10.12.2007

JOURNALISTENGewissen mit Perücke

Günter Wallraff war als Journalist fast vergessen. Seit kurzem ist er wieder undercover unterwegs - und zehrt noch immer von seinem alten Ruhm.
Günter Wallraff sitzt am Küchentisch und ist in Fahrt. Er kann gar nicht aufhören zu schimpfen über "dieses Schweinesystem des Telefonbetrugs, in dem arme Schweine anderen armen Schweinen mit Lug und Trug etwas andrehen, das sie gar nicht brauchen". Mit anderen Worten: Wallraff, 65, ist wieder einer Sauerei auf der Spur.
Wieder? Jahrzehntelang war vom Enthüller Wallraff nichts zu hören. Er war schwerkrank, führte Prozesse, die andere gegen ihn angestrengt hatten. Er beherbergte Verfolgte und Verfemte wie Salman Rushdie und Susanne Osthoff in seiner Kölner Wohnung, in der er nun am Küchentisch sitzt und sich erregt. Er legte sich mit der PKK an und mit radikalen Muslimen.
Der Journalist Wallraff hatte sich Mitte der Achtziger verflüchtigt und war aufgegangen im politischen Aktivisten Wallraff. Perücke und Bart, die Markenzeichen seiner Undercover-Reportagen, blieben im Schrank. Wallraff hatte aufgehört, den Wallraff zu geben. "Es machte alles keinen Spaß mehr", sagt er und blickt ernst.
Wallraff ist so ein Mensch, der entweder etwas ganz und gar macht oder eben überhaupt nicht. Als er krank war, war er beinahe bewegungsunfähig. Kaum gesund, trainierte er so lange, bis es wieder für den Marathon reichte.
Als Journalist funktioniert er ähnlich. Er lässt sich von seinen Themen regelrecht verschlingen. Das war beim jungen Wallraff so, der sich mit der deutschen Industrie und "Bild" verharkte, und das ist beim alten Wallraff, der in diesem Jahr sein Comeback als Journalist erlebt, nicht anders. Auch nach mehr als 20 Jahren Pause als verdeckter Reporter hat er sich gleich beim ersten Mal wieder in sein Thema verbissen. Eigentlich sollte die Reportage aus dem Innenleben der Call-Center nur ein "bescheidener Auftakt zu einer Serie" über moderne Arbeitswelten sein, sagt er. Doch nach der ersten Geschichte für das "Zeit-Magazin Leben" kamen dutzendweise neue Informanten. Wallraff blieb dran, schrieb eine Fortsetzung und machte schließlich noch den Film "Bei Anruf: Abzocke" daraus, der diesen Dienstag, 21 Uhr, im ZDF läuft. Dafür blieb anderes eben liegen.
Doch im kommenden Jahr, kündigt er an, werde er mit mehreren Geschichten kommen. Eine sei bereits fertig recherchiert. Die Call-Center-Story selbst ist nicht so wahnsinnig neu, und wirklich überraschen wird der Film auch niemanden. Betrügereien mit unerwünschten Anrufen haben vor ihm schon andere beschrieben. Immerhin, die Interviews mit ehemaligen Telefonverkäufern, die von ihren Gewissensbissen erzählen, die verdeckten Aufnahmen von einer Verkäuferschulung, die Chuzpe, mit der einige Verkäufer vor der Kamera mit ihrer Masche prahlen, das alles ist sehenswert.
Bei Wallraff wird darüber hinaus alles, also auch diese Geschichte, zu einem per-
sönlichen Anliegen. Einmal nimmt er einem Opfer, das während des Interviews von einer Telefonverkäuferin auf ihrem Handy drangsaliert wird, das Gerät aus der Hand und setzt das Gespräch selbst fort. "Welche Telefonnummer haben Sie?", fragt er die Anruferin, so lange, bis sie hilflos auflegt. Wallraff scheint ehrlich schockiert und überschreitet locker die Grenze vom Reporter zum Aktivisten, als Ein-Mann-Greenpeace für soziale Fragen.
Doch diese Empörung hat bei ihm keinen Zug von Bitterkeit. Im Gegenteil. Er schimpft mit Lust, aber er sagt auch leise Sätze von feiner Ironie: "Der honorige Herr Jauch, mit dessen Namen auf betrügerische Weise SKL-Lose verkauft werden, war natürlich zu einem Interview vor der Kamera nicht bereit."
Wallraff war nie einfach nur das, was Journalisten gemeinhin sind, Beobachter und Beschreiber. Er erlebte als Türke Ali bei Thyssen oder als "Bild"-Mann Hans Esser die Missstände stets am eigenen Leib, war also mit Fug und Recht Betroffener - mal als Opfer, mal als Täter. Das verlieh ihm eine Authentizität, von der er heute noch zehrt und die auch die Resonanz auf sein Comeback erklärt. Es gibt nicht mehr so viel soziale Gewissen in Deutschland, die glaubwürdig sind.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. In Wallraffs Perücken-Recherchen steckt auch ein Unterhaltungswert, der nicht zu unterschätzen ist. Es ist ein schadenfrohes Vergnügen, das nicht viel anders funktioniert als bei "Verstehen Sie Spaß?": Der Gefilmte wähnt sich in Sicherheit, doch in Wahrheit ist das Eis unter seinen Füßen schon brüchig.
Wallraff kennt diesen Effekt genau, und er spielt mit Wonne Situationen nach, in denen er Leute auf dünnes Eis geführt hat. Katholische Priester etwa, denen er zu Vietnam-Kriegszeiten einen Unternehmer vorgaukelte, der Napalm herstellt und Gewissensnöte hat. Wallraff kann seine Stimme gut in einen gönnerhaft brummenden Ton verstellen. "Die Bischöfliche Weinkellerei in Trier", parodiert er einen Theologen, "die liefern ja auch den Wein in die ganze Welt, und die können ja auch nichts dafür, wenn er dann in sündhaften Nachtlokalen ausgeschenkt wird, wo auch Nackttänze stattfinden." Wallraffs Augen funkeln.
Dann blickt er einen Moment dem Gegenüber fest in die Augen. "Es macht alles wieder Spaß", sagt er. MARKUS BRAUCK
* Unten: mit Perücke in "Bei Anruf: Abzocke".
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 50/2007
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