10.12.2007

KIRCHE„Keine Kompromisse“

Der Mainzer Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, 71, über die Stammzellendebatte und die Rolle der CDU
SPIEGEL: Was halten Sie vom Beschluss des CDU-Parteitags, zu Forschungszwecken den Import von bis 2007 gewonnenen Stammzellen zu erlauben?
Lehmann: Es geht nicht um eine bloße Frage des Termins, sondern um die Grundsatzentscheidung, ob man menschliches Leben zu Forschungszwecken töten darf. Unsere Antwort ist ein entschiedenes und klares Nein. Das kann ich so im Parteitagsbeschluss der CDU nicht mehr erkennen. Eine Verschiebung des Stichtags von 2002 auf 2007 würde den Embryonenschutz noch weiter aushöhlen. Davor müssen wir im Interesse des Lebensschutzes eindringlich warnen. Und wer wollte ausschließen, dass in einigen Jahren aus ähnlichen Gründen eine weitere Verschiebung - die berühmte Wanderdüne - oder gar Aufhebung des Stichtags gefordert wird?
SPIEGEL: Ist die Kompromissbereitschaft selbst prominenter Katholiken wie Annette Schavan ein Dammbruch?
Lehmann: Die Forschung an embryonalen Stammzellen setzt die Tötung von menschlichen Embryonen voraus. Im Blick auf die unbedingte Schutzwürdigkeit menschlicher Embryonen kann es keine Kompromisse geben. Aus Gesprächen mit Abgeordneten weiß ich, dass sich viele die Entscheidung nicht leichtmachen. Deswegen würde ich es begrüßen, wenn im Bundestag der Fraktionszwang bei dieser Frage aufgehoben wird. Ich hoffe, dass sich die Abgeordneten der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sind. Dann respektiere ich, dass jeder seine Gewissensentscheidung vertritt. Als Kirche werden wir unsere Überzeugung aber ebenso klar vertreten und weiterhin entschieden die Unantastbarkeit des Lebensrechts auch embryonaler Menschen verteidigen.
SPIEGEL: Warum ist es christlich, Forschung zu verbieten, die Leben retten soll?
Lehmann: Wir haben an die Forscherinnen und Forscher appelliert, die ethisch unbedenkliche Forschung an sogenannten adulten Stammzellen voranzubringen. Sie hat gerade in jüngster Zeit bemerkenswerte Erfolge erzielt. Im Übrigen sollten die - freilich zum großen Teil uneingelösten - Hoffnungen auf Therapien und Heilung nicht für ethisch fragwürdige forschungspolitische Interessen instrumentalisiert werden. Bisher haben sich die hochgesteckten Erwartungen in die Heilung mit Hilfe embryonaler Stammzellen keineswegs erfüllt.

DER SPIEGEL 50/2007
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