22.12.2007

KINOUnter russischen Wölfen

David Cronenbergs gewaltstrotzender, aber höchst kunstvoller Film „Tödliche Versprechen“ zeigt Armin Mueller-Stahl in der Rolle eines Londoner Mafiapaten.
Das Leben ist kein Streichelzoo in diesem Film, der uns gleich zu Beginn einen äußerst gut gelaunten Mann beim Friseur vorstellt. Plötzlich kommt ein junger, fiebriger Kerl in den Laden gestürzt, und man sieht den Friseurkunden lachen und feixen über die nervöse Unbeholfenheit des Knaben. Da fasst sich der Verlachte ein Herz - und schlitzt dem Mann im Stuhl ratzfatz die Kehle auf.
Mit dieser kraftmeierischen, aber auch grotesk-komischen Säbelei eröffnet der kanadische Regisseur David Cronenberg einen Mafiafilm, der in London spielt. Und markiert die Atmosphäre eines Thrillers, in dem diversen menschlichen Körpern Gewalt angetan wird in einer plastischen Weise, die man im Gegenwartskino ansonsten nicht zu sehen bekommt.
"Tödliche Versprechen", im Original "Eastern Promises", ist ein Gangsterfilm, der sich sehr ernsthaft (wenngleich in christlichem Sinne garantiert unfromm) mit der Frage nach der Auferstehung des Fleisches beschäftigt und vom Kampf um ein geheimnisumwittertes Neugeborenes handelt.
Zunächst mal erzählt Cronenberg, 64, eine fast altmodische Krimi-Handlung. Naomi Watts spielt eine Hebamme namens Anna in einem Londoner Krankenhaus, sie hat russische Vorfahren und hilft eines Tages, das Kind eines als Notfall eingelieferten russischen Mädchens zur Welt zu bringen. Die junge Mutter, offenbar eine drogenkranke Prostituierte, stirbt.
Anna kümmert sich um das Baby, nimmt das Tagebuch der Toten an sich und forscht ihr bald hinterher. Dabei stößt sie auf das Lokal "Transsibirian Restaurant" und dessen höchst zwielichtige, ach was, für jedermann ersichtlich übel kriminelle Belegschaft.
Das Böse erkennt man nicht bloß an den bulligen Bodyguards, mit denen sich die Herren dieser russischen Unterwelt mitten in der Hauptstadt des untergegangenen britischen Imperiums umgeben. Auch die Großverbrecher selbst, so lernt Anna, eine staunende Alice im Mörderland, benehmen sich so dreist, als gehörte heute allein ihnen die Welt.
Das Kerngeschäft der Mafiabruderschaft besteht aus Drogenhandel, Mord und Zwangsprostitution, ihr Boss ist der täuschend opahafte Semyon (Armin Mueller-Stahl); brutaler, unberechenbarer ist Semyons versoffener Sohn Kirill (Vincent Cassel); und von geradezu roboterhafter Ruchlosigkeit scheint Nikolai (Viggo Mortensen) zu sein, dem man bald dabei zusieht, wie er einer Leiche die Fingerkuppen abknipst, damit die Polizei es bei der Identifizierung nicht so leicht hat.
So packend, lässig und psychologisch ausgefeilt schickt der Regisseur einen Deutschen, einen Franzosen und einen Amerikaner als Russen durch London, dass nicht mal der alte KGB auf Anhieb diesen perfekten Kinoschwindel hätte aufdecken können.
Wie überhaupt Cronenberg, für Werke wie "Die Fliege" (1986) als Meister surrealen Horrors gefeiert, sich neuerdings ganz ohne Fantasy-Brimborium, dafür mit gesteigerter realistischer Finesse den Dingen widmet, die ihn interessieren.
Nicht zufällig erinnert die physische Gewalt in seinem Film wiederholt an die Enthauptungsbilder islamistischer Terroristenvideos. In Cronenbergs früheren Werken sind es Infektionen, Parasiten, verschwörerische wissenschaftliche Machenschaften, welche die Menschen verformen und verwandeln; in seinen aktuellen Filmen (vor "Tödliche Versprechen" schon in "A History of Violence", 2005) forscht er danach, wie der banale, sozusagen alltägliche Einbruch rohester körperlicher Gewalt die Menschen, Opfer wie Täter, mutieren lässt, wie mörderische Attacken Wunden ins Fleisch reißen und unwiderruflich zuvor lebendige Organismen auslöschen.
Er wolle Gewalt keinesfalls verharmlosen, sagt Cronenberg in Interviews. "Ich nehme das Morden ernst. Es ist ein absoluter Akt der Zerstörung." Und gerade weil er nicht an ein Weiterleben nach dem Tod glaube, zeige er so drastisch "Lebenskraft, die nicht ausgelöscht werden will".
Das hört sich aber nun doch anstrengender an, als es auf der Leinwand (buchstäblich) exekutiert wird. Zu Recht weist der Regisseur darauf hin, dass höchstens vier von hundert Filmminuten in "Tödliche Versprechen" Mord und Totschlag zeigen.
Die finale Messerstecherei in einem türkischen Badehaus, wo zwei bekleidete tschetschenische Killer Jagd auf den coolen, nackten (und letztlich natürlich für das Gute kämpfenden) Nikolai machen, gilt allerdings schon jetzt als stilbildend in der Geschichte des Actionkinos: eine absurde, rasante und schlimm ekelhafte, dabei nahezu metaphysische Blutorgie im Schwitzbad.
Im Übrigen liegt es nicht an der notorischen Gewaltbesessenheit Amerikas allein, dass viele US-Filmkritiker "Tödliche Versprechen" als Oscar-Kandidaten handeln. Naomi Watts und Viggo Mortensen, die zarte blonde Schöne und die russische Bestie, sind das wohl unwahrscheinlichste Liebespaar des Kinojahres. Und sicher das bezauberndste. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 52/2007
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