22.12.2007

SICHERHEITIm Alptraumkeller

Kein Politiker ist den Deutschen so vertraut wie der Innenminister, doch je länger Wolfgang Schäuble im Amt ist, desto ungeheurer wird er ihnen. Seine Gegner behaupten, er wolle den Leuten Angst machen, seine Freunde sagen, er bereite sie nur auf den Ernstfall vor. Von Jan Fleischhauer
Am Ende einer bilderarmen Woche lungert ein Pulk Fotografen an einem neuen Frontabschnitt im Kampf gegen den Terror und wartet auf den Mann, der diesen Kampf in Deutschland anführt. Sie hocken in einem frisch gestrichenen Behördenzimmer in einer Kaserne in Berlin-Treptow. Polizei und Geheimdienst unterhalten hier seit ein paar Monaten eine Dienststelle zur Beobachtung des Internet, sechs Computer, 30 Auswerter, ein Regal mit deutsch-arabischen Wörterbüchern.
Der Termin war für zehn Uhr angesetzt, nun warten die Fotografen schon über eine Stunde. Sie unterhalten sich über den letzten Urlaub und die Schulprobleme der Kinder, auf einem Bildschirm läuft ein arabisches Fernsehprogramm, in dem ein Geistlicher mit weißem Bart erregt in die Kamera spricht. Der Ton ist stumm geschaltet, an den englischen Untertiteln lässt sich ablesen, dass die muslimische Welt zu einem zweiten 9/11 aufgerufen wird, aber die Männer nehmen es nicht wahr.
Dann rollt Wolfgang Schäuble in den Raum, begleitet von einem Islamwissenschaftler, der hier für den Verfassungsschutz arbeitet. "Vielleicht können sie etwas zusammenrücken", rufen die Fotografen und drücken auf den Auslöser ihrer Kameras.
Schäuble schiebt sich an den Tisch vor ihm. "Zeigen Sie mal", sagt er.
Der Mann vom Verfassungsschutz öffnet eine Internet-Seite mit einem kurzen Film, eine Straßenszene, aufgenommen von einer Handkamera. Ein gepanzertes Fahrzeug zieht langsam an einer Hauswand vorbei, im Hintergrund sind Palmen zu sehen, die Straße ist menschenleer. Dann zuckt ein greller Blitz in den Wagen, der Panzer sieht plötzlich seltsam verdreht aus, aus dem Inneren dringt Rauch.
"Irak?", fragt Schäuble. Der Auswerter neben ihm nickt.
"Erstaunliche Qualität."
"Ja, mit hohem Aufwand gemacht. Sehr, sehr professionell."
Auf dem Computer erscheint ein Video von einer Gruppe Männer, die mit verbundenen Händen auf dem Boden knien. Sie tragen weiße Augenbinden, ein Mann mit Pistole geht die Reihe entlang und schießt den Gefangenen in den Kopf. Sie sacken zur Seite, wie kleine Puppen.
Bei jedem Schuss hört man ein leises Plopp.
"Wissen Sie, wo die Seiten betrieben werden?", fragt der Minister.
"Manchmal. Wir können aber feststellen, wie viele Zugriffe pro Stunde erfolgen."
Schäuble schweigt einen Augenblick. Dann greift er in die Räder und fährt zum Ausgang, wo die Journalisten schon auf ihn warten. Er wirkt plötzlich müde, aber das kann auch an der Erkältung liegen, die ihn seit dem Vortag plagt. Es sieht nach einem ungleichen Kampf aus, ein hustender Mann im Rollstuhl, ein paar Islamwissenschaftler und sechs Computer gegen den Wahnsinn da draußen in der Welt.
"Deutschland ist Teil des weltweiten Gefahrenraums, wir sind auch bedroht", sagt Schäuble in die Mikrofone. "Wir müssen diese Gefahren beherrschbar machen, ohne in Panik zu verfallen. Die Menschen in diesem Land können sich sicher fühlen, dabei bleibt es auch. Wir tun alles, was menschenmöglich ist." Es soll vermutlich beruhigend klingen, aber es hört sich eher unheilvoll an.
Kein Politiker ist den Deutschen so vertraut wie ihr Innenminister. Seit 35 Jahren ist Schäuble im Bundestag, knapp die Hälfte dieser Zeit hat er das Land an der Seite Helmut Kohls regiert. Er war immer irgendwie da, mal im Zentrum, mal am Rand, eine von allen respektierte und von manchen auch verehrte Figur, aber je länger er nun wieder diese Aufgabe hat, die Sicherheit des Landes zu gewährleisten, desto unheimlicher wird er den Leuten.
Ein "Sicherheitsrisiko" haben sie ihn im Bundestag schon genannt, "besessen" sei er, "verrückt", ein "Amokläufer" - und das sind nur die Bezeichnungen durch den eigenen Koalitionspartner. Auf Autos klebt sein Konterfei, ein Schattenriss mit der Unterzeile "Stasi 2.0", man kann die Vorlage dazu im Internet herunterladen. Am Tag als der Bundestag die Vorratsdatenspeicherung beschloss, erschien eine Tageszeitung mit einer Karikatur auf der Frontseite, die Schäuble als Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler aus dem Film "Das Leben der Anderen" zeigte. Für das Gesetz ist Justizministerin Brigitte Zypries von der SPD zuständig, aber das sind Feinheiten, die inzwischen untergehen.
Irgendwann im Frühjahr hat sie angefangen, die aufsehenerregende Verwandlung des Dr. Schäuble zum Dr. Seltsam der deutschen Politik. Lange hatte es so ausgesehen, als genüge es ihm, die Arbeit seines Vorgängers Otto Schily fortzusetzen, behutsam und moderat im Ton. Doch plötzlich tauchten Bemerkungen auf, die aufhorchen ließen, eigenartige Gedankenspiele, die man nicht recht einordnen konnte.
Schäuble stellte Fragen und konstruierte Fallbeispiele, wie man sie so noch nicht gehört hat von einem deutschen Innenminister. Er sinnierte über die Grenzen der Unschuldsvermutung, er ließ sich auf eine Diskussion ein, wo die rote Linie beim Folterverbot verlaufe und wann die gezielte Tötung von Terroristen gerechtfertigt sei. Er sprach nicht nur von den Grauzonen des Rechts, er unternahm selbst Streifzüge auf unbekanntem Terrain.
Niemand bezweifelt, dass Schäuble genau weiß, was er tut, dass er etwas bezweckt. Aber es ist nicht klar, was eigentlich. Seine Gegner sagen, dass er die Menschen erschrecken wolle, damit sie schneller einwilligten, wenn man von ihnen die Aufgabe von Freiheitsrechten verlange. Falls sie recht haben, müsste man sein Vorgehen verantwortunglos nennen. Die Leute, die ihm nahestehen, erklären seine Vorstöße mit der Sorge, das Land sei nicht ausreichend gewappnet gegen einen terroristischen Anschlag. Es gehe ihm dabei gar nicht so sehr um konkrete Zu- rüstungen, sondern mehr um die allgemeine Bewusstseinslage. Von einer "pädagogischen Heranführung" an den Ernstfall spricht der ehemalige Verteidigungsminister und langjährige Schäuble-Freund Rupert Scholz.
Wenn es sein Ziel sein sollte, die Bürger auf den Notstand einzustimmen, dann hat Schäuble bislang wenig erreicht. Der Minister redet von den Gefahren, die dem Land von islamistischen Attentätern drohen, doch die Menschen folgen ihm nicht. Ausgerechnet die Nation, die sich sonst ganz schnell vor allem ängstigt, was schwer greifbar ist, vor Feinstaub auf den Straßen und schmelzendem Eis am Nordpol, bleibt bei der Aussicht auf Terror in ihrer Mitte ganz ruhig. Es ist eine erstaunliche Kaltblütigkeit, eine verblüffende Taubheit der kollektiven Erregungszonen, man wäre auf eine Erklärung gespannt.
"Ja, das Bedrohungsgefühl", sagt Schäuble und bläst die Luft aus. Es ist ein graukalter Nachmittag im November, er hat Akten abgearbeitet. Für später ist er mit Michael Chertoff am Telefon verabredet, dem amerikanischen Heimatschutzminister.
"Puh", macht er erst einmal, und dann sagt er lange nichts. Es geht hin und her in diesem großen Kopf, den er auf die Hände gestützt hat, die Zeigefinger an die Nase gelegt. Er kann jetzt ein paar belanglose Worte fallenlassen, irgendetwas Gefahrloses über die gute Arbeit der Sicherheitsorgane, zu denen die Bürger zu Recht großes Zutrauen haben dürfen. Er kann aber auch den Aufzug nehmen, tief hinunter in den Gedankenkeller des Ministeriums, zu den Alpträumen, die einen um den Schlaf bringen können.
Es ist ja alles längst zu Ende gedacht, mit Schadensberechnungen und Opferzahlen. Es braucht nicht mehr viel Phantasie, um sich die Auswirkungen der Explosion eines mit Cäsiumpartikeln versetzten Sprengsatzes am Brandenburger Tor vorzustellen. Die Experten können einem auch sagen, welche Folgen der Austrag von Milzbranderregern in der Hamburger U-Bahn hätte,
oder was ein mit Pocken Infizierter nach seiner Landung in Frankfurt am Main anrichten würde. An der US-Westküste haben sie im Oktober den Katastrophenschutz nach Detonationen radioaktiver "Dirty Bombs" geübt, die zeitgleich in Portland und Seattle zündeten.
"Wir haben eine andere Bedrohungswahrnehmung in Deutschland", sagt Schäuble endlich. "Wir hatten über 40 Jahre eine eingeschränkte Souveränität, daran haben wir uns gewöhnt. Wir wollen seit Hitler nur noch ganz friedlich sein und hoffen, dass andere das dann auch sind." Er lässt in der Schwebe, ob er das als Zustandsbeschreibung verstanden wissen will oder als Aufforderung, daran etwas zu ändern.
Im Augenblick scheint es ihm ratsam, sich zurückzuhalten. Es soll nachher nicht wieder heißen, er wolle den Leuten Angst machen. Er ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, wie die Dinge laufen. Noch hat keiner über ihn gesagt, er sei hysterisch, aber der Vorwurf liegt nahe.
Neulich ist er beinahe abgestürzt. In einem Interview mit zwei Redakteuren der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" hatte er die Tür zu dem Alptraum-Keller einen Spalt weit geöffnet. Er sprach davon, dass die Fachwelt fest mit einer schmutzigen Bombe rechne. Dann schlug er die Tür schnell wieder zu, indem er anfügte, man solle sich dadurch nicht verdrießen lassen. Er wollte den Schrecken mildern, aber es klang zynisch, als ob er seinen Spaß mit dem Entsetzen treibe.
Die Opposition beantragte eine aktuelle Stunde im Bundestag, die Kanzlerin ließ über ihre Umgebung durchsickern, wie wenig sie von solchen Katastrophenszenarien halte. Sie fand, dass Schäuble es der SPD zu leicht macht, ihn zu attackieren. Es war das erste Mal, dass sie von ihrem Innenminister abrückte. Der Minister sah sich zu einer halben Entschuldigung gezwungen. Danach haben sie in seiner Presseabteilung erst mal einen Interview-Stopp beschlossen.
Schäuble ruckelt auf seinem Stuhl hin und her, er könnte es mit seinen Anmerkungen bewenden lassen. Aber dann dreht er sich zu seinem Büroleiter, der neben ihm an dem großen Konferenztisch in seinem Arbeitszimmer sitzt. "Sind wir nicht eigentlich verfassungsrechtlich noch im Spannungsfall? Wir stehen schließlich seit sechs Jahren an der Seite der Amerikaner im Krieg, auch wenn viele das vergessen zu haben scheinen. Man müsste das mal prüfen lassen."
Er lässt den Gedanken davonsegeln. Es ist eine reizvolle Idee, sie würde zum Beispiel bedeuten, dass er die Bundeswehr im Innern einsetzen dürfte, ohne dass ihn die SPD daran hindern könnte. Schon deshalb würde sich eine Prüfung durch seine Juristen lohnen. Dann legt er den Kopf schief und verzieht die Lippen zu diesem feinen Lächeln, das immer so wirkt, als ob er sich über etwas amüsiere, was dem Gegenüber entgangen ist. "Aber so etwas darf man gar nicht sagen. Sonst werden die Leute auch wieder erschrecken, und das wollen wir ja nicht."
Es ist dunkel geworden vor den Fenstern, der Blick geht über die Spree auf den Tiergarten und weiter zum Reichstag. Von hier oben, aus dem 13. Stock des Innenministeriums, sieht die Welt sehr friedlich aus. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Menschen es für ihre heilige Pflicht halten könnten, da unten, zwischen Regierungsviertel und Wohngebiet, eine Schneise der Verwüstung zu legen. Vielleicht sind Schäubles Gedankenexperimente ja nur der Zeitvertreib eines Mannes, der sich von seinem Amt nicht richtig ausgelastet fühlt, ein Glasperlenspiel mit den Axiomen des Rechtsstaats. Das wäre unter den gegebenen Umständen sogar eine beruhigende Aussicht.
Wie nah das Land dem Terror ist, jedenfalls nach Ansicht der Leute, die sich damit professionell beschäftigen, lässt sich eine Etage tiefer, auf der andern Seite der Leitungsebene, in Erfahrung bringen. Man muss nur den Gang hinuntergehen und an die Tür mit dem Schild "Staatssekretär Dr. H." klopfen. Dahinter sitzt der ehemalige BND-Chef August Hanning an einem schweren Eichentisch, den er aus Pullach mitgebracht hat und an dem schon Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt saß, der Oberbefehlshaber West der deutschen Wehrmacht.
Wenn man mit Hannings Augen auf das Land guckt, dann sieht es plötzlich sehr verletztlich aus. Dann wirken die Diskussionen über Online-Durchsuchungen und elektronische Personalausweise geradezu rührend anachronistisch, wie das Beschwören einer Ordnung, die bereits Vergangenheit ist, ohne dass dies den Beteiligten schon bewusst wäre. Hanning war gerade in Zürich, wo er mit den Leitern aller großen Flughäfen die Evakuierungspläne durchgesprochen hat. Sie müssten damit rechnen, dass nach einem Anschlag draußen eine zweite, noch stärkere Bombe auf die ins Freie Fliehenden warte. Als Nächstes redet er mit den Verantwortlichen für die deutschen Bahnhöfe.
"Deutschland ist völlig gleichberechtigt ins Feindbild aufgenommen", sagt der Staatssekretär. Die Bürger würden das ignorieren, aber seit die Bundesrepublik mit "Tornados" in Afghanistan sei, gelte Deutschland als feindliche Besatzungsmacht. Die Islamisten machten keinen Unterschied mehr zu Amerikanern oder Briten, das sei die Lage.
Hanning redet nicht herum, er sagt nicht, dass vielleicht oder mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Anschlag drohe. Er sagt: "Die Entscheidung, in Deutschland Anschläge durchzuführen, ist gefallen. Zwischen Vorbereitung und Tat gibt es eine Strecke des Weges. Wir hoffen, dass die möglichst lang ist."
Es geht also bestenfalls um Zeitgewinn, um einen Aufschub.
Wahrscheinlich gibt es niemanden in Deutschland, bei dem so viele Informationen zur inneren Sicherheit zusammenfließen wie bei Hanning. Er sieht die Meldungen über junge Muslime, die sich aus deutschen Kleinstädten nach Pakistan aufmachen, um sich dort zu Gotteskriegern ausbilden zu lassen. Er liest die Vermerke über sogenannte Gefährder, die nach Europa einsickern, die Berichte über Attentäter, derer man rechtzeitig habhaft geworden ist. Aus alldem formt sich ein Bild, ein Mosaik, wie Hanning es nennt.
Einmal die Woche geht er den Gang runter und trägt Schäuble die Sicherheitslage vor, nicht jedes Detail, aber doch
immer die wichtigsten Entwicklungen. Es ist in den vergangenen Monaten nie besser geworden, es gilt jetzt schon als gute Woche, wenn sich mal nichts verändert hat.
So wie Hanning es sieht, gibt es zwei Welten, die des Terroristenjägers und die des ahnungslosen Opfers. Es wird immer schwerer, sie in Einklang zu bringen. Die Jäger fragen sich, was es noch braucht, die Wahrnehmungsblockade zu durchbrechen, die eine realistische Sicht auf das Wesen des Feindes verhindert, mit dem der Staat es jetzt zu tun hat. Die Opfer haben vor langem aufgehört, in Kategorien wie "Feind" und "Opfer" zu denken, sie halten das für einen gefährlichen Rückschritt in eine Zeit, die als überwunden gilt.
Vor zweieinhalb Monaten sah es für einen Moment so aus, als ob die beiden Welten zusammenfinden würden. Da konnten die Deutschen im Fernsehen drei Männer in Handschellen sehen, die von schwerbewaffneten Polizisten aus einem Helikopter geführt wurden. Sie waren bei dem Versuch verhaftet worden, aus 730 Kilogramm Wasserstoffperoxidlösung mehrere Autobomben herzustellen. Es wäre der blutigste Anschlag der Nachkriegsgeschichte geworden, schlimmer als London, schlimmer als Madrid. Doch die Aufregung hielt nicht mal zwei Tage, dann war das Land wieder mit anderen Dingen beschäftigt.
Die Frage ist, wie sich die Wahrnehmungslücke schließen lässt. Wie man den Menschen beibringt, wie gefährdet sie in Wirklichkeit sind. Aber vielleicht ist das ja auch eine fixe Idee, vielleicht ist es sogar falsch, sich gedanklich auf den Ernstfall einzurichten. So gesehen wäre dann die Frage, warum Schäuble die Leute nicht in Ruhe lassen kann.
Es ist Mittwochnachmittag, es hat sich gerade herumgesprochen, dass der Verfassungsrichter Udo Di Fabio den Bundesinnenminister am Tag zuvor "katastrophen-fixiert" genannt hat, und Wolfgang Schäuble sitzt im Bibliotheksfoyer des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe und soll einen Vortrag über die Sicherheit im Rechtsstaat halten. Für später ist der Minister zum Abendessen mit den Verfassungsrichtern verabredet. Der Saal ist voll. Es verspricht ein interessanter Nachmittag zu werden.
Schäuble redet über den "Wettkampf mit den Gefährdern", dem sich der Staat stellen müsse. An einer Stelle sagt er, dass die Politik sich von Entscheidungen aus Karlsruhe nicht abhalten lassen sollte, die Gesetze zu machen, die sie für notwendig halte. Eine ganze Reihe Richter sind da, die Journalisten der Justizpressekonferenz, vorwiegend Leute, für die das Bundesverfassungsgericht die höchste Instanz ist. "So", sagt Schäuble am Ende und schraubt sich mit beiden Armen im Rollstuhl in die Höhe. Es ist ein sehr erwartungsvolles "So".
In der zweiten Reihe erhebt sich ein älterer Herr, weißgrauer Bart, dunkler An-
zug, ein Veteran dieser Konferenz. Er habe gelesen, dass die Online-Durchsuchung, für die sich der Minister so einsetze, nur etwa ein Dutzend Mal im Jahr von den Behörden beantragt werde. Angesichts dieser Zahl stelle sich doch die Frage, ob einer der schwersten Grundgesetzeingriffe überhaupt noch verhältnismäßig sei.
"Ha", sagt Schäuble, als habe er auf diesen Einwand nur gewartet. Er lässt den Blick über das Publikum gleiten, bis er an dem Frager hängenbleibt. "Alle Sicherheitsbehörden, alle Staatsanwaltschaften sagen geradezu flehentlich, lasst uns doch nicht im Kampf gegen diese neuen Bedrohungen allein. Und jetzt kommen Sie und sagen, tja, wenn's nur so wenig Fälle sind, dann brauchen wir's eh nicht."
Er macht eine kleine Pause, er wirkt jetzt beinah fröhlich. "Na ja, ein 9/11 reicht für ein paar Jahre."
Lange Zeit sah es so aus, als ob Schäuble eigentlich nur aus Pflichtgefühl nach 14 Jahren noch einmal Innenminister wäre. Er hatte sich das Amt nicht ausgesucht, er wäre lieber Außenminister geworden, oder Finanzminister, aber beides fiel an die SPD. Dann landeten im Sommer in Fundbüros zwei herrenlose Koffer, die in Regionalzügen liegengeblieben waren. In den Koffern fanden Bahnbedienstete Gasflaschen und zwei kleine Elektrowecker mit Glühdrähten als Zünder, ein Konstruktionsfehler hatte die Explosion verhindert. Es war ein Weckruf, nicht für die Bürger, aber für den Innenminister.
Neben dem Ernstfall sieht alles klein aus, die Warnungen der Datenschützer, die
Sorgen der Verfassungsjuristen um die Freiheitsrechte. Es ist schwer, sich auf Kompromisse einzulassen, wenn man davon überzeugt ist, dass ein Anschlag kommt. Die Aussicht auf die Bombe kann einen ängstlich machen oder, umgekehrt, auch sehr furchtlos.
Je mehr sich seine Gegner über ihn aufregen, desto heiterer wirkt Schäuble. Die meisten Politiker suchen das Einverständnis mit andern, auch gegen ihre Überzeugungen, bei ihm ist es genau umgekehrt. Er bezieht einen Teil seiner Energie aus dem Erregungsstrom, der sich um ihn aufbaut. "Nur nicht nervös werden", sagt er seinen Presseleuten, wenn sie zu ihm gelaufen kommen, weil die Zeitungen mal wieder voll mit bösen Kommentaren sind. Manchmal liest er sich noch mal durch, was er angeblich gesagt hat. "Das ist doch juristisch völlig einwandfrei", sagt er dann, als ob es darauf in der Politik ankäme.
Es sind so viele, die nicht verstehen wollen: die Justizministerin, der Bundesdatenschutzbeauftragte, die Verfassungsrichter in Karlsruhe. Aber das macht es für ihn erst recht reizvoll. Er ist noch nie einem Streit aus dem Weg gegangen, er verachtet Drückeberger. Als er nach seinem Auftritt vor der Justizpressekonferenz beim Abendessen mit den Verfassungsrichtern nicht weit von Di Fabio Platz nimmt, nickt er ihm zu. Das "intellektuelle Spiel mit dem Grenzfall" hatte der Richter am Vortag, auf Schäuble gemünzt, beklagt. Er rechnet mit einer Erklärung, er platzt beinah vor Erwartung, aber Di Fabio tut so, als ob nichts vorgefallen wäre. "Vielleicht ist das seine Auffassung von der Zurückhaltung des Verfassungsgerichts", sagt Schäuble später mit höhnischem Spott. "Meine Auffassung von Zivilcourage ist eine andere."
Alles in allem ist es in den letzten Monaten für ihn nicht schlecht gelaufen. Als Profi weiß Schäuble, dass am Ende die Ergebnisse zählen. Er hat die Anti-Terror-Datei durchbekommen und das Abkommen zum Austausch von Fluggastdaten mit den USA. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Online-Durchsuchung kommt.
Die SPD hat dem Drängen des Innenministers nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Alle Gesetze, die er jetzt anschiebt, haben ihren Ursprung bei Rot-Grün. Der für die Innenpolitik zuständige SPD-Fraktionsvize Fritz Rudolf Körper war bis zum Regierungswechsel Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium. Die rechte Hand von Justizministerin Zypries, ihr Staatssekretär Lutz Diwell, war zuvor unter Schily für die Innere Sicherheit zuständig. "Das Einzige, was sich an der Politik des Innenministeriums wirklich geändert hat, ist die Parteizugehörigkeit des Ministers, der sie vertritt", sagt der Sozialdemokrat Dieter Wiefelspütz.
Weil sie sich nicht traut, einfach abzulehnen, was sie selbst eingebracht hat, spielt die SPD auf Zeit. Sie reizt den Minister, indem sie verschleppt und verzögert; sie versucht ihn aus der Reserve zu locken, aber er geht darauf nicht ein.
Es ist der Anfang einer neuen Woche, Schäuble ist auf dem Rückflug von Madeira, wo er mit seinen europäischen Innenministerkollegen über neue Anti-Terror-Maßnahmen geredet hat. Eigentlich müsste er das Bett hüten. Seine Erkältung hat sich verschlimmert, bei jedem Hustenanfall wirft er den Oberkörper weit nach vorn, bis der Kopf beinah die Tischplatte berührt. Er kann nicht mehr normal abhusten, seit er im Rollstuhl sitzt.
Schäuble sieht aus dem Fenster, der Flieger geht in eine sanfte Kurve. Er hat das Jackett gegen einen grauen Benetton-Pullover getauscht, über den Knien liegt ein Schal.
Hat er eine Vorstellung, wie ein Anschlag das Land verändern würde? Es hat nicht viel gefehlt, und der jüngste Versuch hätte geklappt.
"Damit werden wir fertig. Ist ja nur eine Bombe. Davon geht die Welt nicht unter. Aber zwei, drei Anschläge an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten? Ich weiß nicht, ob wir darauf vorbereitet sind."
Er hat für einen Moment die Augen geschlossen. "Was ist, wenn die Leute Zweifel an der Schutzfunktion des Staates bekommen? Wenn sie uns nicht mehr zutrauen, dass wir die Unversehrheit von Leib und Leben garantieren? Es gibt ja auch andere Bomben. Es gibt Größeres. Es sind ja nicht Spinner, die über andere Arten von Angriffen reden."
Er sagt, dass er auf die Widerstandskräfte der Menschen vertraue. Aber er wirkt dabei nicht wirklich überzeugt. In einer Grundsatzrede auf einem Parteitag in Berlin hat Schäuble vor Jahren von den schwindenden Bindekräften einer Gesellschaft gesprochen, für die Bürgersinn und Opferbereitschaft nicht mehr zählen. "Für mich ist die zentrale Frage, ob unser Staat von uns allen noch als eine Schutz- und Schicksalsgemeinschaft verstanden wird", sagte er damals.
Die Amerikaner und Briten haben ihre Unbeugsamkeit bewiesen, aber wie sicher kann man sein, dass die Deutschen das auch hinkriegen? "Ich hoffe, wir müssen es nicht beweisen", sagt Schäuble.
Vielleicht geht es ja genau darum, dass er in der Stunde der Not das Vertrauen in den Staat sicherstellen kann. Er kann sagen, er hat nicht weggesehen. Und ist er nicht selbst das beste Beispiel, dass man nach einem Schicksalsschlag wieder ins Leben zurückzufinden vermag?
Mit einem Mal wirkt das Amt des Innenministers gar nicht mehr zu klein für ihn. Er könnte der deutsche Rudy Giuliani werden, der Mann, auf den alle schauen, wenn sie nicht weiterwissen. Aber das ist ein Gedankenweg, den man besser nicht zu Ende verfolgt, weil er einen Anfang hat, der zu schrecklich ist.
Schäuble hat in seinem Leben viele Perspektiven gehabt. Er hatte gedacht, er könnte Bundeskanzler werden, dann Bundespräsident. Die meisten haben sich zerschlagen.
Von dieser Perspektive muss er hoffen, dass sie sich nie erfüllt.
* Oben: 2. v. r. vorn, mit den Länderinnenministern am 6. Dezember in Berlin; unten: Youssef al-Hajdib am 18. Dezember vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 52/2007
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