22.12.2007

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEVon guten Eltern

Warum ein Polizist an Weihnachten ein Warenhaus öffnen ließ
Die Nordmanntanne leuchtete lamettaviolett, der Fernseher lief, im zweiten Programm machte Michel aus Lönneberga ein Ferkel besoffen. Auf dem Balkon kühlte der Kartoffelsalat, im Kühlschrank stand Bier bereit, Brühwürstchen und Frikadellen. Heiligabend, 15 Uhr, bei den Menzels in Lotte, 50 Kilometer von Münster.
Nadja und Torben quengelten, wollten ihre Geschenke.
Am 24. Dezember zeigt sich für Nadja und Torben jedes Jahr, ob sie einen guten Vater und eine gute Mutter haben oder nicht. Gute Eltern machen viele Geschenke, schlechte zu wenige, so einfach ist das.
Wolfgang Menzel, 41, gelernter Betonbauer, mit Händen wie Baggerschaufeln, war meistens ein schlechter Vater, notgedrungen, zumindest an Weihnachten. Das Geld war knapp, jahrelang kümmerte sich das Hartz-IV-Büro der Gemeinde um ihn. Er war Bittsteller bei den Staatsdienern, so fühlte er sich jedenfalls, dabei wollte er keine Almosen. Wolfgang Menzel, arbeitslos, Vater von Nadja, 9, und Torben, 8, litt. Seine Frau Christiane, 38, musste einen Job annehmen bei einem Paketversand, er schnitt Hecken auf dem Friedhof. Wenn im Dezember etwas übrig war, besorgte er Weihnachtsgeschenke.
Aber jetzt, seit September 2006, hat er eine feste Stelle als Müllmann. Er verdient wieder Geld.
Am späten Nachmittag des 24. Dezember 2006 schleicht seine Frau hinunter in den Keller, dort hat Menzel, erstmals seit fünf Jahren ein guter Vater, die Geschenke verstaut, Playmobil und Puppen für 300 Euro. Christiane Menzel sieht den Sonnenschirm, die Werkzeugkiste, die Farbeimer. Der Raum ist drei mal drei Meter groß. Die Geschenke sind nicht mehr da.
Sie hastet zurück in die Wohnung, sie sagt ihrem Mann: Die Pakete sind weg. Geklaut wahrscheinlich. Obwohl ihr Mann dagegen ist, sich helfen zu lassen, ruft sie die Polizei.
Um 16.51 Uhr meldet sich die Leitstelle im Streifenwagen von Polizeioberkommissar Günter Dellbrügge, 49, per Funk. Eine Mutter behaupte, die Weihnachtsgeschenke ihrer Kinder seien gestohlen. Der Beamte hat selbst zwei Söhne. Er sieht das Problem.
Günter Dellbrügge, als Polizist ein Gesandter der Staatsmacht, tut, was er eigentlich nicht tun müsste. Er fährt aufs Revier und sammelt von den Kollegen Marzipankartoffeln und Printen ein. Er stopft sie in grüne Henkeltaschen aus Papier. Er greift zwei Plüschbären, die in Polizeiuniform stecken, und fährt mit seinem Partner zu den Menzels.
Die Polizisten sind zunächst skeptisch, sie suchen nach Einbruchspuren, vergebens. Das Schloss ist simpel gebaut, praktisch jeder Mieter in dem Mehrfamilienhaus hätte mit seinem Schlüssel die Tür öffnen, die Pakete mitnehmen, die Tür wieder abschließen können.
Dellbrügge notiert die Aussagen der Menzels, er glaubt ihnen, dass sie bestohlen wurden. Er übergibt die uniformierten Plüschbären. Auf dem Rückweg schweigen die Polizisten. Günter Dellbrügge stellt sich vor, wie die Kinder zwei Bären in Polizeiklamotten anstarren. Er hat schon viel getan für die Menzels, er könnte weiter seinen Dienst verrichten, bis 21 Uhr, und dann nach Hause fahren. Stattdessen beschließt er, für diesen Abend das Christkind für Familie Menzel zu sein.
In der Polizeiwache wählt er die Nummer des Bürgermeisters von Lotte. Wenig später telefoniert er mit dem Filialleiter und dem Hausmeister im Marktkauf Ibbenbüren. Der Supermarkt hat seit 22 Stunden geschlossen, es ist Sonntag und Heiligabend. Dann informiert er Wolfgang Menzel: Treffpunkt vor dem Marktkauf, Personaleingang, 19.10 Uhr.
Günter Dellbrügge und der Kollege warten schon. Der Hausmeister schaltet die Alarmanlage aus, gemeinsam marschieren die Männer in den verlassenen Markt, lassen den Rotkohl links und den Schnaps rechts liegen und biegen ab zum Regal mit dem Spielzeug. Menzel solle sich bedienen, sagt Dellbrügge. Heute zahle der Bürgermeister.
Wolfgang Menzel zögert. Er will nicht schon wieder Almosen empfangen, zumal vom Bürgermeister, dem Boss der Gemeindemitarbeiter, auch jener im Hartz-IV-Büro, aber dann denkt er an seinen Sohn und seine Tochter. Er muss entweder seine Abscheu vor fremder Hilfe ein allerletztes Mal vergessen oder seinen Kindern erklären, warum das Christkind dieses Jahr nicht kommt.
Einen Moment lang denkt er nach. Dann zieht er den Karton mit dem Playmobil-Flughafen aus dem Regal, den Tower, den City-Van, die Baby-Born-Puppe, alles in allem acht Pakete.
Als die Männer den Supermarkt verlassen, tragen sie Spielsachen im Wert von 254,92 Euro unter den Armen. Und Menzel ist ein guter Vater.
Er ist ein guter Vater geblieben, hat seine Geschenke gekauft, für Weihnachten 2007, das Poesiealbum, die Playstation, das Müllauto von Playmobil, versteckt hat er sie diesmal nicht im Keller, der Diebstahl vom vergangenen Jahr wurde nie aufgeklärt.
Wolfgang Menzel denkt nicht ungern zurück an Weihnachten 2006. Er wurde beschenkt, reich beschenkt vom Staat, aber er war glücklich, denn es war das letzte Mal.
CHRISTOPH SCHEUERMANN
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 52/2007
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