22.12.2007

AUTOMOBILEPimp my Rolls

Goldene Kühlerfiguren, gestickte Dachhimmel und mehr Fußraum für die Geliebte - ein schwäbischer Kleinbetrieb veredelt Rolls-Royce-Limousinen.
Das Auto fällt schon auf im Landkreis Ludwigsburg - und dies nicht wirklich angenehm.
Mit ruhiger Hand steuert Wilfried Schad, Chefentwickler des Autoveredlers Mutec, den Rolls-Royce Phantom 1100 durch die erkennbare Missgunst grimmer Dorfschwaben. "Die Leute", sagt er, "sind schon oft ein bisschen überwältigt."
Der "Elfhunderter", wie Schad ihn ebenso sachlich wie liebevoll nennt, ist der längste Rolls-Royce, der offiziell unter dieser Firmenbezeichnung ausgeliefert werden darf. Um 1100 Millimeter übertrifft er das Serienmodell - das macht dann knapp sieben Meter und schafft Raum für je zwei einander gegenüberliegende Sessel anstelle des schlichten Serien-Sofas im Fond.
Dass derlei Spenglerarbeiten unter dem hoheitlichen Segen des Herstellers vollzogen werden, erfüllt Herrn Schad mit "immensem Stolz". Als einzige Firma der Welt genießt der 25-Mann-Betrieb aus Oberstenfeld die amtliche Lizenz des Herstellers, das Unmögliche zu wagen: die Veredlung von Rolls-Royce-Fahrzeugen.
"Pimp my Rolls", wenn man so will. Und es gibt Menschen, die wollen so.
"Das ist ein wachsender Markt", versichert Geschäftsführer Markus Ungerer, 42. Der frühere BMW-Verkaufsleiter wird bald umziehen mit seinem Betrieb, die Fläche verfünffachen und die Mitarbeiterzahl verdoppeln.
Das Geschäft besteht zu 100 Prozent aus Export. Menschen, denen der Rolls-Royce zu eng wird, passt Deutschland hinten und vorn nicht. "Meine Kunden", erklärt Ungerer, "verfügen oft über Budgets wie Staaten." Und das leuchtet rein volkswirtschaftlich auch ein, da es sich nicht selten um die Eigentümer der von ihnen bewohnten Länder handelt.
Etwa 40 Prozent von jährlich bis zu 50 Mutec-Fahrzeugen gehen in den arabischen Raum, knapp ein Drittel nach Russland, wo eine moderne Elite kaufkräftig belegt, dass auch die lupenreine Demokratie respektables Wohlleben zulässt.
Die Kosten für den Umbau der bisher ausgelieferten Fahrzeuge beliefen sich auf bis zu 1,1 Millionen Euro - was etwa dem Dreifachen des Preises für ein Serienmodell entspricht. Und die Frage, was man denn dafür kriegt, erscheint ebenso vulgär wie die nach einer konkreten Preisliste.
Das Wunscherfüllungsspektrum eines Rolls-Royce-Veredlers lässt sich beim besten Willen nicht in Ausstattungspakete mit abgegriffenen Namen wie "Avantgarde" oder "Prestige" zwingen. Es hat eher den Charakter eines sich unendlich ausdehnenden Universums der Machbarkeiten.
Kühlerfiguren aus massivem Gold werden geliefert, sind aber eher etwas für Leute ohne wirklich große Visionen. Exklusiver war die Bestellung eines Kunden, der den Dachhimmel als Stickerei ausgeführt wünschte: Sie sollte seine Lieblingsinsel mit allen Häusern als zarte Leuchtpunkte und seinem eigenen Anwesen als helles, dimmbares Leitgestirn zeigen. Ein anderer bestand auf einer bläulichen Unterflurbeleuchtung, die sich beim Öffnen der Tür einschaltet und den Aussteigenden ins rechte Licht rücken soll.
Ein russischer Geschäftsmann verwies auf eine im Oligarchenzirkel zunächst nicht unübliche Begleiterscheinung der Lebensumstände: Seine Partnerin, als Ex-Model tätig, verfügt über untere Extremitäten von 113 Zentimeter Länge. Das ist allerhand, im Rahmen eines Rolls-Royce-Fonds jedoch räumlich durchaus beherrschbar. Die Dame hatte aber den Wunsch, zuweilen auch den Beifahrersitz des Wagens zu nutzen, den der Hersteller für Personal auslegt, mit entsprechend knappem Fußraum. Vordersitze samt Trennscheibe mussten also weiter zurück. "Das", sagt Ungerer, "ist ein richtiger Akt, das kostet."
Wie viel? Und wer sind diese Leute?
Ungerer schweigt. Im richtigen Moment zu schweigen zählt zu den unabdingbaren Tugenden seiner Branche. Keiner der Kunden wünscht eine öffentliche Diskussion um die Besonderheiten seiner Fahrzeug- und Lebensgestaltung.
Schon der Firmensitz trägt dem Bedürfnis nach strenger Diskretion Rechnung: ein schmuckloser Betonquader ohne Aufschrift, ohne Verkaufsräume. Hier könnten ebenso gut Türverkleidungen für den Opel Vectra hergestellt werden.
Ungerers Kunden kommen nicht nach Oberstenfeld. Er fährt zu ihnen. "Die Leute sind sehr nett", sagt er. Seine Kundendienst-Maxime könnte aus einem Handbuch buddhistischer Lebensweisheiten stammen: "Man muss frei sein von Neid, frei sein von Gier und gut zuhören."
Oft wünschen die Kunden vor allem Schutz. In Staaten, deren Chefs ihre Rolls-Royce-Himmel besticken lassen, ist die innere Sicherheit zuweilen in schlechterem Zustand als der Fuhrpark des Regenten. Ungerer beobachtet zunehmendes Interesse an Panzerfahrzeugen. Auch diesen Service übernimmt seine Manufaktur als einziger Lizenzbetrieb für Rolls-Royce.
Mutec rüstet das Prunkmobil zur Trutzburg auf mit daumendicken Gläsern und Stahlplatten. Auch Sauerstoffflaschen gegen Giftgasattacken sind im Angebot.
Der Schutzschild macht den König der Personenwagen dann allerdings zur Schnecke. Im Interesse der Fahrsicherheit muss der viereinhalb Tonnen schwere Rolls-Panzer bei 160 km/h abgeregelt werden - da kann es dann passieren, dass im Rückspiegel die Lichthupe eines Fiat Panda aufblinkt. CHRISTIAN WÜST
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 52/2007
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