22.12.2007

LITERATURGedächtniswunder

Dieses Buch zählt zu jenen literarischen Werken, in denen der Leser zum Leser seiner selbst wird - wie es Marcel Proust unübertroffen formuliert hat. Mit der Tausende Seiten umfassenden Proustschen "Suche nach der verlorenen Zeit" (1913 bis 1927) kann der Österreicher Gerhard Roth, 65, zwar nicht mithalten, aber seine Autobiografie "Das Alphabet der Zeit" bringt es auch auf 860 Seiten - und ist ein ganz erstaunliches Prosawerk. Es ragt nicht nur aus der literarischen Produktion des Jahres hervor, sondern übertrifft fast alles, was Roth bisher selbst an Romanen und Erzählungen publiziert hat, und das sind seit 1972 mehr als 20 Bücher, nicht mitgezählt die Dramen und Essaybände. Sein "Alphabet" beginnt mit der frühesten Erinnerung im Alter von zweieinhalb Jahren, mit einer Szene, die sich genau datieren lässt. Im Januar 1945 wurde der Zug, in dem das Kind, seine beiden Brüder und die Mutter von Graz Richtung München fuhren, von einem britischen Tiefflieger angegriffen. Sehr präzise unterscheidet der Erzähler, was er nur aus Berichten der anderen kennen kann und woran er sich selbst zu erinnern glaubt, behutsam wechselt er von der Außen- zur Innenperspektive - eingedenk seiner Erkenntnis: "Die Erinnerung schreibt Romane, keine dokumentarischen Wahrheiten."
Dennoch ist es vor allem die Gedächtnisleistung, die an dieser Erzählung einer Kindheit und Jugend besticht, zumal Roth berichtet, dass er die ersten zwölf Jahre seines Lebens über Jahrzehnte ausgeblendet hatte. Erst mit Mitte 50, als sein Enkel ihm Fragen stellte, fielen ihm zunächst einzelne Szenen wieder ein, dann offenbar immer weitere Details. Selten wurden die Armut und Bedrückung, auch die Brutalität der Nachkriegsjahre so plastisch beschrieben wie hier. Aber damals gab es auch die erste Verliebtheit, später dann eine frühe Vaterschaft. 1960 - er war 17 - brachte die spätere erste Frau Roths eine Tochter zur Welt. Das Paradox guter Literatur gilt für dieses Buch besonders: Je subjektiver einer sein Leben schildert, desto mehr erfährt der Leser über sich selbst und die eigene verlorene Zeit.
Gerhard Roth: "Das Alphabet der Zeit". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 860 Seiten; 28 Euro.

DER SPIEGEL 52/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Gedächtniswunder

  • Überteuertes Insulin: "Wir sollten nicht unser Leben riskieren müssen, um zu überleben"
  • Popocatépetl in Mexiko: Er spuckt wieder
  • Gay-Pride Brasilien: Hunderttausende demonstrieren in São Paulo
  • Schildkröten-Prothese: Pedro läuft jetzt auf Rädern