22.12.2007

„Oh, not again!“

Nahaufnahme: Wie der amerikanische Pianist Murray Perahia in Berlin versucht, sein Trauma zu überwinden
Es ist ein nasser, kalter Tag in Berlin. Im Stadtteil Oberschöneweide an der Nalepastraße vergammeln die Gebäude des ehemaligen DDR-Rundfunks. Das Areal sieht aus wie ein Architektur gewordener Totensonntag.
Doch inmitten der abgerockten sozialistischen Bausubstanz verbirgt sich ein Juwel, der große Sende- und Aufnahmesaal. Er ist ganz aus Holz gebaut, hat eine - nicht funktionstüchtige Orgel - und erscheint wie der unglaubliche Beleg dafür, dass sich Sozialismus und Schönheit nicht automatisch ausschließen.
Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler lässt seine Inszenierungen gern in solch surreal aus der Welt gefallenen Kulissen spielen. Ein verwunschener Ort, der zudem den Vorteil hat, eine in Europa herausragende Akustik zu bieten. Die Tagesmiete beträgt einige tausend Euro.
In diesem Wunderraum steht ein Flügel. Am Steinway hockt mehr als er sitzt einer der besten, wenn auch immer noch unterschätzten Pianisten der Gegenwart.
Murray Perahia, 60, nimmt Bach und Beethoven auf. Es ist eine besondere Woche für ihn. Eine schicksalhafte Bewährungsprobe. Über vier Jahre hat Murray Perahia kein Album mehr eingespielt. Der Abkömmling sephardischer Juden, der in New York aufwuchs und seit Jahren in London lebt, konnte eines Tages plötzlich nicht mehr spielen. Nicht im Konzert und erst recht nicht im Studio.
Sein rechter Daumen hatte sich entzündet, war geschwollen, unbrauchbar geworden. Auch nur einen einzigen Finger nicht benützen zu können, das ist für einen Pianisten die Höchststrafe. Es ist wie Fotografieren ohne Film, wie Malen ohne Farbe. Perahia ist Pianist aus Passion. Musik ist seine Mission.
Doch er hat schon beinahe Routine mit der Krankheitskatastrophe. Sie hat ihn exakt so schon einmal überrollt.
1991 hatte er sich mit der scharfen Kante eines Blatts Papier in den Daumen geschnitten. Die Wunde verheilte äußerlich, aber im Innern bildete sich eine Infektion, die nicht abheilte.
Eine Pilgerreise zu den Spezialisten begann. Jeder Arzt, sagt Perahia, hatte "eine andere Meinung". Schließlich, nach mehreren Eingriffen, entfernte einer von ihnen ein Stück vom Daumenknochen. Die Operation gelang. Der Finger schwoll ab, und Perahia konnte wieder auftreten.
Während seiner Zwangspause hatte er sich mit Bach beschäftigt, hatte Partituren studiert, sich mit dem Cembalo auseinandergesetzt. Er nannte die Konzentration auf das Werk des Thomaskantors seinen "Dialog mit Gott".
Perahia, der zuvor ein ziemlich gemischtes Repertoire gepflegt hatte und immer im oberen Drittel der pianistischen Elite eingeordnet wurde, kam nach der Zwangspause plötzlich als ein gereifter, geläuterter Interpret aufs Konzertpodium zurück. Er nahm wieder Alben auf und bekam prompt Preise und Kritikerlob. Seine "Goldberg-Variationen" gehören zu den wenigen Interpretationen dieser Bachschen Wundermusik, die - so wie Glenn Goulds Einspielung - Bestand haben werden.
Es war, als hätte dieser Pianist durch die Krankheit gelernt, existentielle Widersprüche aufzuheben. Sein Bach klang durchdacht, aber auch spontan, er hatte Tiefe, aber auch Eleganz. Sein Spiel war von der Heiterkeit, die nicht aus dem Frohsinn kommt, sondern aus durchlebtem Leid. Alles, was Perahia dann noch veröffentlichte - Händel, Scarlatti, Schubert und Chopin -, hatte Größe, Glanz und Gewicht.
Doch nachdem Perahia Gelegenheit hatte, seinen späten Karriereschub zu genießen, da entzündete sich der Daumen erneut. "Oh, not again!", war die erste, ungläubige Reaktion. Die Zeit, so fühlte der Pianist, lief ihm davon: "So viele Pläne, so wenig Zeit."
Er wollte den Zyklus mit den Bach-Partiten vervollständigen und Beethovens Klaviersonaten aufnehmen. Dafür erarbeitet er sogar eine eigene Ausgabe der Noten, die versucht, die Absichten des Bonner Meisters so vollständig wie möglich zu dokumentieren. Perahia ist ein gründlicher, aber kein kleinlicher Mann.
Nun sitzt er wieder im Studio. Der zweite Neuanfang in zehn Jahren. Der Daumen hat eine Narbe, ist immer noch etwas geschwollen und schmerzt schon wieder ein wenig. Perahia nimmt jetzt ein Medikament.
Aber er spielt. Konzentriert, nichts außerhalb der großen sozialistischen Aufnahmehalle dringt zu ihm durch.
Im Kontrollraum, auf abgewetzten Stühlen mit dem schwarzen kantigen Stahlgestell, die noch den typischen lindgrünen Möbelstoff tragen, den die DDR früher schick fand, sitzt das Aufnahmeteam und hört die letzte Einspielung ab. Perahia kommt herein, hört mit und entscheidet gleich, welche Takte er noch einmal aufnehmen möchte.
Sein langjähriger Tonmeister Andreas Neubronner weiß, wie es für den Pianisten an diesem Abend weitergeht: "Er wird im Hotelbett liegen und jeden Takt, den er gespielt hat, memorieren."
Am nächsten Tag wird Murray Perahia sagen, was er für brauchbar hält. Sein Ton, sein Anschlag und seine Sicht auf die Musik haben sich, man hört es, verändert.
Sein Spiel klingt schicksalsergeben, aber nicht resigniert. Er habe gelernt, sagt Perahia, dass sein Daumendrama "immer wieder passieren kann". Und: "Man muss das einfach aushalten."
Und dann spielt er zwei Sätze aus Bachs vierter Partita. So überirdisch rein, als feiere er gerade ganz allein für sich seine Wiedergeburt als Pianist. JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 52/2007
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