31.12.2007

Der Lichtspielleiter

Nahaufnahme: Im Alter von 95 Jahren legt der Münsterländer Kinobetreiber Leo Mühlenkamp zum letzten Mal die Spule auf.
Sanft fährt er über den Projektor, als streichle er einen treuen Freund, auf den er sich stets verlassen konnte. Leo Mühlenkamp geht noch einmal durch den Vorführraum seines Kinos, in dem er wohl mehr Zeit verbrachte als im eigenen Wohnzimmer. Mühlenkamp ist 95, der Älteste seiner Zunft in ganz Deutschland, und zum Jahreswechsel hört er auf.
Doch der Projektor wird weiterlaufen. Ein Nachfolger, der Mühlenkamps Kino in der münsterländischen 30 000-Einwohner-Stadt Oelde übernehmen wird, hat sich gefunden: Thomas Füßner ist allerdings 73 Jahre jünger und muss erst noch einige Kniffe lernen. "Machen Sie die Heizung aus, wenn die Projektoren laufen", raunt Mühlenkamp dem jungen Mann im Verschwörerton zu. "Dann ist es warm genug, und Sie sparen Heizkosten!"
Seit genau 60 Jahren betreibt Mühlenkamp in Oelde Kinos, das jetzige "Film-Zentrum" mit drei Sälen eröffnete er 1982. Sein Vater Leo hatte in der Stadt schon vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Lichtspielbetrieb angefangen. In einer Urkunde vom 21. Juni 1913 erteilte der Oelder Amtmann dem Gastwirt Leo Mühlenkamp und dem Kupferschmied Wilhelm Schürhoff die "Genehmigung zur Veranstaltung einer Lustbarkeit".
Der Festsaal der Stadt Oelde, in dem Hochzeiten gefeiert, Schützenkönige gekrönt wurden und Tanzlehrer Wiesrecker auch dem behäbigsten Westfalen die hohe Kunst der flotten Sohle beibrachte, wurde von Mühlenkamp senior mit dem technisch bewanderten Kupferschmied für den Kinobetrieb umgebaut. Dafür musste allerdings eine Wand durchbrochen und der Projektor in einem Badezimmer des Hotels aufgestellt werden, zu dem der Festsaal gehörte.
"Das war eine Sensation damals", sagt Mühlenkamp, "denn weit und breit gab es ja kein anderes Kino." Das "Universum"-Lichtspielhaus brummte bald, von den Höfen und aus den Nachbarorten kamen die Menschen nach Oelde, um bewegte Bilder zu sehen. So baute Mühlenkamps Vater 1928 ein zweites Kino, die "Schauburg", nahe bei der evangelischen Kirche. Damit standen sich die zwei größten Herausforderungen des Katholizismus in Oelde direkt gegenüber.
In der "Schauburg" bekam Mühlenkamps Bruder Franz einen echten Steinway-Flügel, um die Stummfilme zu begleiten. "Sein Schulfreund Heidenreich spielte die Geige und Lehrer Busch von der Volksschule das Cello. Und dann kam noch der Trommler der Oelder Feuerwehrkapelle dazu! Ja, wir hatten ein richtiges Orchester." Wie stimmten sich denn die Musiker während des laufenden Films ab? "Och, der Franz nickte, und der Trommler haute rein."
Als Kind hat Mühlenkamp sie noch miterlebt, die Adoleszenz des Kinos, als die Bilder erst laufen und dann sprechen lernten. Er kann sich noch erinnern, wie der erste Tonfilm ins Kino kam, "Der Jazzsänger" mit Al Jolson; er weiß noch genau, wie die deutschen Revuefilme in den dreißiger Jahren einen derartigen Andrang fanden, dass sich die Zuschauer im Gewühl vor dem Kino die Anzugsknöpfe abrissen.
1947 übernahm Mühlenkamp die Kinos von seinem Vater, erlebte mit dem Boom des Heimatfilms goldene Zeiten, musste sich aber auch mit der Kirche anlegen, wenn er Filme wie "Die Sünderin" zeigte, in dem Hildegard Knef für einen winzigen Moment nackt zu sehen war. "Jeden Sonntagnachmittag", erzählt er, "ging der Kaplan durch die Reihen und holte die Jugendlichen raus, wenn der Film nicht ganz 100-prozentig war. Aber Oswalt Kolle haben wir trotzdem gezeigt."
Mit der Überlebenskunst des gewieften Geschäftsmannes hat Mühlenkamp das Kino durch alle Krisen geführt. Er musste die zwei großen Häuser nacheinander dichtmachen, ist aber immer noch stolz auf die winzig kleinen Verzehrkinos im heutigen "Film-Zentrum", die gegenüber den modernen Multiplexen nun ihrerseits wie Relikte aus der Schuhkarton-Ära des Kinos wirken.
Hier saß Mühlenkamp bis ins hohe Alter an der Kasse, verkaufte Süßigkeiten, warf den Projektor an und beobachtete mit Argusaugen die kleine Tafel mit den roten Leuchtdioden über der Theke; flackerte ein Lämpchen auf, hatte ein Zuschauer in einem der Kinos auf einen Knopf gedrückt, um ein Getränk zu bestellen. Das leise Flüstern Mühlenkamps im Dunkeln und das Klimpern des Kleingelds gehörten zum akustischen Begleitprogramm jeder Vorführung.
Heute verdienen die Kinos mit Popcorn und Cola mehr Geld als mit dem Verkauf von Eintrittskarten; 1982 war Mühlenkamp mit seinem Konzept also reine Avantgarde. Nun kommen die Raucher aus der ganzen Umgebung nach Oelde, um gleichzeitig qualmen und gucken zu können. Aber die Leinwand, sagt Mühlenkamp, sei davon schon recht grau geworden. Na ja, im neuen Jahr sei auch damit Schluss. Und in seine Wehmut mischt sich Erleichterung.
Im Schützenverein ist Mühlenkamp das älteste Mitglied, auch im Kegelclub "Böse Buben". Drei seiner Klassenkameraden leben noch. Weil sie etwas wacklig auf den Beinen sind, holt Mühlenkamp sie manchmal mit seinem Wagen für eine kleine Spritztour von zu Hause ab. Zum Kino fährt er lieber mit dem alten Rad, eine Luftpumpe hat er nicht dabei - obwohl dem Rad sicher viel eher die Luft wegbleibt als dem Fahrer. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 1/2008
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