22.12.2007

Legenden unterm Hammer

Global Village: Wo Frank Sinatra klimperte und Claude Monet malte - das Savoy-Hotel wird renoviert und versteigert sein Innenleben.
Das "Thames Foyer", der Prachtsaal des Savoy, in dem in den letzten Monaten ein Pianist mit Make-up und östlichem Akzent ziemlich einsam vor sich hinklimperte, ist heute gut gefüllt. Rund 500 Leute recken die Hälse Richtung Decke, als der Auktionator die Nummer 68 aufruft.
Dort oben baumeln vier Kronleuchter, bestückt mit 24 Elektrokerzen, um die sich Rosen aus Keramik winden. Der Auktionator setzt niedrig an. Dann geht es schnell. 3500, 4000, 5000. Ein paar Sekunden später ist Nummer 68 weg: für 16 000 Pfund, das sind etwa 22 000 Euro.
Fast alles, was den Gästen des Londoner Savoy über die Jahre lieb und teuer wurde, kommt unter den Hammer. Es ist die wohl größte Versteigerung der Hotelgeschichte. Nachttische, Vorhänge, Lampen, Garderobenständer, Tassen, silberne Servierplatten, Betten - alles muss raus. Nicht einmal vor dem Schirmständer aus der Herrentoilette kennt der Hammer Gnade. Gleich zu Anfang schlug er den Paravent von der Rezeption los - ein Ungetüm aus Mahagoni, achteinhalb Meter lang, dreieinhalb Meter hoch. "Dafür brauchen Sie aber ein ganz spezielles Haus", scherzte der Auktionator. Es verging die Zeit, die ein VW Golf braucht, um von null auf hundert zu kommen, bis es hieß: "Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. 6500 Pfund, an den Gentleman dort drüben."
Normalerweise, so sollte man glauben, sind alte Betten und Vorhänge ein Fall für den Sperrmüll oder, wenn es hochkommt, für ein paar Trödler, die nicht die Mühe scheuen, jene von Zehntausenden frequentierten Gebrauchsgegenstände bis zur Unkenntlichkeit zu renovieren. Normalerweise.
Aber das Besondere am Savoy war stets, dass es das Normale hier nicht gibt. Wenn es sein musste, wurde eine Geburtstagstorte von einem Babyelefanten serviert, und der leibhaftige Caruso sang dazu. Deshalb trägt das betagte Mobiliar den Namen Savoy wie einen Orden, und die bessere Londoner Gesellschaft pilgert zur dreitägigen Versteigerung wie zum Pferderennen nach Ascot.
Das Savoy ist ein Symbol alten britischen Reichtums, aus der Zeit, als diese Insel noch die Weltmeere regierte, die Kolonien noch Gold, Diamanten und Baumwolle frei Haus lieferten, als Globalisierung noch Imperialismus hieß und zum guten Ton gehörte.
Jetzt, in den neuen Zeiten, da sich die Welt London als Finanzzentrum Nummer eins erwählt hat, wirkt das Savoy ältlich und staubig.
Natürlich, hier hat Oscar Wilde mit seinem Geliebten gelebt, Churchill mit seinem Kabinett zu Mittag gegessen, Claude Monet von seiner Suite aus London gemalt, Humphrey Bogart mit Lauren Bacall in der American Bar getrunken. Alfred Hitchcock hat hier Drehbücher korrigiert, Marilyn Monroe im Ballsaal getanzt und Bob Dylan das Video zu "Subterranean Homesick Blues" gedreht.
In diesen Räumen wirkt ein Internet-Anschluss bis heute so unpassend wie ein Hosenträgergurt in einem Rolls-Royce. Nun wird die Schatztruhe für 16 Monate geschlossen und für 100 Millionen Pfund renoviert. Die meisten Leute hier ängstigt das, Keith Martin ist so einer. Er steht auf dem Gang in einem blauen Rollkragenpullover und sagt: "Manche Hotels sind Primadonnen. Das Savoy ist warm und gemütlich wie das Landhaus meiner Großmutter. Ich würde es hassen, wenn daraus so ein schicker, kalter Glas- und Stahlkasten würde." Er wölbt seine Oberlippe vor Abneigung. Später bietet er für eine Nachttischlampe aus Messing.
Im Versteigerungsraum wird es jetzt ganz still, was daran liegt, dass Nummer 97 an der Reihe ist - der zu kurz geratene Flügel, der früher einmal weiß war und heute vergilbt ist und übersät mit tiefen Kerben. Er sieht aus, als hätte jemand jahrzehntelang im Keller Bierkästen darauf gestapelt.
Aber an diesem schäbigen Ding pflegte einst Frank Sinatra nach seinen Londoner Konzerten Platz zu nehmen, so will es die Savoy-Legende, und von dort rief er einem Barkeeper namens Joe Gilmore zu: "Set them up, Joe." - "Mach sie fertig, Joe." Der Barmann fing daraufhin an, trockene Martinis zu rühren, und weil für Sinatra dieses Geräusch so etwas wie das reine Glück war, spielte er ein paar Takte.
Eine Dame in einer braunen wattierten Jacke bietet 2500 Pfund. Sie hat vor einer Minute 45 Frühstückstische aus weißem Plastik erworben für 800 Pfund, aber das scheint nur eine Fingerübung gewesen zu sein, jetzt erst wirkt sie entschlossen - sie will den Bierkasten-Flügel.
Andere wollen ihn auch. Aber jedes Gebot wird wieder überboten von der Dame in der braunen Jacke, bis bei 9500 Pfund nur noch eine Karte einsam in der Luft ist: ihre. Später auf dem Gang ist die Dame in Braun immer noch ganz außer Atem. Sehr glücklich, sagt sie, sei sie. Nicht für sich habe sie den Flügel ersteigert, sondern für einen reichen Herrn, der anonym bleiben wolle, Sinatra liebe und nicht Klavier spielen könne.
Etwas weiter hinten im Gang lächelt ein eleganter Herr schief wie Bogart in "Casablanca". Der Mann heißt MacDonald, aber sein Vorname lautet ein wenig überspannt Kiaran W., er ist der Geschäftsführer des Savoy.
"9500 Pfund", sagt MacDonald und schüttelt den Kopf. "Ganz schön viel für ein Klavier."
Er scheint froh, den Flügel endlich los zu sein und die Geschichte von Sinatra gleich mit. Noch bevor die Auktion begann, bekannte MacDonald mit Blick auf den vergilbten Kasten: "Hat Sinatra wirklich darauf gespielt? Ich weiß es nicht." Aber es seien eben auch Legenden, die zum Inventar des Savoy gehörten.
Und wer weiß, am Ende sind sie auf dieser Versteigerung wahrscheinlich der wertvollste Stoff. THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 52/2007
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