31.12.2007

GELDEin smarter Hai

Wer über soziale Ungleichheit klagt, mag solche Leute nicht: Der Spekulant Andreas Panayiotou ist durch gewagte Immobilien-Deals reich geworden. Nicht nur in London, dem weltweit wichtigsten Markt der Großverdiener, findet er immer neue Kunden. Von Thomas Hüetlin
Die Italiener strengen sich an, seit Stunden, aber es reicht nicht. Sie haben pinkfarbene Flamingos gezeigt, die Siesta hielten in einer grünschimmernden Lagune. Weiße Strände mit blauem Wasser. Bebaubare Hügel mit duftenden Wacholderbüschen. Eine Ferienanlage samt Fünfsternehotel. Ein siebengängiges Menü mit Dom Pérignon, Jahrgang 1998, kistenweise.
Am Ende tat ihnen sogar ein Delphin den Gefallen und sprang am Horizont über das Wasser, aber das Gesicht des Zyprioten aus London blieb trotzdem so hart, als hätte es einer in Stein gehauen. Kein Staunen, keine Freude, keine Anerkennung, nur die starren Lippen eines Pokerspielers und dazu eine mächtige, schwarze Sonnenbrille von Prada.
Andreas Panayiotou, so schien es, war nicht beeindruckt.
Aber jetzt hebt der Zypriot den Arm und zeigt auf einen Sarazenen-Turm, eines der Wahrzeichen der Insel.
"Ein hübscher kleiner Leuchtturm", sagt der Zypriot.
Der Sarazenen-Turm, das Symbol der Kampfkraft Sardiniens über Jahrhunderte, ein hübscher kleiner Leuchtturm. Drei Italiener schlucken kurz, dann grinsen sie tapfer, denn sie wollen, dass der Zypriot aus London kauft. Die Flamingos, den Sarazenen-Turm, die Ferienanlage mit fast 400 Zimmern, alles: für 200 Millionen Euro, zahlbar 100 Millionen sofort, die zweiten 100 in vier Jahren.
Andreas Panayiotou, der Londoner Financier und Immobilienspekulant, ist auf Shoppingtour und interessiert sich für große Sachen, vorzugsweise in Europa. Anfang des Jahres erwarb er Einkaufszentren in Rostock, Lübeck, Elsdorf und Düren, dann ein Hotel in Liverpool, ein Hotel in Glasgow, schließlich einen Club Méditerranée auf Sizilien.
Seine Kriegskasse, sagt er, sei gut gefüllt. Die "Sunday Times"-Rich-List, eine Zusammenstellung der reichsten Menschen, die in Großbritannien leben, führt ihn mit einem Vermögen von 715 Millionen Pfund auf Platz 104. Knapp hinter Paul
McCartney, der auf 725 Millionen Pfund geschätzt wird, ein wenig vor Lily Safra mit 650 Millionen Pfund, jener Witwe, deren Mann 1999 in Monaco von seinem Pfleger getötet wurde.
Langsam fährt die dunkle Mercedes-Limousine einen kleinen Berg am sardischen Meer hinauf, ein Tross von vier Autos, voll mit Bankern, Versicherungsexperten und anderen Beratern, folgt. Auf dem Gipfel öffnet der Chauffeur die rechte hintere Tür des Mercedes: Panayiotou steigt aus.
Es stehen etwa 30 Bungalows hier oben, 70 Meter über dem Meer. Unten ist nichts als Brandung und Sand, aber das sind nicht die Details, die Panayiotou interessieren. Er will dealen, und das heißt, dass der Preis runter muss. Weit runter.
Panayiotou füllt seine Lunge mit Luft, sein Körper, über den er beim Frühstück erzählt hat, er trainiere ihn jeden Tag eineinhalb Stunden, lässt den grauen Anzug straff sitzen. Gegen das Schweigen des Manns mit dem Geld setzen die Italiener ihre Beschwichtigungen. Ihre Bungalows haben vier Sterne, pro Nacht kosten sie für zwei Personen 500 Euro, aber wenn man die Italiener reden hört, klingt es, als seien sie gezwungen, ein Elendsquartier anpreisen und gleichzeitig renovieren zu müssen.
Der graue Maschendrahtzaun vor der Terrasse komme weg. Ebenso die grünen Plastikstühle, die veralteten Baumarktarmaturen im Bad, die rostige Aircondition, der blaue Bauernschrank, der Fernseher aus der Vor-Flatscreen-Epoche.
"Unser Problem hier ist nicht das Fünfsternehotel, wo wir 1000 Euro oder mehr pro Nacht verlangen können", sagt einer der Italiener. "Sorgen macht uns der Viersternebereich. Die Leute, die Pauschalpakete haben wollen. Mit ihnen ist kaum Geld zu verdienen." Es sei wie bei einer Fluglinie: Allein die First Class bringe die großen Scheine.
Es scheint eine Sprache zu sein, die Panayiotou versteht. Der sagenhafte Reichtum, den der Aufstieg des Finanzplatzes London in den letzten 15 Jahren der Stadt beschert hat, war auch der Grundstein von Panayiotous Karriere vom Reinigungsbetreiber aus dem Londoner East End zu einem der wohlhabendsten Immobilienmoguln des Landes. Bei Bonuszahlungen von allein 14 Milliarden Pfund im vergangenen Jahr für die Angestellten des Londoner Finanzzentrums, weiß Panayiotou über diese Klientel, dass sie nur zufrieden ist, wenn sie das Beste und Teuerste bekommt.
Der Zypriot deutet jetzt hinüber zum Fünfsternehotel und sagt: "Lasst uns die Dinge einfach trennen. Drüben die Fünfsternekiste und hier das wahrhaft exklusive Resort, samt Privatkoch und Butlerservice. Morgens geht der Typ zum Golfspielen, danach lässt er sich von seiner Frau oder Freundin verwöhnen. Das Letzte, was die Leute wollen, ist irgendeine Form der Sichtbarkeit." Dann setzt Panayiotou zu einer Pause an, in der man nur seinen Kaugummi hört. Zweimal beißt er zu, dann sagt er: "Wir nennen das superexklusive Juwel ,Paradise Island'."
Paradise Island, wie eine Attraktion auf dem Jahrmarkt oder ein Film von Disney. Die Italiener schauen tapfer und setzen wieder ihr Sarazenen-Turm-Lächeln auf.
In den Autos auf der Fahrt zu einem Tal, in dem ein zweiter Golfplatz gebaut werden soll, beginnen die Verhandlungen der Berater. Von den 100 Millionen sind jetzt noch 80 übrig, Tendenz weiter sinkend. Da die Italiener die Anlage zwar verkaufen, aber auch in Zukunft betreiben wollen, wird eine Jahresmiete von sieben Prozent des Kaufpreises vorgeschlagen. Selbst wenn sich Panayiotou das gesamte Geld von der Bank für fünf Prozent leihen würde, blieben ihm 1,6 Millionen Euro Gewinn pro Jahr. Dazu käme noch der Wertzuwachs der Anlage über die Jahre. Wenn die Immobilie edel genug ist und er sie billig genug bekommt, so Panayiotous Kalkül, dann kann er nur gewinnen - und zwar groß gewinnen.
Deshalb spielt er auf Zeit. Als die 80 Millionen sich gen 70 bewegen, sehen selbst die handelserfahrenen Italiener ratlos aus. Panayiotou verabschiedet sich Richtung Privatflieger.
Sein Immobilienreich führt Panayiotou vom Hauptquartier seiner Firma aus, einem sieben Millionen Pfund teuren Townhouse in bester Lage, Nummer sieben Portland Place. Sein Büro im fünften Stock ist groß wie ein halber Tennisplatz. Auf seinem Tisch liegt sein wichtigstes Arbeitsgerät: ein billiger Taschenrechner. Die Italiener lässt er zappeln, immer noch. Sie interessieren jetzt nicht. Panayiotou kümmert sich lieber um den Londoner Immobilienmarkt. Jahrelang hat der seine Gier gestillt. Jetzt machen ihm die Preise in dieser Stadt Sorgen.
"Ich bin überzeugt, dass die Immobilienpreise in London um 20 Prozent überbewertet sind", sagt Panayiotou, sein Gesicht straff und ernst wie ein Messdiener. "Die Dinge sind außer Kontrolle geraten. Die Preise müssen runter."
Besonders unter Druck sieht Panayiotou den Mietmarkt, dem er seinen Aufstieg zu verdanken hat. Weil die Kaufpreise viel schneller gestiegen seien als die Mieten, könne man den gesamten Bereich zurzeit vergessen.
Deshalb hat Panayiotou bereits Anfang dieses Jahres 700 seiner 2500 Londoner Wohnungen für rund 200 Millionen Pfund verkauft. "Man kann die Mieten hier nicht nennenswert steigern über Nacht, und nennenswert
würde heißen, sie um die Hälfte zu erhöhen oder zu verdoppeln", sagt er und stemmt seine frischgeputzten schwarzen Schuhe auf dem dunkelroten Marmorfußboden. "Aus diesem Grund breiten wir uns jetzt in Europa aus."
Es ist kein Vordringen in feindliche Territorien. In seinem Hauptquartier stapeln sich die Angebote von Leuten, die verkaufen wollen, von Firmen, die auf der Suche sind nach Kapital, denn eines hat sich inzwischen herumgesprochen: London ist weltweit der Finanzplatz Num- mer eins. Hierher kommen die Leute, wenn sie Geld brauchen. Viel Geld. Sie kommen, weil sie ein gutes Geschäft machen wollen. Aber sie vergessen oft, dass Leute wie Panayiotou erst einschlagen, wenn große Gewinne und minimale Risiken garantiert sind.
Trotzdem ist die Anziehungskraft des Kapitalplatzes London groß. Nicht nur für Panayiotous Italiener, für Geschäftemacher weltweit.
Noch vor 30 Jahren als "kranker Mann Europas" verhöhnt, hat vor allem die Börse, die City of London, dank der Reformen des Thatcherismus, Großbritannien ins 21. Jahrhundert katapultiert und sogar die New Yorker Wall Street abgehängt. 43 Prozent des internationalen Aktienhandels wurden 2005 in London abgewickelt, in New York 31 Prozent. Dazu existieren in London mehr ausländische Banken als in New York, der Versicherungsmarkt ist inzwischen zweimal so groß.
Der Finanzmarkt dient nicht nur als Hauptmotor der britischen Wirtschaft, er ist auch als Jobmaschine auf der Insel ohne Konkurrenz. Während nur noch 15 Prozent der erwerbstätigen Briten im Industrie- und Baugewerbe arbeiten, sind heute 20 Prozent im Finanzsektor angestellt. Dazu hängen ein Drittel aller Jobs im Dienstleistungssektor direkt von der City ab.
Wenn es um die Zukunft des Landes geht, daran lässt Premierminister Gordon Brown keinen Zweifel, ist die City of London das mit Abstand wichtigste Kapital des Landes.
London ist ein eigener Planet, täglich neu geformt von den Regeln eines ziemlich ungebremst dahinwalzenden Kapitalismus. Das Bruttosozialprodukt der Stadt hat das reicher Länder wie Schweden oder der Schweiz hinter sich gelassen.
Als Andreas Panayiotou, jetzt 42 Jahre alt, in einem beigefarbenen, engen Sozialreihenhaus im East End von London aufwuchs, war die City noch ein elitärer Club der oberen Klassen, in dem die Jobs über Generationen weitergereicht wurden. Neueinsteiger waren selten, und wenn, dann mussten sie sich leise eingliedern - Bowlerhut, Regenschirm und eine ebenso steife Geschäftsordnung.
Das Reihenhaus der Panayiotous lag keine zwei Meilen von dieser Gesellschaft entfernt, trotzdem waren es Lichtjahre. Hier jener Teil Londons, in dem Karl Marx und George Orwell die düstere Seite des Kapitalismus studiert hatten, dort die Beletage mit ihren mahagonigetäfelten Büros und weinseligen Drei-Stunden-Lunches.
"Wir kriegten kein Taschengeld, nichts", sagt Panayiotou. Seine Eltern kamen Ende der fünfziger Jahre nach England, weil es, so Panayiotou, nichts gab auf Zypern, was die Familie satt gemacht hätte. "Wir waren arm", sagt er, "es gab dort unten kein Business, keine Arbeit - nur kleine Dörfer." Die Eltern hätten nicht Erfolg oder Reichtum gesucht, sie hatten eigentlich nur ein Ziel: überleben.
Um das zu schaffen, daran ließen die Eltern keinen Zweifel, musste man hart arbeiten. Die Mutter nähte Kleider in der Fabrik, versorgte Haushalt und Kinder, setzte sich abends zu Hause noch mal an die Maschine, schneiderte bis Mitternacht. Der Vater versuchte, vom Ersparten sein eigenes Geschäft aufzubauen. "Das war damals der Plan vieler Einwanderer. Die Italiener versuchten es mit Sandwichbars, Griechen gingen Richtung Restaurants und
Reinigungsgewerbe", sagt Panayiotou mit tiefer Stimme, die nach Selbstsicherheit, großer Rendite und Stolz auf die Immigrantenherkunft klingen soll, jene zypriotischen Wurzeln, die ins East End verpflanzt und dort gehärtet wurden.
Ruhe galt damals im East End als Luxus, den sich keiner leisten konnte. Wer auf den turbulenten Straßen des Londoner Arbeiterviertels nicht untergehen wollte, musste nicht nur zäh sein, sondern vor allem schnell und wach. "Wenn du fünf Minuten still stehst", hieß eine der meistverbreiteten East-End-Regeln, "dann klauen sie dir hier die Schnürsenkel." Panayiotou wollte nicht zu den Opfern gehören.
Weil es im Osten Londons, diesem Labyrinth aus alten Fabriken, brackigen Kanälen, Eisenbahnschienen und Wettbüros, kein Grün zum Fußballspielen gab, war Boxen für die Jungs in dieser Gegend die Freizeitbeschäftigung Nummer eins. In manchen Haushalten gab es keinen Fernseher, dafür zwei Paar Boxhandschuhe, mit denen die Väter die Söhne aufeinander einprügeln ließen.
Panayiotou lehnt sich am Scheitel seines schwarzglänzenden Konferenztisches zurück. "Ich habe mit sieben angefangen zu boxen", sagt er. "Das war mein Leben, damals. Alles war Boxen." Er liebte den Ring,
beim Training habe er mehr gelernt als in der jeder Schule. "Jeder in der Geschäftswelt kann gut sein, wenn die Geschäfte laufen. Aber wenn es Probleme gibt", sagt Panayiotou, "dann werden viele von den Schwierigkeiten erdrückt. Genau dieses Gefühl lernt man im Ring zu überwinden. Es gibt diese Minisekunde nachdem man getroffen wurde und denkt: ,Au weia, ich werde diesen Kampf verlieren.' Dann muss man Kraft finden, zurückzukommen. Wer diesen Weg kennt, verfügt über innere Stärke, Selbstvertrauen und den Glauben, dass am Ende alles gutgeht." Die Worte kommen ruhig und regelmäßig.
Abends arbeitete er als Rausschmeißer im King's Oak, der Pub liegt an einer Ausfallstraße im Londoner Osten. Dunkles Fachwerk, vier Biersorten und Chips mit Schinkengeschmack.
Dave und Gary waren damals Panayiotous beste Freunde, er hat sie nicht vergessen, er lädt sie auf seine 50-Meter-Yacht ein oder ins vornehme Londoner Lokal Cipriani. Zum Beweis hat Gary, der von Sozialhilfe lebt und drei Kinder großzieht, Fotos mitgebracht. "Wir wollten damals alle reich werden", sagt Gary. "Aber nur Andy hat es geschafft. Nicht einmal Posh und Becks können da mithalten."
1996 starb Panayiotous Mutter. Die Familie verlor ihr Zentrum, der Vater und der Bruder gingen zurück nach Zypern. Andreas sollte sich um die Geschäfte kümmern.
Er wollte mehr, wollte ins Zentrum der Macht, wo er heute seinen Firmensitz hat, aber er hatte keine Ahnung, wie. Nur, dass dies mit dem Säubern anderer Leute Kleidung nicht klappen würde, ahnte er.
In der City hatte nach den Reformen Margaret Thatchers eine neue Generation die Macht übernommen. Typen, die Panayiotou noch vor ein paar Jahren am Samstagabend aus dem King's Oak geworfen hatte, verschwanden jetzt mit einem Aston Martin in den Tiefgaragen der Bankhäuser. Zwischen dem East End und der City bestand eine unsichtbare Mauer, immer noch. Aber sie hatte Löcher bekommen.
Panayiotou fing klein an. Er baute die Wohnungen über den Wäschereien aus, vermietete sie, kaufte vom Profit ein kleines Haus in Islington, dem damaligen Wohnort des Oppositionsführers der Labour Party, Tony Blair. Die Immobilie verdoppelte ihren Wert innerhalb eines halben Jahres. Panayiotou wurde mutiger, er suchte nach billigeren Gegenden, Gebäuden, die kein seriöser Makler betreten hätte, und er blieb an den Industrieruinen seiner Jugend hängen: den todgeweihten Betonklötzen des East End. "Ich nahm einen Zirkel vom Radius einer Meile", sagt Panayiotou, "zog einen Kreis um die angeblich begehrenswerten Objekte und entschied mich für die Dinge, die keiner wollte." In Hackney kaufte er ein stillgelegtes Krankenhaus und eine Schuhfabrik, in Islington eine ehemalige Gewehrfabrik und viele Lagerhallen, in Dalston eine alte Schule.
"Nicht einmal die Leute in der Gemeindeverwaltung konnten den Wert dieser Gebäude richtig einschätzen", sagt Panayiotou, "deshalb bekam ich immer einen guten Preis. Die City wuchs und wuchs, Hunderttausende arbeiteten dort, und ich hatte die Klötze ein, zwei Meilen davon entfernt." Die Börse wucherte, Panayiotous Immobilien stiegen im Wert. "Ich bezahlte zum Beispiel eine Million, renovierte für eine Million, und als ich fertig war, betrug der Wert des Ganzen bereits vier Millionen Pfund", sagt er. Aus 4 wurden 40, 400, 700. Oder, wie Panayiotou es formuliert, "größer, größer und noch mal größer".
Ein paar Wochen später tigert Panayiotou wieder über den dunkelroten Marmor seines riesigen Büros. Er wirkt wie frisch aus der Wäscherei geliefert, trotzdem durchdringt ihn eine Spannung, als sei er ein Boxer, der durch die siebte Runde keucht, obwohl er den K.o. des Gegners für die dritte Runde geplant hat.
Was ist mit den Italienern?
Die Italiener seien over, sagt Panayiotou. Over. Aus. Vorbei. Der Preis war im oberen Achtziger-Bereich steckengeblieben. Es war kein Geschäft, wie es der Zypriot mag: Mieteinnahme höher als die Zinsen plus gewaltigem Wertzuwachs über die Jahre. Geschenktes Geld also, solange man richtig einkauft. Sardinien war nicht richtig.
Am Ende, sagt Panayiotou, hätte er den Italienern noch 50 Millionen geboten. Die Hälfte.
Mit geschenktem Geld wurde Panayiotou überschüttet im East End. Aber jetzt, bei steigenden Zinsen, immer noch überhöhten Immobilienpreisen, sind die Geschäfte risikoreicher geworden, und Panayiotou verabscheut Risiko. Gegen Risiko hat er seinen Zehn-Pfund-Taschenrechner, und normalerweise tippt er so lange darauf herum, bis sich die Ungewissheit aufgelöst hat: in gute Zahlen. Sichere Zahlen - Gewinn.
Notfalls tippt er auch in den Abend hinein, er tippt die halbe Nacht, und meistens tippt er auch noch an den Wochenenden, die er auf seinem 100 Hektar großen Landsitz
in Essex verbringt. Essex könnte das Paradies sein, er hat eine nette Frau dort, drei Töchter, Pferde, seine Ruhe. Aber Panayiotou tippt auf seinem Zehn-Pfund-Rechner, so, wie er auf den Sandsack gedroschen hat, früher einmal. Weiter. Weiter. Immer weiter.
Es ist ein neuer Kampf jetzt, wer zu wenig hat, das sind seit der Krise dieses Herbstes die Banken selbst. "Sie wissen immer noch nicht, wie groß ihre Verluste sein werden", sagt Panayiotou. "Jetzt Geld zu leihen ist sehr, sehr schwierig." Deshalb sei er gezwungen, den Eigenanteil zu erhöhen, was sich lohne, solange die Preise fallen.
Vor ein paar Tagen hat er die neuen Regeln angewandt. Er hat das beste Hotel in Cambridge erworben, dazu ein Schloss in Schottland. Jeweils um die 50 Millionen, "alles fünf Sterne, alles Luxus, eine Suite kostet 1000 Pfund", sagt Panayiotou.
So wie sich die Welt entwickle, werde es für die Klientel der Reichen immer einen Markt geben. Auch in schlechten Zeiten, vielleicht sogar besonders in denen. Deshalb soll in beiden Läden alles vom Feinsten sein: Luxus-Spas, Jahrgangs-Champagner, in Schottland ein Hubschrauberlandeplatz, obwohl die Autofahrt vom Flughafen in Edinburgh nur 20 Minuten beträgt. Panayiotou grinst breit wie ein Geldschrank. "Man schafft es auch in 15 Minuten", sagt er. "In einem Ferrari."
Seit die Preise fallen und die Banken angeschlagen sind, macht Panayiotou das Tippen auf seinem Zehn-Pfund-Taschenrechner wieder mehr Spaß. Gerade vorhin beim Lunch ist ihm ein Fondsmanager aus Deutschland über den Weg gelaufen und fragte, ob sich der Milliardär das Riverside-Portfolio, 23 Shopping-Zentren in deutschen Großstädten, nicht noch einmal ansehen möchte.
"Ich habe doch schon vor zwei Monaten gesagt, dass ich das Ding nicht mag. 122 Millionen Euro - zu teuer", sagte Panayiotou.
Dann fügte er hinzu, für 100 Millionen würde er es sich noch einmal überlegen. "Okay, klingt gut", sagte der Fondsmanager und versprach, seinen Chef anzurufen, noch heute.
Panayiotou sitzt jetzt ganz gerade. Er mag das. Die Regeln haben sich geändert, aber das Spiel läuft wieder zu seinen Gunsten. Nächstes Jahr, erzählt er, wenn noch mehr Leute auf dem Schlauch stünden und bei fallenden Preisen verkaufen müssten, würde es noch besser. Wer Cash habe, könne in der Depression richtig kassieren, sagt er. Es sei fast wie früher - eine Winwin-Situation.
Er ist jetzt gut drauf. Er blickt auf eine weitere Neuerwerbung - eine überdimensionale Jacob-Uhr am Handgelenk, die ihm die Zeit nicht einmal, sondern vierfach anzeigt, was wahrscheinlich schon deshalb angenehm ist, weil sie jetzt wieder auf seiner Seite ist. "20 000 Pfund", sagt er, "cash bezahlt."
Draußen vor seinen Fenstern greift die Dunkelheit nach der Stadt, unten in der Oxford Street drängen sich Zehntausende weiter vor den Ladenkassen, um trotz sinkender Realeinkommen an jenem Lieblingshobby der Briten teilzunehmen, das laut vieler Meinungsumfragen "Shopping" heißt.
Drinnen sitzt Panayiotou und strahlt wie ein kleiner Junge, der süchtig danach ist, im Autoquartett zu gewinnen. Der beschleunigte Kapitalismus und sein unstillbares Verlangen nach mehr - er sitzt im Cockpit und spürt nicht den Anflug eines schlechten Gewissens.
"Gerade", sagt er, "habe ich mir mein zweites Boot gekauft. 40 Meter, 12 Millionen Pfund."
Die Bemerkung, er könne doch nur mit einem Boot herumfahren, lässt den Zyprioten überrascht aussehen - als höre er solchen Unsinn zum ersten Mal, als stehe so etwas nicht in den Spielregeln des Finanzplaneten London.
Er lacht - laut, dunkel, ehrlich in seiner Gier. "Stimmt nicht", sagt er. "Man kann mal das eine Boot benutzen, und dann, zur Abwechslung, das andere."
* Dunblane Hydro Hotel in Schottland, Club Med Kamarina auf Sizilien.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 1/2008
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