31.12.2007

SPDBecks List

Doppelspitzen sind häufig ein Problem, jedenfalls in der Politik. Eigentlich weiß man das in der SPD seit Willy Brandt und Helmut Schmidt. Auch Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine endeten nicht als Traumpaar. Kurt Beck und Franz Müntefering ahnten früh, was auf sie zukam. Nachdem Beck im Mai 2006 Parteichef geworden war, hielt Müntefering ein paar Monate lang die Luft an. Dann konnte er nicht mehr. Es war im Herbst 2006, Beck redete über die Unterschicht, Müntefering hielt dagegen: "Wir sind keine Schichtenpartei, wir sind eine Volkspartei." Er düpierte Beck bei der traditionsreichen "Spargelfahrt" des Seeheimer Kreises im Mai 2007, dann, im Spätsommer, nahm es kein Ende mehr mit dem Sticheln und Piesacken. Der Vizekanzler wurde zu Becks unbequemstem Kritiker.
Wochenlang hielt der Parteichef still, dann schlug er zurück, kühl und konsequent. Er hatte sich ein besonderes Thema ausgesucht - die Verlängerung des Arbeitslosengelds I für Ältere. Er hatte in die Partei hineingehört und diskret den Rückhalt organisiert. Müntefering widersprach, Beck blieb stur. Das Listige daran: Im Zweifel sollte der Parteitag im Oktober entscheiden. Und wie dort die Mehrheiten sein würden, wusste Beck. Zwei Wochen nach dem Parteitag kündigte der Vizekanzler, dessen Frau schwer erkrankt ist, seinen Rücktritt an. "Es ist ausschließlich dieser private Grund", sagte er.
Politik ist nie gerecht. Lange hieß es von Franz Müntefering, keiner kenne die SPD so gut wie er. Ausgerechnet in Kurt Beck fand er seinen Meister. Umgekehrt weiß Beck genau: Sollte er wirklich bundespolitischen Erfolg haben, hat er es keinem mehr zu verdanken als dem trickreichen Ex-Vizekanzler. Denn nirgendwo verhedderte sich die Union hilfloser als beim Thema Mindestlohn. Das jedoch war nicht Becks Verdienst - die Fallstricke hatte Müntefering ausgelegt.

DER SPIEGEL 1/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPD:
Becks List

  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"
  • 137 km/h: "Jet-Suit"-Pilot bricht Geschwindigkeitsrekord