22.12.2007

Global Wurming

Ortstermin: Ein Freisinger Biobauer und sein unterirdischer Kampf gegen den Klimawandel
Josef Braun steht in seinem Kuhstall und bittet, diesmal nicht auf den Regenwurm reduziert zu werden. Es ist erst ein paar Tage her. Das "Greenpeace Magazin" hatte die Sache mit den Regenwürmern mitbekommen. Eine Reporterin hatte ihn auf seinem Hof besucht, sich eine Weile mit ihm unterhalten und etwas später einen Artikel geschrieben, über dem stand: "Sepp Braun, Biobauer. Freising bei München. Mehr Humus geht nicht - Wie ein Biolandwirt mit Regenwürmern den Klimawandel verlangsamen will". Vielleicht wollten die bei Greenpeace auch mal ironisch sein, aber Josef Braun hat das getroffen. "Mehr Humus geht nicht" klingt nicht nett.
"Der Regenwurm ist doch nur ein Teilaspekt."
Es ist richtig, dass Josef Braun etwas gegen den Klimawandel tun möchte, aber er braucht dafür nicht nur Regenwürmer. Er braucht unter anderem auch die Luzerne, Kleegras, Kümmel, eigentlich so gut wie alle Pflanzen, die ein Bauer anbauen kann. Vor allem aber braucht er Zeit, um das alles zu erklären. Er hält häufig Vorträge vor anderen Landwirten, die konventionell wirtschaften. Menschen, die seit vielen Jahren Pestizide, Herbizide, Fungizide und weiß der Himmel noch auf ihre Felder sprühen. Zu Beginn muss Braun erst mal viel reden, damit die Kollegen nicht gleich sagen, dass dieser Kerl aus Freising nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Klimaschutz und Ertragsteigerung, und das mit Kümmel und Regenwürmern. Na klasse! Wahrscheinlich wäre es leichter, diese Landwirte davon zu überzeugen, künftig mit Wodka zu düngen. Aber Josef Braun ist hartnäckig, ein ruhiger Mensch, der offensichtlich weiß, wovon er redet. Mit etwas Zeit kann er jedem erklären, warum Biolandwirtschaft genauso wertvoll für den Klimaschutz sein kann wie Solaranlagen, Drei-Liter-Autos und Jutebeutel.
Josef Braun ist 48 Jahre alt und seit 1988 Biobauer. Seit 1994 beschäftigt er sich mit dem Thema Boden. Er weiß, wie viele Kleinstlebewesen in einer Handvoll Erde sind (mehr als Menschen auf der Welt), er weiß, dass in jedem Kilogramm Trockenwurzel 3,7 Kilogramm Kohlendioxid gebunden sind, und er weiß, dass er 350 Regenwürmer in jedem Quadratmeter seiner 54 Hektar hat und dass Regenwürmer der Atmosphäre CO2 entziehen. 350 ist viel. In Bayern liegt der Schnitt bei 16.
"Wenn man die Bodendurchwurzelung und die Regenwürmer kombiniert, kann man wirklich etwas für das Klima tun."
Josef Braun hat den Kuhstall verlassen und hat sich in die Küche seines Hauses gesetzt, um ein paar Folien zu erklären. Sie sind sauber aufgemalt, farblich abgestimmt, es muss Stunden gedauert haben, sie vorzubereiten. Auf einer Folie sind verschiedene Pflanzen mit ihrem Wurzelwuchs aufgezeichnet. Die Luzerne, zum Beispiel, durchwurzelt den Boden bis zu vier Meter tief. Sie hat viele lange Wurzeln, bindet also viel CO2. Die Idee ist einfach. Der Bauer baut nicht nur Weizen oder Mais an, die kaum ins Erdreich eindringen und somit viel Boden ungenutzt lassen, sondern kombiniert verschiedene Pflanzen auf dem Feld. "Hafer kann ich super mit der Kleinen Bibernelle anbauen, da wird der Hafer gar nicht gestört." Die Kartoffel und der Rohrschwingel passen ebenfalls gut zusammen. Durch die vielen Wurzeln wird der Boden gelockert und besser mit Nährstoffen versorgt. Er ist fruchtbarer.
"Dann kommen die Regenwürmer."
Josef Braun hat herausgefunden, dass Regenwürmer gern Kümmel und Kresse mögen. Die Würmer lockern den Boden auf. Viele Regenwürmer im Acker weisen auf einen guten Boden hin. Regenwurmkot ist guter Dünger. Er enthält Stickstoff, der auch in den meisten Düngemitteln enthalten ist, und Kohlenstoff. Mehr Humus im Boden, weniger Kohlenstoff in der Luft, weniger Global Warming.
Josef Braun schiebt die Folien zur Seite. Man hat den Eindruck, dass er weiß, dass das, was jetzt kommt, schwer zu schlucken ist. Rein marketingmäßig sind die Regenwürmer ein Problem. "Da ist noch etwas. Es gibt zwar noch keine genauen Zahlen, aber man glaubt, dass tiefgrabende Regenwürmer ihre Röhren mit kohlenstoffhaltigem Material verkleben." Also der Innenputz der Regenwurmgänge, der soll es bringen?
"Ja, genau", sagt Braun.
Wahrscheinlich ist das der Moment, in dem viele Zuhörer eine kleine Falte zwischen den Augen bekommen. Dass man mit einer Art weltweiten unterirdischen Aufforstungsaktion etwas für die CO2-Reduktion tun kann, mag man noch hinnehmen. Aber Regenwurmschleim als Retter der Menschheit, das ist schon aus ästhetischen Gründen schwer zu glauben.
Nun könnte man sagen, dass Josef Braun einfach nur einer dieser Öko-Spinner ist, jemand, der mit Essensresten am Mund einen Antifa-Aufkleber an das Rad macht. Es wäre ganz einfach. Josef Braun ist aber kein Spinner.
Es ist unter Bodenforschern bekannt, dass der Boden noch ein enormes CO2-Speicher-Potential hat. Die Landesregierung Schleswig-Holsteins hat eine Untersuchung veröffentlicht, wonach durch ökologischen Anbau die Treibhausgase erheblich reduziert werden könnten.
Josef Braun ist ein Mann, der eine Idee hat, die ziemlich verwegen klingt. Die Idee lautet, mit den Mitteln, die er hat, und dem, was er in den Jahren gelernt hat, etwas für die Allgemeinheit zu tun.
Es gibt keinen Grund, darüber zu lachen. JUAN MORENO
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 52/2007
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