22.12.2007

BILDUNGMittelmaß genügt

Trotz Eignung für das Gymnasium besuchen viele Mädchen vom bayerischen Land die Realschule - traditionelle Rollenmuster prägen nach wie vor ihr Leben.
Ihr letztes Grundschulzeugnis sah vielversprechend aus. In Mathe und Deutsch hatte Vanessa Kollmer jeweils die Note Zwei, im Heimat- und Sachunterricht sogar eine Eins bekommen. "Vanessa drückt sich treffend und klar aus", hieß es und dass sie sehr interessiert sei und konzentriert arbeite. Das aufgeweckte Mädchen schien bestens geeignet, im neuen Schuljahr aufs Gymnasium zu wechseln.
Allerdings lebt Vanessa in Bayern, und so kam es schließlich anders.
Seit September besucht die Zehnjährige die fünfte Klasse der Staatlichen Realschule in Viechtach - was nicht am fehlenden Gymnasium liegt. In dem 9000-Einwohner-Örtchen, das sich sanft an die Hügel des Bayerischen Waldes schmiegt, stehen die Realschule und das Dominicusvon-Linprun-Gymnasium direkt nebeneinander, von Eingang zu Eingang sind es nur ein paar Schritte. Wenn ein Mädchen hier trotz besserer Eignung die Realschultür durchschreitet, geht es um tradierte Ansichten.
"Die landläufige Meinung in unserer Gegend ist schon: Für Mädchen reicht die Realschule, weil die später eh Kinder kriegen und höchstens noch halbtags arbeiten", sagt Siegfried Niedermayer, Beratungslehrer an der Viechtacher Realschule. Mögen Angela Merkel und ihre Ministerinnen in der fernen Bundeshauptstadt noch so heftig für Girlpower, Krippen und Karrieremütter kämpfen: Im ländlichen Süden ist die Frauenwelt in althergebrachter Ordnung.
Dass in Bayern vor allem die Mädchen vom Land systematisch hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, belegt eine repräsentative Studie der Universität Augsburg. Über die Hälfte der bayerischen Schülerinnen und Schüler beendet demnach die vierte Klasse mit einem Notendurchschnitt von mindestens 2,33 und könnte damit problemlos aufs Gymnasium wechseln. Aber 34 Prozent der Mädchen auf dem Lande dürfen oder wollen diese Option nicht nutzen, bei den Stadt-Mädchen sind es 18 Prozent. Welch große Rolle das Geschlecht spielt, zeigt der Vergleich mit den Land-Jungen, die zu 24 Prozent von der Gymnasialempfehlung keinen Gebrauch machen.
Ob es den Schülerinnen in der Provinz Schleswig-Holsteins, Hessens oder Thüringens ähnlich ergeht, weiß niemand genau. Zur Gymnasialempfehlung in der letzten Grundschulklasse sammeln die Statistischen Landesämter in der Regel keine geschlechtsspezifischen Daten.
Mit der frühen Entscheidung gegen das Gymnasium ist die Bildungskarriere meist festgelegt - die Vorstellung vieler Eltern und Lehrer, eine fleißige Realschülerin könne ja nach der zehnten Klasse immer noch in die Oberstufe wechseln, zieht eine Studie des Deutschen Studentenwerks in Zweifel. Die "nachhaltigste Selektionswirkung" hat laut der 18. Sozialerhebung der erste Übertritt auf eine weiterführende Schule: Wer hier die Realschule wählt, wird später vielleicht Rechtsanwaltsgehilfin, aber kaum Anwältin.
Talent ist bei weitem nicht alles. "Ob ein Kind ein Hochschulstudium aufnimmt, ist nicht allein eine Frage der individuellen Begabung", sagt Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks. Entscheidend sei, Chancengleichheit ade, der Bildungshintergrund der Eltern.
Die Erhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt: Im Jahr 2005 schafften von 100 Akademikerkindern 83 den Hochschulzugang - bei den Kindern aus Familien ohne akademische Tradition waren es nur 23. Nach Geschlecht wird in dieser Studie nicht unterschieden.
"Haben die Eltern nicht studiert, sind oftmals die Bildungserwartungen gegenüber den eigenen Kindern niedrig", erklärt der Erziehungswissenschaftler Andrä Wolter, Mitautor der Studentenwerksstudie.
Christine Kollmer, die Mutter von Vanessa, ging selbst schon auf die Viechtacher Realschule und arbeitet heute als Teilzeitkraft in einem Supermarkt, ihr Mann Franz-Josef ist Maurer. "Uns reicht es, wenn unsere Tochter die Realschule besucht", sagt Christine Kollmer. "Die Realschule ist Mittelmaß, das ist in Ordnung."
In der ländlichen Region genügt meist die mittlere Reife, um Arbeit zu finden, Jobs für Akademiker sind dort rar. Und so verhallen die Rufe der Bundesregierung und der Wirtschaftsverbände nach mehr Hochschulabsolventen vielerorts ungehört.
"Die Rekrutierungspotentiale aus den hochschulnahen Bildungsmilieus sind so gut wie ausgeschöpft", warnt Studentenwerkschef Dobischat. "Die zusätzlichen Studierenden, die Deutschland dringend braucht, müssen aus den hochschulfernen und einkommensschwächeren Schichten rekrutiert werden." Bei den bayerischen Landmädels wäre da noch einiges zu holen.
Klaus Schulz, Rektor der Viechtacher Realschule, versucht die guten Schüler darin zu unterstützen, nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium zu gehen. Seine eigenen Kinder, eine Tochter und ein Sohn, haben Abitur gemacht und dann studiert. Nun leben sie zwar nicht mehr im Heimatort, "aber ich bin stolz, dass sie ihren Weg gegangen sind", sagt Schulz.
Die Entscheidung, eine begabte Tochter nicht studieren zu lassen, könne er nicht nachvollziehen: "Die Eltern sollten kapieren", sagt Schulz mit einem feinen Lächeln, "dass die Uni immer noch der beste Heiratsmarkt ist." MERLIND THEILE
* Vor den Eingängen von Gymnasium und Realschule (r.) in Viechtach.
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 52/2007
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