22.12.2007

ABENTEURER„Bis zum Mittag, Schatz“

Die beiden Freunde Barron Hilton und Steve Fossett sind amerikanische Legenden: Der eine machte die Hotelkette groß, der andere stellte 116 Weltrekorde auf. Am 3. September stieg Fossett auf Hiltons Ranch in ein Flugzeug und kam nicht zurück - Hilton sucht weiter. Von Klaus Brinkbäumer
Kannten sie ihn wirklich? Wussten sie, was ihn trieb, wovon er träumte, hatten sie eine Ahnung von seinen Ängsten?
War er reich? Früher natürlich, aber am Ende? War er gesund? Wer war Steve Fossett?
"Wir wollen nicht spekulieren. Halten wir uns an die Fakten", sagt Barron Hilton, und das wiederholen die Menschen in seinem Schatten, "das ist es, was wir Flieger tun: Fakten zählen, nicht Vermutungen."
"Steve hatte Sprit für vier Stunden und flog hundert Meilen pro Stunde, das sind die Fakten", sagt Hilton dann, weißhaariger Herr mit Zigarre und weitgeöffnetem Hemd, 80 Jahre alt, Sohn des Gründers Conrad Hilton, Hotel-Patriarch, Großvater Paris Hiltons; Barron Hilton ist ein amerikanischer Mythos und auch ein alter Herr, der einen Freund vermisst.
Es war Labor Day in den USA, Montag, der 3. September, acht Uhr, ein klarer, heißer Morgen in der Wüste Nevadas.
Es war wie meistens, wenn Barron Hilton seine Gäste empfängt: Im Haupthaus der Flying M Ranch, an den beiden runden Tischen des Frühstücksraums, aßen sie Müsli und Rührei und Bagels. Ein Koch und zwei Kellner hatten gut zu tun, und Robin, die zusammen mit ihrem Mann die Ranch verwaltet, wirkte im Hintergrund. An den Wänden hingen die Fotos, die die Gäste zeigen, als ob sie gerade auf dem Mond herumlaufen oder die Erde umrunden, und an der Decke die Modellflugzeuge, und im Regal standen die Bierkrüge mit Namenszügen, einer davon für Steve Fossett.
Es ist eine funkelnde Welt, die Barron Hilton hier Wochenende für Wochenende für eine Handvoll Gäste aufschließt. Spielerisch und großzügig. Kraftvoll, technisch, sehr männlich. Und trotzdem leicht. Es ist ein wenig Sinatra, ein bisschen Gatsby, vielleicht einen Hauch gediegener; wenn alle wieder nach Hause geflogen sind, lässt Barron Hilton seinen Freunden Fotoalben schicken, auf weißem Karton dankt er herzlich fürs Kommen. Normalerweise. Nicht diesmal.
Die ersten Ballonfahrer kamen schon wieder zurück, denn dies ist der Takt des Lebens in Barron Hiltons Wunderland: Wenn es dämmert, um sechs Uhr, starten mit den ersten Aufwinden die Ballone; um diese Zeit saß Steve Fossett immer am Rechner, Börsenkurse abfragen. Gegen neun Uhr folgen dann die motorisierten Piloten, Steve Fossett in Barron Hiltons "Citabria Decathlon" oder Tom Schrade, Casino-Chef in Reno, mit seiner Sikorsky S-38 von 1929, diesem Doppeldecker, den Leonardo DiCaprio als "Aviator" flog. Am Nachmittag schließlich starten die Segelflieger, Bruno Gantenbrink und die anderen, die Thermik rund um den Talkessel ist famos.
Und abends stehen sie an der Bar, Astronauten wie Ulf Merbold, Chuck Yeager, der als erster Pilot die Schallmauer durchbrach, Neil Armstrong, Mann auf dem Mond, Airbus-Menschen, Lufthansa-Leute, hin und wieder Politiker wie Friedrich Merz, und sie erzählen vom Fliegen oder von einem weiteren "schönsten Tag unseres Lebens", "danke, Barron, für deine Großzügigkeit", sagen sie, und Barron sitzt am Backgammon-Tisch und raucht die achte und letzte Zigarre des Tages, Whiskey-Gläser klirren, ein dunkler Raum ist es mit schwerem Holz, "auf dein Wohl, Barron".
Oder sie lauschen Steve, so war es am Abend vor dem 3. September gewesen.
Denn an jenem Abend hatte Fossett, 63, wieder erzählt von seiner Weltumseglung in 58 Tagen, 9 Stunden, 32 Minuten, von dem Nonstop-Flug um die Welt in 67 Stunden, einer Minute und 10 Sekunden, von den übrigen 114 Weltrekorden und von seinem Absturz. Auch dies ein Weltrekord: ein Sturz mit dem Ballon aus 8500 Meter Höhe in den Pazifischen Ozean. Fossett hatte Ballast abgeworfen und damit die Fallgeschwindigkeit von 900 auf 800 Meter pro Minute reduziert, dann hatte er sich auf den Rücken gelegt und auf den Aufprall gewartet und überlebt; alles hat er überlebt in vier Jahrzehnten, Stürme, die Kälte, Fehleinschätzungen, die Defekte.
Was für ein Kerl, was für Geschichten. Aber Steve Fossett hat sie immer ganz nüchtern vorgetragen. Er war kein Redner, manchmal schmatzte er beim Sprechen, und an den falschen Stellen lachte er, und Peggy, seine Frau seit 39 Jahren, saß hinter ihm und sagte nichts. Meist gingen die beiden dann früh, an jenem Abend auch, sie schliefen wie immer im Balloon Cottage, einer dieser Hütten, die Barron Hilton für seine Freunde gebaut hat, graublau gestrichenes Holz, drinnen zwei Betten mit blauen Tagesdecken, im Nebenraum ein Sofa, ein Hocker, ein Tisch, spartanisch das alles; die Millionäre und die Flieger lieben Hiltons Ranch, weil sie sich in "diesem Shangri-la, diesem Ort der Magie" (Oscar-Preisträger Cliff Robertson), fühlen dürfen wie damals im Zeltlager. 18 Geladene waren sie an diesem Wochenende, Hilton's Eighteen, große Jungs mit einer Leidenschaft für die Luftfahrt.
Und sie lieben die Ranch natürlich auch deshalb, weil der Luftraum Nevadas so frei ist. Es ist ein leeres Land. Berge, Täler, ein paar Seen, schmale Flüsse, Felsen und Sand, Kiefern und Sträucher. Es gibt Bären, Füchse, Kojoten, kaum Menschen, und auch der Himmel ist weit und leer.
Darum füllte Steve Fossett keinen Flugplan aus am Morgen des 3. September um acht Uhr. Überflüssig. Er rollte einfach auf die Startbahn, vier Hallen stehen daneben, ein Windfähnchen, eine Tanksäule, die Sommersonne lässt den Teer platzen. Fossett nahm nicht mal die Uhr mit dem Peilsender mit. Er sagte, er sei zum Essen zurück, "bis zum Mittag, Schatz", sagte er.
"Er hat nie eine Mahlzeit versäumt", sagt Peggy Fossett.
Es ist nicht sicher, ob er nach einer Strecke suchen wollte, auf der er seinen nächsten Weltrekord aufstellen könnte (die Schallmauer im Auto zu durchbrechen, das war sein Projekt); es könnte auch sein, dass er spazieren flog. Er startete um 8.30 Uhr, flog nach Südosten, das ist wahrscheinlich, weil im Norden ein Militärgebiet liegt mit Radar bis zum Boden und weil zwei Zeugen ihn bemerkt haben wollen, ein Bauer und ein Polizist, der einen Strafzettel schrieb auf dem Highway 395 South.
Diese beiden Männer sagen, sie hätten das blaue Flugzeug mit den drei weißen Sternen und den drei weißen Streifen auf jedem Flügel gesehen, die "Decathlon", wendig, einmotorig, die Barron Hilton gehörte und die Steve Fossett so gern flog.
Ansonsten: nichts; keine Zeugen, kein Funkspruch, kein Notsignal. Der Sender, der automatisch aktiv wird im Falle eines Absturzes, eigentlich, blieb stumm, und mittags sagte Peggy: "Ich frage mich, wo Steve bleibt."
Am Nachmittag flogen die Freunde aus, um ihn zu suchen. Am Abend wurde Fossett vermisst gemeldet. Peggy weinte nicht, blickte wissend in die Runde, so als habe sie dieses Ende seit Jahren erwartet. Es begann die wohl größte Suche der Luftfahrtgeschichte, auch hierfür bewundern die Gäste der Ranch Barron Hilton, der das alles koordinierte, das meiste zahlte, sieben Millionen Dollar kostete die Suche.
Und heute sitzt Barron Hilton in seinem Büro in Beverly Hills, Kalifornien, sein
blauer Bentley parkt unten in der Garage, und Barron Hilton sagt: "Steve war ein echter Spieler."
Anders also als er selbst, anders als Barron Hilton, Fossetts Freund, Patron der Hotel-Dynastie, der selten Interviews gibt, aber heute doch einmal berichten möchte. Er will von Fossett und der Suche erzählen, den Hotels und der Stiftung, ein paar Sätze nur will er über die wilde und recht oft recht nackte Enkelin Paris verlieren, die er vergnüglich findet, "sie wird ihr Vermögen machen", sagt er, und einige Sätze über sich. "Ich war immer sehr konservativ", sagt er, aber natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit, amerikanische Imperien entstehen selten auf althergebrachte Weise, meist hat auch dies mit Abenteuern zu tun.
Das der Hiltons begann, als Conrad Hilton, geboren Weihnachten 1887 in New Mexico, 1919 nach Cisco in Texas reiste, um eine Bank zu kaufen. In letzter Sekunde hob sein Geschäftspartner den Preis für die Bank an. "Was für ein Glück", sagt Barron heute und lacht, denn damals stand sein Vater auf und übernachtete in einer Art Hotel. Dort erzählte ihm einer, dass sie die Zimmer in drei Schichten vermieteten: dreimal acht Stunden, es waren Zeiten des Ölbooms, und auch wenn der Zimmerpreis nur bei einem Dollar lag, war Conrad ganz hingerissen von der 300-prozentigen Auslastung und kaufte statt der Bank das "Mobley", 20 000 Dollar, das Hotelschild hängt heute auf der Flying M Ranch.
Conrad, der alte Hilton, galt als Verhandlungsführer, der immer gewann. Nachts ging er tanzen, morgens um acht saß er wieder im Büro. Er sammelte Hotels und Frauen, dreimal heiratete er, und eine der Damen hieß Zsa Zsa Gabor und war eine der Göttinnen Hollywoods.
Es ist ein Vergnügen, mit Barron Hilton über das Jahrhundert der Hiltons zu sprechen, fünf Stunden lang, über sein Leben, das Fliegen und Fossett, seinen Freund. Hilton hat ein riesiges Büro hier in Beverly Hills und nebenan, hinter Glas, den Konferenzraum, in dem nicht mal er raucht. An einem runden Tisch sitzt Hilton vor einem Gemälde des Waldorf Astoria, die Kellner bringen Eistee und Sandwiches und Schokoladenkekse; Hiltons Sohn Steven ist dazugekommen, der heute die Conrad N. Hilton Foundation führt, und auch Gregory Dillon, gekrümmt, schlau, Hiltons Mastermind seit Jahrzehnten, nun "director emeritus" im Familiendienst.
"Mein Gedächtnis ist seltsam", sagt Barron in breitem Texanisch, "manches ist weg, manches gestochen scharf."
Barron Hilton, 1927 geboren, war ein paar Monate lang Türsteher vor einem Hilton, aber dann lehnte er das Angebot, für 150 Dollar im Monat für den Vater zu arbeiten, doch ab und ging andere Wege. "Mein Vater mochte das nicht, dass ich von einigen Schulen flog", sagt er, er wurde Fotograf bei der Navy, und dort, auf Hawaii, lernte er fliegen, und ziemlich bald, er war 18 Jahre alt, heiratete er die blonde Marilyn, die Turniertänzerin war, sie starb vor einigen Jahren hier in Beverly Hills an Multipler Sklerose.
Barron kaufte eine Saftfirma, war im Ölgeschäft, erfand Carte Blanche, die Kreditkarte, 1954 wurde er endlich Vizepräsident der Hilton-Kette.
Es muss ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis gewesen sein. Barron gründete die Football-Truppe der Chargers, einst in Los Angeles, heute in San Diego, und dann rief der enttäuschte Vater an: "Du hast eine Million bei Carte Blanche verloren und eine Million beim Football. Was für eine Sorte Geschäftsmann willst du werden?" Als der Vater starb, ging sein Vermögen an die Stiftung, Barron erbte ein Häuflein Aktien im Wert von 750 000 Dollar; neun Jahre dauerte der Rechtsstreit, aber der Sohn gewann, weil er bewies, dass der Alte nicht gewollt haben konnte, dass die Familie die Kontrolle über den Konzern verlor.
Barron expandierte langsam, zahlte stets bar, sein Geschick war, dass er sah, wo Hotels gebraucht werden würden. Die richtigen Standorte zu finden, darum ging es, Flughafenhotels, zuerst in San Francisco, das war Barron Hiltons Idee. Und Las Vegas wurde sein Geniestreich, Vegas war ein Dorf, Anfang der Siebziger, als die Hiltons das Flamingo kauften. Wenn Elvis Presley in einem Hilton auftrat, 150 000 Dollar die Woche, zwei Shows pro Nacht, saß Barron Hilton in seinem Büro und sah sich die Konzerte auf seinen Monitoren an, denn die Überwachungskameras, die es heute in jedem Casino gibt, hat er auch erfunden.
"Konservativ war, dass ich mir nie selbst Aktienpakete gab, als ich Präsident war, und nie ein fettes Gehalt", sagt Barron Hilton, "aber der Schritt nach Las Vegas war vermutlich doch nicht so konservativ."
"Vater", das sagt von der Seite Steven Hilton, der Sohn, "wenn ich meine Meinung sagen darf: Das richtige Wort ist nicht 'konservativ', es ist 'ehrgeizig'. Mein Vater liebte den Wettkampf, er schätzte gute Geschäfte, und er liebt es zu gewinnen."
Und der Vater wippt vor und zurück und nickt langsam. Glück, das muss für Männer wie ihn oder Fossett etwas Messbares sein, in Zahlen. In Milliarden, Meilen, Millisekunden. "Grenzen sehen und überwinden, darum geht es, Barron ist auch so einer, der sich nicht stoppen lässt", sagte Steve Fossett.
Fragt man die Menschen in seiner Umgebung, dann hört man, dass auch Barron Hilton nicht ganz einfach gewesen sein muss für seine Kinder. Das Verhältnis zu seinen Freunden, zu Fossett und den anderen
von der Flying M Ranch, sei nach Marilyns Tod enger gewesen als das zu Steven und dessen sieben Geschwistern, sagt einer, "Barron ist ein Herrscher, der in dem Glauben lebt, Väter haben immer recht". Und Barron sitzt nun auf rötlich braunem Leder, das Haar seitlich gescheitelt, die verschmierte Brille hält er in der Hand, ein stolzer Mann. In den 30 Jahren seiner Herrschaft wuchs die Firma pro Jahr um 15 Prozent, und endlich ist sie verkauft.
"Ein faires Geschäft", sagt Barron Hilton leise. Er lächelt.
18,5 Milliarden Dollar zahlten die Investoren von Blackstone für die Kette, es gibt jetzt nur noch den Namen, die Familie ist raus, alle Aktionäre wurden reich. Barron Hilton bekam 900 Millionen, seine Kinder sind ausgezahlt, erben wird wieder die Stiftung, die ihr Geld für Wasserversorgung in Westafrika oder taubblinde Kinder ausgibt, allein im Jahr 2008 werden das hundert Millionen Dollar sein. Ihr Geschäftsführer Steven, der Geschichte und Philosophie studiert hat, sagt: "Ich wollte die Firma nicht führen, weil ich nicht besonders gut darin bin, Geld zu verdienen, ich bin besser darin, Geld zu verteilen."
Barron Hilton kaufte die Flying M Ranch in der Wüste Nevadas 1965; er flog selbst hin, heute lässt er fliegen, Hilton fliegt niemals Linie, er schätzt die Sicherheitskontrollen nicht und das Rauchverbot noch weniger. Dem Unternehmer und Weltrekordler Steve Fossett begegnete er zum ersten Mal 1995, damals übergab Barron Hilton Steve Fossett einen Preis. Seither lud er ihn ein, immer wieder.
"Ein kluger Mann, ein Grenzgänger", sagt Hilton. "Nach einem Rekord brachte er mich auf Hawaii in der Präsidentensuite unter und organisierte ein Feuerwerk. Ein generöser Mann", sagte Fossett.
Wer sich auf die Suche nach Steve Fossett begibt, erfährt Großartiges, Erstaunliches, Seltsames. Gerüchte. Fossett sei auf den Bahamas, in Mexiko, natürlich sehe er längst auch anders aus. Fossett habe sich umgebracht, nicht in einem der Seen Nevadas, dort hätte man eine Öllache sehen müssen, aber warum nicht im Pazifik? Sein Vater sei an Alzheimer gestorben, das Altern habe Fossett Angst gemacht, er habe keine Ziele mehr gehabt, sei verarmt gewesen; und ist es nicht der Traum jedes Mannes jenseits der 50, irgendwann in ein Flugzeug zu steigen und aus dem alten Leben zu schweben, hinein in ein neues?
Es gibt keine Beweise für all diese Theorien, nicht mal Indizien, die Gerüchte kommen auch nicht aus dem Hilton-Lager und nicht von Fossetts Freunden. Aber verknüpft sind die Gerüchte immer mit der Frage, wer er ist oder wer er war.
Steve Fossett, Sohn eines Elektroingenieurs, geboren 1944 in Tennessee, wuchs in Long Beach in Kalifornien auf. Ein unsportlicher Junge war er, ein bisschen plump, aber ein Junge, der gern am Flugplatz stand und den Propellermaschinen hinterhersah, einer, der mit seinem Vater durch die Wälder streifte. Er war Pfadfinder, Boy-Scout, dann Eagle-Scout, das waren die Fortgeschrittenen. Ein Angeber war er auch, seine Texte lesen sich ziemlich gespreizt: "Während meiner Jahre an der Garden Grove High School wurde ich zum Präsidenten einer außergewöhnlichen Anzahl von Clubs gewählt. Ich hatte eine Gesamtzahl von acht Präsidentschaften inne, bevor ich die Highschool abschloss." Welcher Erwachsene erinnert sich so an seine Kindheit?
Und welcher Amerikaner reist so nach Europa? Steve Fossett flog allein, er schwamm durch den Hellespont und den Bosporus, kletterte auf den Olymp, die Eiger Nordwand, den Mont Blanc und das Matterhorn, am Ärmelkanal scheiterte er, die Sehenswürdigkeiten sparte er sich und flog wieder heim.
Er studierte dann in Berkeley und Stanford Wirtschaft, arbeitete bei IBM und anderen Firmen, kündigte und wurde gekündigt, und beim zweiten Date schleppte er die blonde Peggy in ein Flugzeug, er hatte sich für eine Flugschau angemeldet. Peggy gefiel es nicht, "ich habe Höhenangst", sagt sie, "aber ich habe verstanden, dass das Steves Leben war".
Peggy wurde Bankerin, Kinder bekamen die beiden nicht, Steve fuhr Taxi und Autorennen und suchte vor allem nach seinem Weg, reich zu werden. Er fand diesen Weg in Chicago: Die Börsen boomten, Warentermingeschäfte wurden populär, und Steve Fossett verwaltete zunächst die Vermögen kleiner Kunden. Dann wurden es größere Kunden. Fossett beobachtete den Silbermarkt, riet zum richtigen Zeitpunkt zum Kauf und kassierte Provisionen. Mit 33 Jahren hatte er seine erste Million beisammen, investierte eigenes Geld, stellte Leute ein, zweimal verzockte er sich und musste von vorn beginnen, aber dann kamen viele Jahre, in denen er jeweils fünf Millionen Dollar verdiente, das sagte er selbst, "meine Wettkampfmentalität und der methodische Einsatz statistischer Wahrscheinlichkeiten addierten sich zur Siegesformel".
Die ersten Rekorde stellte er in seiner Freizeit auf. Die höchsten Berge aller Kontinente wollte er besteigen, nur den Everest schaffte er nicht. Den Ärmelkanal bezwang er doch noch. Das Schlittenrennen Iditarod hätte er beinahe aufgeben müssen, doch als sein Leithund nicht mehr weiterwollte, biss Fossett ihm in den Hals, sie kamen als 47. ins Ziel. Und dann verkaufte Steve Fossett seine Firma Larkspur Securities und wurde hauptberuflicher Weltrekordjäger.
Ein Milliardär, wie die Zeitungen schrieben? "Nein", sagt Hilton, "wohlhabend."
Fossett stellte einige bizarre Bestleistungen auf: Mit einem Zeppelin flog er über den Bodensee, einmal hin, einmal zurück, so brach er einen Rekord, von dem seit Jahrzehnten keiner mehr gewusst hatte, dass es ihn gab. Er leistete aber auch Enormes: Fünfmal scheiterte er beim Versuch, die Erde im Ballon zu umrunden, es gab Notlandungen und Abstürze, und als zwei Franzosen ihm zuvorkamen, versuchte er es solo und hatte Erfolg. "Es ist ein großes
Gefühl, einen Platz in der Geschichte der Luftfahrt zu haben", sagte er. Steve Fossett wird gewusst haben, dass er in Wahrheit selten dazugehörte: Er war ja eigentlich kein Segler und auch kein Ballonfahrer, er lernte immer nur, was er können musste für den nächsten Rekord, und kaufte sich dann den größten Katamaran, den teuersten Ballon, den besten Meteorologen, das perfekte Team, "er wollte immer wissen, wer etwas wie machte, wollte immer weiterkommen, auch abends beim Bier", sagt Hilton. Sponsoren wie Anheuser-Busch, Richard Branson und Barron Hilton trugen Fossetts Unternehmungen mit; nach Geld, sagen sie, fragte er nie, sie gaben es ihm einfach.
Ein U-Boot war angeblich im Bau, mit dem er demnächst einen Tiefenrekord aufstellen wollte.
Das Auto, mit dem er über 1000 Stundenkilometer fahren wollte, ließ er fertigen, seine Freunde sagten: "Das ist eine fahrende Bombe, das wird dich zerreißen."
Doch dann stellte er einen Weltrekord im Verschwinden auf.
Am Abend des 3. September hielt Barron Hilton eine Rede vor dem Kamin seiner Ranch. "Ich will, dass ihr wisst, wen wir suchen", sagte er. "Unter sechs Milliarden Menschen gibt es nur einen wie Steve. Er ist stark. Wenn einer da draußen überleben kann, dann Steve. Wir suchen den größten Abenteurer unserer Zeit."
Alle Freunde halfen, Tom Schrade etwa, der Pilot und Besitzer des Grand-Sierra-Casinos in Reno, und Mark Marshall natürlich, Fossetts Pilot und heute Peggys Stütze. Sie flogen konzentrische Kreise, von der Ranch ausgehend. 30 Maschinen waren in der Luft, C-130-Flugzeuge, 14 Hubschrauber, das Militär schickte "Black Hawks", die sich tief fallen ließen und die Wälder entlaubten. Nach den ersten Tagen änderten sie ihr Konzept, aus den konzentrischen Kreisen wurden Planquadrate, 200 Menschen suchten Steve Fossett in Nevada und Kalifornien, 50 000 über Google Earth.
Sie fanden elf Wracks. Drogenflieger waren dabei, ohne Seriennummern. Ein Flugzeug lag dort unten, das vor 40 Jahren verschwunden war - ein kleiner Junge hatte vor 40 Jahren gedacht, sein Vater habe ihn verlassen, und jetzt lernte der erwachsene Sohn, dass er 40 Jahre lang eine falsche Biografie gelebt hatte, sein Vater lag in einer Schlucht in der Sierra Nevada.
Nur Fossett fanden sie nicht. Kein Wrack, keine Spur, nichts. Und irgendwann verschwanden die Soldaten wieder, auch die Journalisten, und inzwischen liegt Schnee auf der Flying M Ranch.
"Wir suchen weiter", sagt Barron Hilton.
Es ist Abend in Beverly Hills, Kalifornien, Barron Hilton hat zu einem frühen Essen in seine weiße Villa geladen. Fotos von Paris und den anderen Enkeln stehen in den Regalen, es gibt feines Parkett, Skulpturen von Cowboys und Indianern, und rechts liegen die Bar und das Wohnzimmer. Der Gastgeber trinkt Weißwein und sitzt vor einer Kinoleinwand, er sieht sich ein Football-Spiel an, New Orleans gegen Atlanta. "Wisst ihr, was ich glaube", sagt Barron Hilton an diesem Montag in Beverly Hills, "ich glaube, Steve hat auch als Erwachsener immer noch die Abzeichen gejagt, die er einst als Pfadfinder gesammelt hat." Er schweigt dann eine Weile. Beim Essen erzählt seine Schwiegertochter Lisa von ihrer Karriere als Pianistin, die Saints aus New Orleans machen Touchdown für Touchdown, und nach dem Dessert sagt Hilton: "Irgendetwas muss im Cockpit passiert sein. Ein Herzinfarkt vielleicht, irgendetwas, das es Steve unmöglich machte, eine Notlandung zu versuchen." Es ist 20.30 Uhr, jeden Abend um halb neun geht Barron Hilton schlafen.
Wenn man dann wieder durch Nevada fährt, kann man Barron Hiltons Szenario kaum glauben. So karg ist die Gegend, derart klar und weit, wie soll hier ein Flugzeug einfach verschwinden?
Doch in Reno, Nevada, arbeitet ein Mann, der sich ganz gut auskennt mit Fällen wie diesem. Timothy Ball, studierter Biologe, leitet heute die Firma Fireball Information Technologies, ein bärtiger Wissenschaftler, dessen Leute das gesamte Gebiet überflogen und 80 000 Luftaufnahmen gemacht haben, Meile für Meile.
Diese Bilder wertet Ball nun aus, immer noch, er hat erst die Hälfte geschafft, und wenn er etwas Blaues entdeckt oder etwas Weißes, zoomt er sich heran, und wenn das Blaue oder Weiße rätselhaft bleibt, gibt er die Koordinaten heraus, und ein Suchtrupp fliegt los. Er sagt: "Ein Flugzeug, das hier abstürzt, ist ja meistens kein Wrack mehr, es zerschellt in tausend Teile, kaum noch zu erkennen. Und Nevada ist riesig." Timothy Ball zeigt dann Fotos einer Piper Cherokee, es ist bloß noch ein weißes Pünktchen zu sehen und dort ein blaues, ansonsten Sträucher und Felsen und Sand.
Doktor Ball, was glauben Sie?
"Er liegt dort, irgendwo in der Sierra Nevada oder in den White Mountains, ich bin sicher. Wenn wir ihn nicht finden, wird in 20 Jahren ein Wanderer anrufen und sagen, er habe da etwas entdeckt."
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 52/2007
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