31.12.2007

STÄDTEBAU„Ich baue nicht in China“

Der Architekt Christoph Ingenhoven über die verblüffenden Welterfolge seiner deutschen Kollegen
Deutsche Architekten sind im Ausland sehr erfolgreich, der SPIEGEL berichtete vor kurzem darüber. Es wird auch Zeit, dass die Deutschen endlich ihren Horizont erweitern. Zu lange - fast die ganzen neunziger Jahre über - waren viele westdeutsche Büros nur damit beschäftigt, in Ostdeutschland auf der grünen Wiese Einkaufszentren zu bauen und in den Innenstädten Shopping-Malls. Nun arbeiten sie auf einmal in Saudi-Arabien, in Aserbaidschan und Libyen, bei Wettbewerben in China treten oft deutsche Architekten gegeneinander an: ein Büro aus Kaiserslautern gegen eines aus Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt am Main.
Auch ich arbeite mit meinem Büro zu 60 bis 70 Prozent im Ausland. Wir haben Projekte in Luxemburg, Österreich, Japan, in Australien - alle mit ökologischem Anspruch. In Irland bauen wir einen CO2-freien Universitätskomplex, in der Schweiz am Zürichsee ein Bürohaus, das den höchsten Energiestandards des Landes entspricht, unter anderem mit Seewasser geheizt und gekühlt wird. Doch in China werde ich in absehbarer Zeit nichts mehr bauen und auch nichts in Libyen, nichts in Saudi-Arabien, also nichts in all jenen Ländern, in denen deutsche Architekten zurzeit besonders erfolgreich sind. Ich gönne jedem meiner Kollegen seine Erfolge im Ausland und glaube daran, dass jeder dort versucht, auf seine Weise das jeweils Beste zu geben. Mir liegt aber auch daran, auf das ein oder andere hinzuweisen und eine Debatte anzuregen, die überfällig ist. In welchen Ländern sollten wir Architekten uns engagieren, wo sollten wir uns zurückhalten? Ich glaube daran, dass es eine Kongruenz gibt zwischen der politischen Verfassung eines Landes - ob es eine Demokratie ist oder keine, ob die Menschenrechte geachtet werden oder nicht - und der Art, wie Architekten dort behandelt werden.
China zum Beispiel ist ein Land mit sehr vielen Menschen, ein Land, in dem es
große, gewaltsame gesellschaftliche Veränderungen gibt, mit vielen Tragödien, zu denen übrigens auch die Umweltverschmutzung gehört. In so einem Land zählt das einzelne Leben, zählen individuelle Rechte offenbar nicht viel. Und da ist es nur logisch, dass die westlichen Vorstellungen von geistigem Eigentum kaum ernst genommen werden. Das europäische Urheberrecht ist für uns Architekten die Basis unseres Schaffens, in den Augen vieler Chinesen gilt es aber als überflüssig.
1994 habe ich gemeinsam mit meinem damaligen Partner Jürgen Overdiek einen Wettbewerb in China gewonnen. Für uns war es ein Abenteuer, dort hinzugehen, wir waren auch stolz, denn wir waren mit Abstand die ersten Deutschen, die so ein großes Projekt in China bauen durften. Wir waren jung und fühlten uns wie holländische Kaufleute des 17. Jahrhunderts, die ausprobieren, ob sie in der Ferne Geld verdienen können. Um es vorwegzunehmen: Am Ende war es die größte Kränkung meines Berufslebens.
Wir sollten ein großes Kaufhaus bauen, in der ehemaligen Altstadt von Shanghai. Es sollte ein 350 Meter hoher Turm werden, sehr anspruchsvoll, mit doppelter Fassade und ökologischer Energietechnik. Es gab unendliche Verhandlungen, immer 50 Leute an einem Tisch, immer wieder mussten wir seltsame Begehrlichkeiten abwehren, zum Beispiel, dass wir von unserem Honorar bestimmten Funktionären 50 Flüge Businessclass nach Europa zahlen sollten, was wir natürlich immer ablehnten.
Unter großen Mühen und mit vielen Querschlägen kam ein Vertrag zustande. Doch durch die große asiatische Finanzkrise von 1997 kam unser Bauherr in Schwierigkeiten, er kündigte uns und behielt das letzte Honorar, 500 000 Dollar, ein.
Zu dem Zeitpunkt gab es auf der Baustelle lediglich eine Grube. In China ist es üblich, für Bauprojekte Wanderleiharbeiter zu beschäftigen, die keinen festen Wohnort haben, sondern von Ort zu Ort ziehen und in mehrstöckigen Stahlcontainern direkt an der Baustelle schlafen. In die Baugrube wurde eine Abfangekonstruktion hineingebaut, diese wurde unterhöhlt, brach zusammen, zehn Menschen starben. Wir hatten die Abfangekonstruktion nicht geplant und berechnet, wir waren nicht schuld, aber es war trotzdem für uns eine sehr einschneidende, schlimme Erfahrung.
Wir hatten überhaupt nur durch Zufall von dem Unglück gehört. Und zwei Jahre später erfuhren wir wieder durch Zufall, als wir nämlich in einer Architekturzeitschrift blätterten, dass jemand völlig anderes vorhatte, unseren Entwurf zu realisieren. Wir mussten einen Urheberrechtsprozess anstrengen, immer wieder legte der Bauherr Revision ein. Am Ende haben wir vier Prozesse in China geführt und gewonnen. Es ist dem Bauherren dann verboten worden, das Projekt ohne unsere Zustimmung zu vollenden. Er hat trotzdem einen Turm hingestellt, der unserem entfernt ähnelt, jedoch in fast allen Details und materiellen Qualitäten entstellt ist.
Jeder macht andere Erfahrungen, aber unsere waren denkbar schlecht. Wir sind danach noch zu einigen Wettbewerben eingeladen
worden, wir haben jedes Mal abgesagt. Ich werde so lange nicht in China arbeiten, bis man mir glaubwürdig macht, dass ich das auf höchstem Niveau tun kann.
Dieses Jahr haben wir eine Anfrage erhalten, ob wir nicht ein Hochhaus, das wir für Frankfurt am Main geplant hatten und das dann dort nicht realisiert wurde, nach Libyen verkaufen wollten. In Libyen wird das Regierungsviertel ganz neu gebaut, es macht mich nachdenklich, dass hauptsächlich deutsche Architekten daran beteiligt sind. Ich jedenfalls will meinen Entwurf nicht nach Libyen geben. Man holt nichts in die Wüste, was ursprünglich für die City West in Frankfurt geplant war. Im Übrigen sehe ich nicht ein, warum ich mich für ein absolut nicht satisfaktionsfähiges Regime einsetzen soll. Bis meine Absage akzeptiert wurde, musste ich dreimal schriftlich ablehnen.
Wir haben auch die Teilnahme an zwei Wettbewerben für den Bau des Nationalmuseums und des Parlaments von Vietnam abgesagt, weil uns gewisse Andeutungen über das Urheberrecht in der Ausschreibung nicht gefielen, aber auch, weil wir auf keinen Fall für die Repräsentationsbauten eines nichtdemokratischen Regimes verantwortlich sein wollen.
Wir Architekten müssen aufpassen, dass wir in anderen Ländern nicht Bedingungen akzeptieren, die wir hier nie akzeptieren würden, und zwar auf allen Ebenen. In Ländern wie China oder Saudi-Arabien sind die Honorare bisweilen sehr schlecht, es wird ein Tempo vorgegeben, bei dem es mir oft nicht möglich scheint, Qualität zu liefern. Man erfährt kaum je, warum man einen Wettbewerb gewonnen hat oder eben nicht.
In Ländern wie Frankreich, Luxemburg, Österreich, England, der Schweiz, aber auch Kanada, USA, Australien sind die Verfahren in der Regel transparent, die Honorare gut - und Geld ist immer auch ein Ausdruck von Respekt. Das Urheberrecht wird sehr ernst genommen, und die Zeitspannen sind so bemessen, dass man am Ende das beste Ergebnis erzielen kann.
Wir Architekten aus Deutschland sollten also ein natürliches Interesse haben, in diesen Ländern zu arbeiten und bei den Wettbewerben dort gegen die wirklich besten Büros der Welt anzutreten und damit unsere Konkurrenzfähigkeit zu schärfen.
Dass deutsche Architekten in China, Aserbaidschan und Saudi-Arabien nicht selbstbewusst auftreten, dass sie niedrige Honorare und merkwürdige Copyright-Bedingungen akzeptieren, ist Teil ihres Erfolgs dort, eines Erfolgs, den ich fragwürdig finde, denn für mich sind Respekt und Fairness die wichtigste Grundlage für eine Zusammenarbeit.
Warum aber sind viele deutsche Büros ausgerechnet in der Mitte Europas und im sogenannten Westen nicht sehr erfolgreich? Natürlich spielt unsere Geschichte eine Rolle, die Nazi-Zeit hat ihre Nachwirkungen. In Libyen, Saudi-Arabien oder China ist unsere Vergangenheit aber kaum ein Thema. In Osteuropa ist es wieder anders, da ist man sich unserer Vergangenheit mehr als bewusst. Da wir aber als Eingangstor zur westlichen Welt gelten, akzeptiert man unser Know-how.
All das zeigt uns doch umso mehr, dass wir uns anstrengen sollten, auch bei unseren westlichen Nachbarn erfolgreich zu sein, damit unsere Nachbarn uns - und damit ein anderes Deutschland - kennenlernen. Bei offenen, transparenten, fairen Wettbewerben in westlichen Metropolen zu bestehen, das ist der wahre Fitnesstest. Nur dort erfahren wir, was wir wirklich wert sind.
Viele Kollegen hierzulande schwärmen davon, wie schnell und unbürokratisch man in Ländern wie China, Libyen und Vietnam bauen könne, und sie beklagen sich, wie schwerfällig die Prozesse gerade in Deutschland seien. Ich möchte zu bedenken geben, dass die vielen demokratisch-bürokratischen Hemmnisse uns oft davor bewahren, zu schnell, zu groß, zu einfach und zu vulgär zu bauen. Mit dem chinesischen Prinzip - Geschwindigkeit, Achsialität, Hurra-Modernismus - bekomme ich keine Qualität.
Mein Büro kann und will nicht in zwei Jahren eine neue Stadt bauen, und wer das kann und will, muss irgendwann zugeben, dass nicht der Dienst an der Menschheit die Motivation dafür ist, sondern das eigene wirtschaftliche Interesse.
In der SPIEGEL-Ausgabe vor zwei Wochen war ein Interview mit den Chefs zweier Konzerne über Luxusgüter zu lesen. Sie sprachen von einer Erfahrung, die auch ich gemacht habe, nämlich dass sich die Leute in Schwellenländern wie China und Russland nicht deswegen Luxusprodukte leisten, weil sie von deren Qualität überzeugt sind, sondern weil sie ihnen als Statussymbole dienen. Sie wollen den kürzesten Rock, das schnellste Auto, die goldenste Uhr.
Von uns Architekten, so glaube ich, wollen sie das schickste Design, sie wollen es kaufen, wollen es besitzen, so schnell wie möglich. Sie wollen aber unsere Arbeit daran, unseren mühsamen Weg dorthin oft nicht begleiten, wollen all das, worüber wir uns viele Gedanken machen - sinnvolle Bezüge zur historisch oft hochrangigen Umgebung, Klimatechnik, Nachhaltigkeit -, nicht schätzen, nicht respektieren. Ich aber bin so anspruchsvoll zu sagen, dass derjenige, der mit uns arbeiten will, verstehen muss, dass eine völlig andere Statussymbolik möglich ist, nämlich am Ende das ressourcenschonenste, das sozial richtigste Haus zu haben.
Ich muss sagen, dass wir auch in Ländern arbeiten, bei denen wir gewisse politische Bedenken haben, in Singapur etwa, in Süd-Korea. Doch man merkt in diesen wirtschaftlich etablierten Ländern einen großen Unterschied zu den Schwellenländern. Dort gibt es ein ganz anderes Verständnis für unsere Haltung: dass Häuser auch, aber nicht nur durch schöne Formen ihre Daseinsberechtigung haben. Wir sind da gefragt für unser ökologisches Knowhow und für die hohe Qualität unserer Arbeit.
Ich selbst will mich nicht von der vielleicht naiven Vorstellung verabschieden, dass wir Architekten dafür da sind, die Welt lebenswerter, schöner, gesünder zu machen. Ich glaube, dass wir das können. Und dass wir unseren Auftraggebern abverlangen müssen, diesen Glauben zu teilen. Das bedeutet, im Zweifel auch ein Projekt oder einen Auftraggeber abzulehnen.

BAUEN - EIN POLITIKUM. Als "unsichtbaren Riesen" hat der SPIEGEL kürzlich (Heft 51/2007) den Frankfurter Architekten und Stadtplaner Albert Speer porträtiert - als einen Mann, der vor allem wegen seines Vaters, des gleichnamigen NS-Architekten, zurückhaltend auftritt, der aber andererseits mit seinem großen Team im Herkulesformat für Länder wie Russland, Aserbaidschan, Nigeria, Saudi-Arabien, Libyen und China entweder bereits geplant hat oder aktuell plant. Das tun auch andere deutsche Baumeister, etwa das Hamburger Team Gerkan, Marg & Partner oder der Dortmunder Architekt Eckhard Gerber. Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven, 47, bekannt geworden durch die elegante gläserne RWE-Zentrale in Essen und den Sieg im Wettbewerb für den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof, zeigt sich, vom SPIEGEL nach seinen chinesischen Erfahrungen gefragt, wenig amüsiert über die kolossalen Auslandserfolge seiner Kollegen. Er selbst möchte "auf keinen Fall für die Repräsentationsbauten eines nichtdemokratischen Regimes verantwortlich sein". Und um solche "Regime" handelt es sich in den erwähnten Ländern fast durchweg. Es geht in diesem Streit weder um Neid - Ingenhoven hat einen der höchstdotierten Architektenpreise gewonnen und ist sehr erfolgreich - noch um Profilierungsgezänk. Es geht um das grundsätzliche Politikum repräsentativer Architektur. Friedrich Nietzsches Bemerkung, im "großen Stil" solcher Architektur komme "der Rausch des großen Willens" zum Ausdruck, eine "Art Macht-Beredsamkeit in Formen", gilt nicht nur für die Pyramiden, die Kathedralen des Mittelalters, die barocken Schlösser oder die diversen Regierungspaläste des 20. Jahrhunderts bis hin zu Hitlers Reichskanzlei. Sie trifft auch auf moderne Hochhäuser und neue Stadtzentren im "großen Stil" zu. Das bedeutet: Der Architekt solcher Projekte sollte besonders sensibel für die Art der Macht sein, der er zur "Beredsamkeit" verhilft. Die oft beschworene Hoffnung, gute Bauwerke könnten auch schurkische Mächte humanisieren, ist wohl eine Illusion.
Von Christoph Ingenhoven

DER SPIEGEL 1/2008
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