22.12.2007

UNTERHALTUNGJenseits des Melodrams

„Krieg und Frieden“, eine strahlend werktreue TV-Verfilmung des berühmten Tolstoi-Romans, zeigt, dass Historiendramen im Fernsehen mehr sein können als kitschige Kulisse für die Sehnsüchte der Gegenwart.
Da tanzen sie. Da lieben sie, und, ach, da sterben sie. Die Paläste strahlen in den schönsten Fernsehfarben, die Frauen auf dem Schirm bezaubern, die Kamera blickt auf blutige Schlachtfelder, TV-Moskau brennt.
Und der Dialog orgelt erhaben zur Musik: "Nichts in der Welt passiert zufällig." Der Dichter Leo Tolstoi (1828 bis 1910) hat in seinem gewaltigen Roman "Krieg und Frieden" ein Epochengemälde gestaltet. Leben in dramatischer Zeit vor zweihundert Jahren. Nur, was geht uns das an?
Fast sieben Fernsehstunden, vier Teile zur besten Sendezeit*, 27 Millionen Produktionskosten - sofort ist der TV-Allergiker alarmiert. Schmeckt er das fade Aroma eines historischen Schinkens, steigt ihm der Puder in die Nase, nebelt da der Kalk von gestern unser schönes Heute ein?
Denkste. Die Neuverfilmung von "Krieg und Frieden" ist ein fiktionales Kraftpaket der europäischen TV-Industrie. Es ist die wunderbarste Enttäuschung negativer
Erwartungen, die es seit langem gab: Alles ist gut.
400 Minuten ohne Kitsch, 400 Minuten auf dem sicheren Boden der weltberühmte Vorlage, 400 Fernsehaugenblicke, ohne dass das Medium selbstverliebt abhebt. Welch ein gewonnener Krieg gegen die Versuchung, den Roman mit den außerliterarischen Mitteln des Gewerbes zu überbieten, welch ein Frieden mit dem Dichter.
Diese Neuverfilmung passt zum Umdenken, das gegenwärtig im Fernsehen beim Umgang mit historischen Stoffen stattfindet. Es ist die Abkehr vom Melodramatischen, und es könnte ein Segen werden.
Es sieht so aus, als hätte der Geschichtsdämonisierung die Stunde geschlagen, den flimmernden Heldenliedern und ebenso den historischen Verteufelungen. Statt der Beschwörung heroischer Klischees gibt es Anzeichen für einen neuen Respekt vor Geschichte, für ihre Vermenschlichung die beste Voraussetzung, Gewesenes zu verstehen.
Der Vergangenheit begegnen die TV-Macher heute mit mehr Gelassenheit. Dabei ist das Gegenteil, die total verspannte Haltung, noch nicht so lange her. Die Rede ist von den sogenannten TV-Events, in denen Geschichte entweder zum gefühligen Ort reinen Schreckens oder zum Erlebnispark für Heldentum stilisiert war.
In dem überwältigenden Zweiteiler "Dresden" etwa hielt das Schicksal unerbittlich Strafgericht über deutsche Schuld und deutsche Unschuld, ließ Bomben auf Nazis und unschuldig Liebende gleichermaßen fallen. Historie blieb fremd, fern und schrecklich unverstehbar.
"Die Luftbrücke" ging in eine andere Richtung, behandelte aber die Vergangenheit als erhabenen Hort alliierter Tapferkeit, kaum erreichbar für uns Heutige, vorbildlich, aber eben unendlich weit weg, höchstens geeignet für die kleinen Fluchten in unheroischer Zeit.
Auch "Die Flucht" mit der moseshaften gräflichen Anführerin (Maria Furtwängler), das Sintflut-Drama "Die Sturmflut" oder die Errettungsstory aus der Tiefe der Erde, "Das Wunder von Lengede", gehören in diese Reihe quasireligiös überhöhter Vergangenheit, in der es viel zu weinen,
zu fühlen und zu schaudern gibt, aber wenig zu lernen.
Das Thema deutsche Einheit war ebenfalls bis vor kurzem auf dem Wege, sich in Fernsehweihrauch aufzulösen. Am 27. Januar nun unternimmt das ZDF den interessanten Versuch, die Geschichte der Maueröffnung einmal anders als im Stil eines sentimentalen Erlösungsmelodrams zu erzählen: "Das Wunder von Berlin" mit Heino Ferch und Veronica Ferres heißt der Film. Er schildert das Ende der DDR aus der Perspektive einer zerfallenden Familie - mit einem regimetreuen Stasi-Vater, einer verzweifelnden Mutter und einem Sohn, der gerade dabei ist, sich vom wilden Punker in einen überzeugten NVA-Soldaten zu verwandeln, als es plötzlich mit der DDR vorbei ist.
Da überrollt die Geschichte eine Familie, ein Hauch Buddenbrook zur Wendezeit, ein Moll-Ton im bisher üblichen Helden-Dur der deutschen Vereinigungsmovies: Auch das gab es im realen Leben vor geschichtsmächtigem Hintergrund.
Bevor "Das Wunder von Berlin" als etwas überladene, doch höchst achtbar differenzierende und alltagsnahe Geschichtslektion läuft, ist nun das Fernsehwunder "Krieg und Frieden" zu besichtigen.
Ohne Angst vor den großen Vorbildern, der Hollywood-Verfilmung (1956) von King Vidor mit Audrey Hepburn und Sergej Bondartschuks Mammutunternehmen aus den späten sechziger Jahren, mit dem die Sowjetunion den Nationaldichter heimholen wollte (Mitwirkende: 20 000 Soldaten, und der wahrscheinlich höchste Etat aller Zeiten), packte der in Rumänien geborene, in Kalifornien lebende österreichische Regisseur Robert Dornhelm, 60, sein europäisches TV-Projekt an.
Wenn man so will, im Tanzschritt. Dornhelm hat vor seiner Zeit als Historienregisseur ("Die zehn Gebote", "Kronprinz Rudolfs letzte Liebe", "Anne Frank") bedeutende Dokumentationen über Tänzer gedreht, so über die St. Petersburger Ballettschule, 1978 für den Oscar nominiert, außerdem ein 1981 in den USA entstandenes Porträt der Tochter des Ballettstars Waslaw Nijinskij, Kyra Nijinskij ("She Dances Alone").
Es sind nicht nur die grandiosen Ball- und Kostümszenen, die Dornhelms Blick für die richtige Choreografie verraten, es ist sein sicheres Gefühl für Räume und die passenden Aufstellungen. Geschichte im Fernsehen ist nicht zuletzt Bewegungskunst, die Sicherheit beim Finden der richtigen Proportionen.
Gerade der immer wieder umkomponierte vierbändige Tolstoi-Roman - erst 1868/69 stand nach langem Hin und Her die Endfassung fest - fordert ein Gefühl für die richtigen Maße. Tolstoi wollte sein breitangelegtes historisches Panorama russischen Lebens eigentlich nicht "Roman" nennen. In einer früheren Phase des Entstehungsprozesses von "Krieg und Frieden" schrieb er an den Herausgeber einer Zeitschrift, die Teile des Werks abdruckte: "Der Kern dessen, was ich sagen wollte, besteht darin, dass dieses Werk kein Roman ist und auch keine Erzählung, dass es keine Auflösung haben wird." Dann aber wollte der Schwankende es "Ende gut, alles gut" nennen.
Die offene Struktur ist modern, fernsehtauglich, nah an den Sehgewohnheiten einer Generation, die mit der zersplitterten Erzählweise von Soaps und Serien groß wird. Regisseur und Drehbuchautoren (Enrico Medioli, Lorenzo Favella, Gavin Scott) haben das sofort durchschaut und Väterchen Tolstoi respektvoll als Headwriter akzeptiert.
An der Grundkonzeption - drei unterschiedliche Familien bilden die Erzählstränge, aus denen sich das Geschichtsbild zusammensetzt - haben sie so wenig geändert wie an dem Prinzip, dass das alte Spiel Wer-kriegt-warum-wen am Ende immer Vorrang hat vor Politik, Schlachtengetümmel und tiefsinniger Suche nach dem Sinn des Ganzen.
Der große Patchworker Tolstoi hielt im Gegensatz zu seinem Rivalen Dostojewski wenig von einem das Leben bestimmenden zentralen Prinzip. Er glaubte an die Selbstbewegung der Dinge, an ein zielloses Treiben, das man nicht zu Tode analysieren soll, sondern dem man folgen muss. Es gilt
bei Tolstoi die Fernsehregel: mitten drin statt bloß darüber - Life is always live.
So gibt es in dieser Geschichte nicht die eine Hauptperson, zu der Hollywood die wunderbare Audrey Hepburn verklärt hatte, sondern deren viele. Besonders auf den Schlachtfeldern tut Tolstoi alles, um historische Größe zu entheroisieren. Napoleon ist bei ihm ein Gernegroß, auf dem Schlachthügel an seinem Fernrohr eigentlich blind, weil er das ganze Geschehen nicht überblicken kann und deshalb Befehle gibt, die nicht auf der Höhe der aktuellen Entwicklung sind.
Sein Gegenspieler Kutusow ist ebenfalls alles andere als ein genialer Feldherr, vielmehr ein aufgedunsener, ewig schläfriger einäugiger Greis, der, wann immer es möglich ist, den Schlachten aus dem Weg geht - und der so instinktiv das Richtige tut. Napoleons Armee geht an der Weite des Landes zugrunde.
Tolstois Welt unterwirft sich nicht der Größenphantasie Einzelner. Sein Romanpersonal hat meistens die Dinge so hinzunehmen, wie sie sind. Der schöne Witwer Andrej (Alessio Boni) muss sich von seiner schönen Braut Natascha (Clémence Poésy) bis zur Hochzeit für ein Jahr trennen, weil sein strenger Vater, Fürst Bolkonski (Malcolm McDowell), es so will. Der Zuschauer ahnt es: Dieses Jahr wird eine schreckliche Ewigkeit werden. Die Braut wird vom haltlosen Anatol (Ken Duken) verführt, erst auf dem Totenbett gibt es ein Wiedersehen.
Im Familienkrieg der Generationen, im inneren Krieg gegen den wirklichen Krieg, im Krieg um die Liebe zählt die Fähigkeit, den Augenblick zu begreifen, von Sehnsüchten zu lassen und das Spiel des Lebens mitzuspielen. Vielleicht ist es dieser melancholisch-pragmatische Grundton, der den Stoff für die heute Jungen interessant macht.
Dornhelms größte Leistung besteht darin, ein Schauspieler-Ensemble auftreten zu lassen, in dem keiner die Starrolle an sich reißt. Italiener, Franzosen, Deutsche, Russen und Engländer finden zusammen nach dem Motto: Der Star ist die Mannschaft.
Das Besondere besteht bei dieser internationalen Produktion im Zusammenspiel der Charaktere über nationale Klischeegrenzen hinweg. Da wird kein "Europudding" angerührt, wonach der Verführer immer aus Italien kommt, der Seriöse ein Angelsachse ist und die mütterliche Frau das deutsche Element präsentiert.
Eine Lust ist es, den englischen Darstellern zuzusehen, die die Parts der guten und der bösen Alten übernommen haben. Brenda Blethyn ("Stolz und Vorurteil") spielt den guten Geist, unerbittlich energisch verhilft sie als Marja Dmitrijewna dem unehelichen Sohn des Grafen Besuchow, Pierre, zu seinem Erbe - eine britisch furchtlose Oberschlange unter den Nattern am Sterbebett des reichen Erblassers.
Malcolm McDowell bringt in den Vierteiler seine markante Erscheinung ein, ein Nussknackergesicht, aus dem Härte und Hysterie in jeder Szene zum Sprung ansetzen, unvergessen seit seinem Auftritt in Kubricks "Clockwork Orange" (1971), dieser berserkernden Filmorgie von der Verwandtschaft zwischen Beethoven und Gewalt. Warum sich diesem Tyrannen der Sohn und später die Tochter unterwerfen, darüber entsteht dank des genialen Besetzungscoups mit McDowell als Fürst Bolkonski filmisch kein Zweifel.
Aus der "Harry Potter"-Welt kommt die französische Natascha-Darstellerin Poésy
angeweht. 2005 war sie in "Harry Potter und der Feuerkelch" der jungfräuliche Hauptgewinn in den pubertären Träumen der Zauberjungen. Und etwas von der Leichtigkeit kann sie in der Rolle einer Frau, die beinahe für immer die Liebe verfehlt, auch durch die vier Teile "Krieg und Frieden" behaupten. Sie wirkt jünger und freier als ihre unvergessliche Vorgängerin Audrey Hepburn, der Hollywood die ganze Sehnsucht der fünfziger Jahre nach Frieden und Geborgenheit aufgebürdet hatte.
Und die deutschen Darsteller? Einfach Klasse in einem Klasse-Ensemble. Ken Duken macht aus der Verführer-Lusche Anatol einen phlegmatisch-unerzogenen Ego-Schlaffi. Hannelore Elsner bleibt unberührbar Hannelore Elsner - wohl das Beste, was man aus der wenig dankbaren Rolle der verblühten Gräfin Rostowa machen kann, die bei Überforderung in Ohnmacht sinkt, aber auch dem Sohn die Krallen zeigt, wenn der mit einer guten Partie die marode Familie retten soll.
Am überraschendsten ist die Besetzung des Pierre mit Alexander Beyer. In "Goodbye, Lenin!" spielte er den Wessi-Geliebten der Tochter der kranken Ost-Mutter, um die sich der wunderbare Film über die Erhaltung der DDR rankt. Für Beyer eigentlich ein eher unscheinbarer Part.
In "Krieg und Frieden" kommt er dagegen ganz groß heraus. Diesen Pierre hat Tolstoi als schüchternen Beobachter beschrieben, der sich nicht traut, bis ihm Krieg und Todeserfahrung zu Selbstvertrauen verhelfen. Der deutsche Schauspieler verharrt seine ganze Rolle über in jungenhafter Zurückhaltung, und er ist da wie die Symbolfigur einer Fernsehgeneration, die Geschichte jenseits des Melodrams entdeckt. Der Vergangenheitszauber hat ihn erfasst, aber er will auf seine Beobachterposition nicht verzichten.
So lässt sich aus der Geschichte vielleicht lernen. NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Am 6., 9., 13. und 16. Januar, 20.15 Uhr, ZDF.
* Mit Scali Delpeyrat, Igor Kostolewski.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 52/2007
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