31.12.2007

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTETerrorist für eine Nacht

Wie ein Schwede zum Islamisten gemacht wurde
Wütend? Und ob, er kochte, er zitterte vor Zorn und wegen der erlittenen Demütigung; er brannte darauf, den zu finden, der ihm das angetan hatte, vilken skitstövel, das Arschloch - und er hatte Zeit, darüber nachzudenken, auf jenem Rückflug nach Schweden, nach der abscheulichsten Nacht seines Lebens, einer Nacht der Verhöre, des Eingesperrtseins.
Er saß in Reihe 28. Economy, Mittelsitz. Um ihn Leute, die braungebrannt waren, schliefen, eine Stewardess, die ihn immer wieder beäugte, wie er durch dieselbe Zeitschrift blätterte, die Buchstaben und Bilder ergaben keinen Sinn.
Ich war sehr zornig, sagt Martin.
Aber inzwischen habe sich sein Zorn verwandelt.
Verwandelt, sagt er, in das kalte Bedürfnis nach Bestrafung und nach Rache.
Am Tag zuvor hatte Martin Norén in Kopenhagen eine Boeing 757 bestiegen, Icelandair, Flug 689, Ziel: Orlando, Florida. Der Abflug hatte sich verzögert; sie landeten erst gegen 23 Uhr in Florida, die Maschine rollte aus, endlich, Martin freute sich auf Bier und Bett. Da hieß es, die Passagiere sollen sitzen bleiben. Nur eine Formalität, erklärte der Kapitän über Bordfunk.
Martin blieb also sitzen, schaute arglos aus dem Fenster, der ausgestirnte Nachthimmel, er war zwar zu einer Konferenz hier, aber immerhin: Florida.
Martin Norén aus Lund, Schweden, Computertechniker, ein schmaler, stiller Mann, kahlköpfig, getrennt lebend, drei Kinder, die er zu selten sieht. Kein religiöser Mensch, er glaubt nicht an Gott, sondern an einen aufgeräumten Keller. Jeden Freitag holt er seine Halbschuhe, stellt sie auf, cremt sie, poliert sie, "es entspannt mich".
Martin, im Flugzeug, wunderte sich. Warum dauerte das so lange? Die Stewardess kam jetzt durch den Gang, blieb stehen.
Ob Martin wohl mal mitkommen könnte, ja, mit Handgepäck?
Merkwürdig. Aber er taperte mit.
Zehn Jahre war Martin mit seiner Freundin I. zusammen gewesen, ein kleines Haus, drei Kinder; für ihn eine Ehe, wenngleich ohne Trauschein. Etwa die Hälfte aller Ehen in Schweden wird geschieden, so war es auch bei Martin, knapp drei Monate vor diesem Orlando-Flug war er bei I. ausgezogen, "wir hatten zu oft Streit", sagt er. Und seine Schwiegereltern, Elektromeister Holm und seine Frau, hätten sich in alles eingemischt. "Ständig stand ich allein gegen drei."
Seine ehemaligen Schwiegereltern und seine geschiedene Freundin konnten Martin die Trennung nie verzeihen. Ihre Vorwürfe, Drohungen, Forderungen kannte Martin. Was er nicht wusste: dass sein Ex-Schwiegervater, Elektromeister Holm, kurz vor Martins Flug auf einer FBI-Website eine Warnung hinterlassen hatte, einen gewissen Martin Norén betreffend. Es ist einfach, man klickt ein Formular an, trägt den Namen dessen ein, den man denunzieren will.
Martin wurde jetzt aus dem Flugzeug geführt, draußen schnappten ihn sechs Bewaffnete. Führten ihn weg. Ein Verhörzimmer. Festgeschraubter Stuhl, zwei Männer, schwarze Anzüge. Wie im Kino, dachte Martin, gleichzeitig war ihm übel vor Angst. Was soll das?
Mr Norén, wir stellen die Fragen. Welchen Vereinen gehören Sie an, Mr Norén?
Sind Sie religiös?
Warum hassen Sie die USA?
Sein Koffer wurde gebracht, jede Unterhose untersucht, seine Bücher, sein Laptop, sein Kulturbeutel, Schuhe, Stifte, Kalender.
Sprechen Sie Arabisch?
Wer sind Ihre Kontaktleute zu al-Qaida? Reisen Sie nach Afghanistan?
Martin antwortete, stundenlang, zunehmend verzweifelt: Er sei kein Terrorist, nur ein Angestellter aus Lund. Aber wie sollte er die Vorwürfe, die nie präzisiert wurden, entkräften?
Haben Sie Schulden?
Wie oft waren Sie in Afghanistan?
Papiere, Gürtel, Uhr hatte man ihm genommen. Martin schätzte, dass das Verhör vier Stunden gedauert hat, danach wurde er in Handschellen in das "Seminole State Prison" gebracht, die Zelle war vollgekotzt, Urin und Kot, eine Betonpritsche, eiskalt, die Decke war viel zu dünn, er lag auf dem Beton, bestialischer Gestank, er bibberte.
Nach sechs Stunden holte man ihn raus. Zurück zum Flughafen, Einreise verweigert, hier ist Ihr Rückflugticket, sie begleiteten ihn an die Maschine, Mittelsitz, Economy, Reihe 28.
In Lund erstattete Martin Anzeige. Die schwedische Staatsanwaltschaft verfolgte die Denunziation von der FBI-Website zum Computer eines gewissen Leif Evert Torbjörn Holm, Martins Schwiegervater. Holm wurde vernommen. Wenn man die Protokolle liest und mit Holm spricht, gewinnt man den Eindruck eines selbstgerechten, gefährlichen Menschen.
Ein Liberaler, heißt es, sei ein Konservativer, der eine Nacht im Gefängnis war. Martin knüpfte nach seiner Rückkehr an sein altes Leben an, aber etwas in ihm ist zerbrochen, und obwohl er ein scheuer Mensch ist, weiß er, er sollte seinen Fall öffentlich machen. "Man will nach Disneyland und landet in einer Zelle." Das Verfahren ist inzwischen abgeschlossen, der Prozess soll jetzt beginnen. Martin Norén will die Bestrafung seines Schwiegervaters, vielleicht Schadensersatz, auf jeden Fall Rache. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 1/2008
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Terrorist für eine Nacht

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