22.12.2007

BALKAN„Russland, hilf uns“

Was passiert, wenn das Kosovo unabhängig wird? Während in Belgrad auch mit Krieg gedroht wird, stellen sich Serben in der Provinz aufs Unvermeidliche ein - oder bereiten den Umzug vor.
Nur wenige Fußgänger gehen über die Brücke, die Mitrovica in einen albanischen Südteil und einen serbischen Nordteil trennt. Riesige Stacheldrahtrollen liegen entlang dem Geländer; sie sollen als Blockade dienen, wenn denn wieder Unruhen ausbrechen. Dutzende Hochhäuser stehen sich zu beiden Seiten gegenüber, eine Front aus Stein. Scharfschützen finden hinter jedem Fenster Schutz, um diese alte Industriestadt im Handumdrehen in eine Todeszone zu verwandeln.
Im serbischen Teil Mitrovicas beginnt geografisch der Norden des Kosovo, aber eigentlich ist das hier schon Serbien. Serbische Polizisten in Zivil mustern jeden Passanten misstrauisch, der die Brücke über den Fluss Ibar überquert und in ihr Hoheitsgebiet vordringt. An fast allen Häusern und Geschäften hängen Poster des serbischen Radikalenführers Vojislav Seselj, der vor dem Haager Tribunal als Kriegsverbrecher angeklagt ist - "Der Sieger" steht darunter. An den Haustüren weisen blaue Schilder mit der Aufschrift "Boulevard Ratko Mladic" darauf hin, wer in diesem Teil des Kosovo die wahren Helden
sind. "Schießt nur auf Menschenfleisch", soll der Befehl des serbischen Generals im Bosnien-Krieg gewesen sein.
Es gibt auch ein paar neue Helden. Einer von ihnen ist Wladimir Putin, sein Foto klebt an Kiosken und Kneipen. "Russland, hilf uns", steht auf dem weißen Transparent, das im Zentrum der Stadt über den Gehsteig gespannt ist, eingerahmt von der serbischen und der russischen Flagge. Gegenüber erinnert ein neues Denkmal an den russischen Konsul Grigorji Stepanovic-Scerbini. Seine Heldentat bestand darin, dass er vor mehr als hundert Jahren, im März 1903, in Mitrovica von den Türken getötet wurde, als dieser Teil Serbiens noch unter osmanischer Herrschaft stand. Die Serben hatten damals gehofft, dass sein Tod Russland bewegen würde, der Türkei den Krieg zu erklären. Der Zar dachte nicht daran und soll sich, Überlieferungen zufolge, mit einer finanziellen Entschädigung des Sultans zufriedengegeben haben.
Auch heute hoffen die Serben auf die Russen, wenn die Albaner im Kosovo nicht länger in einer serbischen Provinz leben und ihre Unabhängigkeit verwirklichen wollen.
In der "Pizzeria Nr. 1" im Zentrum der Stadt sitzen gut ein Dutzend Soldaten aus der internationalen Schutztruppe Kfor, die seit dem Krieg von 1999 den kleinen Landstrich bewachen. Eigentlich sollten die Männer draußen auf Patrouille sein, aber es ist kalt und nass, und außerdem sind sie ja über Funk erreichbar.
Auch Marko Jaksic zählt in der Pizzeria zu den Stammgästen. Er ist Orthopäde und Direktor eines Krankenhauses und gehörte zum serbischen Team bei den Verhandlungen um die Zukunft des Kosovo, die eine Troika aus Diplomaten führte. Es werde sicher Krieg geben, sagt Jaksic kühl, Serbien werde seine Souveränität über die Provinz wiederherstellen; daran könne auch das Reservebataillon der Bundeswehr, das seit November an der Nordgrenze des Kosovo zu Serbien stationiert sei, nichts ändern. Die gut 500 Deutschen sollen gemeinsam mit 200 US-Soldaten verhindern, dass sich der Norden abspaltet und an Serbien anschließt, sobald die Regierung in Pristina die Unabhängigkeit proklamiert.
Über die Manöver der internationalen Gemeinschaft amüsiert sich Jaksic köstlich.
Serbien, sagt er, verhandle längst mit Moskau über Waffenlieferungen und Militärexperten, die mühelos, wenn nötig, an Deutschen und Amerikanern vorbei ins Kosovo geschleust würden.
Seit die Troika der Diplomaten aus Deutschland, den USA und Russland ihre Mission für gescheitert erklärte, geht es nur noch darum, wann das Kosovo seine Unabhängigkeit erklärt (siehe SPIEGEL 50/2007). Der künftige Premierminister Hashim Thaçi hat versprochen, er werde in Abstimmung mit Washington und Brüssel vorgehen. Die Vereinigten Staaten als Schutzmacht, Albanien und Mazedonien dürften vorangehen und den neuen Staat schnell anerkennen, die meisten Länder der Europäischen Union könnten umstandslos folgen.
Aber was passiert danach?
Serbien droht unter anderem damit, die Transitwege für Albaner zu sperren und dem Kosovo keinen Strom mehr zu liefern. "Wir werden keinen Zentimeter serbischen Landes abtreten und jede Unabhängigkeitserklärung der Kosovo-Führung ignorieren", sagt Ministerpräsident Vojislav Kostunica. Serbien könnte zudem versuchen, seine Landsleute in Bosnien aufzustacheln und die Republika Srpska "als Kompensation für den Verlust des Kosovo" abzutrennen. In Nord-Mitrovica eröffnete, unter Protest der Uno-Verwaltung, schon ein Büro, das als künftiger Sitz einer serbischen Parallelregierung vorgesehen ist.
Mehr Zutrauen im Westen erweckt der serbische Präsident Boris Tadic. Er sicherte der internationalen Gemeinschaft zu, sein Land werde das Kosovo nur mit friedlichen Mitteln verteidigen und kündigte an, er werde den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anrufen und klären lassen, ob die südliche Provinz überhaupt ihre Unabhängigkeit einseitig erklären dürfe. Kraft Amtes ist Tadic Oberster Befehlshaber der Armee, aber das könnte sich ändern. Am 20. Januar sollen in Serbien Präsidentschaftswahlen stattfinden, und der Kandidat der Radikalen, Tomislav Nikolic, gilt als aussichtsreicher Konkurrent.
Für die meisten Serben ist das Kosovo die Wiege ihres Landes. Auf dem Amselfeld fand die historische Schlacht 1389 statt, hier stehen ihre orthodoxen Klöster. Momentan trommeln Zeitungen und Fernsehen wieder verschärft gegen den Westen. Vom bösen Spiel der großen Mächte ist die Rede, wie einst zu Zeiten der Kriegspropaganda von Slobodan Milosevic. Sogar die angesehene Tageszeitung "Blic" stachelt die Landsleute im Nordkosovo zu Unruhen auf, denn es gebe "Informationen, dass die internationale Gemeinschaft bei einer begrenzten Revolte nicht eingreifen" und sich einer Teilung des Kosovo nicht widersetzen werde.
Im Norden der Provinz findet der hysterische Wirbel enthusiastische Zustimmung. Im Rest des Kosovo aber, wo mehr als 80 000 Serben in Enklaven leben, gibt es ein anderes Echo.
Pfützen und Straßen, über deren Krater auch Jeeps nur im Schritttempo schaukeln können, führen nach Caglavica, kaum zehn Autominuten von Pristina entfernt. Ein paar Hühner in den Vorhöfen lassen ahnen, dass hier Menschen leben. Zu sehen sind sie nicht, obwohl die Gemeinde nach offiziellen Angaben noch fast 1000 Einwohner zählt. Bürgermeister Budimir Nicic, 30, zeigt auf die mit Pfosten eingezäunte Wiese vor seinem Haus: Sie sei für zwei Millionen Euro verkauft worden. Die Albaner, sagt er, zahlten astronomische Preise für wertlose Weiden und Ackerland, bis zu 30 000 Euro für den Hektar. So würden aus Schweinezüchtern über Nacht Millionäre mit Villen in Serbiens Städten.
Nicics Groll zielt weniger auf die Albaner, die sich aus seiner Sicht gezielt in serbische Enklaven einkaufen, als auf Belgrad. "Wir fühlen uns manipuliert und im Stich gelassen", sagt der Bürgermeister. Acht Jahre lang habe sich kein einziger Politiker aus der serbischen Hauptstadt in Caglavica sehen lassen, obwohl es seit dem Krieg acht Bombenangriffe mit zwei Toten durch albanische Extremisten gegeben habe. Die Löhne kämen aus Belgrad, allerdings nur für jene Beschäftigten, die den politischen Anweisungen widerspruchslos folgten, erzählt er.
In der benachbarten Enklave Gracanica scheint das Leben dagegen zu pulsieren. Hier ist nicht nur die Einkaufsmetropole für die kleineren Serbendörfer der Umgebung, sondern auch ein guter Ort für geschäftstüchtige Anwälte und sogenannte Vermittlerbüros. Ein Großteil der Einwohner habe sich längst Häuser und Wohnungen in Südserbien gesichert, sagt Zoran Stankovic, der Chefredakteur des Senders Radio Gracanica. Sie hätten einen Teil ihres Grundbesitzes verkauft, viele kämen nur an den Wochenenden vorbei.
Der serbische Radiosender, der fast im ganzen Kosovo empfangen werden kann, hat knapp 30 Mitarbeiter, die meist Monatslöhne von weniger als 100 Euro erhalten. Er finanziert sich fast ausschließlich aus bezahlten Grüßen, die sich Serben via Radio zukommen lassen. Für Dezember und Januar habe er wegen der unsicheren Lage in der Provinz Urlaubssperre angeordnet, sagt Stankovic. Die Redaktion beratschlagt gerade, wie sie die Hörer informieren soll, falls Unruhen ausbrechen. Über 70 Prozent der Serben im Süden würden laut Umfragen dann das Kosovo verlassen. Die Belgrader Regierung soll schon Evakuierungspläne ausgearbeitet haben.
Weggehen? Nur tot werde man sie vom heiligen serbischen Land vertreiben, sagt eine etwa 70-jährige Nonne, die im orthodoxen Kloster von Gracanica lebt, der berühmten Fünfkuppelkirche in byzantinischer Tradition, zehn Kilometer südöstlich von Pristina. Vor den hohen Steinmauern des 1310 erbauten Klosters wachen Kfor-Soldaten, um die Albaner an Übergriffen zu hindern. Die mit Fresken verzierte Kirche ist leer und eisig kalt; nur ein paar Dinarscheine unter den Ikonen und Kandelabern zeugen davon, dass gelegentlich Besucher vorbeikommen.
Hier residiert Bischof Artemije, der dem Milosevic-Regime kritisch gegenüberstand und auch die Greuel der Serben an den Albanern verurteilte. Das hindert ihn aber nicht daran, entschieden gegen die Unabhängigkeit des Kosovo zu sein. Er verlangt von Belgrad "militärische Drohungen", falls der Westen aus der Provinz einen eigenen Staat machen sollte.
Der Bischof sei der einzige wahre Serbe hier in diesem Landstrich, sagt die Nonne, ja, Blut, viel Blut müsse fließen, damit die alte Ordnung wiederhergestellt werde. RENATE FLOTTAU
* Transparent-Text: "Das Kosovo ist das Herz Serbiens".
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 52/2007
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