatrates einführen. Es gibt eine Fülle von Ideen.
SPIEGEL: Geredet wurde schon bisher viel, umgesetzt nur wenig. Was konkret erwarten Sie denn von den Akteuren?
Großmann: Die Verbraucher müssen sich von der Romantik verabschieden, dass nicht der Markt, sondern der Staat die Energiepreise festsetzt. Wir als Versorger müssen klarmachen, dass wir mit Milliardeninvestitionen neue Kapazitäten schaffen wollen, die dann mittelfristig auch für sinkende Preise sorgen würden. Dazu brauchen wir auch die Politik.
SPIEGEL: Und was wollen Sie bei RWE intern verändern?
Großmann: Unsere aktuell noch guten Ergebnisse dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass unser gesamtes Geschäftsmodell vor einem tiefgreifenden Umbruch steht. Der Konzern steht in einer reichen Erntephase. Nun muss eine Neubau-Ära beginnen. Aber das dauert.
SPIEGEL: Warum eigentlich?
Großmann: Einerseits will niemand mehr in seiner Nachbarschaft ein Kraftwerk stehen haben. Die Deutschen haben eine Aversion gegen Großtechnik. Und die Politik macht zu wenig die Richtung klar, in die wir marschieren sollen. Kernkraft ist bis zur nächsten Bundestagswahl tabu.
SPIEGEL: Bis dahin müssen einige ihrer ältere Atommeiler wie etwa Biblis bereits abgeschaltet sein. Wollen Sie das noch verhindern?
Großmann: Nein, müssen wir auch gar nicht. Wir können den Reaktor in Biblis so fahren, dass wir mit den Restlaufzeiten über die nächste Bundestagswahl kommen. Und dann gibt es vielleicht ein anderes Denken in Bevölkerung und Regierung.
SPIEGEL: Inzwischen haben die Stromversorger nicht nur mit Atomkraftwerken Probleme. In der saarländischen Gemeinde Ensdorf wollte RWE für zwei Milliarden Euro ein neues Kohlekraftwerk bauen. 70 Prozent der Einwohner sprachen sich jüngst dagegen aus ...
Großmann: ... und wenn wir nicht willkommen sind, dann bauen wir auch nicht. Aber da wurde auch mit Urängsten und Emotionen der Menschen gespielt. Der Katzenjammer kommt bald. Und nicht weit von Ensdorf entfernt steht ein großes französisches Kernkraftwerk. Der Atomstrom unserer Nachbarn drückt nun in unseren Markt. Ist das besser?
SPIEGEL: Die aktuelle Stimmung ist gegen neue Großkraftwerke.
Großmann: Dann muss RWE eben im Ausland investieren. Unsere Kompetenz in puncto Kohle- und Kernkraftwerke will ich erhalten. Energieerzeugung bewegt sich letztlich immer in einem Dreieck: Zurzeit wird nur über die Eckpunkte Preis und Umweltschutz debattiert. Die Versorgungssicherheit wird völlig vernachlässigt.
SPIEGEL: Sie wollen an Kohle und Atomkraft festhalten?
Großmann: Selbstverständlich. Darauf können wir als Industriestandort gar nicht verzichten. Ein doppelter Ausstieg aus Kernkraft und Kohle ist unmöglich. Wir müssten unseren Gasimport um 50 Prozent erhöhen. Mit erneuerbaren Quellen wie Wind ist das nicht auszugleichen.
SPIEGEL: Wir dachten, unter Ihnen solle RWE grüner werden.
Großmann: Ja. Unser Anteil erneuerbarer Energien soll bis zum Jahr 2020 auf klar über 20 Prozent wachsen. Aber es kommen Entwicklungen auf uns zu, von denen sich deutsche Verbraucher noch gar keine Vorstellung machen.
SPIEGEL: Etwa dass die russische Gasprom einfach mal ankündigt, ihr Gas werde kommendes Jahr um bis zu 60 Prozent teurer?
Großmann: Zum Beispiel. Und dann will ich mal sehen, was mit unserer Industrie passiert. Auch angesichts von Boomstaaten wie Indien oder China wird die Nachfrage künftig deutlich größer sein als das Angebot. Darauf reagiert Gasprom nur.
SPIEGEL: Und wenn so ein russischer Riese sich im nächsten Schritt an der RWE beteiligen wollte?
Großmann: Unsere Aktien werden frei gehandelt. Jeder Aktionär ist mir da gleich lieb.
SPIEGEL: Würden Sie nicht das Kanzleramt um Hilfe rufen?
Großmann: Warum sollte ich?
SPIEGEL: Weil es nicht unbedingt im deutschen Interesse ist, wenn ein staatsdominierter Konzern wie Gasprom einen Teil unserer Energieversorgung übernimmt.
Großmann: Natürlich bin ich der Meinung, dass wir als größter Stromerzeuger in Deutschland ein selbstbestimmtes Unternehmen bleiben sollten. Aber wir haben ja keinen Bundes- oder Länderanteil ...
SPIEGEL: ... stattdessen viele Bürgermeister und Landräte aus Nordrhein-Westfalen im Aktionärskreis. Weil die Städte zuletzt Geld brauchten, verkauften manche ihre Aktienpakete, so dass nun die Sperrminorität von 25 Prozent in Gefahr ist.
Großmann: Ehrlich: Ich kann Ihnen nicht einmal ganz genau sagen, wie viel Prozent unserer Aktien noch von kommunalen Eignern gehalten werden. Die haben ja gleich drei Rollen: Sie sind Aktionäre, Kunden und Konzessionsgeber. Ein spannendes Geflecht. Aber letztlich will jeder Aktionär von uns das Gleiche: gute Zahlen. Das sähe Gasprom sicher genauso wie die französische EDF. Von beiden heißt es immer mal wieder, sie interessierten sich für uns. Wir scheinen jedenfalls eine attraktive Braut zu sein.
SPIEGEL: Vor allem ist die RWE billig. Es gibt sie zum Schnäppchenpreis von aktuell rund 50 Milliarden Euro.
Großmann: So viele gibt es nicht, die sich das leisten könnten, zumal die dann schon noch was obendrauf legen müssten. Aber diese ganze Gerüchtedebatte halte ich für eine Schimäre.
SPIEGEL: Sie haben gerade erst für 1,7 Millionen Euro persönlich 20 000 RWE-Aktien gekauft. Um den Kurs zu befeuern?
Großmann: Sicher nicht. Und ich war da gespalten, auch nach Gesprächen mit anderen Konzernführern. Die einen warnen, so was führe zu Interessenkonflikten. Die anderen raten zu, weil so ein Schritt vom Kapitalmarkt gut aufgenommen würde. Natürlich erwarte ich, dass der Wert in meinen fünf Jahren an der RWE-Spitze kräftig steigen wird. Und so lange will ich die Papiere auf jeden Fall halten.
SPIEGEL: Als im Frühjahr bekannt wurde, dass ausgerechnet Sie neuer RWE-Chef würden, schmierte der Kurs schwer ab.
Großmann: Vielleicht dachte der eine oder andere Analyst damals, mit mir komme so ein hinterwäldlerischer Stahlfuzzi. Die waren dann erstaunt, dass ich sogar frei auf Englisch eine Rede halten kann und durchaus über Börsen-Basiswissen verfüge. Mein RWE-Vorgänger Harry Roels hat sehr viel getan, um den Kapitalmarkt auf seine Seite zu bringen. Wenn dem ein Branchenfrem-
der mit Ecken und Kanten folgt, sorgt das erst mal für Unsicherheit. Und Unsicherheit mag die Börse nicht.
SPIEGEL: Müssen Sie überhaupt was verändern? Rein ökonomisch steht die RWE doch toll da.
Großmann: Wir müssen ja heute schon Richtung übermorgen schauen. Wir müssen uns auf andere Regeln einstellen. Das große Wachstum wird dann nicht mehr in Deutschland stattfinden.
SPIEGEL: Ihrer Branche steht europaweit eine gewaltige Konsolidierung bevor.
Großmann: In Frankreich dürfen die staatlichen Energiekonzerne EDF und Gaz de France machen, was sie wollen. Wir sind dagegen an die engen Regeln des deutschen Kartellamts gebunden und dürfen nicht einmal Beteiligungen an Stadtwerken oder kleineren Gasversorgern übernehmen. Wenn das so weitergeht, sind wir Angreifern bald schutzlos ausgeliefert.
SPIEGEL: Sie sind erfolgreicher Unternehmer, Besitzer einer florierenden Holding und Milliardär - warum haben Sie den in jeder Hinsicht harten RWE-Job überhaupt angenommen?
Großmann: Als er mir angeboten wurde, habe ich schon ein bisschen mit mir gerungen. Ich hatte ein Gefühl wie früher in der Schule vor einer Klassenarbeit: Was wird überhaupt gefragt? Bin ich gut genug vorbereitet? Ich schätze privat zudem eine gewisse Anonymität, auch wenn die schon angesichts meiner Maße nicht unbedingt gewährleistet ist. Aber wenn ich am Ende einem anderen RWE-Chef hätte zuschauen müssen, wäre mir durch den Kopf geschossen: Hättste es doch selbst gemacht ... Dann lieber kämpfen, auch wenn's nicht einfach wird. Ich habe eine starke Gegnerschaft.
SPIEGEL: Im Konzern?
Großmann: Zu Hause. Meine Frau war dagegen. Eigentlich wollten wir mal mehr reisen, das Leben genießen. Sie behauptete, mit dem RWE-Job würde ich quasi vor meinem eigenen Privatleben davonlaufen. Ich musste ihr versprechen, wenigstens die ersten tausend Tage keinen Wein zu trinken. Erst am 26. Juni 2010 darf ich wieder. Sie hat das schon ausgerechnet.
SPIEGEL: Herr Großmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Jürgen Großmann
studierte Eisenhüttenkunde und Wirtschaftswissenschaften, bevor er sich bei den Klöckner-Werken bis in den Vorstand arbeitete. 1993 übernahm er für symbolische zwei Mark das marode Stahlwerk Georgsmarienhütte, das er nicht nur sanierte, sondern zu einer erfolgreichen Holding mit über 40 Einzelfirmen ausbaute. Ende 2006 gab er die Geschäftsführung ab, blieb aber Alleingesellschafter. Seit Oktober führt der 2,03 Meter große Manager die Essener RWE an. Großmann gönnt sich etliche teure Hobbys wie Oldtimer, Hochseesegeln und ein Zwei-Sterne-Restaurant.
* Thomas Tuma und Frank Dohmen in Hamburg.
Von Thomas Tuma und Frank Dohmen

DER SPIEGEL 49/2007
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