10.12.2007

Der Wiener Violinenkrieg

Die Schauspielerin Kyra Sator und der Geigenhändler Dietmar Machold streiten um 21,3 Millionen Dollar. Einer lügt - aber wer?
Der Fall, den das Wiener Handelsgericht entscheiden soll, ist zumindest in der europäischen Rechtsgeschichte ohne Beispiel: Die österreichische Schauspielerin und Drehbuchautorin Kyra Sator, 41, hat Geigenhändler Dietmar Machold, 58, in einem Zivilprozess auf die Zahlung von 21,3 Millionen Dollar verklagt - weil der Deutsche vier Violinen in diesem Wert unterschlagen habe. Machold weist die Vorwürfe als "absurd und völlig frei erfunden" zurück.
Es geht um Meisterwerke der Geigenbaukunst. Zwei stammen von Antonio Stradivari, die anderen von Giuseppe Guarneri del Gesù. Sie verließen deren Werkstätten in den Jahren 1688 bis 1741, sie sind zwischen 3,8 und 6,5 Millionen Dollar wert.
Sator behauptet, sie habe Machold sieben wertvolle Celli aus der Sammlung ihres verstorbenen Großvaters angeboten. Machold habe nicht bar bezahlen wollen, sondern ihr im Tausch vier Violinen offeriert. Sie habe die Geigen bekommen, in seinem Safe aufbewahren lassen - und nie wiedergesehen.
Die Hauptrolle im Prozess wird ein sonderbares Dokument spielen, das Sator wie ein Trumpf-As präsentiert: ein "Safe Keeping Receipt", die Bescheinigung über die Verwahrung von Instrumenten in Macholds Tresor. Machold bestreitet die Echtheit nicht. Tatsächlich attestiert Machold der Schauspielerin darin, von ihr "ermächtigt" worden zu sein, Interessenten die zwei Stradivaris und die zwei Guarneris zu zeigen. Und: Sator sei die "alleinige und uneingeschränkte Nutznießerin dieser Violinen".
Vorteil Sator, so scheint es. Hat Machold damit nicht dokumentiert, dass die vier wertvollen Geigen ihr Eigentum sind - und er sie nur aufbewahrt?
Machold präsentiert eine andere Version: Er habe Sator 2003 kennengelernt, sie als Repräsentantin ausgewiesen und mit ihrer Hilfe "ein bisschen tricksen wollen". Der Trick funktioniert so: Sator konnte mit dem Safe Keeping Receipt, ohne es explizit zu formulieren, den Eindruck erwecken, dass ihr die vier Violinen gehörten. "Instrumente, die man selbst geschätzt hat, sind leichter zu diesem Preis zu verkaufen, wenn ein anderer als Verkäufer auftritt", sagt Machold. Das sei "absolut legal und üblich in der Branche".
Klar ist, dass einer lügt. Und zwar mit krimineller Energie. Aber wer? Das Gericht muss klären, ob Sator wirklich vier Geigen gegen sieben Celli aus Opas Nachlass getauscht hat - und ob es tatsächlich eine so wertvolle Sammlung gab.
Sators Glaubwürdigkeit schwächelt. Denn parallel zu dem Zivilprozess ist vor dem Wiener Landesgericht ein Strafverfahren gegen sie anhängig. Sator muss sich wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug verantworten. Sie ist angeklagt, fünf Geschädigten insgesamt 510 000 Euro abgeluchst zu haben. Stets soll sie laut Anklageschrift "ihre schauspielerischen Fähigkeiten" eingesetzt haben, um den Eindruck zu erwecken, sie besitze Geigen im Millionenwert und benötige Überbrückungskredite bis zu deren Verkauf.
Auch in diesem Verfahren spielt Macholds Safe Keeping Receipt eine bedeutende Rolle. Sator, so die Anklage, habe es präsentiert, um sich "wider besseres Wissen als Eigentümerin der Geigen" auszugeben. Mal habe sie auch von Opas Geigensammlung gesprochen. Die Beschuldigte bestreitet alle Vorwürfe energisch.
Was die Wiener Staatsanwaltschaft ihr in der Anklageschrift zur Last legt, wäre für Sator, wenn es stimmt, vernichtend: "Die Beschuldigte blieb - sieht man von einer wenig aussagekräftigen, eidesstattlichen Erklärung ihres Vaters ab - jeden Nachweis schuldig, dass sie tatsächlich jemals eine Sammlung wertvoller Instrumente ihr Eigen genannt" hat.

DER SPIEGEL 50/2007
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