10.12.2007

UNTERNEHMENDrücker unter Druck

Versicherungsgigant Swiss Life will den Finanzvertrieb AWD schlucken. Doch die Staatsanwaltschaft prüft gleich zwei Strafanzeigen gegen dessen Vorstand.
Als erfolgreicher Fondsverkäufer weiß Carsten Maschmeyer: Finanzieller Erfolg ist auch eine Sache des richtigen Timings. Nachdem der Finanzvertrieb AWD dieses Jahr 40 Prozent seines Wertes verloren hatte, schaffte der Gründer von Deutschlands prominentester Drückerkolonne vergangenen Montag die Wende. Wohl noch im letzten Moment überzeugte der Freund von Ex-Kanzler Gerhard Schröder die Versicherung Swiss Life, für sein Unternehmen bis zu 1,2 Milliarden Euro zu zahlen - 30 Prozent mehr als den Börsenwert des vorvergangenen Freitags.
Der ehemalige Liebhaber von brillantbesetzten Hemdkragen schiebt sich damit auf der Liste der Superreichen weiter nach vorn. Rund 230 Millionen Euro soll Maschmeyer für ein 20-Prozent-Paket an AWD kassieren.
Doch haben sich die Schweizer den Deal gut überlegt? Sind die immer wieder auftauchenden Zweifel an den Bilanzierungspraktiken des AWD endgültig ausgeräumt? Waren die gern erzählten Machenschaften gegen Ex-Mitarbeiter nur Propaganda?
Womöglich nicht. Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft derzeit gleich zwei Strafanzeigen gegen das Topmanagement des Finanzvertriebs.
Harte Vorwürfe lanciert etwa Ex-AWD-Manager Jörg Jacob in seiner Anzeige. Er soll mit einem Peilsender an seinem Auto, Abhöranlagen am Fenster und Kameras bespitzelt worden sein. Im Auftrag seines ehemaligen Arbeitgebers seien sieben Detektive mit seiner Person beschäftigt gewesen, behauptet Jacob. Im Zusammenhang mit dem Aufbau des Konkurrenzvertriebs Formaxx hatte er vor wenigen Monaten abrupt das Unternehmen verlassen.
Nicht weniger brisante Anschuldigungen stammen von der Hamburger Anwaltskanzlei Creon. Aufgrund interner Dokumente aus der Geschäftsleitung des AWD glauben die Juristen belegen zu können, wie Maschmeyer & Co. in den Geschäftsberichten die wahre Lage des Konzerns verschleiert haben. Die Akten sollen unter anderem zeigen, dass das wahre Ausmaß eines Millionenskandals um die Vermittlung maroder Immobilienfonds systematisch vertuscht und damit die Geschäftszahlen geschönt wurden.
Was die Bilanzkosmetik anbetrifft, so sind nicht alle Vorwürfe neu. Bereits vergangenes Jahr kümmerte sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht um angebliche Fehler in Geschäftsberichten und Kursmanipulationen. Die Untersuchungen endeten ohne Ergebnis.
Diesmal scheint einiges anders zu sein - vor allem die Qualität des Belegmaterials.
In den neunziger Jahren hatten AWD-Berater für stolze Provisionen mehrere zehntausend Beteiligungen an den Dreiländerfonds (DLF) im Umfang von über einer Milliarde Euro verkauft. Der Fonds 94/17 wackelte bereits 1999. Später folgten auch andere. Heute sind die meisten insolvent.
Fortan häuften sich die Beschwerden und Prozesse. In einem Verfahren des Oberlandesgerichts Celle aus dem Jahr 2002 wurde AWD vorgeworfen, den Kunden unzureichend über die Risiken aufgeklärt zu haben. Der Streit endete - wie so oft - mit einem Vergleich.
"Mit einer Handvoll Einzelkanzleien bestehen 'Stillhalteabkommen'", heißt es etwa in einem streng vertraulichen Protokoll des "Projektteams DLF 94/17", das sich 2002 um die Beschwerden von Immobilienfondsanlegern kümmerte. Die Eingreiftruppe beabsichtigte auch, "gezielt Pressepublikationen in die Wege zu leiten". An eine Richterin sollte ein "netter" Brief geschrieben werden.
Die Gegenmaßnahmen lassen vermuten, dass intern die Nerven blank lagen. Laut Sitzungsprotokoll vom 11. September 2002 bestand "keine Aussicht" auf Gesamtlösungen, die zudem "weder zu finanzieren sind noch dazu geeignet wären, den gewünschten Erfolg - eine ruhige Anlegerfront - zu erbringen". Sechs Monate später hatten 744 Anleger mit Beteiligungen von über 27 Millionen Euro Ansprüche angemeldet. Mit rund 180 Kunden gab es bereits Vergleiche.
Die Aktionäre von AWD kriegten davon freilich nichts mit. In den Geschäftsberichten war DLF kein Thema, Rückstellungen für Prozessrisiken waren nicht ersichtlich. Im Jahr 2002 hätte "ein Bilanzgewinn in Höhe von 34,6 Millionen Euro nicht ausgewiesen werden können", schreiben die Verfasser der Strafanzeige. Auch in den Folgejahren seien die Rückstellungen zu tief und damit die Gewinne zu hoch gewesen.
Ex-Finanzvorstand Ralf Brammer "hatte stets Zugang zu allen aktuellen Einschätzungen und Entwicklungen und hat entsprechend kommuniziert", sagt ein AWD-Sprecher. Es seien "stets ausreichende Rückstellungen gebildet" worden, die Wirtschaftsprüfer hätten für alle Jahre ein "uneingeschränktes Testat" erteilt. Und die Swiss Life sei über alles informiert. Die Anwürfe von Ex-Manager Jacob kontert man mit einer Klage "wegen rechtswidriger Abwerbung" und einer Strafanzeige.
Kritischen Ex-Mitarbeitern drohen allerdings nicht immer juristische Schlachten. Für über 800 000 Euro beglich der AWD nicht nur Provisionsforderungen, sondern holte sich vor drei Jahren die Internet-Adressen awd-aussteiger.de und awd-mandant.de. Der Verkäufer musste sich zudem verpflichten, unter anderem Recherchematerial und alle Exemplare des Buchs "Das schwarze Schaf unter den Finanzdienstleistern" an den AWD auszuhändigen. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 50/2007
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