07.01.2008

„Die Bibel nennt das Sünde“

Metropolit Kyrill, Außenminister der Russischen Orthodoxen Kirche, über christliche Werte in der postkommunistischen Ära, Homosexualität, das Verhältnis zum römischen Papst und den Kirchgänger Wladimir Putin
SPIEGEL: Eminenz, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah die Russische Orthodoxe Kirche wie der Sieger über die gottlosen Kommunisten aus. Aber hat sie das geistige Vakuum füllen können, das danach entstand?
Kyrill: Ich würde nicht von einem Vakuum sprechen. Im Kommunismus hatte die Kirche keine direkte Möglichkeit, die Gesellschaft zu beeinflussen, aber sie beeinflusste die russische Kultur, das Bewusstsein der Menschen. Ich erinnere mich an eine Führerin in einem Kloster bei Wologda Anfang der siebziger Jahre: Sie sprach so über Architektur und Malerei, dass es wie eine Predigt war. Vom Christentum war gar nicht die Rede, aber in ihrer Erzählung ging es ständig um das christliche Wertesystem. Diese Frau war nicht allein, so sprachen auch Schriftsteller und Kunstschaffende. Oder jemand sah ein zerstörtes Gotteshaus und entdeckte, dass es jenseits der tristen Plattenbauhäuser, in denen man lebte, noch eine andere Welt gab. Christliche Werte blieben jederzeit im Volk präsent. Sie haben letztlich den Zusammenbruch des Kommunismus bewirkt.
SPIEGEL: Nach dem Ende der Sowjetunion explodierten Kri-
minalität und Korruption. Mord, Raub, Betrug wurden zum Massenphänomen. War das nicht eine Niederlage der Kirche?
Kyrill: Die Wiederherstellung der Moral ist ein langer Prozess, auch in anderen Ländern beobachten wir eine hohe Kriminalität. Zudem musste Russland gewaltige Umbrüche ertragen. Unsere Wirtschaft lag darnieder, der fremde Einfluss wuchs, und die Konsummentalität, das Leistungsdenken, all diese postmodernistischen Ideen griffen um sich, wonach alles Ansichtssache sei und nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterschieden werden müsse.
SPIEGEL: Das klingt so, als sei in Ihren Augen die Gegenwart nicht besser als die Vergangenheit.
Kyrill: Die Kirche hätte Zeit gebraucht, um sich zu regenerieren, wir waren durch den Atheismus geschwächt, nun aber einer doppelten Belastung ausgesetzt. Wir glichen einem Boxer, der über Monate mit einem Gipsarm herumläuft und dann jäh in den Ring geschubst wird, begleitet von anfeuernden Rufen. Dort aber wartet ein guttrainierter Gegner auf uns: Unterschiedlichste Missionare aus Amerika oder aus Südkorea versuchten, die russischen Menschen zu ihrem Glauben hinüberzuziehen. Zudem verdrängte die säkulare Denkweise die Religion.
SPIEGEL: Ist der Kapitalismus am Ende schlimmer als der Kommunismus?
Kyrill: Die freie Marktwirtschaft hat sich jedenfalls als effektiver herausgestellt als die Planwirtschaft. Im Unterschied zu Managern jedoch denkt die Kirche auch an Gerechtigkeit. Mit der aber gibt es heute nicht weniger Probleme als zur Sowjetzeit,
vielleicht sogar mehr. Die Kluft zwischen Arm und Reich in Russland ist skandalös. Das bringen wir zur Sprache.
SPIEGEL: Da müssen Sie den zur Schau gestellten Reichtum der russischen Oligarchen mit ihren Schlössern und Yachten geradezu obszön finden.
Kyrill: Es ist nicht Sache der Kirche, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und zu sagen: Er hat Yachten und Flugzeuge, nehmen wir ihm diesen Reichtum weg und teilen wir ihn neu auf. Das ist in der Revolution von 1917 passiert. Damals hieß es, dass nach der Enteignung das Paradies ausbreche, erhalten aber haben wir die Hölle. Gott behüte Russland davor, diesen Fehler zu wiederholen. Der Staat allerdings muss dafür sorgen, dass die Kluft nicht zu krass wird. Davon hängt Russlands Zukunft ab.
SPIEGEL: Was müsste er tun?
Kyrill: Unsere Kirche hat eine progressive Einkommensteuer gefordert, noch bevor das die politischen Parteien taten. Und wir wollen eine Steuer auf Luxuswaren. Nur dürfen mit dieser Steuer nicht die Flügel der neu entstehenden Mittelklasse beschnitten werden. Unser Land braucht eine Atmosphäre, die Reiche dazu anhält, schlicht zu leben. Viele von ihnen tun schon heute Gutes, praktisch alle Sozialprogramme der Kirche werden von wohlhabenden Privatpersonen finanziert. Es wäre falsch zu behaupten, alle Reichen seien schlecht und alle Armen gut.
SPIEGEL: Wir beobachten, dass viele Russen einen westlich-liberalen Lebensstil pflegen. Sex vor der Ehe ist für viele normal, nur eine kleine Minderheit besucht regelmäßig den Gottesdienst. Wie stark sind christliche Werte in Russland verankert?
Kyrill: Spiritualität lässt sich nicht statistisch messen. Obwohl wir auch da keinen Vergleich scheuen: Keine 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion hat sich die Zahl der Kirchen vervierfacht, die der Diözesen verdoppelt und die der Klöster ist um das 32fache auf mehr als 700 gestiegen. 15 000 junge Menschen studieren Theologie. Andererseits: 80 Prozent der Neugeborenen werden bei uns getauft, aber nur 60 Prozent der Russen bekennen sich zur Orthodoxie, und regelmäßig in die Kirche kommen nicht mehr als 10 Prozent, in einigen Provinzen sogar weniger. Wir müssen also keine neuen Kirchen bauen, sondern unserem Volk zur Einsicht verhelfen, wie wichtig es ist, sich an christlichen Werten zu orientieren. Ob uns das gelingt, hängt auch davon ab, ob wir uns äußeren Einflüssen entziehen können.
SPIEGEL: Sie sprechen vom liberalen Westen. Was stört Sie beispielsweise daran, wenn auch in Moskau Homosexuelle bei einer Parade durch die Straßen ziehen, so wie in Berlin oder Amsterdam?
Kyrill: Das verwischt die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Sünde und Heiligkeit. Selbst Ehebruch soll jetzt schon keine Sünde mehr sein, obwohl jeder Ehebrecher spürt, dass er etwas Schlechtes tut. Der Mensch aber hat ein Gewissen. Das konnten selbst die Marxisten nicht abschaffen. Die hatten für alles eine Erklärung, eine in sich geschlossene Philosophie, nach der das Sein das Bewusstsein bestimmte. So wie auch Ihre Philosophen in Deutschland heute sagen, das Gewissen sei das Ergebnis kultureller Entwicklung. Aber ob in Papua-Neuguinea, im deutschen München oder im sibirischen Nowosibirsk - überall heißt es: Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten ...
SPIEGEL: ... aber nicht überall heißt es: Du sollst nicht schwul sein. Warum soll man seine Homosexualität verstecken?
Kyrill: Die Bibel nennt das Sünde. Aber wir verurteilen diese Menschen nicht. Die Kirche ist dagegen, dass diese Menschen verfolgt oder beleidigt werden. Warum aber soll Sünde noch propagiert werden? Die Gay-Parade ist eine aufdringliche Zurschaustellung von Unzucht. Dann können wir gleich auch für andere Sünden werben, wie es im Fernsehen schon längst geschieht. Das zersetzt die öffentliche Moral. Es ist Aufgabe der Kirche, Sünde auch Sünde zu nennen. Sonst wird sie nicht mehr gebraucht. Leider wird in der heutigen Welt mehr die Freiheit der Wahl verfochten, die Freiheit vom Bösen aber beinahe vergessen.
SPIEGEL: Wenn ein Mensch homosexuell ist, so ist das etwas Menschliches. Wie kann etwas Menschliches Sünde sein?
Kyrill: Und was ist Ihrer Meinung nach Ehebruch - etwas Gutes oder etwas Schlechtes?
SPIEGEL: Diese Entscheidung liegt im Gewissen jedes einzelnen Menschen.
Kyrill: Es geht nicht um irgendeine Entscheidung, es geht um Moral. Man will uns weismachen, Moral sei relativ. Das ist sie überhaupt nicht. Die Kommunisten haben gesagt, gut ist, was gut für die Arbeiterklasse ist. Das war relative Moral - und 60 Millionen Leben wurden ausgelöscht. Hitler hat behauptet, gut ist, was für Großdeutschland gut ist. Auch das hat Millionen Leben dahingerafft. Moral ist entweder absolut, oder es gibt sie nicht. Wenn Sie Homosexualität rechtfertigen, warum dann nicht gleich Pädophilie?
SPIEGEL: Das ist doch ein gewaltiger Unterschied! Sexualität betrifft Erwachsene, die frei entscheiden können. Pädophilie hat nichts mit menschlicher Freiheit zu tun, dabei werden Kinder missbraucht.
Kyrill: In ein paar Jahren wird man Ihnen erklären, dass Mädchen mit zwölf Jahren früher Kinder waren, jetzt aber schon viel weiter entwickelt sind. Vor 20 Jahren hätte
sich doch auch niemand träumen lassen, dass in Deutschland ein Gesetz verabschiedet wird, das homosexuelle Ehen anerkennt. Inzwischen hat man sich damit abgefunden. Es geht um die Wahrung des Prinzips. Es gibt eine allgemeine moralische Natur.
SPIEGEL: Sie hängt auch von Zeit und Region ab. Es gibt Völker, welche die Vielehe erlauben.
Kyrill: Dostojewski hat geschrieben, dass Gott und Teufel im Herzen des Menschen miteinander ringen. Heute folgen aber viele der Logik, dass alles, was sie wollen, gut und gerechtfertigt sein soll. Allzu leicht halten wir Seelenregungen, die uns letztendlich schaden, für natürliche Bedürfnisse. Wenn moralische Grundfesten zerrüttet werden, setzen wir unsere Instinkte frei. Und freigesetzte Instinkte gehören ins Tierreich. Damit sage ich etwas, was der liberale SPIEGEL nie drucken wird: Sie denken sicher, dieser Metropolit ist verrückt geworden und erzählt irgendeinen Stuss.
SPIEGEL: Wir streiten gern. Aber Sie wollen doch Homosexualität nicht etwa als einen tierischen Instinkt bezeichnen?
Kyrill: Instinkt ist kein Begriff mit negativem Vorzeichen. Nehmen Sie Hunger, Durst, den Geschlechtstrieb. Hätte Gott uns das nicht gegeben, könnte der Mensch nicht existieren. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, dass er seine Triebe im Zaum halten kann.
SPIEGEL: Ihre Meinung zur Homosexualität teilen offenbar die meisten russischen Politiker. Welche Staatsform hält die orthodoxe Kirche in Russland eigentlich für angemessen? Es gibt bei Ihnen Würdenträger, die mit dem Zarentum liebäugeln, mit der Monarchie also.
Kyrill: Es ist für uns nicht vorrangig, die eine oder andere Staatsform zu unterstützen. Grundsätzlich ist die Rettung der Seele in jeder Staatsform möglich. In Russland leben seit Jahrhunderten verschiedene Völker und Religionen friedlich zusammen. Als einheitlicher Staat haben wir nur dann eine Zukunft, wenn wir dem Regionalismus und der Spaltung widerstehen. Die Orthodoxie ist aus Russland nicht wegzudenken.
SPIEGEL: Wladimir Putin sagt, auf seinen langen Reisen in der Präsidentenmaschine lese er oft in der Bibel. Er, seine Minister und Beamten zeigen sich auch gern beim Gottesdienstbesuch - obwohl viele von ihnen zur Sowjetzeit den Atheismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Freut oder ärgert Sie das?
Kyrill: Die meisten Gläubigen, die wir heute in der Kirche treffen, waren gestern noch Atheisten. Wenn dieser Wandel bei einem Ingenieur möglich ist, warum soll er bei einem Politiker nicht funktionieren? Leider kommen sie zu selten. Ich wünsche mir, dass Präsident wie Minister jeden Sonntag in die Kirche gehen und nicht nur ein-, zweimal im Jahr.
SPIEGEL: Wir haben umgekehrt den Eindruck, dass die orthodoxe Kirche Präsident Putin recht wohlgesinnt ist - und mit seiner Hilfe manche ihrer Probleme lösen will.
Kyrill: Ich verstehe sehr wohl den Kern Ihrer Frage, aber wir haben unseren Priestern untersagt, sich politischen Parteien anzuschließen. In den neunziger Jahren haben noch einige für das Parlament kandidiert. Das darf nicht sein, die Kirche ist für alle da. Als 1993 unser Parlament beschossen wurde und ein Bürgerkrieg drohte, war dieses Kloster, in dem wir jetzt sitzen, der einzige Ort, an dem sich die verfeindeten Seiten treffen konnten. Weil jeder verstand, dass die Kirche weder die eine noch die andere Seite unterstützt. In einem Mehrparteienstaat darf sie keine politischen Gegner oder Verbündeten haben. Niemand soll vor einem Gotteshaus stehen und sagen: Da gehe ich nicht hinein, weil dort meine politischen Gegner zu Hause sind. Auch die Politiker dürfen die Kirche nicht einspannen, um wohlfeil Popularität zu erlangen.
SPIEGEL: Ihre Kirche hat doch gerade ganz klar Partei genommen: Sie hat Putins byzantinische Entscheidung, Dmitrij Medwedew zu seinem Nachfolger zu bestimmen, überschwänglich begrüßt. Und ihn aufgefordert, als Premier weiterzumachen.
Kyrill: Wir haben nicht deswegen positiv reagiert, weil Wladimir Putin ihn unterstützt, sondern weil Medwedew ein erfahrener Politiker ist. Und die Idee, Putin zum Regierungschef zu machen, widerspricht nicht der Verfassung. Putin stand an der Spitze jener Partei, die bei der Duma-Wahl 64 Prozent der Stimmen erhielt - sie hat das moralische Recht, den Regierungschef zu stellen.
SPIEGEL: Schon wahr, aber damit nehmen Sie doch Partei. Dürfen wir an Metropolit Sergij erinnern, der sich zehn Jahre nach Machtübernahme der Bolschewiki auf deren Seite schlug? Damals hat Ihre Kirche den Weg der Zusammenarbeit mit der kommunistischen Staatsführung gewählt - den Geheimdienst KGB inbegriffen -, obwohl sie schwer unterdrückt wurde. Das hängt ihr bis heute an.
Kyrill: Nach dem Staatsstreich der Bolschewiki, als die in der russischen Geschichte einzigartige Verfolgung der Kirche begann, hielten es einige Geistliche für nötig, den Weg des Kompromisses mit der kirchenfeindlichen Macht einzuschlagen. Einfach um sich die Möglichkeit zu bewahren, den Gottesdienst abzuhalten und dem Volk zu predigen, ohne sich verstecken zu müssen. Andere verwarfen diesen Weg, die sogenannte Katakombenkirche wurde fast völlig vernichtet. Wir haben nicht das Recht, die einen oder die anderen zu verurteilen. Alle von ihnen haben brutale Repressionen erlebt.
SPIEGEL: Inzwischen besitzt die Kirche wieder so viel Einfluss, dass russische Nobelpreisträger jüngst in einem Brief an Präsident Putin vor einer weiteren Klerikalisierung der Gesellschaft gewarnt haben.
Kyrill: Diese Herren möchten gern zur Sowjetunion zurück. Haben sie damals ihre Stimme zum Schutz der Kirche erhoben? Nein. Dass viele Kirchen zerstört dastanden, hat sie nicht gestört. Im Übrigen sind die Gerüchte vom Verschmelzen von Kirche und Staat in Russland, gelinde gesagt, stark übertrieben. Ich wünschte, wir wären da so weit wie in Deutschland. Bis heute haben wir keine Seelsorger in der Armee, auch keine in Krankenhäusern.
SPIEGEL: Sie segnen aber doch ohne Probleme Waffen aller Art: Panzer, Schiffe und Kanonen.
Kyrill: Das übernehmen Priester, wenn sie gerufen werden.
SPIEGEL: Viele Russen erregt, dass Sie jüngst Ihre Religion als Pflichtfach in den Schulen einführen wollten.
Kyrill: Wir wollen die Grundlagen der Kultur traditioneller Religionen lehren und schlagen nun vor, dass Schüler zwischen orthodoxer, islamischer, jüdischer und buddhistischer Religion als Unterrichtsfach wählen können. Das wird ab 2009 geschehen, im Hauptfach "Geistig-moralische Kultur". Für Kinder aus nichtgläubigen Familien muss es ein Fach geben, das "Weltliche Ethik" heißen könnte. Deutschland ist für uns da ein Vorbild.
SPIEGEL: Was halten Sie von orthodoxen Priestern, die Darwins Evolutionstheorie aus dem Unterrichtsplan streichen wollen, weil diese der Schöpfungsgeschichte der Bibel widerspreche?
Kyrill: Die Untersuchung der physischen Welt soll nicht Gegenstand der Religion sein, und die Kirche soll deshalb keine wissenschaftlichen Theorien vereinnahmen. Die katholische Kirche hat diesen Fehler gemacht, als sie den Geozentrismus predigte. Als Wissenschaftler später herausfanden, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt unseres Systems steht, galt das dann als Ketzerei. Kopernikus war ebenfalls ein Priester, die katholische Kirche verstand sich damals auch als Wissenschaftsgemeinde. Das hat die orthodoxe Kirche nie gemacht.
SPIEGEL: Wie würden Sie es mit den Lehren Darwins halten, wenn Sie Lehrer wären?
Kyrill: Ich würde sagen, dass die Theorie viele Anhänger hat, aber auch einige weiße Flecken. Zum Beispiel ist der Übergang von einer Art zur anderen von niemandem exakt bewiesen worden. Es wäre falsch, Darwins Theorie für die einzig richtige zu halten. Heute ist sie die führende, morgen kann es schon eine andere sein. Auch der Marxismus hat sich einmal für die einzig richtige und wissenschaftlich begründete Theorie gehalten ...
SPIEGEL: Diese beiden Theorien können Sie doch nicht gleichsetzen. Außerdem ist Darwins Lehre inzwischen weitgehend unangefochten.
Kyrill: ... lassen Sie mich der Objektivität halber hinzufügen, dass Darwin ein gläubiger Mann war ...
SPIEGEL: Es war wohl eher so, dass er als Naturwissenschaftler an seinem Glauben verzweifelte.
Kyrill: ... keinesfalls darf Darwins Theorie zur Bekämpfung der Religion missbraucht werden. Andererseits ist die Bibel kein Lehrbuch zur Kosmologie.
SPIEGEL: Aber offenkundig eine Handlungsanleitung für Außenpolitik. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat sich in einem Aufsatz auf das Neue Testament berufen, als er sich gegen eine unipolare, von Amerika beherrschte Welt wandte.
Kyrill: Das Gebot Christi aus dem LukasEvangelium - "Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch" - gilt auch in den internationalen Beziehungen. Hochmut ist in der Politik so gefährlich wie in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir als orthodoxe Kirche weisen jegliche Versuche zurück, eine unipolare Welt zu errichten. Das hieße eine Zwangseinheit herbeizuführen, die Unterschiede von Religionen, Kulturen und Zivilisation einebnet.
SPIEGEL: Können Sie sich eine Wiedervereinigung der orthodoxen mit der römischen Kirche vorstellen, die seit nahezu tausend Jahren getrennt sind?
Kyrill: Die Spaltung ist eine Folge der menschlichen Sünde. Insofern ähnelt sie einer Ehescheidung. Der christliche Westen und der christliche Osten sind auseinandergegangen, weil sie geglaubt haben, den jeweils anderen nicht mehr zu brauchen. Die Wiedervereinigung ist nur über eine geistige Annäherung möglich. Man kann noch so viele Papiere unterschreiben. Wenn wir nicht das Gefühl haben, dass wir uns lieben, dass wir eine Familie sind, dass jeder den anderen braucht, wird sie nicht zustande kommen.
SPIEGEL: Wann kommt es zu dem lange erwarteten Treffen zwischen Papst Benedikt und Ihrem Oberhaupt, Patriarch Alexij?
Kyrill: Seit Benedikt Papst ist, haben sich unsere Beziehungen verbessert. Er hat die Frage eines Besuchs in Moskau von der Tagesordnung gestrichen. Ein solcher Besuch hätte keine Probleme gelöst, sondern neue provoziert. Viele Gläubige in Russland stehen den Katholiken misstrauisch gegenüber. Das ist ein Erbe der Kriege und der Missionierungsversuche des 17. und 18. Jahrhunderts.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, dass der Papst und der Patriarch sich in einem dritten Land treffen, gleichsam auf neutralem Boden?
Kyrill: Das ist durchaus möglich. Die ganze Entwicklung der beiderseitigen Beziehungen läuft darauf hinaus, dass es zu einem solchen Treffen kommen wird.
SPIEGEL: Dass es kein polnischer Papst mehr ist, sollte den Russen den Zugang erleichtern.
Kyrill: In diesem Fall möchte ich Ihnen eine offizielle Antwort geben. Sie lautet: Die Nationalität spielt keine Rolle.
SPIEGEL: Eminenz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Russische Orthodoxe Kirche
ist die größte Glaubensgemeinschaft in Russland; sie versteht sich als Trägerin der russisch-nationalen Kultur. Ihr Grundstein wurde durch die von Konstantinopel betriebene Missionierung der Ostslawen gelegt, 988 wurde das Christentum Staatsreligion im damaligen Kiewer Reich. In kritischen Perioden der Geschichte wichtige Stütze der nationalen Selbstbehauptung, genoss die Orthodoxie zunehmend die Vorteile einer Staatskirche; nach Machtübernahme der Bolschewiki 1917 jedoch wurden die Geistlichen verfolgt und die meisten Gotteshäuser geschlossen. Unter den Präsidenten Jelzin und Putin erhielt die Kirche einen Großteil ihrer Besitztümer zurück, darunter das Moskauer Danilow-Kloster, um dessen Ausbau sich schon Zar Iwan der Schreckliche gekümmert hatte. In der Anlage an der Moskwa residiert heute die Kirchenführung unter Patriarch Alexij II. Der 61-jährige Kyrill, mit bürgerlichem Namen Wladimir Gundjajew, derzeit Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, ist seit 1989 Chef der Auslandsabteilung - er gilt als möglicher Nachfolger des kranken Kirchenoberhaupts.
Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry, Christian Neef und Matthias Schepp in Moskau.
Von Martin Doerry, Christian Neef und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 2/2008
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