22.12.2007

SOMALIASchlimmer als je zuvor

In Mogadischu tobt ein Krieg zwischen den äthiopischen Besatzern und islamistischen Aufständischen. Die Zivilisten fliehen zu Zehntausenden übers Land und übers Meer.
Der abendliche Angriff auf die Armeekaserne im Zentrum Mogadischus war geschickt vorbereitet. Zuerst schlugen mindestens 20 Granaten an strategisch wichtigen Punkten ein, dann tauchten aus dem Gefechtsrauch schwerbewaffnete islamistische Krieger auf und eröffneten mit Maschinengewehren und Granatwerfern das Feuer auf die äthiopischen Soldaten. Eine halbe Stunde lang tobte die Schlacht, dann zogen sich die Angreifer wieder zurück. Am nächsten Morgen schlugen sie in einem anderen Stadtteil der somalischen Hauptstadt zu und jagten einen belebten Marktplatz in die Luft. Ein Dutzend Menschen starben.
In Somalia herrscht wieder Krieg, schlimmer als je zuvor. Seit äthiopische Besatzungstruppen vor mehr als einem Jahr ins Trümmerfeld am Horn Afrikas einmarschierten, um die Islamisten und ihre Helfer von al-Qaida zu vertreiben, ist Mogadischu wieder außer Kontrolle. Mindestens 600 000 Menschen haben die Stadt verlassen und treiben in endlosen Flüchtlingsströmen ziellos durchs Land. In provisorischen Lagern bricht die Cholera aus. Schon warnen Vertreter von Hilfsorganisationen vor einer Hungerkatastrophe.
"Die Lage heute ist weitaus komplizierter als noch Anfang der neunziger Jahre, als Somalia zum ersten Mal im Bürgerkrieg versank", meint der italienische Sonderbotschafter für Somalia, Mario Raffaelli. "Damals hatten wir es mit einem Krieg zwischen zwei einflussreichen Subclans zu tun, heute gibt es unendlich viele Gruppen und dazu die Islamisten." Raffaelli rührt in seinem Espresso und blickt aus seinem Fenster im neunten Stock ratlos auf den Verkehr in Kenias Hauptstadt Nairobi. Eigentlich sollte er ja in Mogadischu sein - "doch Mogadischu brennt", sagt er.
Gegen die schwache Übergangsregierung von Präsident Abdullahi Jussuf und seine äthiopischen Unterstützer hat sich mittlerweile eine seltsame Koalition aus Warlords und Mudschahidin gebildet, die verbissen um jede Ruine kämpft und sich dabei den tiefverwurzelten somalischen Hass auf die Nachbarn zunutze macht.
Seit Jahrhunderten kommt es immer wieder zum Krieg zwischen Somaliern und Äthiopiern, zuletzt 1977, als der somalische Diktator Siad Barre das Nachbarland überfiel, um sich den von ethnischen Somaliern besiedelten Ogaden einzuverleiben. Barre scheiterte, der Hass auf die christlich geprägten Äthiopier ist jedoch geblieben. Von dieser Feindschaft profitieren nun die Islamisten.
Sie stellen sich als Opfer einer amerikanisch-äthiopischen Verschwörung dar und verweisen auf die Erfolge, die sie errungen haben, als sie 2006 ein halbes Jahr lang weite Teile des Landes beherrschten, einschließlich der Hauptstadt Mogadischu. Damals schwiegen die Waffen, die Menschen trauten sich wieder aus ihren Häusern, Arbeitsbrigaden räumten den Schutt weg, Piraten und Warlords verkrochen sich.
Doch es ging nicht lange gut im Gottesstaat, weil die Fanatiker die Oberhand gewannen. Qaida-Kämpfer infiltrierten das Land, ganze Schiffsladungen mit Waffen aus dem Nahen Osten oder Eritrea landeten an der langen somalischen Küste, Somalier, die in Straßencafés Fußball im Fernsehen schauten, wurden dann und wann erschossen, Musik in der Öffentlichkeit stand unter Strafe.
In Washington schrillten die Alarmglocken. "Al-Qaida will ein Kalifat über ganz Afrika etablieren", sagte der damalige Vorsitzende des Vereinten Generalstabs, General Peter Pace. Mittlerweile wurde ein Afrika-Oberkommando der US-Streitkräfte eingerichtet, dessen Hauptaufgabe die Errichtung einer neuen afrikanischen Front gegen den Terrorismus ist.
Eigene Soldaten allerdings wollen die Amerikaner nicht noch einmal schicken. George Bush senior hatte, von grauenvollen Fernsehbildern aufgeschreckt, im Jahr 1992 rund 28 000 GIs mit dem Segen der Uno nach Somalia entsandt, um die Hungersnot zu beseitigen. Die Mission endete im Desaster. Im Kleinkrieg gegen den Warlord Mohammed Farah Aidid verloren die USA "Black Hawk"-Helikopter und etliche Soldaten. 1994 zog die Weltmacht wieder ab und überließ Somalia fortan sich selbst.
Anders als 1992 soll diesmal der wichtigste Verbündete der Amerikaner in der
Region, Äthiopiens autoritärer Regierungschef Meles Zenawi, den Job erledigen. Er nahm Mogadischu innerhalb weniger Tage ein, stolz patrouillierten äthiopische Soldaten in ihren sandfarbenen Uniformen durch die Straßen und feierten den leichten Sieg. Seither wird es jedoch mit jedem Tag ungemütlicher und gefährlicher.
Die Islamisten bilden Rollkommandos, die auf Pick-ups heranpreschen und mit aufmontierten Maschinengewehren ihre Feinde unter Beschuss nehmen. Sie zünden ferngesteuerte Bomben und verüben auch Selbstmordattentate. Kaum noch ein Ausländer wagt sich auf die Straße. "Somalia ist für die Arbeiter der humanitären Hilfe der gefährlichste Ort der Welt", sagt Eric Laroche, der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe in Somalia.
Die beiden einzigen großen Krankenhäuser nahmen seit Anfang dieses Jahres über 5000 Verwundete auf. Während der Kämpfe im November starben jeden Tag 75 Menschen in Mogadischu, obwohl weite Teile der Stadt entvölkert sind. Seit Beginn der äthiopischen Besatzung kamen 6000 Menschen ums Leben.
Die Folgen dieses Guerillakriegs sind für die Somalier katastrophal. Weil die letzten Ernten schlecht waren und die Menschen nach 17 Jahren Bürgerkrieg erschöpft sind, befürchten Uno-Beobachter nun ein Massensterben. Humanitäre Hilfe ins Land zu bekommen ist abenteuerlich. Immer wieder kapern Piraten Schiffe mit Hilfsgütern. Weite Teile der Küste sind in Händen der Freibeuter, die das Gewässer mit Schnellbooten unsicher machen.
Um den Kämpfen in Somalia zu entkommen, hat ein Exodus eingesetzt. Fast 30 000 Menschen haben in diesem Jahr bereits versucht, den Golf von Aden zu überqueren und nach Jemen zu gelangen. 100 bis 150 Dollar kostet der Trip. Für viele Somalier ist die rund 40-stündige Überfahrt auf den klapprigen, zwölf Meter langen Fischerbooten eine Reise in den Tod. "Wenn die Kapitäne Gefahr wittern, werfen sie die Flüchtlinge einfach ein paar Kilometer vor der jemenitischen Küste über Bord", sagt Abdulkadir Hussein Maalin von der Hilfsorganisation Somlink.
Fast 600 Leichen wurden in den letzten Monaten in Jemen angespült. Noch höher ist die Zahl derer, die über Bord gingen und nie wieder auftauchten. "Wir versuchen die Menschen von diesem Wahnsinn abzuhalten", sagt William Lorenz von der International Organization for Migration, "doch die Verzweiflung ist zu groß."
Die Aufständischen feiern derweil weitere Siege. In der vergangenen Woche nahmen sie Buulobarde ein, eine Stadt 200 Kilometer nördlich von Mogadischu. Es habe nur ein kurzes Gefecht gegeben, berichten die Einheimischen. Als die Regierungstruppen die islamistischen Krieger sahen, nahmen sie einfach Reißaus.
THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 52/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOMALIA:
Schlimmer als je zuvor

  • Der Mordfall Lübcke: Spurensuche im braunen Netzwerk
  • Super-Sandburg in Thailand: Gib mir die Hand, ich bau dir...
  • Schluss mit Dampfen: San Francisco verbietet E-Zigaretten
  • Hitzewelle in Deutschland: "Ein Hitzschlag ist immer noch zu 40 bis 50 Prozent tödlich"