10.12.2007

SÜDAFRIKAAngst am Kap

Der ANC wählt einen neuen Präsidenten, Linkspopulist Jacob Zuma ist Favorit. 13 Jahre nach Ende der Apartheid steht das Land erneut am Scheideweg.
Zum Schluss seiner flammenden Reden reckt der Agitator gern drohend die Arbeiterfaust in den Himmel. Er führt - auch schon mal in Leopardenfelle gehüllt - Zulu-Kriegstänze auf und schmettert das Kampflied "Awuleth' umshini Wami". Das bedeutet so viel wie: "Gib mir mein Maschinengewehr."
Keine Frage: Jacob Zuma, linkspopulistischer Vizepräsident des ANC, will seinen Gegnern Furcht einjagen - und er tut das mit großem Erfolg. Der Mann, der 1942 im Zulu-Land als Sohn eines Polizisten geboren wurde, sich später dem bewaffneten Arm des ANC anschloss und zehn Jahre auf Robben Island eingekerkert war, ist ein waschechter afrikanischer Führer, tausendmal volksnäher als Staatspräsident Thabo Mbeki. Aber der ehemalige Viehhirte versetzt mittlerweile eine ganze Region in Angst und Schrecken.
Denn Zuma dürfte kommende Woche zum neuen Präsidenten des African National Congress gewählt werden. Dann nämlich lädt der ANC nach Polokwane, zum alle fünf Jahre stattfindenden Parteitag. Es wird das womöglich wichtigste Treffen seit den ersten freien Wahlen vor 13 Jahren.
4075 Delegierte werden in der Hauptstadt der Nordprovinz Limpopo ihren neuen Parteiführer küren, und weil der ANC mit fast 70 Prozent Wählerstimmen das Land am Kap wie einen Einparteienstaat beherrscht, dürfte der Parteichef nach der nächsten Präsidentschaftswahl 2009 auch das neue Staatsoberhaupt sein. Der amtierende Präsident Mbeki darf nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren.
Es sieht gut aus für Zuma. Er hat den mächtigen Gewerkschaftsdachverband Cosatu hinter sich, die Kommunistische Partei, den Jugendverband, sogar die Frauenliga des ANC - und das, obwohl er im vergangenen Jahr wegen Vergewaltigung angeklagt war; im Mai 2006 sprach das Gericht ihn allerdings frei. Auf kürzlich einberufenen Provinzparteitagen votierten 2236 Räte für ihn, 1394 stimmten für Gegenspieler Mbeki. Fünf von neun ANC-Provinzverbänden stellten sich öffentlich eindeutig hinter den Vize.
Afrikas mit Abstand stärkste Volkswirtschaft driftet derzeit immer weiter nach links, und obwohl Zuma behauptet, er wolle den liberalen Wirtschaftskurs Mbekis fortsetzen, geht das Gespenst des Kommunismus um, das Land steht am Scheideweg.
An der wichtigen Londoner Börse gibt es Stimmen, die vorsorglich die Parole ausgeben: "Keine Investitionen mehr am Kap". Geschäftsleute wie der Hamburger Unternehmer Wilfried Pabst, dem vor Ort mehrere Bergwerke gehören, gehen noch weiter: "Ich investiere jetzt nicht neu in Südafrika", sagt Pabst, er sei "doch nicht blind".
Fünf Prozent Wachstum meldet das Land derzeit. Doch neben einem steigenden Handelsdefizit droht nächstes Jahr eine Inflation von über sechs Prozent; junge und gebildete weiße Südafrikaner kehren der Kap-Region scharenweise den Rücken. "Mein Sohn hat ein Studium in Stellenbosch begonnen", erzählt Pabst: "Die meisten Mitstudenten sehen für sich keine Zukunft mehr in diesem Land." Pabst selbst hat gerade seine Villa in Kapstadt verkauft, um einem rapiden Preissturz vorzubeugen. "Fürchtet euch", überschrieb Südafrikas Wochenmagazin "Financial Mail" eine Story über Zuma, den wohl kommenden Mann beim ANC.
Dabei ist die Angst vor ihm nur eines der Abwanderungsmotive in der weißen Mittelschicht. Schon Thabo Mbeki hatte dafür gesorgt, dass Nichtschwarze kaum noch faire Chancen haben in der "Regenbogennation". Bei Einstellungen müssen Farbige bevorzugt werden, Geschäftsleute werden schon mal genötigt, Firmenanteile an Schwarze zu überschreiben, zahlreichen weißen Landwirten droht Enteignung.
Mbeki entgleitet das Land. Einerseits treiben ihn die Zuma-Anhänger zu immer radikaleren Schritten gegen Weiße, andererseits setzt ihn die nervöser werdende Wirtschaft unter Druck. Dermaßen bedrängt, sucht der Präsident bei einer kleiner werdenden Schar obskurer Vasallen Trost. Dazu gehören Figuren wie die offensichtlich alkoholkranke Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang, die Rote Bete und Knoblauch als Aids-Therapie empfiehlt, oder der südafrikanische Polizeichef Jackie Selebi, der enge Kontakte zur Kap-Mafia pflegen soll. Über beide hat Mbeki bislang stets seine schützende Hand gehalten. Unliebsame Journalisten dagegen werden gegängelt - so wie beim Staatssender SABC.
Auch der Kampf gegen die Kriminalität scheint verloren. Für die vergangenen zwölf Monate melden die Behörden über 18 500 Morde und fast 55 000 Vergewaltigungen - wohl in keinem anderen zivilisierten Land gedeihen Gewaltverbrechen so sehr.
Daran trägt die Politik eine Mitschuld: Die meisten erfahrenen weißen Polizisten wurden entlassen und haben sich bei privaten Sicherheitsdiensten verdingt. Das Land sei zum "Bordell" verkommen, schimpft Zulu-Führer Mangosuthu Buthelezi von der oppositionellen "Inkatha Freedom Party".
Mbeki ist inzwischen zwar höchst unbeliebt, auf dem ANC-Kongress aber wird ihm noch eine Mini-Chance eingeräumt. "Wenn man die Wahl zwischen zwei Teufeln hat", glaubt der Parteiveteran und Ex-Minister Kader Asmal, "dann wählt man gern den Teufel, den man schon kennt." THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 50/2007
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