22.12.2007

„Arsch aus Bronze“

Der Frankfurter Cartoonist Hans Traxler über seinen großen Kollegen Wilhelm Busch
Traxler, 78, war Mitbegründer der Satire-Zeitschriften "Pardon" und "Titanic"; er zeichnete Kanzler Helmut Kohl als "Birne" (1983) und illustriert bis heute zahlreiche Bücher. Im Februar erscheint "Meine Klassiker", ein Band mit Bildergedichten (Reclam Verlag).
-----------------------------------
SPIEGEL: Herr Traxler, wie ist Ihr Verhältnis zu Wilhelm Busch?
Traxler: Während meiner Schulzeit in den dreißiger Jahren war Busch das Maß aller Dinge. Die beiden dicken Busch-Bände standen bei meinen Eltern im Regal und wurden immer wieder hervorgeholt und gelesen. Ich habe sie seitenweise auswendig gekonnt. Das war damals so in deutschen Bürgerhäusern.
SPIEGEL: Und später?
Traxler: Nach Kriegsende, als ich beruflich zu zeichnen begann, hatte ich andere Götter: Saul Steinberg und vor allem James Thurber. Dieser urbane angelsächsische Witz gefiel mir. Busch schien dagegen provinziell, irgendwie spießig.
SPIEGEL: Aber er hat doch auch Spießbürger verspottet?
Traxler: Ja, hat er. Aber Figuren wie Balduin Bählamm und Lehrer Lämpel, das schien mir damals tiefstes deutsches Biedermeier.
SPIEGEL: Dabei hat Busch doch für jeden Künstler gültige Wahrheiten formuliert. In "Maler Klecksel" heißt es: "Leicht kommt man an das Bildermalen, / Doch schwer an Leute, die's bezahlen."
Traxler: Damit hatte Busch ja keine Probleme, und auch mich haben meine Zeichnungen immer ganz gut ernährt. Meine Vorbilder waren über Jahrzehnte die Cartoons der Magazine "New Yorker" und "Punch". Erst vor einigen Jahren habe ich wieder in ein Busch-Buch geguckt - und war voller Bewunderung. Busch war ein Zeichner, wie er nur alle 100 Jahre auf die Welt kommt.
SPIEGEL: Was macht Busch so besonders?
Traxler: Natürlich war er auch ein begnadeter Versemacher, aber in erster Linie beeindruckt mich seine Zeichenkunst. Im Gegensatz zu anderen großen Zeichnern des 19. Jahrhunderts wie Gustave Doré oder Adolph Menzel hatte Busch diesen komischen Blick. Er konnte nicht nur gut Typen erfinden, sondern ihnen auch eine typische Körpersprache geben. Sehen Sie sich Figuren wie "Fipps der Affe" oder "Hans Huckebein" an: Was er mit denen an Verrenkungen und Verkürzungen anstellt! Unerreicht!
SPIEGEL: Busch selbst behauptete, seine Bildergeschichten seien "vom Leben geglüht, mit Fleiß gehämmert". Reicht das wirklich?
Traxler: Man braucht eine Kombination aus Talent und Ausdauer. Mein Zeichenlehrer hat einmal gesagt: Genie ist Begabung und ein Arsch aus Bronze.
SPIEGEL: Das klingt eher nach Respekt als nach großer Begeisterung.
Traxler: Nein, nein. Alle Zeichner dieser Welt nähern sich Busch nur auf den Knien. Das heißt aber noch lange nicht, dass man heute noch so zeichnen könnte wie er. In 100 Jahren ist viel passiert.
SPIEGEL: Busch war offenbar kein glücklicher Mensch. Ist persönliches Leid vielleicht sogar die Voraussetzung, um ein guter Künstler zu sein?
Traxler: Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht. Ich glaube nicht an das Van-Gogh-Syndrom. Ich weiß, die Menschen lieben die große Tragik, die den Künstler umweht, wenn er sich ein Ohr abschneidet. Aber ich zeichne immer dann am besten, wenn ich glücklich bin.
SPIEGEL: Auch bei der Landschaftsmalerei? Wie Wilhelm Busch ziehen Sie gelegentlich mit der Staffelei ins Gelände. Ist dann Schluss mit lustig?
Traxler: Insgeheim ist Malen der Traum jedes ambitionierten Zeichners. So wie angeblich jeder Komiker davon träumt, den Hamlet zu spielen. Aber ich habe diese Bilder nur für mich und den lieben Gott gemacht, und dabei wird es auch bleiben. Man kann doch nicht immer witzig sein, das wäre ja traurig. INTERVIEW: MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 52/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Arsch aus Bronze“

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt