10.12.2007

SÖLDNERDie Luxuskrieger

Eine kleine Firma wurde in fünf Jahren zum Weltkonzern, ihre Ware ist Sicherheit, ihr Kapital sind Kämpfer und Waffen. Blackwater, die größte Privatarmee der Welt, ist das Symbol für eine Politik, die den Krieg entstaatlichen möchte. Von Klaus Brinkbäumer
Sie sagt, sie trage die Fahne nur, um zu helfen, irgendwer muss das Ding doch schleppen, es braucht doch eine Fahne für ihren Jerry, und langsam und schwer trägt sie das Sternenbanner hinab in die Tunnel unter dem Kapitol. Eine mächtige Fahne ist es, mit Ornamenten an der Stange, und Danica Zovko schreitet damit durch die Kellergewölbe unter den Abgeordnetenbüros, eine kleine Frau in schwarzen Stiefeln und schwarzem Hosenrock, mit goldenen Ringen an den Ohren, goldenen Ringen an Fingern und Handgelenken, die Augen leer und tot.
Sie hört ein Kichern von irgendwoher, dann das Echo des Kicherns, "ich würde gern mal wieder so lachen", sagt Danica Zovko, und dann: "Ich versuche es, versuche zu leben, wirklich. Aber mein halbes Leben ist gestorben mit meinem Jerry."
"My Jerry", anders nennt sie ihn nicht, in jedem zweiten Satz sagt sie "my Jerry".
Mit beiden Händen hält sie die Fahne fest, die Knöchel spitz und weiß. Sie steckt die Fahne neben der Kongressabgeordneten Jan Schakowsky in einen Ständer, die Scheinwerfer strahlen. Die Abgeordnete hat zu einer kleinen Pressekonferenz geladen, sie sagt, die Regierung habe versagt, das Militär müsse wieder übernehmen, was militärische Aufgabe sei, und nun redet Danica Zovko, Blackwater-Mutter.
Sie sagt, nichts wisse sie, niemand informiere die Angehörigen, Blackwater sei ein Schattenreich, sie sagt, ihr Sohn habe nur helfen wollen im Irak. Fünf Kamerateams sind im Presseraum des Kapitols und 15 Reporter, alles will Danica erzählen, immer schneller spricht sie, fünf Minuten für ihr halbes Leben, Danica Zovko redet und redet, dann kommen die Tränen.
Es ist Mittwoch in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten, für diese fünf Minuten ist Danica von Cleveland nach Baltimore geflogen und dort in den Zug nach Washington D. C. gestiegen. Ein ganzer Tag für fünf Minuten - es ist ein mühsamer Kampf, den Danica Zovko gegen Blackwater
kämpft. Sie hat eine Klage eingereicht, monatelang ging es darum, ob sie überhaupt klagen dürfe, weil Blackwater Immunität versprochen wurde im Irak, und jetzt darf sie klagen, nur gewinnen wird sie nicht.
An jenem Mittwoch, damals vor drei Jahren, hatte Danica Zovko einmal nicht Radio gehört, sie macht das sonst immer: Kaffee kochen, Radio einschalten, so beginnt ihr Morgen, seit ihr Jerry auszog, sein Land zu retten. An jenem Morgen war sie spät dran, ging aus dem Haus, erst Freunde sagten ihr, da sei etwas passiert.
Jerko Zovko, genannt Jerry, hatte ein edles Motiv gehabt, er wollte Iraker ausbilden. Die Zovkos, Einwanderer, hatten eine Autowerkstatt in Cleveland, nur Jerry hatte studiert, ein künftiger Psychiater. Aber nachdem Jerry daheim in Kroatien den Krieg gesehen hatte, meldete er sich bereit, 82nd Airborne MP, "MP" steht für Militärpolizei. "Zwei Wochen lang habe ich nicht mit meinem Jerry gesprochen", sagt Danica, er war so still und so ernst.
Jerry ließ sich zum Ranger ausbilden, ein Trupp junger Helden. Er war auf dem Balkan im Einsatz, dann im Mittleren Osten, mal unter falschem Namen, mal namenlos. Freunde erinnern sich an einen Jerry, der nichts verriet, "waren wir also Freunde?", sagen sie heute. Und die Mutter sagt: "Ich weiß nicht, ob er bei der CIA war oder schon bei Blackwater."
Von dem damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatten Präsident George W. Bush, Vize Dick Cheney und die spätere Außenministerin Condoleezza Rice den Gedanken übernommen, dass der einzige Gegner des Pentagon das Pentagon sei, die Bürokratie, die ständigen Bedenken. Rumsfeld sagte, militärische Einsätze an Privatfirmen auszulagern sei billiger und effektiver, seit 2003 rückten rund 170 Firmen in den Irak ein, da der Rohstoff, um den es ging, nicht Öl war, die erste Ware im Irak ist Sicherheit.
Sicherheit ist teuer. Der Erfolg von Menschen, die Sicherheit produzieren, ist nicht einfach zu messen. Blackwater USA war vor dem 11. September 2001 eine 100 000-Dollar-Firma, heute verdient sie Milliarden und kann 20 000 Mann verschicken. Die Firma preist sich, da sie zwar rund 30 Leute im Irak und in Afghanistan verloren hat, aber keinen der Diplomaten, die sie schützen sollte. Ist das kein Triumph?
Ist das der Maßstab?
Oder muss man sagen, dass die Privatarmee Blackwater jene instabile Lage erst schafft, vor der sie dann schützt? Die Privatarmee tötet, das gehört zum Geschäft. Sie schießt auf einen sechsfachen Familienvater und lässt ihn liegen, ihr Auftrag ist nicht die Befriedung, nicht die Rettung Angeschossener, der Auftrag lautet, so schnell wie möglich wegzukommen vom Brennpunkt, und so liegt dann ein sechsfacher Vater im Staub und verblutet. Hinterher erreicht seine Familie das Angebot: 5000 Dollar? 10 000?
"Es ist eine Abhängigkeit entstanden und damit eine Abwärtsspirale", sagt der Politologe Peter W. Singer, er sitzt in Washington in einem engen Büro und lächelt viel, ein junger, flinker Denker, blaue Augen, die Haare zurückgekämmt. Singer sagt: "Wir können ohne Firmen wie Blackwater nicht mehr in den Krieg ziehen, aber mit ihnen können wir den Krieg nicht gewinnen." Es gehe darum, sagt er, was aus Staaten wird, die jene Macht auslagern, auf der sie gründen: das Gewaltmonopol.
Söldner kämpften schon für Xerxes, den Perserkönig, aber mit der Geburt der Nationalstaaten verschwanden sie. Und nun? Die Demokraten wollen Blackwater aus dem Irak verbannen, die Regierung hat Richtlinien für den Waffengebrauch erlassen, mehr nicht. Denn im Weißen Haus gilt Blackwater als Eingreiftruppe, die alles kann und nicht in den Statistiken erscheint. Blackwater-Tote sind keine toten Soldaten, Blackwater-Morde keine Verbrechen. Blackwater-Männer tauchen aus dem schwarzen Wasser auf, erledigen ihren Job und tauchen wieder ab, das ist die Idee. Was also lief schief?
Es gibt eine Menge Gründe dafür, dass der vor vier Jahren gewonnene Krieg heute verloren scheint. Und es gibt vier Ereignisse, die eine Antwort geben auf die Frage, warum es anders kam, als von Rumsfeld und Bush gedacht. Viermal gab es Taten und Bilder, die die Köpfe und
Herzen der Iraker verschlossen gegen die Invasoren, die diese Köpfe und Herzen erobern wollten. Bei diesen vier Geschichten geht es um jene Firma, deren Logo jahrelang eine Bärenpranke im Fadenkreuz war.
Sie hat sich verwandelt, die Bärentatze. Still hat sich die Firma umbenannt von Blackwater USA in Blackwater Worldwide, und das Fadenkreuz ist fort, die Pranke sieht nun aus wie ein Koala-Pfötchen. Es könnte sein, dass sie bei Blackwater verstanden haben, dass sie in die Räder der Weltpolitik gegriffen haben, ganz anders als geplant, und was jetzt?
An jenem Mittwoch im März 2004, an dem der Frieden wieder ein Krieg wurde, als die erste der vier Blackwater-Geschichten begann, wollte Jerko Zovko nicht ausrücken, Bauchschmerzen hatte er. Auch sein Kumpel Scott Helvenston wollte nicht hinaus, er war am Vortag erst in den Irak eingereist, hatte Wasserpfeife geraucht, er fühlte sich etwas schwummerig. Scott und Jerko waren Krieger, so begriffen sie sich; Athleten, muskulös und furchtlos, kluge Jungs. Auch in dieser Nacht rief Scott wieder in Florida an und sprach aufs Band: "Hab einen schönen Tag, ich liebe dich, Mutter."
Katy Helvenston-Wettengel hat ein kleines Diktiergerät, immer wieder hört sie Scottys Worte und hasst sich, weil sie das Klingeln nicht hörte in jener Nacht, und wenn sie dann wach liegt, spielt sie die Videos ab: ihr Sohn mit den Enkeln, beim Bergsteigen, ihr Sohn mit nacktem Oberkörper, blond, stark, All-American Scotty.
"Siehst du, er ist in Form, mein Scotty", sagt Katy, die vor der Spüle raucht und sich wegdreht, wenn sie zum Glas greift.
Beide Mütter wissen heute, dass ihre Söhne sie belogen haben. Scotty sagte, dass er Paul Bremer bewachen würde, den amerikanischen Zivilverwalter. Jerry sagte, er würde Iraker lehren, gute Demokraten zu sein. Tatsächlich aber hieß ihr Auftrag: Bewacht Plastikteller. Und Gabeln und Messer und Töpfe. Einen Konvoi sollten sie schützen, der durch Falludscha fahren sollte oder um Falludscha herum, es war der 31. März 2004, und die Wahrheit bedeutet für die Mütter auch, dass dieser Auftrag alles noch elender macht. "Er starb für eine ehrenhafte Sache", das schrieb Paul Bremer den Zovkos, "was für ein Witz", sagt Danica, deren Jerry für Plastikteller starb.
Jerry und Scotty wurden geschickt von einem Mann, den sie "Shrek" nannten, weil er so aussah wie der Trickfilmheld. Shrek hatte tatsächlich Paul Bremer bewacht, aber von dort hatten sie ihn entfernt; einmal hatte Shrek mit seiner Waffe gespielt und sein Magazin fallen gelassen, Bremer hatte sich umgedreht, ein peinlicher Moment. Warum ausgerechnet Shrek nun der Teamchef des Einsatzes in Falludscha war, verstehen Blackwater-Leute nicht, die sagen, dass dies die Katastrophe der Firma ist: Mit der Expansion verrutschten die Standards, jeder Polizist, der ein Held werden wollte, wurde eingestellt. Das Problem von Blackwater ist, dass immer mehr Einsätze kamen, weil die Blackwater-Leute die Stars ihrer Branche sind, doch je mehr Aufträge es wurden, desto schlechter wurden die Blackwater-Leute.
Die Fahrzeuge: zwei Mitsubishis, die im Irak "Kugelmagneten" heißen, ohne Sicherung, das Wort "armored" vor dem Wort "vehicle" hatte Blackwater aus dem Vertrag streichen lassen. Die Besatzung: zwei Leute pro Fahrzeug, nicht drei; es braucht Fahrer, Beifahrer, Schütze, eigentlich geht es nur zu dritt, doch drei Mann sind teurer als zwei. Scotty und Jerry rollten ins Zentrum von Falludscha hinein und hatten schon keine Chance mehr.
Es gibt unterschiedliche Versionen. Der Anwalt der Blackwater-Mütter sagt, dass die Jungs in den Tod gejagt wurden. Blackwater sagt, dass es ein Hinterhalt war, gegen den es keinen Schutz geben konnte. Es gab vier amerikanische Tote, "contractors" oder "constructors", jedenfalls Zivilisten, das stand in den Meldungen, die um die Welt gingen; kaum jemand wusste damals, und niemand sollte es wissen, dass im Irak eine Privatarmee im Einsatz war. Dass es vier Blackwater-Männer waren.
Um die Welt gingen auch die Bilder: lachende Iraker und verkohlte, zerrissene Leichen, aufgehängt an jener Brücke, die heute "Blackwater Bridge" genannt wird.
Um die Welt gingen die Filme von der Vergeltung: Die staatliche Armee rächte die toten Amerikaner, walzte Falludscha nieder, 1200 Iraker starben. Wenn es jemals Hoffnung gab, eine irakische Hoffnung auf den Frieden, den die Amerikaner bringen würden, eine amerikanische Hoffnung auf irakisches Wohlwollen - seit Falludscha, seit dieser ersten der vier Blackwater-Geschichten, ist das vorbei.
"Falludscha war nicht zu verhindern", sagt Erik Prince. Prince ist Blackwater, er hat die Firma erfunden und großgemacht.
Man konnte ihn beobachten während der Anhörungen vor dem Kongress. Prince saß steif an seinem Holztisch, vor sich zwei Reihen Demokraten und Republikaner, hinter sich die Mütter der Toten. Die Republikaner lobten Erik Prince und dankten für seinen patriotischen Dienst, die Demokraten tadelten das Cowboy-Gehabe der Blackwater-Jungs, und Erik Prince redete ruhig, die Hände verschränkt. Er kann das sehr gut: reden. Er trug die Haare
rechts gescheitelt und in die Stirn gekämmt, die Seiten rasiert, die großen Ohren standen ab, mit seinen zwei tiefen Stirnfalten sah Prince ziemlich hart aus.
Sie erzählen in Washington, dass Erik Prince die Demokraten verachte, Abtreibungsbefürworter allesamt und Pazifisten, aber natürlich sagte Prince so etwas nicht. Er sagte nur, dass für seine Leute das Wort "Söldner" nicht zutreffe, weil Amerikaner für die amerikanische Sache einträten; er unterschlug, dass er Kämpfer von den Philippinen oder aus Chile unter Vertrag hat, Söldner, ein anderes Wort gibt es nicht. Täglich werde im Irak auf seine Männer geschossen, "wir spielen defensiv", sagte Prince, zu 16 000 Einsätzen sei es bisher gekommen und nur bei einem Prozent zum Gebrauch von Waffen. Am Ende sagte er, niemals im Leben sei Perfektion zu erreichen, aber er strebe danach.
Prince, 38, stammt aus Holland, Michigan, sein Vater Edgar war ein tiefgläubiger Republikaner, der die Prince Corporation gründete, Autozubehör produzierte und mit einer patentierten Erfindung Milliardär wurde: der Sonnenblende. Man ging zur Kirche dort am Lake Macatawa, man hasste Schwule und Jimmy Carter. Und Erik Prince mochte Fußball, Basketball und Leichtathletik, er studierte, dann wurde er Navy Seal und kämpfte in Bosnien, er sagt, sein Vater habe ihm beigebracht, niemals "Ich kann nicht" zu sagen.
"Ich bin ein sturer Kerl, und, ja, in mir schlägt noch das Herz eines Kriegers", sagt Erik Prince heute. Als sein Vater starb, quittierte Erik Prince den Dienst, die Familie verkaufte das Unternehmen, 1,35 Milliarden Dollar blieben. Das war der Start.
Lange schon hatte Prince damit gehadert, dass die U. S. Army ihren Aufgaben nicht gewachsen sei: "Wir können stärker, härter, wendiger sein", sagte er, darum kaufte er das Gelände bei Moyock, North Carolina. Damals ging es um Training: Er wollte das perfekte Geläuf zur Verfügung stellen für Übungen aller Art, und zuerst kam die Marine zu Prince, 2000, denn nach dem Anschlag auf die USS "Cole" mussten aus Matrosen Soldaten werden.
Heute ist das Camp bei Moyock ein Hochsicherheitslager. Das Dorf Moyock liegt gleich hinter der Grenze in North Carolina, es ist nicht viel mehr als der Highway 168 und ein paar Tankstellen, das Land ist mal karg und dann sumpfig, perfekt für die Firma, die benannt wurde nach dem brackigen Wasser der Gegend.
850 Puddin Ridge Road ist die Adresse, vom Highway geht es 2,8 Meilen nach rechts, und plötzlich steht da ein Schild, die alte Blackwater-Tatze, das Fadenkreuz, dahinter ein kleiner Teich und fünf Kiefern, der Weg macht jetzt eine Biegung nach links. Sofort kommen Wachleute im SUV angefahren, junge Typen, Knarre am Oberschenkel, die Hände an der Knarre, und brüllen: "Privatgelände. Hau ab!"
Darf man hinein, sieht man Pfade und Straßen, dichte Wälder und weite Felder, es gibt schicke Gebäude mit Satellitenfernsehen und heißen Duschen für alle, Feuerstellen, vier Betten pro Zimmer und große Spinde; es ist kein Sheraton, aber es ist die luxuriöseste Kaserne der Welt. Es gibt Waffenlager und Kraftraum und Pool, und neben den Wohnhäusern stehen die Kompressoren, mit denen man die Gewehre vom Staub freiblasen kann.
Ständige Schüsse, Kommandos. Kräftige, stolze Männer, die sehr aufrecht gehen, die dicken Arme angewinkelt. Drei Rundkurse für Verfolgungsrennen haben sie, Seen für Wasserspiele; das Dorf, in dem sie den Häuserkampf üben, heißt "Little Baghdad".
Es gibt Leute, die behaupten, Blackwater diene als bewaffneter Arm der religiösen Rechten, aber das ist linke Polemik. Sie missionieren nicht bei Blackwater, sie reden nicht mal über Religion, Prince mag Katholik sein, aber hier zeigt er das nicht. Es geht um etwas anderes: Der Feind da draußen ist gefährlich, und wir machen dich fit, damit du Amerika retten kannst, und damit werden wir reich, du und wir, das ist Blackwater. Man lernt hier keine Diplomatie, kein Arabisch für den Einsatz im Irak, sie lernen den neuen Krieg, jenen "Krieg der vierten Generation", von dem Erik Prince spricht, "gegen Terrorzellen, gegen die Gefahr, die überall besteht, gegen einen unsichtbaren Gegner".
Für Blackwater bedeutet Amerikas manische Angst ständige Expansion: Aus dem Trainingsgelände wurde ein Hersteller des Kampffahrzeugs "Grizzly" wurde das Luftfahrtunternehmen Presidential Airways wurde die private Armee des Erik Prince.
Es ist nicht ganz einfach, mit jenen Leuten zu sprechen, die für Blackwater im Irak Amerika hüten. Die Firma ist vernetzt mit Regierung und CIA, in diesem Netzwerk gilt ein Gesetz des Schweigens.
Einen, der in Nadschaf war, in Mossul und in Bagdad, kann man immerhin anrufen. Er sagt, gleich zu Beginn, es könne
sich kein Zivilist vorstellen, wie das Leben im Irak sei: "Ständig bedroht, immer unsicher, wir können Terroristen und Zivilisten in Sekunden kaum unterscheiden."
Ein anderer ist zu einem Treffen bereit. Er sitzt in einer Kleinstadt an der Ostküste, in einem American Diner, es ist wie in einem lausigen Detektivfilm. Der Mann sitzt in der Ecke, die Tür im Blick; er trinkt Corona-Bier und will ein Pseudonym für das Interview: Jack. Jack hat 30 Minuten. "Blackwater ist eine Firma, die vom Stärkedenken geprägt ist", sagt Jack, "jeder dort glaubt, dass er ein besonderer Soldat war, der nun in dieser Garde der Auserwählten weiterkämpfen darf." Klein sind die Teams, manchmal 6 Leute, manchmal 20, selten mehr; vier Kommandos, insgesamt 65 Mann, schützen Ministerinnen oder Präsidenten. "Yes, Sir", sagen auch Blackwater-Leute, Befehle verweigern auch Unternehmersoldaten nicht, sagt Jack, und es gebe diesen Korpsgeist: "Alles für unser Land."
900 bis 1200 Dollar stellt Blackwater dem Außenministerium pro Tag und Mann in Rechnung, 550 Dollar erhalten die Krieger. Für zwei Monate unterschreiben Leute wie Jack; zwei Monate Krieg, ein Monat Ferien, dann wieder Krieg. Generäle der Armee sagen, dass Blackwater eine Zweiklassengesellschaft in Krisengebieten schaffe, weshalb der Armee der Nachwuchs ausgehe und Blackwater immer stärker werde.
Soldat: "Was verdienst du?" - "17 000 im Monat. Und du?" Soldat: "27 000 im Jahr." Diesen Dialog kann man in Bagdad hören, sobald die beiden Armeen, die private und die staatliche, sich begegnen, nur für Iraker sind beide Armeen dasselbe: Amerikaner. Fremde. Besatzer. Feinde.
Am 4. April 2004, das ist die zweite der vier Blackwater-Geschichten, standen private und staatliche Soldaten Seite an Seite auf dem Dach des Zivilverwaltungsgebäudes von Nadschaf, der heiligen Stadt der Schiiten, als Rebellen angriffen. Der Marine Lonnie Young sah einen Angreifer, bat um Feuererlaubnis, Blackwater-Leute gaben den Schießbefehl. Was dann passierte, kann man heute noch sehen, weil einer dort oben filmte. "Du zielst zu hoch", ruft ein Amerikaner, es scheint ein großer Spaß zu sein. Dann: "Fuckin' niggers." - "Hey, all diese Ficker direkt vor uns." - "Yeah, Mahdi-Ärsche." Und Feuer, immer wieder die Schüsse. "Ihr Kerle seid schon tot."
"Es ist wie eine Truthahnjagd."
Irakische Zeugen sagen, die Amerikaner hätten in Nadschaf in die Menge Protestierender geschossen; Hunderte starben.
Travis Haley, heute 31 Jahre alt, war dort. Travis hat braune kurzgeschorene Haare, grünlich blaue Augen. Er ist ein aufmerksamer Kerl, drahtig, Triathlet und Gleitschirmflieger; früher war er Footballspieler, aber das Stipendium in Florida lehnte er ab, weil er zu den Marines wollte. "Zuallererst bin ich Amerikaner", sagt er, "zuerst will ich meinem Land helfen."
Er war mit den Marines im Kosovo, in Liberia, in Afghanistan und im Irak, er ist einer derer, die Kampferfahrung haben, die ruhiger werden unter Stress, es ist keine Frage, dass Travis Haley zu den Besten seiner Welt gehört. Als er ausschied aus dem Dienst, flog er in die Flitterwochen nach Costa Rica, dort rief ihn Blackwater an, und kurz darauf war er im Irak.
Haley erzählt eine andere Geschichte von Nadschaf, er sagt, dass es keine Helden gebe in modernen Kriegen, aber er erzählt dann doch eine Heldengeschichte.
Sieben Kameraden waren in Nadschaf, als die Angreifer kamen, die ganze Stadt griff an. Haley war am Anfang noch nicht dabei, aber eine spanische Einheit war in der Nähe, sie hätte eingreifen und alles beenden können, doch es gab politischen Streit in Madrid, und die Spanier durften nicht schießen. Sieben Männer wären gestorben, es wäre ein zweites Falludscha geworden, neue Leichen, neue Bilder, darum autorisierte Paul Bremer einen Hilfseinsatz, und in Bagdad standen Haley und die Kumpels zusammen und diskutierten, "wer kommt mit?" Keiner sagte nein.
Sie trugen beigefarbene Hosen, Stiefel, T-Shirts, Westen und Baseballmützen, die Helme hatte Blackwater nicht pünktlich geliefert. Sie landeten in der Schlacht und kletterten auf das Dach, zwei Tage dauerte der Kampf um Nadschaf.
48 Stunden verbrachte Haley, Staff Sergeant der Marines, nun Blackwater-Mann, hinter einem Scharfschützengewehr. Immer neue Angreifer kamen, ohne Schutz, Busse fuhren sie in den Kampf, und dort oben lag Haley, visierte, schoss. "Irgendwann hörte ich auf zu zählen", sagt Haley, er erzählt diese zweite Blackwater-Geschichte am Kailua Beach an der Ostküste von Oahu, Hawaii.
Ein paar Meter weiter blonde Surfer, japanische Mädchen, Haley umklammert seinen Kaffeebecher, er trägt Polohemd und Shorts, Arme und Beine sind rasiert wie bei Wettkampfschwimmern, er sitzt in der Sonne Oahus und erzählt vom Krieg.
Er sagt, dass er derjenige war, der das alles eine Truthahnjagd nannte. Aber er sagt auch, wie er es meinte: entsetzt. "Wie konnten die einfach ins Feuer hineinrennen, ohne Schutz zu suchen, immer neue Angreifer rannten in den Tod, ich konnte das nicht fassen", sagt Haley. Nein, aus seiner
Sicht gab es keine Wahl - die oder wir, das war seine Wahl. "Sie haben sich entschlossen, beim Krieg gegen den Terror die Rolle der Terroristen zu spielen, wir mussten unsere Kameraden retten."
Das Problem, sagt Haley, ist darum nicht Nadschaf, das Problem ist, dass inzwischen die falschen Leute in diesen Krieg ziehen. "Damals war Blackwater tatsächlich eine Elite", sagt er, "klein und gut. Das Training war ausgefeilt, die besten Leute kamen zusammen. Dann kam der Erfolg, damit fielen die Maßstäbe. Es geht heute um Geld. 20-Jährige trainieren oft nur zwei Wochen, und dann fahren sie los. Der Erfolg verwässerte das, was die Firma einst wollte."
Man kann fragen, wen man will, Blackwaters Fall begann mit dem Aufstieg, das sagen sie alle. Sie erzählen von einer Firma, die nicht mehr nachkomme mit der Rekrutierung, Gehälter nicht regelmäßig zahle und mit Verträgen und Visa schlampe, von einer Firma, die nicht mal die Zeit finde, die Familien der Toten zu trösten und Klagen dieser Familien zu verhindern.
"Das Management ist kalt, weit weg von Bagdad", so sagt es Travis Haley.
In Bagdad residiert Blackwater in der Grünen Zone, es ist ein Lager im Lager: Eine Mauer umgibt das Firmengelände, auf der Mauer Maschendraht, auf dem Maschendraht Rollen aus Stacheldraht.
Sie haben hier flache Hierarchien. Alle sind gleich, es gibt nur einen Teamchef, darüber einen Projektleiter und das Management der Firma daheim in Amerika.
Sie dürfen Bier trinken. Sie dürfen nein sagen, wenn ihnen ein Auftrag zu heikel ist. Sie sagen nicht nein, weil es diesen Gruppendruck gibt, Stolz, die Kriegerehre, aber sie dürften, dann würden sie vielleicht entlassen, aber nicht vor Gericht gestellt.
Sie trainieren, wenn sie freihaben. Sie schlafen in grauen Containern, die aufeinandergestapelt im gelblichen Staub stehen. Sie schreiben Mails in die Heimat. Sie essen, jeder für sich, liegen auf den Dächern ihrer Container in der Sonne, nackt lagen sie dort, bis sich eine Hubschrauberpilotin beschwerte. Mit Irakern sprechen sie nicht, die Grüne Zone in der Freizeit zu verlassen, das ist verboten.
Wenn sie ausrücken, greifen sie ihre Waffen, ziehen die Schutzwesten an, jeder weiß, wohin er gehört, kennt seinen Platz, Dolmetscher haben sie nicht, brauchen sie nicht, keine Zeit für Worte. Die Aufgabe, die einzige: Erfüllt den Job.
Schlaue, vorsichtige Männer arbeiten für die Firma, insgesamt soll Blackwater ungefähr 3000 Mann im Irak haben. Und natürlich, wahr ist nicht alles, was in Bagdad über Blackwater erzählt wird, vielleicht nicht mal die Hälfte, der ganze irakische Hass richtet sich gegen diese Firma, aber vermutlich wären schon 25 Prozent Wahrheitsgehalt zu viel, um noch so etwas wie Versöhnung erreichen zu können. Und es gibt ja tatsächlich die anderen,
die mit den Sonnenbrillen, der "Built for war"-Tätowierung auf dem Bizeps. "Faule Eier", sagt Travis Haley, er meint all die Rächer des 11. September, die voller Wut aufbrechen und zwischen Sunniten und Schiiten nicht groß unterscheiden.
"Fuckin' niggers." So etwas schreien Typen, die im Einzelfall lieber nicht warten, und irgendwann wird aus Einzelfällen ein System.
Die dritte Blackwater-Geschichte spielt Heiligabend 2006, hinter den Zäunen der Grünen Zone. Andrew Moonen, für neun Monate unter Vertrag, hatte getrunken, als er auf Abd al-Rahim al-Chalifa stieß, den Leibwächter des irakischen Vizepräsidenten Adil Abd al-Mahdi. Vermutlich stritten sie, dann schoss Moonen, und der Leibwächter starb am ersten Weihnachtstag.
Eine Strafverfolgung gab es nicht, weil Paul Bremer an seinem letzten Arbeitstag im Irak die "Order 17" unterschrieb, die Vertragspartnern der USA, die im Irak arbeiten, Immunität zusagt. Blackwater strich dem Soldat Moonen das Weihnachtsgeld und flog ihn heim nach Amerika, und heute lebt Moonen in seinem Holzhaus in Seattle und sagt, es werde "ganz schön viel Staub aufgewirbelt, ich bin froh, wenn der Staub sich wieder legt".
Die vierte Blackwater-Geschichte ist jene, die die Anhörungen vor dem Kongress herbeiführte. Am 16. September 2007 waren vier Blackwater-Fahrzeuge auf dem Nisur-Platz von Bagdad, zehn Männer, in der Nachbarschaft war eine Autobombe hochgegangen. Verlor darum einer die Nerven? Schoss erst einer, und dann schossen alle? 17 Menschen starben.
"Wir wurden angegriffen", sagt Erik Prince, "in unseren Fahrzeugen sind Einschusslöcher, ich kann garantieren, dass unsere Leute nicht aufeinander schießen." Aber FBI-Leute untersuchten den Fall und sagten, 3 Iraker könnten vielleicht als Angreifer gelten, 14 Unschuldige seien erschossen worden, viele auf der Flucht.
Man findet auch hier einen, der dabei war. Dieser Mann erzählt, dass die zehn Mann vom Nisur-Platz in Wahrheit zweimal fünf Mann gewesen seien: fünf Erfahrene - Ranger, Navy Seals, Leute, die auch unter Feuer warten und ruhig bleiben - und fünf Anfänger. Die fünf Anfänger schossen, ausschließlich. Sie schossen auf einen Wagen, in dem eine Mutter und ihr Kind saßen, dann auf Fliehende. Und, ja, es habe Gegenfeuer gegeben, aber erst nach den Blackwater-Schüssen, da nämlich hätten irakische Polizisten versucht, Blackwater zu stoppen.
Peter W. Singer, der Politologe in Washington, sagt, dass die Industrie der Söldner auf ihn wirke wie "auf Steroiden", immer größer, immer lauter, und die amerikanische Regierung, die alle Schäden leugne und einfach immer weitermache, wirke wie "drogensüchtig". Singer, der für die Brookings Institution forscht, sitzt im blauen Anzug zwischen drei Schreibtischen, Firmen wie Blackwater seien "keine Entscheider, sondern Ermöglicher", sagt er, "sie ermöglichen die schlimmstmöglichen Szenarien, und ihr Auftrag und der Sinn der Mission widersprechen sich". Singer verlangt eine Änderung der Verträge, private Armeen müssten sich dem Recht beugen, was wegen der damit nötig werdenden Versicherungen ihre Wirtschaftlichkeit verändern würde; und Peter W. Singer verlangt die grundsätzliche Prüfung: "Hilft uns dieses Modell, oder schadet es uns?"
Denn wenn ausgerechnet der stärkste Staat der Welt seine wesentliche Aufgabe privatisiert, den Schutz seiner Bürger, was bleibt dann vom Staat? Peter Singer sagt, das auf den Staat ausgerichtete Gleichgewicht der Kräfte kippe, "wenn so viele Gruppen und Firmen und Individuen die Spielfelder betreten. Die Bürger können nicht mehr auf ihre Regierung vertrauen, die Bürgergesellschaft erodiert".
Erik Prince erreichen solche Gedanken nicht. Er weiß, dass er vorsichtig sein muss, der Staub muss sich legen, aber es gab einen Moment, er saß mit offenem Hemd in einem Fernsehstudio, da sprach Erik Prince vom Sudan. Wenn man all diese Opfer sehe, die mutlose Uno, sagte er, könne man dann nicht auf die Idee kommen, die Besten in den Sudan zu schicken?
Danica Zovko, Jerrys Mutter, sagt, dass sie an jenem Abend, als sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr, gelernt habe, Erik Prince zu fürchten. Prince war gerade in Cleveland, er kam vorbei und kondolierte. Er redete ein bisschen und bot 3000 Dollar an, Jerry war seit ein paar Stunden tot.
Travis Haley sah im Irak einmal ein Plakat, sein Kopf war auf dem Plakat: 50 000 Dollar wären der Lohn für Haleys Mörder gewesen. Haley arbeitet nicht länger für Blackwater, er war danach bei der CIA und führt heute seine eigene Sicherheitsfirma, "SDI Tactical". Er hat drei Söhne, der Älteste ist neun Jahre alt und will zu den Marines, seinem Land dienen.
Katy Helvenston, Scottys Mutter, lässt Besucher nicht gern gehen. Nur Toby, ihr weißer Terrier, ist bei ihr. Es ist still am Silver Court Drive von Leesburg, Florida, kühl ist es geworden, und Katy sagt, der schlimmste Moment sei gewesen, als die Forensiker sie gefragt hätten, ob sie vielleicht etwas zu Scottys Identifizierung beitragen könnte. Ihr Sohn habe im Unterkiefer fünf Frontzähne gehabt, sagte Katy, das sei selten, das müsse doch helfen.
Doch in der Leitung nur Schweigen. Dann sagte der Forensiker, dass sie Scottys Kopf nicht gefunden hatten.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 50/2007
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