22.12.2007

HUMOREs bebe die Gemütlichkeit

Der Zeichner, Maler, Humorist und Sonderling Wilhelm Busch gibt noch immer Rätsel auf. Zum 100. Todestag versuchen neue Biografien und große Ausstellungen zu klären, wer dieser deutsche Volkspoet und Quälgeist war.
Alle kennen ihn. Nicht alle lieben ihn. Doch lassen sich kaum welche finden, die nicht wenigstens zwei seiner berühmten Geschöpfe vor Augenhaben - die Übeltäter Max und Moritz. Oder die nicht eins seiner geflügelten Worte selbstverständlich zitieren können: "Vater werden ist nicht schwer, / Vater sein dagegen sehr", "Es ist ein Brauch von alters her: / Wer Sorgen hat, hat auch Likör", "Aber hier, wie überhaupt, / Kommt es anders, als man glaubt".
Wie Heinrich Heine ist auch Wilhelm Busch Gemeingut der deutschen Seele, gleichgültig, ob man weiß, wen man zitiert. Und selbst wenn: Der Antisemit, der Tierfreund und Pazifist, die Frauenrechtlerin und der Vegetarier, der Agnostiker und der Jesuitenhasser - all diese kommen bei ihm derart auf ihre Kosten, dass sie ihn lieben oder verachten können mit beinahe demselben Recht.
Man kann die Ehe schließen mit Wilhelm Busch ("Mädchen", spricht er, "sag mir, ob ..." / Und sie lächelt: "Ja, Herr Knopp!") oder die Witwerschaft feiern ("Heißa!" rufet Sauerbrot. / "Heißa! Meine Frau ist tot!!"). Man kann ihn als Spießer beklagen und als Satiriker preisen. Er war höherer Einsicht fähig und doch zu sehr derben Scherzen bereit, politisch mal einigermaßen zurechnungsfähig, dann wieder erschreckend stupid.
Ein reaktionärer Frauenfeind? Ein ausgemachter Sadist? Ein subversiver Feind des Obrigkeitstaats? Ein freundlicher Genremaler, ein verkanntes Genie, ein Eigenbrötler, Familienmensch, guter Onkel, heimlich Liebender? Wer war denn nun Wilhelm Busch?
Drei Biografien, aber auch mehrere Ausstellungen bemühen sich um Antworten, versuchen, den unbekannten Busch mit seinen Widersprüchen zu entschlüsseln (siehe Kasten Seite 143).
Er war kleiner Leute Kind im ebenso kleinen Wiedensahl (knapp 800 Einwohner) im Königreich Hannover, das er zum Studium verließ. Als älterer Herr zog er mit seinem Hausstand ins winzige Mechtshausen nördlich von Göttingen, um da reich und friedlich zu sterben. Dazwischen: eine Verschickung als Kind (zum gebildeten Onkel, um etwas zu lernen), Polytechnikum in Hannover, ein Studienjahr in Düsseldorf, eines in Antwerpen, Stationen in München und Frankfurt, eine missglückte Reise nach Rom.
Fast 76 Lebensjahre, vorwiegend sitzend und rauchend verbracht, hinter der Zeitung, an der Staffelei, vor dem Papier. Zur Abwechslung lange Spaziergänge durch das flache, grünbraune Land. Die Abende meistens betrunken, im Bett fast immer allein.
Als er zur Welt kam, am 15. April 1832, wurde ländliches Leben im Welfenstaat Hannover noch von der Kirche regiert - einschließlich der Justiz. Als er die Welt am 9. Januar 1908 verließ, war das wilhelminische Reich ein Musterstaat der Moderne. Es interessierte ihn kaum. Je älter er wurde, umso mehr zog er sich zurück, wehrte das Neue ab, gab sich unbeteiligt,
ein eingeschlafener Rebell. Fest hielt er an den Eindrücken der Jugend, den Farben der Kindheit und den ersten Lektüren. "Noch immer", schrieb er an einen Freund, den Dirigenten Hermann Levi, bereits als Endvierziger, "geh ich rauchend, den Schopenhauer in der einen, den Darwin in der anderen Tasche, den Strom entlang auf dem mutmaßlichen Wege ans Meer, wo vielleicht das Schiff liegt, welches, wie man sagt, nach den seeligen Inseln segelt. ... Drüben, am anderen Ufer des Stromes, steht der heilige Augustinus. Er nickt mir ernsthaft zu: Hier liegt das Boot des Glaubens; Gnade ist Fährmann; wer dringend ruft, wird herüber geholt. - Aber ich kann nicht rufen; meine Seele ist heiser; ich habe eine philosophische Erkältung."
Die hatte er von jeher: Der Neffe eines Pfarrers, Sohn gläubiger Protestanten, hielt es, wenn überhaupt, mehr mit Pantheismus und Seelenwanderung als mit dem Christentum. An der göttlichen Gnade zweifelte er, von der Sündigkeit des Lebendigen aber war er überzeugt: "Der Säugling hat seine Leib- und sonstigen Schmerzen. Warum? Weil er ein Taugenichts war vor seiner Geburt."
Und voller Taugenichtse ist sein Werk - und zwar von jenen, die es gern sind, und allen anderen, die es nur nicht wissen. Denn sind die Witwe Bolte, die fromme Helene, der Junggeselle Knopp etwa Stützen der guten Gesinnung? Meister Bäcker, der Max und Moritz in den Ofen schiebt, ist von obszöner Vollgefressenheit und steht all den anderen Schöpfungen Buschs in Charakterschweinerei nicht nach: den zahllosen Lehrern, die ihre Schüler verprügeln, den bigotten Kirchenmännern und den brutalen, versoffenen Vätern, rauflustigen Weibern, fröhlichen Metzgern, sadistischen Kindern. Selbst seine Tiere sind die Bosheit selbst.
Dabei war er eher zufällig oder aus Not satirischer Zeichner geworden. Wie hätte sich Busch wohl entwickelt, hätte er als Maler Chancen gehabt? Doch jene Kunst, die er liebte - die Genremalerei, die kleinen Leute von Adriaen Brouwer und Frans Hals, all die Trinker und Spieler, Bauern und Mägde, und die Landschaften himmelsvoll -, die hatte in der Epoche Wilhelm von Kaulbachs kein Renommee. Hier waren große Themen gefragt: historische Schlachten, griechische Mythen, biblische Szenen.
"Die Malschule in München war nichts wert", resümierte Busch seine Erfahrungen - so wenig wie der Beginn an der Düsseldorfer Akademie und das Ausbildungsjahr in Antwerpen. Ihm gingen dort im Museum die Augen auf, bei Jacques d'Arthois und Adriaen van Ostade; die Schulklassen schwänzte er oft.
Busch wollte Maler sein. Viele Jahre Bummelei, aus der Sicht seiner Eltern, hatte er sich ertrotzt, bis er sich mit Ende zwanzig endlich selbst finanzieren konnte. Aber eben nicht mit der Malerei. Sondern mit der Karikatur, mit jenem Design der Kritik, das Spott und Schnelligkeit, kaum zensierbare Ironie und neue Bildmittel verband.
1859, in Bayern, lernten der späte Student Wilhelm Busch und der Verleger Kaspar Braun einander kennen - enttäuschte Künstler beide, der Ältere allerdings ein erfolgreicher Unternehmer. Braun hatte die "Münchener Bilderbogen" und die "Fliegenden Blätter" gegründet, er gab Kinderbücher, illustrierte Klassiker und Zeitungen heraus. Er etablierte jene Technik des Holzstichs in Deutschland, mit der man von einem Buchsbaum-Druckstock viele tausend Abzüge machen konnte. Und er schuf, mit seinem Partner Busch, eine
neue Sparte der Kunst: Hier lernten die Bilder laufen, der Comic entstand.
Über diese Leistung Buschs besteht kein Zweifel, nicht einmal bei seinen Verächtern. Er fing mit Illustrationen an, die einfache Texte bebilderten, und innerhalb weniger Jahre revolutionierte er Sprache und Bild. Zum einen entwickelte er eine Polyphonie, in der das Bild den Text weiterführte oder sogar ironisierte - siehe den "Partikularisten", dem, als er Propaganda gläubig wiederholt, Eselsohren wachsen.
Zum anderen holte er die Zeit ins Bild, und er gab Metaphern zeichnerisch surreale Deutlichkeit: siehe die zahllosen Finger seines "Virtuosen" und die Stielaugen seines Zuhörers beim "Finale furioso"; siehe Beinschleifen und Verknotungen bei der "Fuga del diavolo".
Diese Folge von 15 Karikaturen, eine harmlose Satire auf die Liszt-Nachahmer seiner Zeit, stellt zeichnerisch in den Schatten, was bis dahin üblich war - und Busch stößt noch viel weiter vor: Er führt Schwenks und Perspektivwechsel ein, arbeitet mit Schnitten, plötzlichen Großaufnahmen, dem Zoom gewissermaßen - vor der Erfindung des Films. In seiner Säuferserie "Die Haarbeutel" holt er den Taumel des Besoffenen ins Bild, in "Max und Moritz" explodiert Lehrer Lämpels Pfeife in expressionistischer Kraft.
Die letzte große Neuerung schließlich betrifft die Sprache. Da "klickeradomst" die Nippesfigur, da "schlappt" die Fliegenklatsche ins Gesicht, "Und, rabum! Zum Überfluss / Löst sich laut der Flintenschuss". Was heute so gängig ist an lautmalerischem Sprechen geht vielfach auf Busch zurück. Die Buchstaben gaben es her, er setzte es neu zusammen. Auch dem brachial-genialen Reimzwang, der die deutsche Komik durchzieht, ist er als Erster hemmungslos gefolgt: "In der Kammer, still und donkel, / Schläft die Tante bei dem Onkel." Wer über Heinz Erhardt lacht, dankt immer auch Wilhelm Busch.
Er konnte bald mit sich zufrieden sein, und er hatte großen Erfolg. "Max und Moritz", die er als 33-Jähriger publizierte, waren (und sind) ein Bestseller und gingen um die Welt; allein von diesen Tantiemen wurde er reich, und er wurde berühmt.
Einige Lebensphasen vergingen in München quasi im doppelten Rausch - tags schaffend am Zeichentisch, nachts mit den Freunden, zu denen auch der Malerfürst Franz Lenbach zählte, in entschlossener Trunkenheit.
Doch zieht er sich immer wieder zurück an seinen Kindheitsort, brütet über neuen Projekten, malt Stillleben auf Pappe, vernichtet sie, pflegt seine Menschenscheu, beobachtet Wetter, Kinder und Tiere, schreibt resignative Briefe, hält sich an der Pfeife fest.
Mit 35 Jahren öffnet sich das Leben noch einmal. Durch einen Bruder, der dort Hauslehrer ist, gerät er in die Bankiersfamilie Kessler in Frankfurt am Main. Johanna Kessler, Gattin und siebenfache Mutter, bindet ihn jahrelang an das feudale Haus, richtet ihm Atelier und Gästewohnung ein, nimmt Einfluss auf die rauen Sitten dieses Junggesellen und fördert den Maler in ihm. Wie weiland Frau von Stein bei Goethe hat sie mit ihrer Erziehung freilich keinen Erfolg.
Nur flieht Busch nicht nach Rom (dahin reist er später und gleich widerwillig), sondern zurück nach Wiedensahl. Die entlarvende "Fromme Helene", der leicht obszöne "Heilige Antonius von Padua" wirken aus dieser Warte wie späte Befreiungsschläge: So steht es um Mann und Frau, wenn ein enttäuschter Satiriker eine lange Ambivalenz mit puerilem Zorn zur Strecke bringt.
Das Leben wird enger und bleibt es. Busch reist immer mal wieder nach München, um mit den Freunden zu saufen, und zieht sich dann wieder aufs Land zurück. Der ernste Gedichtband "Kritik des Herzens", mit dem er vom freien Reim zum schlichten Pathos wechselt, ist ganz und gar kein Erfolg. Eine enthusiastisch geführte Korrespondenz mit der niederländischen Autorin Maria Anderson versickert nach dem einzigen, katastrophalen Rendezvous.
Diverse Versuche mit anderen Damen führen zu nichts; mit 45 Jahren vollendet Busch die Knopp-Trilogie, die er mit den "Abenteuern eines Junggesellen" begonnen hatte. Knopp, der Held, hat es schließlich zur Ehe gebracht, das Kind wächst heran und kommt unter die Haube:
Knopp, der hat hienieden nun
Eigentlich nichts mehr zu tun. -
Er hat seinen Zweck erfüllt. -
Runzlig wird sein Lebensbild. -
Mütze, Pfeife, Rock und Hose
Schrumpfen ein und werden lose,
So dass man bedenklich spricht:
"Hört mal, Knopp gefällt mir nicht!"
In der Wolke sitzt die schwarze
Parze mit der Nasenwarze,
Und sie zwickt und schneidet, schnapp!
Knopp sein Lebensbändel ab.
Na, jetzt hat er seine Ruh!
Ratsch! Man zieht den Vorhang zu.
Doch es kamen noch gut dreißig Jahre. Der Frührentner Wilhelm Busch - mit 64 lässt er sich abfinden - ist das Rätsel, das alle drei großen Biografien zu deuten versuchen. Sie sind, das ist die Güte des Rätsels Busch, alle sehr lesenswert, ja ein Genuss: die psychoanalytisch herbe Gert Uedings, die diskret-elegante von Gudrun Schury, die oft überraschende, kühn-überzeugende von Eva Weissweiler.
Sie schlagen sich ebenso klug mit der Frage herum, woher bei Busch das Böse kommt und warum es ins Komische geht. "Vom Leben geglüht, mit Fleiß gehämmert und nicht unzweckmäßig zusammengesetzt" - so sagt es der Meister selbst.
Ein guter Maler ohne Fortune, ein herzlich dürftiger Poet, ein genialer Wortkomiker und Zeichner, ein Widerspruch lebenslang. Nur da war er ohne Ambivalenz: Über das Weihnachtsfest hat er nie Witze gemacht. ELKE SCHMITTER

BÜCHER:
Gudrun Schury: "Ich wollt, ich wär ein Eskimo.
Das Leben des Wilhelm Busch". Aufbau Verlag, Berlin;
416 Seiten; 24,95 Euro.
Gert Ueding: "Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature".
Erweiterte und revidierte Neuausgabe. Insel Verlag, Frankfurt am Main; 432 Seiten; 26,80 Euro.
Eva Weissweiler: "Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist.
Eine Biografie". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 384 Seiten; 19,90 Euro.
AUSSTELLUNGEN:
Ludwig Galerie Schloss Oberhausen: "Herzenspein und
Nasenschmerz". Bis 24. Februar, danach in Frankfurt am Main und Neu-Ulm.
Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig:
"Soviel Busch wie nie". Bis 27. April.
Wilhelm-Busch-Museum, Hannover: "Wilhelm Busch: Erotisch,
komisch, gnadenlos". 13. Januar bis 9. November.
Stadtmuseum Erlangen: "Wilhelm Busch und die Folgen".
4. Mai bis 3. August.
Museum Georg Schäfer, Schweinfurt: "Carl Spitzweg und
Wilhelm Busch". 29. Juni bis 2. November.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 52/2007
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