31.12.2007

„Das wäre mein Tod!“

Der frühere Verteidigungsminister Irakli Okruaschwili über seinen Konflikt mit Staatschef Saakaschwili und die bevorstehende Präsidentschaftswahl
SPIEGEL: Herr Okruaschwili, die georgischen Behörden erheben schwere Vorwürfe gegen Sie. Was sagen Sie dazu?
Okruaschwili: Mehr als sechs Jahre habe ich mit Micheil Saakaschwili zusammengearbeitet, ich war seine rechte Hand. In dieser Zeit erhob er keine Vorwürfe gegen mich. Doch in dem Moment, in dem ich zur Opposition wechselte, hieß es, ich sei ein Verbrecher. Ein politisches Manöver.
SPIEGEL: Sie halten die Ermittlungen gegen Sie für ein rein politisches Verfahren?
Okruaschwili: Solange Saakaschwili Präsident ist, werde ich in Georgien meine Unschuld nicht beweisen können. So gesehen hat meine Festnahme in Deutschland ein positives Element: Es wird mir hier viel leichterfallen, die Vorwürfe zu widerlegen. Obwohl ich diese Art Gastfreundschaft nicht erwartet hatte - in Berlin gleich im Gefängnis zu landen.
SPIEGEL: Was passiert, wenn die Deutschen Sie nach Georgien abschieben?
Okruaschwili: Ich hoffe auf Asyl. Eine Abschiebung - das wäre mein Tod.
SPIEGEL: Man würde Sie umbringen?
Okruaschwili: Saakaschwili würde alle Möglichkeiten nutzen, mich zu vernichten, erst als Politiker, dann als Mensch. Alle staatlichen Behörden, Polizei, Armee, Gerichte, stehen im Dienst der Machthaber.
SPIEGEL: Sie haben lange selbst zu diesem System gehört, Sie waren einer der engsten Partner von Saakaschwili.
Okruaschwili: Ich habe Fehler gemacht. Mir und meinen Anhängern ist es nicht gelungen zu verhindern, dass ein Mann wie Saakaschwili die absolute Macht erringt. Ich hätte früher Kritik üben müssen. Doch ich denke, dass unsere Gesellschaft künftig niemandem mehr erlauben wird, eine Einzelherrschaft zu errichten. Saakaschwili wird scheitern.
SPIEGEL: Sie haben den Präsidenten sogar mit Adolf Hitler verglichen. Das meinen Sie doch nicht im Ernst?
Okruaschwili: Dieser Vergleich war eine logische Folge, weil der Präsident mit Gewalt gegen Demonstranten vorging.
SPIEGEL: Sie wurden verhaftet und haben danach überraschend Ihre Vorwürfe gegen ihn zurückgenommen. In dem entsprechenden Interview machten Sie den Eindruck, als würden Sie unter Drogen stehen.
Okruaschwili: Unser Gefängnis in Georgien unterscheidet sich sehr von diesem hier in Berlin: Es herrschen unmenschliche Haftbedingungen. Man hat mich eingeschüchtert und demoralisiert. Es gab keine physische Beeinflussung, etwa durch Narkotika, aber es war psychische Folter. Der Präsident wollte mich mundtot machen.
SPIEGEL: Wie hat man Sie denn unter Druck gesetzt?
Okruaschwili: Durch nächtliche Verhöre, stundenlang. Und es gab Leute, die mich in meiner Zelle aufsuchten und mir nach dem Leben trachteten. Saakaschwili hat mir auch den jetzigen Verteidigungsminister ins Gefängnis geschickt. Und der hat mir erklärt, dass ich mindestens 25 Jahre hinter Gittern bleiben würde.
SPIEGEL: Dann aber ließ man Sie frei und zur medizinischen Behandlung ausreisen. Wie fair wird die Wahl am 5. Januar sein?
Okruaschwili: Saakaschwili wird alle legalen und illegalen Möglichkeiten nutzen, um an der Macht zu bleiben. Die Leute werden bedroht, damit sie nicht mit der Opposition zusammenarbeiten. Zugleich terrorisiert er die Geschäftswelt, so dass es keine Möglichkeit gibt, die Opposition zu finanzieren.
SPIEGEL: Warum hat es die Demokratie in vielen ehemaligen Staaten der Sowjetunion so schwer?
Okruaschwili: Wir haben mehr als 70 Jahre im Totalitarismus gelebt, unsere Anschauungen sind noch immer entsprechend beeinflusst. Viele Staatschefs in den ehemaligen Sowjetrepubliken glauben, sie müssten die totale Macht besitzen.
SPIEGEL: Was ist Ihre Erwartung an den Westen?
Okruaschwili: Ich wünschte mir von Europa mehr Kontrolle und mehr Kritik. Die ständigen Freundschaftsbekundungen gegenüber dem früheren Präsidenten Eduard Schewardnadse, der irgendwelche Verdienste um die deutsche Einheit hat, waren kontraproduktiv für unser Land. Der Westen sah nicht unsere wirkliche Lage, und wir wurden geblendet durch die Komplimente der Europäer und Amerikaner.
SPIEGEL: Welche Chancen sehen Sie für Georgien nach der Wahl am 5. Januar?
Okruaschwili: Saakaschwili muss seinen Posten räumen, die georgische Gesellschaft darf nicht noch mehr gespalten werden. Ich möchte nicht, dass weiterhin die besten Köpfe das Land verlassen, um ihr Glück im Ausland zu suchen.
INTERVIEW: STEFAN BERG
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 1/2008
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