17.12.2007

VERBRECHEN„Mutterliebe ist ein Konstrukt“

Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen über kulturbedingte Gründe und Abgründe von Kindstötungen
Die Deutsch-Amerikanerin Elisabeth Bronfen, 49, forscht seit vielen Jahren zu dem Thema Weiblichkeit und Tod. Zuletzt veröffentlichte sie "Liebestod und Femme fatale" im Suhrkamp Verlag. Sie hat einen Lehrstuhl für Anglistik an der Universität Zürich.
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SPIEGEL: Frau Bronfen, in Deutschland stehen die Menschen ziemlich ratlos vor der Serie von Fällen, in denen Mütter ihre Kinder töteten oder sterben ließen. Geht Ihnen das auch so?
Bronfen: Ich bin natürlich auch entsetzt, aber ich glaube, dass ein Blick in verschiedene Texte der letzten zweieinhalbtausend Jahre uns weiterhelfen kann. Die Kunst macht Dinge sichtbar, die unsere Zivilisation verdrängt hat. Sie ist unser gemeinsames Unbewusstes. Es lohnt sich, darin ein bisschen zu wühlen, um die mordenden Mütter, aber auch uns selbst als entsetzte Beobachter zu verstehen.
SPIEGEL: Wo würden Sie anfangen zu wühlen?
Bronfen: Ich würde bei dem kulturellen Konzept "Mutter" beginnen. In der Renaissance gab es weder "die Mutter" noch "das Kind" als kulturelles Konzept. Die semantische Aufwertung der Mutter als die Reine, Gute, Schützende und Nährende ist ein Resultat der bürgerlichen Kultur. Sie kommt aus dem 18. Jahrhundert, aus der Empfindsamkeit und der Romantik. Rousseau hat in seinen Texten zum Naturzustand als einer der Ersten behauptet, es gebe ein harmonisches Bündnis zwischen Kind und Mutter, ablesbar an Begriffen wie "Muttermilch" oder "Muttersprache": Was wir heute Mutter nennen, ist also ein Konstrukt.
SPIEGEL: Und nun erinnern uns die Kindsmörderinnen an die Zerbrechlichkeit dieses Konstrukts?
Bronfen: Richtig. Die Essayistin Joan Didion hat gesagt: Wir erzählen uns Geschichten, damit wir weiterleben können. Eine der Geschichten, an denen wir uns festhalten, ist die vom Kernbündnis Mutter-Kind: Blut ist Blut. Fleisch ist Fleisch. Das gilt uns als das Innigste überhaupt. Wenn dieses fleischlich-emotionale Band reißt, was hält dann noch? Dieses Band zu kappen geht gegen das, was Menschen von Tieren unterscheidet.
SPIEGEL: Wenn unser heutiges Mutterbild ein konstruiertes ist - können Sie ein Beispiel für das andere, nicht idealisierte Bild nennen?
Bronfen: Etliche! Nehmen Sie nur Shakespeare: Da tauchen keine Mütter auf, die unseren Vorstellungen entsprechen. Wenn sie auftreten, dann sind sie monströs: Lady Macbeth sagt: "Kommt an meine weiblichen Brüste und macht meine Milch zu Galle." Sie verwandelt ihr mütterliches Ur-Attribut, die Milch, in eine tödliche Waffe.
SPIEGEL: Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer schrieb in einem Aufsatz anlässlich einer neunfachen Kindstötung, der Mutterinstinkt sei eine Illusion unserer individualisierten Gesellschaft.
Bronfen: Biologen oder Neurowissenschaftler würden wahrscheinlich sagen: Wir verwechseln unseren Beschützertrieb mit zärtlicher Mutterliebe. Schließlich gibt es auch im Tierreich keine individualisierte Zärtlichkeit, bloß die rein biologische Schutzfunktion. Bei uns Menschen ist diese Schutzfunktion aber längst aufgeweicht. Wir schicken unsere Kinder in den Krieg. Die Wahrheit ist doch: In dem Moment, in dem ins Spiel kommt, was uns als Menschen ausmacht - unsere Phantasien, unser Selbstbild, unsere Süchte -, sind wir auch bereit, unsere Kinder zu opfern.
SPIEGEL: Sie sagen, die Mutterliebe sei eine Erfindung des 18. Jahrhunderts, aber zeigt nicht die "Medea"-Tragödie von Euripides, dass schon die alten Griechen dem Kindsmord ziemlich ratlos gegenüberstanden?
Bronfen: Medea ist ein interessantes Beispiel, denn man kann diesen Mythos verschieden lesen. Die Lektüre von Medea aus feministischer Perspektive würde sagen, dass Medea in einer verzweifelten Lage das Einzige, was sie hat - ihre Mutterschaft -, nutzt, um ihren untreuen Mann Jason zu bestrafen. Sie tötet sein Fleisch und Blut und damit auch ein Stück von ihm. Das kann man als großartige, tragische, aber auch sehr rationale Geste der Auflehnung lesen, einerseits.
SPIEGEL: Und die andere Lesart?
Bronfen: Wenn man sich Pier Paolo Pasolinis Medea anschaut, wo Maria Callas als Medea wie eine Irrsinnige umherrennt, wird die andere Seite an Medea deutlich: In unserer immer noch patriarchalen Kultur entspricht Medea der Erwartung, die zerstörerische Seite der Natur zu repräsentieren. In dem Moment, da sie ihr eigenes Fleisch und Blut tötet, wird sie einem Vorurteil gerecht, das in der Kulturgeschichte auch immer bestand: dass Frauen - später wurde für sie der Begriff Femmes fatales geprägt - selbstzerstörerisch sind. Männer hingegen töten in der Regel im Krieg und damit innerhalb des kulturell legitimierten Systems.
SPIEGEL: In den Münchner Kammerspielen ist gerade "Mamma Medea" von Tom Lanoye zu sehen. Lanoye modernisiert den Mythos, indem er Medea und Jason die Kinder gemeinsam töten lässt. Dahinter steht der Gedanke von einer natürlichen Fremdheit zwischen Eltern und Kindern.
Bronfen: Das ist die freudianische Lesart. Demnach zieht sich der Gegensatz zwischen Eltern und Kindern durch die ganze Kultur. Dies ist der wahre Klassenkampf, stärker als der soziale zwischen oben und unten. Sehr viele Texte handeln davon. Schauen Sie sich Shakespeares "Romeo und Julia" an. Die Eltern tun alles, damit die Kinder am Ende tot sind.
SPIEGEL: Der Philosoph René Descartes hat im Kind, als noch nicht vernünftigem Wesen, sogar etwas Erschreckendes erkannt.
Bronfen: Descartes schreibt ja vor Rousseau, in einer aristokratischen Kultur, in der man Kinder noch nicht so sentimental aufgeladen hat. Der Adel brauchte Kinder, um Machtstrukturen zu sichern, und in den anderen Schichten mussten Kinder das Feld
beackern. Descartes' Sichtweise korrespondiert mit diesen Darstellungen von Müttern, die ihre Kinder zum ersten Mal sehen und sich selbst darin nicht erkennen können. Stattdessen sehen sie in dem Kind etwas Monströses: schreiend, verklebt, die Augen noch ein bisschen stumpf. Jacques Lacan nannte das den "zerstückelten Körper", ein in sich noch nicht funktionierendes Gebilde.
SPIEGEL: Sie haben das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit einmal "die größte Kränkung des Menschen" genannt. Wenn nun eine Mutter ihr Kind tötet, lindert sie dann diese Kränkung , indem sie sich selbst als Herrin über Leben und Tod aufspielt?
Bronfen: So ist es. Sie hebt einen Teil der Kränkung auf, indem sie den Tod selbst verhängt - entweder gegenüber sich selbst beim Selbstmord oder gegenüber etwas, was sie fälschlich als Teil von sich erkennt, dem Kind. Eine der prominentesten Kindsmörderinnen der Literatur - neben Medea und Goethes Gretchen - ist die Protagonistin in Toni Morrisons "Beloved". Morrisons Roman ist wahrscheinlich der Text, der am eindeutigsten das Handeln der Mutter unterstützt.
SPIEGEL: Der Roman spielt zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs und beschreibt das Schicksal einer Mutter, die der Sklaverei entkommen ist.
Bronfen: Diese Mutter versucht, ihre Kinder zu töten, weil sie befürchtet, der Sklavenhalter könnte die Kinder zurück in die Sklaverei ziehen. Die Mutter will also darüber entscheiden, wie ihre Kinder leben sollen. Und wenn sie nicht in Freiheit leben können, sollen sie sterben. Sie benutzt den Tod als Waffe. Das ist eine Form von Selbstbemächtigung.
SPIEGEL: Diese Selbstbemächtigung war ja offenbar auch Magda Goebbels' Motiv, als sie ihre sechs Kinder 1945 im Führerbunker vergiftete. Sie wollte verhindern, dass die Kinder in einer nicht nationalsozialistischen Welt aufwachsen.
Bronfen: Das ist aber eine zentrale Entscheidung, die eigentlich nur Gott oder der Souverän fällen kann. Hier setzen sich Mütter also an die Stelle Gottes.
SPIEGEL: Die Literatur des "Sturm und Drang" hat sich besonders mit dem Kindsmord befasst. Aus dem realen Fall der Susanne Brandt machte Goethe das Gretchen in "Faust". In diesen Texten scheint erstmals so etwas wie ein Gespür für die sozialen und emotionalen Notlagen der Kindsmörderinnen durch.
Bronfen: Interessant ist, dass dies ja auch die Zeit war, in der die zivilisierte Mutterliebe erfunden wurde. Wenn nun Frauen wie Susanne Brandt trotzdem ihre Kinder töten, muss das Mutterbild gerettet werden. Und wie das geht, führt Goethe vor: Die Mutter Gretchen erkennt ihre Schuld im christlichen Sinne. Sie wird erlöst, weil sie sich vor das Gericht Gottes wirft und durch den eigenen Tod die Schuld des Kindsmords sühnt.
SPIEGEL: Der Literaturkritiker Alfred Kerr hat in seiner Rezension zu Gerhart Hauptmanns Kindsmörderinnen-Stück "Rose Bernd" geschrieben, der Kindsmord sei das Ergebnis eines "aufdämmernden Gefühls des allgemeinen Verlassenseins der Menschen" - einer Trauer, in der "die letzte Wahrheit" liege.
Bronfen: Exakt. Der Kindsmord ist eine Chiffre dafür, was es bedeutet, radikal verlassen zu sein, der Welt entrückt, nichts mehr da. Das Band zwischen Mutter und Kind ist eines unserer brisantesten kulturellen Bilder dafür, in die Welt eingebunden zu sein: Man muss sich permanent der Welt in Gestalt dieses jungen Lebens zuwenden. Die Zerstörung des Kindes heißt, jegliche Bindung zu dieser Welt zu kappen.
SPIEGEL: Ein Grund, diese Bindung zu kappen, könnte, so heißt es jetzt in Deutschland, in sozialer Verwahrlosung liegen. Die Bundeskanzlerin hat eine Kultur des Hinguckens gefordert.
Bronfen: Bei Kindsmord und Amokläufen wird das immer als Erstes gesagt: Wie kann es sein, dass ein Schüler so viel Munition in seinem Schrank hat, und keiner merkt es? Aber mir scheint es ein bisschen einfach zu sagen, die Nachbarn haben nichts gesehen. Damit entlasten wir uns selbst. Die Wahrheit liegt doch, wie wir gesehen haben, in viel tieferen Schichten als dem Sozialen begraben. Wenn eine Mutter ihr Kind tötet, muss mehr vorliegen als Verwahrlosung. Und dieses Mehr ist das Gefühl des Alleingelassenwerdens. Bei einer psychisch erkrankten Mutter wie offenbar der in Darry hilft alles Hingucken nichts.
INTERVIEW: PHILIPP OEHMKE
* Um 1862.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 51/2007
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