10.12.2007

KARRIERENLiebling Kreuzberg

Der Streit über ihre Mitgliedschaft in der „Roten Hilfe“ hat Franziska Drohsel rasch bekannt gemacht. Die Juso-Chefin will die SPD weiter nach links drängen. Von Markus Feldenkirchen
Einmal war sie dem Amtsvorgänger ganz nah, zehn Stuhlreihen trennten sie von Gerhard Schröder. Es war im Mai 2003 in einem Hotelsaal in Potsdam, Schröder war noch Bundeskanzler, er stand am Rednerpult, und sie saß im Publikum. Der Kanzler warb für seine Reformen, die Agenda 2010 war noch druckfrisch, und die SPD-Führung hatte Regionalkonferenzen angesetzt, um ihre Mitglieder zu überzeugen.
Franziska Drohsel wollte nicht überzeugt werden. Sie wollte toben. Sie kletterte auf ihren Stuhl, hisste ein Protestbanner und pfiff dem Kanzler mit einer roten Trillerpfeife entgegen.
Schröder blickte sie an. "Wer pfeift, hat dicke Backen, aber nicht viel im Kopf", sagte er. Dann kamen Saalordner und rissen ihr das Transparent aus der Hand, Schröder hatte gewonnen. Damals beschloss Franziska Drohsel, dass sie nicht so werden wollte wie er. Wie der Mann, der einmal Chef der Jungsozialisten war.
Vor zwei Wochen wurde sie selbst in dieses Amt gewählt. Jetzt sitzt sie in einem Studentencafé, um die Ecke von ihrer Fakultät an der Berliner Humboldt-Universität. Sie muss oft lachen, wenn sie von dieser Begegnung mit Schröder erzählt. Sie kann herrlich lachen, vor allem über sich selbst. "Eine von meinen Pöbel-Aktionen", sagt sie, aber sie schämt sich nicht dafür, sie klingt eher stolz.
Sie ist 27 Jahre alt und sagt, Gerhard Schröder sei kein Vorbild für sie. Sie möchte nicht hören, dass fast jedes politische Leben, das einmal links begonnen hat, viel weiter rechts endet. Sie will nicht glauben, dass die Zeit eine Waschmaschine ist, alles herauswäscht, alles verblassen lässt, die Träume, die Visionen, den Glauben an eine bessere Welt, die Lust am Kämpfen. Sie will nicht den Pfad der Pragmatiker gehen, sie will so links bleiben, wie sie ist.
Das dürfte schwer werden.
Drohsel ist ziemlich links. Mit ihr haben die 78 000 Jungsozialisten seit langer Zeit wieder jemanden an ihrer Spitze, der beide Teile des Namens ernst nimmt.
Erst vorige Woche ist sie aus der "Roten Hilfe" ausgetreten, einer extrem linken Organisation, die Häftlingen juristisch helfen möchte und dabei den Unterschied zwischen politischen Gefangenen und linken Terroristen verwischt. Drohsel wollte eigentlich nicht austreten. Sie beugte sich dem öffentlichen Druck. Es war ein taktischer Austritt, keiner aus Überzeugung.
Drüben am Lehrstuhl schreibt sie zurzeit noch ihre Doktorarbeit bei den Juristen. Wenn es mit der Politikerin nichts wird, will sie linke Anwältin werden, dann will sie vor Gericht für das Gute kämpfen, als Mischung aus Roter Hilfe und Liebling Kreuzberg.
Um Drohsel herum sitzen andere Studenten, sie unterhalten sich über die Party von gestern und über die Frage, ob der Prof von heute früh eigentlich schwul ist. Drohsel will erklären, wie es dazu kam, warum sie Mitglied bei der Roten Hilfe wurde.
Es hatte damals im Herbst 2000 eine Serie von Übergriffen gegen Ausländer in Deutschland gegeben, Schröder hatte zum "Aufstand der Anständigen" aufgerufen, und die NPD hatte im Zentrum von Berlin eine Demonstration angemeldet.
Drohsel verabredete sich mit ihren Freunden zur Gegendemonstration. Sie demonstriert für ihr Leben gern, gegen Bundeswehrgelöbnisse, gegen Sozialabbau, gegen Globalisierung, die ganze Palette. Aber gegen Nazis demonstriert sie am allerliebsten.
Sie seien ganz friedlich gewesen, sagt Drohsel. Trotzdem habe die Polizei einen
ihrer Freunde verhaftet und mitgenommen. Sie ist immer noch wütend, wenn sie die Geschichte erzählt, die großen Ringe zappeln an ihren Ohrläppchen.
Ein anderer Demonstrant gab ihnen den Hinweis, sie sollten sich an die Rote Hilfe wenden. Die würde umgehend einen guten Anwalt schicken. Die Eltern des Freundes waren arm, er hätte nur einen Pflichtverteidiger bekommen. "Wir fanden das super", sagt Drohsel. Sie sind dann alle zusammen eingetreten.
Wenn Franziska Drohsel bestimmen dürfte, was politisch passiert, würde sie Hartz IV und Schröders Agenda zurücknehmen, sie würde die Bundeswehr aus dem Kosovo und aus Afghanistan holen, und mit Lafontaines Linken würde sie freundlicher umgehen.
Wenn ein weiterer Beweis nötig wäre, dass die deutsche Politik nach links gewandert ist, dann hieße er Drohsel. Sie ist radikaler als die Juso-Vorsitzenden der vergangenen Jahre. Niels Annen und Björn Böhning wirkten im Vergleich mit ihr wie Staatssekretäre. Sie waren die Juso-Vorsitzenden für die neoliberale Episode, links, aber mit viel Verständnis für die Zwänge der Wirklichkeit.
Franziska Drohsel fühlt sich von diesen Zwängen befreit. Sie passt gut in ein Land, das meint, sich genug zugemutet zu haben. Zu einer Gesellschaft, die nach einer intensiven Begegnung mit der Realität endlich wieder träumen möchte.
Sie ist aufgewachsen im bürgerlichen Steglitz, der Vater Lehrer an der Berufsschule, die Mutter Designerin, gewählt wurde die SPD. Sie erzählt, wie sie sich früh engagierte, wie sie für besseren Bio-Unterricht demonstrierte, aber dann bricht sie ab und lacht über das, was sie sagt: "Das klingt alles so banal irgendwie."
Sie war fünf Jahre alt, als die Katastrophe von Tschernobyl die Menschheit erschütterte. Sie war neun, als die Mauer fiel. Die Geschichte hat ihr keine großen Ereignisse geschenkt, an denen sie sich hätte abarbeiten können. Aber das muss ein Leben nicht banaler machen als andere. Aus Drohsel ist trotzdem noch eine engagierte Frau geworden.
Als sie ins politikfähige Alter kam, testete der französische Präsident Jacques Chirac gerade eine Atombombe in der Südsee, Drohsel wurde mitgenommen zu einer Schülerdemo, sie traf dort auf Jusos, und weil die nett waren und die Demo ihr gefiel, tauchte sie ein in die Welt der Engagierten.
"Meine Grunge-Zeit" nennt sie diese Phase. Sie saß mit Freunden in den Steglitzer Jugendzimmern, hörte die Lieder von Nirvana und fand, dass nicht nur Jacques Chirac schlecht und ungerecht war, sondern die ganze Welt. Kurt Cobain sang und nährte einen Weltschmerz, der Antrieb wurde.
Mit 17 Jahren ging sie jeden Sonntagnachmittag ins Steglitzer SPD-Büro zum Lesekreis. Sie lasen die linken Klassiker, "Das Kapital" von Marx, Engels' "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft", Feuerbachs Thesen und Rosa Luxemburgs Schriften über den Massenstreik.
Drohsel liegt jetzt fast in ihrem Sessel, sie schaut an die Decke und fängt wieder an zu lachen. "Sonntags im SPD-Büro. Marx lesen. Mit 17. Schon Panne irgendwie." Sie meint, dass eine solche Jugend uncool sei, aber sie wirkt gar nicht uncool. Im Zeitalter der Unterhaltungselektronik ist es vielleicht schon wieder Avantgarde, sonntags Feuerbach zu lesen.
Gleich nach dem Abitur verließ sie die heile Welt von Steglitz, zog erst nach Schöneberg, dann nach Kreuzberg. Sie sah nun Neonazis auf den Straßen und Menschenschlangen auf den Arbeitsämtern, in die sich irgendwann auch ihre Mutter einreihen musste.
Drohsel sagt, dass man nur mit offenen Augen durch die Stadt laufen müsse, um zu sehen, dass die Welt noch immer schlecht sei. Sie sagt das völlig ruhig. Selbst wenn sie über das Elend spricht, strahlt sie Positives aus. Sie ist vermutlich die fröhlichste Sozialistin Deutschlands.
"Rudi Dutschke - Was kommt danach?" heißt der Titel der Veranstaltung, Drohsel soll in fünf Minuten im Studentendorf Schlachtensee sein, aber noch läuft sie durch die dunklen Villenstraßen der Vorstadt und findet den Weg nicht. "Na klasse", sagt sie. "Voll in der Pampa."
Endlich sitzt sie mit 30 Studenten im "Club A18", einem Kneipenraum mit weinroten Wänden. Zum Auftakt des Abends möchte der Matthias kurz was zur Idee des Dorfes sagen. Er sagt, dass die Bewohner hier selbst darüber bestimmen, wie sie wohnen wollen, und dass es schon immer sehr rebellisch zugegangen sei. Aus dem Keller dröhnt eine E-Gitarre, im Nebenraum klackern Billardkugeln.
"Der Rudi hat sich in den Sechzigern 'ne Zeitlang hierher verirrt", sagt der Matthias. Er dreht sich zu Drohsel, die neben ihm auf einem Ledersofa sitzt.
"Wir würden uns von dir jetzt ein bisschen Orientierung erwarten, wie es weitergehen kann." Drohsel muss lachen, sie prustet. Ihr Blick eine Frage: Woher soll ich das denn wissen?
"Ne jetzt echt", hakt der Matthias nach, "wie können wir Gesellschaft eigentlich noch neu denken?"
Drohsel redet über den demokratischen Sozialismus. Sie finde es wichtig, dass der im neuen Parteiprogramm als Ziel gerettet werden konnte. "Wir zeigen damit, dass wir 'ne andere Gesellschaft wollen. Dass wir die Verhältnisse überwinden wollen." Es hört sich an wie bei der Lesestunde.
Während sie spricht, zucken ihre Schultern, ihre Knie und Füße wackeln hin und her, als tanzte sie einen Twist im Sitzen. Sie redet furchtbar schnell, sie liefert den Sozialismus in Überschallgeschwindigkeit.
Etliche Parolen später will der Matthias wissen, ob es "Fragen an die Franzi" gibt. Es meldet sich ein älteres Semester mit selbstgedrehter Zigarette im Mundwinkel. Er sagt, das klinge ja sehr schön mit dem Sozialismus, aber soviel er wisse, habe doch die SPD die Agenda 2010 gemacht, und die finde er jetzt nicht so sozialistisch.
"Ich hab ja damals protestiert wie 'ne Wilde", sagt Drohsel. Aber sie habe sich nicht durchsetzen können. Das sei nun mal so. "Ich fand das ja auch Scheiße."
Aber jetzt, sagt sie, sei diese Zeit ja zum Glück vorbei. Mit dem Kurt Beck, da könne man nämlich ganz zufrieden sein, da werde vieles richtig gemacht. Es hat nicht den Anschein, als würde das irgendjemanden im Publikum überzeugen.
"Boah, waren die extrem", sagt sie später, auf dem Weg nach Hause. Sie war an diesem Abend die größte Pragmatikerin der Runde, sie musste viel um Verständnis werben. Es könnte sein, dass sie diese Erfahrung jetzt öfter machen wird.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 50/2007
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