31.12.2007

Märtyrerin der Macht

Mit Benazir Bhutto starb wohl die letzte Chance, das Land zwischen Hindukusch und Arabischem Meer zu befrieden. Die Atommacht Pakistan, Verbündete der USA und Brutstätte islamistischer Gewalt, droht nach dem Attentat von Rawalpindi im Chaos zu versinken - und die Welt mit sich zu reißen.
Sie konnte alles sein: für ihre Wähler Princess Charming mit sanfter, einschmeichelnder Stimme und betörendem Augenaufschlag, Gott und die Welt versprechend. Gutsherrin gegenüber ihren Untergebenen der Landgüter von Larkana, ungeduldig im Ton, hart in der Sache. Instinktpolitikerin im Umgang mit ihren Parteifreunden und politischen Gegnern, begnadet im Aufnehmen von Stimmungen und unerbittlich in der Durchsetzung ihrer Pläne: Benazir Bhutto, 54, ein Produkt westlicher Elite-Erziehung und östlicher Feudalgesinnung, bewundert von den einen und gepriesen als beste Chance für ihr Land und als Fackelträgerin der Demokratie; gehasst von den anderen, die sie eine korrupte, beratungsresistente Egomanin schimpften - die Evita Perón Pakistans, mit dem IQ einer Hillary Clinton und dem eisernen Willen einer Maggie Thatcher.
Die "Unvergleichliche" bedeutet ihr Vorname, den die ehrgeizigen und mächtigen Eltern für ihr Kind aussuchten; als Titel ihrer Autobiografie wählte Benazir, ihrer historischen Bedeutung stets bewusst, eine programmatische Zeile: "Daughter of Destiny" - Tochter der Vorsehung. Ob man sie mochte oder nicht, ob die Regierung von George W. Bush richtig damit lag, sie als ihre Favoritin und große Hoffnungsträgerin der Demokratie aufzubauen - kalt hat sie keinen gelassen.
An diesem schicksalhaften Donnerstagnachmittag in der Garnisonsstadt Rawalpindi, nur wenige Kilometer vom Parlament und den Ministerien Islamabads entfernt, will sie Wahlkampf machen. Sie will die Entschlossene im Kampf gegen islamistischen Terror geben, sich als Retterin Pakistans präsentieren. Frau Bhutto - erst Mitte Oktober nach über achtjährigem Exil in ihre Heimat zurückgekehrt - liegt mit ihrer "Volkspartei" PPP vorn in den Meinungsumfragen zur Parlamentswahl, die Präsident Pervez Musharraf für den 8. Januar angesetzt hat.
Hoffnung, fast so etwas wie eine feierliche Aufbruchstimmung liegt in der klaren Winterluft, als sich die Kandidatin zu ihrem Auftritt chauffieren lässt: weiß der Wagen, weiß das altertümliche Megafon, weiß der Schal, in den sie sich hüllt.
Langsam schiebt sich das Gefährt durch die jubelnde Menge, ein Alptraum für die Sicherheitsleute. Aber Bhutto hat auf Volksnähe bestanden, trotz des Attentats von Karatschi, wo wenige Stunden nach ihrer Ankunft in Pakistan durch einen Selbstmordattentäter 140 Menschen gestorben waren und sie selbst nur knapp der Katastrophe entging. "Allah hat schon längst meine Todesstunde entschieden",
sagte sie damals besorgten Parteifreunden. Nach ihrer umjubelten Rede in Rawalpindis Liaqat-Bagh-Park nimmt sie im Wagen Platz, der sich einige Meter Richtung Eingangstor in Bewegung setzt. Dort hat sich eine Gruppe von Anhängern versammelt. Trotz aktueller Attentatswarnungen steigt Bhutto auf den Sitz und streckt sich durch das Schiebedach, um ihre Fans zu begrüßen. Da schlägt der Attentäter zu.
Er gibt mehrere Schüsse ab. Entgegen ersten Berichten wird Bhutto nicht getroffen. Aber der Mörder geht auf Nummer sicher, er hat seine Tat offensichtlich im Detail geplant - und muss im Umfeld der Sicherheitskräfte einen Mithelfer gehabt haben, sonst wäre er mit seinen Waffen nicht so problemlos und so nah an sein Opfer herangekommen. Er zündet den Sprengstoffgürtel, den er am Leib trägt. Die Druckwelle wirft Bhutto, die sich nach den Schüssen noch geduckt hat, mit dem Kopf gegen den Bügel des Autoverdecks; das Metall gräbt sich in ihren Kopf. Die
Suizid-Attacke reißt neben der Politikerin noch mindestens 20 andere mit in den Tod.
Erschütternde Szenen spielen sich ab: Zwischen zerfetzten Menschen sitzt, ungläubig und wie erstarrt, ein unverletzter Mann und blickt reglos in die Ferne. Andere schreien ihre Verzweiflung heraus. Parteianhänger, blind vor Wut, versuchen die Tür des Krankenhauses einzutreten, in das Frau Bhutto unter Sirenengeheul eingeliefert wird. Sie wissen, alles ist vergebens, denn sie haben die Blutüberströmte gesehen. Die wütende Menge versucht den Operationssaal zu stürmen.
Am 27. Dezember 2007, 18.16 Uhr Ortszeit, erklären die Ärzte des Städtischen Hospitals Benazir Bhutto für tot: An diesem Tag, in dieser Minute, ist Pakistans wohl letzte Hoffnung auf eine friedliche Zukunft ausgelöscht.
Wer hat sie umgebracht?
Waren es Qaida-Terroristen, die Bhutto schon vor Monaten den Tod androhten, weil sie Musharrafs blutigen Sturm auf die von Islamisten besetzte Rote Moschee von Rawalpindi ausdrücklich begrüßt und allen Radikalreligiösen den Kampf angesagt hatte? Waren es Geheimdienstler von Pakistans berüchtigtem ISI, die alte Rechnungen beglichen? Steckten womöglich gar Anhänger von Nawaz Sharif hinter dem Attentat, dem langjährigen Erzrivalen und Hauptkonkurrenten - war es ein Racheakt Auge um Auge, da doch nur wenige Stunden zuvor ein Attentat auch auf ihn verübt wurde, das er unverletzt überstand, das aber vieren seiner Leute das Leben kostete (siehe Interview Seite 80)?
Wenige Stunden nach dem Mord bekennt sich einer, der für das Terrornetzwerk al-Qaida zu sprechen behauptet, in einem Telefonanruf gegenüber der Zeitung "Asia Times" zu dem Attentat. Schnell erklären amerikanische FBI-Experten das für "sehr glaubwürdig".
Stunden nach Bhuttos Tod wird aber auch eine E-Mail der Politikerin bekannt, die sie am 26. Oktober an ihren amerikanischen Freund und Berater Mark Siegel geschickt hat, der sie mit ihrem Einverständnis an den amerikanischen Nachrichtensender CNN weitergab. "Im Fall meiner Ermordung" hat sie ihr Schreiben betitelt und verfügt, dass dessen Inhalt erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden darf - der makabre Gruß einer Politikerin, die sich offensichtlich für todgeweiht hielt, die sozusagen aus dem Grab das letzte Wort, die letzte Interpretation des Geschehens liefern wollte. In den Zeilen beschuldigt Bhutto den Präsidenten, ein Attentat auf sie in Kauf genommen zu haben, "Musharraf trägt die Verantwortung". Er habe ihr trotz Anfrage "die nötigen Sicherheitsvorkehrungen wie Spezialfahrzeuge, Polizei-Eskorten und elektronische Störsender gegen Bombenzünder verweigert".
Alles scheint möglich. Nur eines scheint sicher: Pakistan versinkt im Chaos. Bomben gehen hoch in Peschawar, Lahore und einem halben Dutzend anderer Orte, vor allem aber in Karatschi, der größten Stadt des Landes in der Südprovinz Sindh, der eigentlichen Machtbasis der Bhutto-PPP. Mehr als 30 Tote bei Unruhen gleich in den ersten 24 Stunden nach dem politischen Mord. Und das, obwohl das Militär eine "shoot to kill"-Order ausgegeben hat, die jeden Verdächtigen auf den Straßen des Landes ohne Vorankündigung mit dem Waffengebrauch bedroht.
Die Welt reagiert schockiert, bestürzt, selten einmütig sind die politischen Führer in Ost und West, unabhängig auch von ihrer ideologischen Couleur. US-Präsident George W. Bush spricht von einer "feigen Tat", deren Täter zur Rechenschaft gezogen werden müssen, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und die deutsche Bundeskanzlerin verurteilen in fast deckungsgleich hilfloser Sprache den Anschlag. Manmohan Singh, Premier des pakistanischen Erzfeindes Indien, sagt: "Mit ihr hat der Subkontinent eine außergewöhnliche politische Führungskraft verloren, die für Demokratie und Versöhnung gearbeitet hat."
Sichtlich bewegt, mit Tränen in den Augen und zitternd, zeigt sich Afghanistans Präsident Hamid Karzai vor der Presse - er hatte noch Stunden vor dem Attentat in Islamabad mit Benazir Bhutto zusammengesessen und die nachbarschaftlichen Beziehungen erörtert: "Sie war eine tapfere Tochter der islamischen Welt. Sie hat ihr Leben geopfert, für ihr Land und für die ganze Weltgegend. Sie sprach auch an diesem Morgen mit so viel Liebe von meiner afghanischen Heimat."
Noch in der Nacht zum Freitag verkündet Staatschef Musharraf eine dreitägige Staatstrauer. Erst Mitte Dezember hat er den von ihm sechs Wochen zuvor verkündeten Ausnahmezustand aufgehoben, hat mit seinem Rücktritt als Armeechef den Weg zu Wahlen freigemacht. In der jetzigen aufgeheizten Stimmung erscheint ein friedlicher Urnengang schwer denkbar, es droht das Kriegsrecht.
Dass der als "Lakai Washingtons" verschriene und als "Busharraf" verspottete, extrem unpopuläre Präsident das Land zusammenhalten kann, halten viele Experten für höchst fragwürdig. Bürgerkrieg, vagabundierende Nuklearwaffen, in weiten Teilen des Landes frei operierende Terroristengruppen, ideale Rückzugsregion für die Taliban aus Afghanistan, mögliche Angriffe gegen den Erzfeind Indien, Kampf um Kaschmir und damit Destabilisierung einer ganzen Weltregion - so lautet das Alptraumszenario.
Es ist nicht irgendein Staat, der sich da in die Reihe der "failed states", der gescheiterten Gemeinwesen von Somalia bis Burma, einzureihen droht. Pakistan ist ein 160-Millionen-Menschen-Reich, gezeichnet von explosiven Gegensätzen: Armenhaus und Atommacht, enger Verbündeter der USA und Brutstätte islamistischer Gewalt, Bush-Country und Bin-Laden-Land zugleich; beherrscht von Militärs, die zu den korruptesten der Welt gehören und von der demokratischen Supermacht dennoch mit den modernsten Waffen und Milliardengeschenken verwöhnt werden.
"Den bedrohlichsten Staat für die Zukunft der USA" hat der langjährige hochrangige Regierungsbeamte Robert Gallucci die Islamische Republik Pakistan genannt, vom "gefährlichsten Land der Welt" das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" geschrieben. "Wenn es denn eine zentrale Front im Kampf gegen den Terror gibt, dann ist es nicht der Irak, sondern Pakistan", meint der Nahost- und Islam-Spezialist Fareed Zakaria.
Wie weit die pakistanischen Krakenarme des Terrors auch nach Europa reichen, wissen vor allem die britischen Geheimdienste. In London schätzt man, dass schon 4000 islamistische Extremisten, die in Camps an der afghanischen Grenze ausgebildet wurden, nach Großbritannien gekommen sind, präziser gesagt: zurückgekommen, denn die meisten von ihnen sind britische Staatsbürger.
Und auch Deutschland liegt längst im Visier der Gewalttäter. Im September wurde bekannt, dass ein "Trio Infernale" von jungen, hier lebenden Islamisten die Bundesrepublik im großen Stil anzugreifen plante - drei Autobomben mit rund 500 Kilogramm Sprengstoff sollten detonieren. Glaubt man dem aus Pforzheim stammenden Nihad C., 27, der Ende Januar vom pakistanischen Geheimdienst ISI festgenommen wurde und umfassend auspackte, ist der Ort Mir Ali so etwas wie die deutsche Exklave in Nordpakistan, ein Treffpunkt und Ausbildungszentrum von Dschihadisten, die sich an der Seite usbekischer und arabischer Qaida-Kämpfer fit machen für den "Heiligen Krieg".
Die Radikalen sind Profiteure des Bhutto-Mordes, sie wollten die Politikerin beseitigt sehen - sie stand, zumindest in den von ihr formulierten Ansprüchen, für alles, was sie hassen: Verwestlichung, Rule of Law mit unabhängigen Gerichten, Gleichberechtigung der Frauen, staatlich geförderte "säkulare" Schulbildung jenseits der Madrassen, ihrer Machtbasen, die 1,5 Millionen junge Männer ausbilden. Teile des
Landes sind heute schon im Griff der Islamisten, die sich vor allem in den Dörfern, aber auch in Großstädten wie Karatschi frei bewegen - und handeln.
Im Januar sprengen sich Selbstmordattentäter vor dem Marriott-Hotel in Islamabad und neben einer Polizeieinheit in Peschawar in die Luft. Im Februar verüben Extremisten einen Anschlag auf den "Freundschaftsexpress", einen Eisenbahnzug, der zwischen Delhi und Lahore pendelt, dabei sterben 68 Menschen. Einen Tag darauf wird in der Provinz Punjab die Regionalpolitikerin Zilla Huma Usman erschossen. Der Attentäter rechtfertigt sich mit dem Hinweis, nur den Willen Gottes vollzogen zu haben, die Frau habe schließlich kein Kopftuch getragen.
Im Juli verschanzen sich radikale Koranschüler in der Roten Moschee in Islamabad. Über hundert Menschen sterben, als das Militär eingreift. "Unser Blut", so hatte der Anführer der Erzürnten, Abdul Rashid Ghazi, zuvor verkündet, "soll der erste Schritt einer islamischen Revolution sein." Mitte Dezember bringt in einer Moschee bei Peschawar ein Selbstmordattentäter 50 Gläubige um - der ehemalige Innenminister, dem der Angriff offensichtlich galt, kommt mit dem Leben davon.
Und im Grenzgebiet zu Afghanistan eskaliert die Situation vollends. In Waziristan, dem wilden Westen Pakistans, wo die Zentralregierung traditionell wenig zu sagen hat, liefern sich radikalislamische Aufständische immer heftigere Gefechte mit der Armee. Die "föderal verwalteten Stammesgebiete", fast so groß wie Belgien, sind rückständig und wirtschaftlich vernachlässigt, ihre gut drei Millionen Bewohner überwiegend Analphabeten und eine leichte Beute für die einfache "Wahrheit".
Als Rückzugs- und Rekrutierungsgebiet haben Taliban und Qaida-Kämpfer hier eine weitgehend ungestörte Existenz, geradezu
eine Heimat gefunden. Fast täglich patrouillieren sie selbstbewusst durch die Städte und Dörfer in den Bergen und werben um neue, potentielle Selbstmordattentäter. Und irgendwo dort soll sich auch Osama Bin Laden aufhalten, der "Pate des Terrors", der sich 2007 viermal aus dem Untergrund mit seinen provozierenden Botschaften gemeldet hat.
Einst hatte sie die pakistanische Regierung heimlich gefördert, um sie als verdeckte Spieler im Kaschmir-Konflikt einsetzen zu können - jetzt sind die Radikalen mächtiger als je zuvor und eine akute Bedrohung für die Zentralgewalt. Ihr Einfluss breitet sich aus: Unverhohlen sympathisieren viele lokale Stammesführer mit den militanten Kräften, nicht zuletzt, weil bei den Angriffen der pakistanischen Armee in den vergangenen Jahren auch viele Zivilisten ums Leben kamen.
Waziristan & Co. lassen sich bis heute nicht mehr unter Kontrolle bringen. Stattdessen fallen Hunderte Soldaten und Polizisten den Aufständischen in die Hände. Hilflos wirken die Waffenstillstandsabkommen zwischen Stammesführern und Militärs, die der Unruheregion eigentlich Frieden schenken sollen, inzwischen ist der Terror schon ins idyllische Swat-Tal eingezogen, beliebtes Erholungsgebiet der Hauptstädter. Alle paar Tage sprengte sich schon in den Monaten vor dem Bhutto-Attentat ein Selbstmörder in die Luft - Tendenz steigend.
Aber nicht nur die Islamisten haben durch den Mord an Spielraum gewonnen. Auch Kräfte innerhalb des Militärs und des Geheimdienstes, die sich von einer durch Bhutto angekündigten "Durchleuchtung" ihrer Aktivitäten bedroht fühlten und nicht mehr an einen geschwächten Musharraf glauben, könnten hinter dem Attentat stecken.
"Alle Staaten besitzen Armeen, aber bei uns besitzt die Armee einen Staat", hat der pakistanische Nuklearphysiker Pervez Hoodbhoy einmal gesagt. Während 33 Jahren der Landesgeschichte regierten die Generäle direkt, in den 27 "zivilen" Jahren zogen sie hinter den Kulissen die Fäden. Das Militär mit seinen 619 000 Mann und einem Viertel des jährlichen Staatsbudgets gilt als eine durch Privilegien verwöhnte Truppe. Vor allem die höheren Ränge haben viel zu verlieren, sollten in Pakistan wirklich demokratische Zustände einkehren. Es gibt kaum etwas im Land, was nicht den Offizieren gehört oder woran sie nicht beteiligt sind. Die Armee besitzt, als Stiftungen getarnt, Chemiefabriken, Elektrizitätswerke und eine Bank. Sie ist größter Bauherr im Land, lässt Zement mischen und Schuhe herstellen. Kein Wunder, dass sich die Ehrgeizigsten und Klügsten zu einer Militärkarriere entschließen - die Offiziere sind die wahre nationale Elite.
Dass jetzt ihr langjähriger Generalstabschef Pervez Musharraf auf Druck der Amerikaner und Frau Bhuttos die Uniform ausgezogen hat - wenngleich "unter Tränen", wie er gestand - und sich mit dem Präsidentenamt begnügt, schafft Verunsicherung. Noch tiefer geht der Frust beim Geheimdienst, bei dem es immer noch viele Sympathisanten der von der ISI mitinitiierten Taliban-Bewegung gibt. Und für die Frage aller Fragen, die Sicherheit der pakistanischen Atombomben, bedeutet weder das Rumoren im pakistanischen Militär noch das im Geheimdienst etwas Gutes.
Zwar hat Musharraf erst vor zwei Jahren damit geprahlt, er hätte in Sachen Nuklearwaffen "die besten Sicherheitsvorkehrungen der Welt getroffen". Doch westliche Regierungen sind davon keinesfalls so überzeugt. Sollte Musharraf gestürzt werden, weiß niemand, was aus seinem Team wird, das die geschätzten 65 atomaren Sprengköpfe kontrolliert.
"Die Wahrheit ist, dass wir keine Ahnung haben, wie viele der Sicherheitsvorkehrungen an Musharrafs Leuten hängen und wie viele institutionalisiert sind", sagte vor wenigen Wochen ein hochrangiger US-Beamter der "New York Times". Die Sprengköpfe werden, so viel weiß man, von den Trägersystemen getrennt aufbewahrt, ebenso die Zünder. Die Rede ist von mindestens zwölf verschiedenen Atomdepots. Ein Zentrum für Nuklearsicherheit, Teil eines 100-Millionen-Dollar-Programms
aus Washington, wird gebaut. Aber was hilft das, wenn die geheimen Pläne al-Qaida oder anderen Radikalen in die Hände fallen?
Westliche Experten warnen davor, sich von den pakistanischen Versprechungen einlullen zu lassen. Vor fünf Jahren hat Musharraf der Welt, genau wie heute, versichert, ein Leck im pakistanischen Atomprogramm sei undenkbar. In dieser Zeit war Abdul Qadir Khan noch häufiger auf Reisen, der "Vater der pakistanischen Atombombe", der wesentlich dazu beitrug, dass das Land 1998 zur Nuklearmacht wurde. "Doktor Seltsam", wie ihn manche Kollegen nennen, hat sich mit seiner nationalen Rolle nachweislich nicht begnügt; angeblich ohne Wissen hochrangiger Militärs dealte der den Islamisten ideologisch nahestehende Khan mit Nordkorea, Iran und mit Libyen - er verkaufte Baupläne und Zentrifugen zur Anreicherung von Uran auf dem Schwarzmarkt. Als die CIA 2004 Beweise für die illegalen Aktivitäten Khans vorlegte, stellte Musharraf den Atomhändler unter Hausarrest, beließ ihm aber die höchsten Staatsorden.
Eine Strafverfolgung muss Khan nicht fürchten. Die Internationale Atomenergiebehörde, die als "Wachhund" der Völkergemeinschaft in Nuklearwaffenfragen fungiert, würde ihn gern nach seinen Deals befragen; doch die pakistanische Regierung erlaubt weder den Uno-Kontrolleuren noch den amerikanischen Geheimdiensten den direkten Zugang zu Khan.
Benazir Bhutto hatte auch in dieser Frage Kompromissbereitschaft angedeutet, von der Aufhebung der Khanschen Immunität gesprochen - käme Doktor Seltsam, der Mann, der die Bombe liebt, ins Plaudern, könnten Geheimdienstchefs und Top-Militärs bis hin zu Musharraf selbst in Bedrängnis kommen. Sollte die Politikerin womöglich deswegen sterben?
Wie keine zweite Persönlichkeit verkörperte Benazir Bhutto die Träume und Tragödien ihres Volkes, ihrer Nation. Pakistan ist der einzige Staat der Welt, der seine Geburt - bei der blutigen Teilung des Subkontinents 1947 in ein hinduistisch geprägtes und ein muslimisches "Land der Reinen" - dem Islam verdankt. Wie umfassend die Religion den Staat, die Verfassung und die Rechtsprechung prägen soll, diese Frage spaltet bis heute die Pakistaner und macht sie zu einem Volk, das auch 60 Jahre nach der Staatsgründung noch nicht vollständig seine Identität und seine Werteordnung gefunden hat.
Die andere große Frage, die das Land auseinanderdividiert, ist seine Sozialstruktur. Wie mittelalterliche europäische Lehen verwalten Großgrundbesitzer seit der Staatsgründung ihre Ländereien, die Angestellten sind oft nicht mehr als Arbeitssklaven, die Frauen nach den besonders streng ausgelegten Purdah-Regeln ans Haus gefesselt. Ähnlich wie in Saudi-Arabien müssen Vergewaltigungsopfer damit rechnen, der Unzucht angeklagt zu werden.
Für Benazir, schon von Geburt an "die Unvergleichliche", gelten solche Regeln nicht. Im besten Krankenhaus von Karatschi 1953 zur Welt gebracht, im Familienstammsitz Larkana von Angestellten verwöhnt, lebt sie in Luxus und Freiheit. Die liberale Mutter, eine persischstämmige Schönheit, führt sie schon in jungen Jahren an heimische wie westliche Literatur heran; der Vater ermutigt sie, sich mit historischen Vorbildern wie Jeanne d'Arc zu befassen - und mit zeitgenössischen wie Indira Gandhi, der Frau, deren Schicksal sie später auf so tragisch ähnliche Weise teilen wird und die sie schon als Teenager bei Verhandlungen an der Seite ihres Vaters kennenlernt und bewundert als "eine Frau aus Seide und Stahl".
"Meine Tochter wird in die Politik gehen und Ministerpräsidentin werden", sagt Benazirs Vater, der dieses Amt 1973 übernimmt. Sie selbst hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie sich als Berufene fühlt, nicht nur vom väterlichen Wunsch getrieben, sondern von Gott mit einer Mission betraut. "Nicht ich habe mir dieses Leben ausgesucht", schreibt sie, stolz wie schicksalsergeben, in ihrer Autobiografie: "Es wählte mich aus."
Sie studiert in Harvard, Massachusetts, Geschichte und Politische Wissenschaften. Sie wird an der britischen Elite-Universität Oxford 1977 als erste Ausländerin Präsidentin des Studentenverbandes. Sie leitet auch den renommierten "Debattierclub", trinkt bei den heißen politischen Diskussionen
Apfelwein, flirtet mit den Kommilitonen. "Kind des Ostens" nennt sie sich häufig, doch während des Studiums ist sie eine Attraktion des Westens: enge Jeans, knappe Tops, sexy Augenaufschlag. Politisch ordnet sie sich als "demokratische Sozialistin" ein, als "Vorkämpferin für die Rechte des Volkes".
Kaum ist sie zurück in Pakistan, betrachtet Benazir allerdings die Feudalwirtschaft ihres Familienclans als Selbstverständlichkeit, auch das zunehmend autoritäre Gebaren ihres Vaters in der großen Politik stört sie nicht. Sie wechselt die Farben wie ein Chamäleon; volksnah, derb und tiefgläubig gibt sie sich auf dem Land, aufgeklärt, weltoffen, laizistisch in der Großstadt.
Im Juli 1977, sie hält sich gerade erst wieder einige Tage im Land auf, stürzt das Militär ihren Vater. General Zia ul-Haq, der neue starke Mann, lässt Premier Zulfikar Bhutto verhaften, in manipulierten Gerichtsverfahren zum Tode verurteilen. Sie hat noch Gelegenheit zu Gesprächen mit dem Vater in der Zelle, prägende Erlebnisse für die junge Frau. Sie kämpft gemeinsam mit ihrer Mutter wie eine Löwin um dessen Leben, kann aber nicht verhindern, dass er 1979 gehängt wird. In Rawalpindi, dem Ort ihres späteren Martyriums.
Sie schwört Rache, will die Straße aufwiegeln. Die Militärs lassen sie verhaften, stellen sie dann fast drei Jahre unter Hausarrest. Brechen können sie Benazir nicht, die im Geheimen Allianzen schmiedet - und die Märtyrerrolle ihrer Familie konsequent für die eigene Karriere nutzt. Sie lässt sich später sogar zur "Vorsitzenden auf Lebenszeit" der PPP machen. Ein merkwürdiger Titel für eine Partei, die sich Demokratisierung auf die Fahnen geschrieben hat.
Benazir Bhutto darf 1984 nach Großbritannien ausreisen. Sie hält es dort nicht lange aus. Nach dem mysteriösen Flugzeugabsturz des Generals ul-Haq im August 1988 wittert sie ihre Chance, tritt bei der folgenden Parlamentswahl als Spitzenkandidatin an - und gewinnt. Am 2. Dezember 1988 wird sie als Ministerpräsidentin vereidigt und ist damit die erste Regierungschefin eines islamischen Staates.
Ihr Charisma und ihre intellektuelle Brillanz sind weit ausgeprägter als ihr Talent zur Machtausübung. Während sie im Westen noch gefeiert wird, laufen die Dinge in Pakistan aus dem Ruder. Von Sozialprogrammen ist bald weniger die Rede als von Vetternwirtschaft; das liegt auch an dem Zementfabrikanten Ali Asif Zardari, den sie, die selbstbewusste Frau, in einer von der Familie arrangierten Verbindung zum Ehemann genommen hat. "Mister zehn Prozent" heißt der Raffgierige bald im Volk, wegen Korruption wird er insgesamt fast acht Jahre in pakistanischen Gefängnissen verbringen müssen.
Keine zwei Jahre dauert Benazir Bhuttos erste Amtszeit, dann wird sie wegen Amtsmissbrauchs abgesetzt. Internationale Experten von Transparency International haben Pakistan in ihrer Regierungszeit unter die drei korruptesten Staaten der Welt eingeordnet. Wegen Geldwäsche verurteilt schließlich sogar ein Schweizer Gericht Frau Bhutto zu einer Haftstrafe mit Bewährung.
Andere hätten vielleicht aufgegeben - sie sucht die zweite Chance. In einer Art Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, immer mal wieder unterbrochen von Militärinterventionen, löst sie sich in den kommenden Jahren mit Nawaz Sharif im Ministerpräsidentenamt ab. Von 1993 bis 1996 ist wieder Frau Bhutto dran und bringt nach positiven Ansätzen auch während ihrer zweiten Amtszeit nicht viel auf die Reihe. Um den "Makel" der Verwestlichung in der pakistanischen Männergesellschaft abzuschwächen, gibt sie sich als gottesfürchtige Muslimin. Nicht genug damit: Obwohl sie als aufgeklärte Denkerin dem Islamismus ideologisch fernsteht, lässt sie ihrem Geheimdienst freie Hand bei der Förderung der Taliban, die Pakistan den entscheidenden Einfluss im stets umkämpften Nachbarland Afghanistan sichern sollen - ein Schritt, den sie später bitter bereut.
In ihrem persönlichen Leben hat sich zwischenzeitlich eine Tragödie an die andere gereiht. Es ist, als läge ein Fluch über der Bhutto-Familie. In Südfrankreich stirbt ihr Bruder Shah-Nawaz, vermutlich vom pakistanischen Geheimdienst vergiftet. In Karatschi lässt ihr anderer Bruder Murtaza, der sich einer Oppositionspartei angeschlossen hatte, bei einem Polizeieinsatz unter ungeklärten Umständen sein Leben. Beerdigung reiht sich an Beerdigung. Benazir bleiben neben der schwerkranken Mutter nur ihre drei eigenen Kinder. Der heute 19-jährige Bilawal, die 17-jährige Bakhtwar und die 14-jährige Aseefa sind ihr fast so wichtig wie ihre politische Berufung; der Älteste hat gerade sein Studium in Oxford begonnen, er hat noch keine Ambitionen erkennen lassen, eines Tages die Familientradition fortzuführen.
Seit 1999 wieder im Exil, diesmal mehr als acht Jahre und mit Aufenthalten in London wie in Dubai, knüpft Frau Bhutto Verbindungen zur amerikanischen Regierung und zum Militärherrscher Pervez Musharraf. Der Wendepunkt ist der 11. September 2001.
Nach den Terroranschlägen gegen New York und Washington setzt das Weiße Haus dem Pakistaner die Pistole auf die Brust - entweder er stellt sich an die Seite der Amerikaner im "Krieg gegen den Terror", oder er riskiert, in den Worten führender Politiker der Bush-Regierung, "in die Steinzeit zurückgebombt zu werden". Musharraf wird zu einem engen Verbündeten der USA, erhält Milliarden an Waffen- und Wirtschaftshilfe, lässt wichtige
Qaida-Terroristen verhaften - doch ob er wirklich immer mit offenen Karten gespielt hat, ist höchst zweifelhaft.
Der Wendige, der gern Whisky trinkt und mit strengen Religionsregeln wenig anzufangen weiß, taktiert und arrangiert sich auch mit den Islamisten und ihren Parteivertretern. Er glaubt, sie zum Machterhalt zu benötigen, obwohl er selbst bei Attentaten mehrmals nur knapp mit dem Leben davonkommt.
Einer aktuellen Einschätzung der amerikanischen Geheimdienste zufolge hat sich "al-Qaida in Pakistans gesetzlosen Gegenden gut eingerichtet und ist heute besser denn je positioniert, um den Westen anzugreifen".
Für George W. Bush ist mit dem Bhutto-Mord jedenfalls ein Alptraum wahr geworden: wütende Proteste in den Städten eines nuklearbewaffneten muslimischen Landes, dessen Präsident, sein "Freund" Pervez Musharraf, zumindest in den Augen der wutentbrannten Bhutto-Anhänger zum Kreis der Verdächtigen gehört. "Killer Musharraf", tönt es in den Straßen von Karatschi bis Peschawar.
Die Regierung in Washington hatte für ihr ehrgeiziges Projekt, das von Islamisten erschütterte Land wieder zu stabi- lisieren, vollständig auf die schöne Politikerin gesetzt. Das Weiße Haus drängte bei Staatschef Musharraf darauf, die im Westen ausgebildete Bhutto heimkehren zu lassen; Washington fädelte die merkwürdige Machtteilung mit dem einstigen Putsch-General Pervez Musharraf ein, wonach er als Zivilist Präsident bleiben und sie Regierungschefin werden sollte.
Ist nun eine Wahl überhaupt noch möglich? US-Außenministerin Condoleezza Rice telefoniert noch am Attentatstag mit Bhuttos Witwer Ali Asif Zardari, den manche Bhutto-Anhänger bereits drängten, die Stelle seiner ermordeten Frau einzunehmen - für einen "pakistanischen Nelson Mandela" hat ihn allen Ernstes seine Frau gehalten und wollte, als eines ihrer wichtigsten selbstgesteckten Ziele, während ihrer Amtszeit dessen Rehabilitierung erreichen. Die ganzen Jahre zuvor hatte Washington allein auf Musharraf gesetzt, um das Land in der Anti-Terror-Koalition zu halten. Eher widerstrebend hatte Bush erkannt, dass der als US-Lakai verschriene Staatschef ein unsicherer Verbündeter geworden war.
Es war Washingtons Vizeaußenminister John Negroponte, der Spezialist für heikle Missionen zwischen Lateinamerika und dem Irak, der Musharraf im November ins Gewissen redete, den zuvor verhängten Ausnahmezustand aufzuheben, Frau Bhutto aus dem vorübergehend verordneten Hausarrest zu befreien und jene Parlamentswahl anzusetzen, aus der sie wohl als strahlende Siegerin hervorgehen sollte.
Zehn Milliarden Dollar haben die USA seit den Anschlägen von New York und Washington an Pakistan vergeben, um sicherzustellen, dass sich Musharraf und seine Armee, die mächtigste Institution des Landes, zu verlässlichen Verbündeten im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus wandeln würden. Und, natürlich, dass sie im eigenen Land diesen Kampf gewinnen würden. Obwohl 50 Prozent davon ans Militär gingen, konnte Musharraf, ansonsten neben Ägyptens Husni Mubarak Amerikas liebster Alleinherrscher, genau das nicht garantieren.
Es ist wenig, was die USA für ihre Investitionen erhalten haben. Trotz Warnungen aus Washington war der gewiefte Taktiker Musharraf immer wieder merkwürdige Allianzen mit radikalen Kräften in seinem Land eingegangen. Amerika war sich über den Wert Pakistans im Kampf gegen den Terror nicht mehr sicher. Erst vergangene Woche erließ der US-Kongress neue Restriktionen für die Hilfe an Musharraf.
Bhutto hingegen versprach den Vereinigten Staaten Eindeutigkeit. Sie schien nun ihren westlichen Mentoren endgültig demokratisch geläutert - und vielleicht war sie es auch, jedenfalls deuteten ihre Meinungsbeiträge in den bedeutendsten westlichen Zeitungen, ihre Vorträge und ihre Interviews in diese Richtung. Womöglich wäre ihr Versuch Nummer drei der große Wurf geworden oder doch zumindest ein kleiner Wurf - in die richtige Richtung.
Aber Washington erträumte sich noch viel mehr von Frau Bhutto. Die Machtkumpanei mit ihr an der Spitze einer Regierung stellte ein bequemes Arrangement in Aussicht: eine zivile demokratische Fassade und dahinter das Militär, das weiterhin als Garant der Sicherheit Staat im Staat bleiben würde. Wenn sie erst an der Macht sei, gab sie bekannt, werde sie US-Streitkräften gestatten, gegen Stützpunkte der Qaida auf pakistanischem Boden loszuschlagen - falls pakistanische Soldaten dazu nicht in der Lage seien, fügte sie hinzu. Ein Seitenhieb gegen Musharraf, der immer wieder beteuert hatte, dass trotz des angeblich gewaltigen Militäreinsatzes die wilden Grenzregionen zu Afghanistan einfach nicht unter Kontrolle zu bringen seien. In ihrem letzten SPIEGEL-Interview vom August warnte Bhutto, die größte Gefahr für ihr Land sei der Terrorismus, und ihr Land dürfe "nicht talibanisiert werden" (SPIEGEL 33/2007).
Doch in der heißen Phase des Wahlkampfs musste auch Bhutto vorsichtig sein. Ihre große Nähe zu Washington und dem weltweit ungeliebten Präsidenten George W. Bush konnten ihre Gegner ausschlachten. Vor allem ihr Rivale Sharif, der aus dem Exil heimgekehrt war, achtete auf größere Distanz zu den Amerikanern.
So war in den letzten Tagen vor ihrem Tod nicht mehr sicher, ob der Deal mit dem Staatschef noch Bestand hatte. Statt auf die Machtteilung hinzuarbeiten, griff
sie Musharraf, der verabredungsgemäß sein Amt als Befehlshaber der Streitkräfte abgegeben und seine zweite Präsidentenamtszeit als Zivilist begonnen hatte, immer offener an. Und auch der Staatschef musste feststellen, dass sich Washington unter den Generälen seines Landes nach einem starken Mann umzuschauen begann - einem Mann für die Zeit nach Musharraf.
Dass es Pakistans Präsidenten gelingen wird, die den Staat auseinanderreißenden Kräfte zu bändigen, den selbstzerstörerischen und in alle Welt exportierten Terror einzudämmen, die immer tiefer werdenden sozialen Risse zu kitten - selbst seine Freunde überkommen da große Zweifel. Pessimisten wähnen das Land schon am Abgrund, sehen den Staat zu einer Art Somalia mit Atomwaffen verkommen, zu einer paradiesischen Ausbildungsstätte für immer neue Meister des Dschihad. Nach einer Meinungsumfrage vom August lagen die Sympathiewerte des Terroristen Bin Laden bei 46 Prozent, die von Musharraf bei 38 Prozent.
Aber es gibt auch Hoffnung, eine beginnende Zivilgesellschaft. Selten hat der Druck der Straße irgendwo auf der Welt eine solche Gestalt angenommen: Unter den friedlichen Demonstranten von Pakistan sind nicht wütende Oppositionelle, aufgebrachte Studenten oder umsturzbereite Arbeiter in der Mehrzahl - sondern Rechtsanwälte. Und Frauen.
Die Heldinnen des Protests marschieren meist stumm, sie tragen Transparente, auf denen sie die Menschenrechte einfordern. Die Geheimdienstler und Polizisten, überwiegend in Zivil, greifen manche aus der Menge und bringen sie weg, stellen sie unter Hausarrest oder verhaften sie sogar. Die Helden des Protests tragen Plakate, auf denen sie den Präsidenten zum sofortigen Rücktritt auffordern, von weitem sehen ihre Märsche aus wie Ansammlungen von Pinguinen, denn die meisten tragen schwarzen Anzug, weißes Hemd und Krawatte. Die Schergen des Regimes gehen mit ihnen brutaler um als mit den Frauen: Sie werden getreten und geschlagen und dann, oft blutüberströmt, in Lastwagen wegtransportiert. "Helft uns doch, Pakistan vor dem Abgrund zu retten!", rief einer kürzlich noch durch die Gitterstäbe.
Sie werden nicht aufgeben. Sie werden die Wiedereinsetzung der von Musharraf gefeuerten Juristen verlangen, allen voran die Rehabilitierung von Iftikhar Chaudhry, dem Obersten Richter. Sie werden fordern, dass unabhängige Fernsehsender wieder ans Netz gehen können, dass die Medienzensur endet.
Benazir Bhuttos lange und schmerzliche Reise ist Freitag vergangener Woche zu Ende gegangen. Zehntausende Menschen säumen den Weg, als sie im Familiengrab in Gharhi Khuda Bakhsh bei Larkana neben ihrem Vater zur letzten Ruhe gebettet wird. Ihre Konkurrenten Sharif und Musharraf geben ihr nicht die letzte Ehre - von den Trauergästen werden der Staatschef und die USA mit Schmährufen bedacht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind diesmal extrem. Ungleich schärfer als am Tag zuvor in Rawalpindi bei Benazir Bhuttos schicksalhaftem Wahlkampfauftritt.
Ihren letzten Besuch an dieser Trauerstätte hatte sie einige Tage nach der Rückkehr im Oktober gemacht. Sie legte Rosenblätter auf das Grab ihres Vaters und verharrte einige Minuten in Schweigen, gebückt, als sei sie sich nun plötzlich des schweren Erbes bewusst geworden.
Dann setzte sie sich hin und schrieb einige private Zeilen über ihre Vergangenheit, eine Art Bilanz (die sie, so typisch, anschließend in der "Washington Post" veröffentlichen ließ). Es waren Abschiedsworte, prophetisch und poetisch zugleich:
"Ich habe ein ungewöhnliches Leben geführt. Ich habe meinen Vater, den sie mit 50 Jahren getötet haben, begraben und zwei Brüder, die umgebracht wurden in der Blüte ihrer Jahre. Ich habe meine Kinder als alleinerziehende Mutter betreut, als mein Mann acht Jahre im Gefängnis verbringen musste, eine Geisel meiner politischen Karriere", schreibt sie. "Ich habe meine Wahl getroffen, als der Mantel der politischen Führung nach dem Mord an meinem Vater auf meine Schultern fiel. Ich habe mich damals nicht vor der Verantwortung gedrückt, so wie ich jetzt nicht vor der Verantwortung zurückscheue."
ERICH FOLLATH, HANS HOYNG,
DANIEL STEINVORTH, HELENE ZUBER
* Am 27. September 2006.
Von Erich Follath, Hans Hoyng, Daniel Steinvorth und Helene Zuber

DER SPIEGEL 1/2008
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