07.01.2008

KAMBODSCHADie Zeugen der Killing Fields

Die Roten Khmer begingen einen Völkermord, dem fast jeder vierte ihrer Landsleute zum Opfer fiel. 29 Jahre nach dem Ende ihrer Schreckensherrschaft soll ein Gerichtshof endlich die Taten sühnen. Pol Pot, der „Bruder Nr 1.“, ist tot, aber sein Vize sitzt auf der Anklagebank. Von Erich Follath
Glitzernde Reisfelder im ersten Sonnenlicht, millionenfach gebrochene Spiegelungen des Himmels, schattenspendende Maulbeerbäume, sprudelnde Bäche, in deren Wasser exotische Vögel ihre Schnäbel tauchen. Choeung Ek ist ein Ort, an dem die Schöpfungsgeschichte begonnen haben könnte: so friedlich, so freundlich, so unschuldig.
Choeung Ek ist der Ort eines Massenmordes. Choeung Ek ist ein Synonym für die Killing Fields. In der idyllischen Landschaft 15 Kilometer südlich der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh haben die Roten Khmer viele ihrer Gefangenen getötet, "entsorgt", wie sie es selbst nannten. Choeung Ek: Das sind Schädel von 8985 Hingerichteten, übereinandergeschichtet und in einem weißen Stupa mit goldfarbenem Dach aufbewahrt, ein Monument, das die Welt an die Greuel erinnern soll; 43 von 129 Massengräbern wurden ungeöffnet gelassen, zu den anderen führen Hinweise. Wo die Erde voller Leichen ist, hat sich die Natur besonders intensiv entwickelt. Unkraut wuchert.
"Hier wurden hauptsächlich Frauen und Kinder umgebracht." Die Mörder haben Gewehrkugeln gespart: Die Erwachsenen erschlugen sie mit Eisenstangen und Schaufeln, bei den Kleinsten machten sie nicht einmal das Gerät schmutzig; ihre Köpfe wurden gegen einen mächtigen Stamm geschleudert. "Killing Tree" steht auf dem Schild am Baum, als handelte es sich um eine botanische Besonderheit. Auf den Versuch einer Einordnung des Ungeheuerlichen wird verzichtet.
In der Zeit vom 17. April 1975 bis zum 6. Januar 1979, als die Roten Khmer Kambodscha beherrschten, haben sie ihr Land in das wohl wahnwitzigste Experiment der Menschheitsgeschichte gestürzt. Abgeschottet von der Außenwelt, unterstützt von Maos China, negiert vom Westen, versuchten sie, im Zeitraffer und mit Brachialgewalt den "neuen Menschen" zu schaffen, ausgerichtet nur auf Grundbedürfnisse.
Sie trieben die "Verweichlichten" aus den Städten und zwangen sie unter primitivsten Umständen zur Umerziehung, zum Reisanbau auf die Felder. Sie wollten ein autarkes Land schaffen, von der Weltgeschichte abgeschnitten, damit eine neue Geschichte beginnen konnte: etwas noch nie Dagewesenes. Sie zerstörten Bibliotheken, Museen und Universitäten, sie schafften das Geld ab und alle Banken, sie brannten Klöster und Tempel nieder. Sie rotteten den "Klassenfeind" systematisch aus, wer eine Fremdsprache konnte, wer eine Brille trug, war als Intellektueller verdächtig und damit vogelfrei.
Schwarz sollten alle tragen, und Schwarz trugen sie, als aus dem einst sanften, blühenden Land in Südostasien ein endloser Schreckensteppich wurde. Die Familie galt nichts mehr; sie wurde ersetzt durch "Angkar", die Organisation - an ihrer Spitze "Bruder Nr. 1", Pol Pot. Als die vietnamesischen Truppen dem Spuk schließlich ein Ende machten, war fast ein Viertel der acht Millionen Kambodschaner dem Menschen-Experiment zum Opfer gefallen, verhungert, von Krankheiten dahingerafft, ausgelöscht in einem Blutrausch.
Niemand bestreitet, dass es ein Völkermord war. Niemand hat bisher die Verantwortlichen für diesen Genozid belangt. Jetzt, 29 Jahre nach der Vertreibung der Roten Khmer, fast ein Jahrzehnt nach dem Tod Pol Pots - friedlich starb er, im Bett -, sollen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Kambodscha bekommt sein Nürnberg. Die Anhörungen laufen, bald könnte der Prozess losgehen. Besser spät als nie, argumentieren viele. Andere meinen, man dürfe die alten Wunden nicht aufreißen, die Menschen hielten das nicht aus. Wie sollten sie den Massenmördern noch einmal gegenübertreten, als Zeugen, als Zuschauer?
Vor allem politische Streitigkeiten haben die juristische Aufarbeitung so lange hinausgezögert. Kambodschas Regierung wird seit 1993 geführt von dem autoritären Ministerpräsidenten Hun Sen, der selbst in seiner Jugend ein Khmer Rouge war, bevor er die Fronten wechselte und an der Seite der Vietnamesen sein Land befreite. Hun Sen wollte nie eine umfassende Strafverfolgung, hochrangige Positionen in seiner Regierung sind mit ehemaligen Radikalkommunisten besetzt. Nur die Führungsspitze von einst sollte sich verantworten müssen und nicht in einem international diktierten Strafverfahren.
Der Premier hat sich durchgesetzt: Das jetzige Tribunal ist ein Zwitter - "Außerordentliche Kammern", eingebettet in kambodschanisches Recht wie in Uno-Gerichtsbarkeit. Sieben einheimische und fünf ausländische Richter werden sich auf jeden Schuldspruch einigen müssen. Um ihr Leben brauchen die Angeklagten nicht zu fürchten, die Todesstrafe ist in Kambodscha abgeschafft.
Angeklagt sind: Nuon Chea, 81, Pol Pots Chefideologe und Stellvertreter, bekannt als "Bruder Nr. 2"; Ieng Sary, 82, Ex-Außenminister und Pol Pots Schwager, sowie dessen Frau Ieng Thirith, 75, ehemalige Sozialministerin; Khieu Samphan, 76, Staatschef des "Demokratischen Kampuchea", wie das Land in Khmer-Rouge-Zeiten hieß; Kaing Guek Eav alias Duch, 65, der Chef des größten Folterlagers, der sich zum wiedergeborenen Christen gewandelt hat. Als Einziger war dieser Duch längere Zeit inhaftiert. Die anderen lebten bis vor wenigen Wochen von der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber von den Behörden unbehelligt, in ihren Villen.
Die fünf sind seit Anfang Dezember in hübschen, neugebauten Bungalows am Rande des Gerichtsareals in der Nähe des Flughafens Phnom Penh untergebracht. Rund um die Uhr werden sie von Ärzten überwacht. Klagen über das Essen wurde sofort entsprochen: Es gibt jetzt neben Fisch und Fleisch immer auch ein vegetarisches Alternativgericht. Die Hocktoilette bereite seinen Knien Schmerzen, monierte der Angeklagte Nuon Chea; seitdem sind alle "American Standard".
In Sichtweite des Luxusgefängnisses hasten in diesen Tagen Ermittler aus Dutzenden Nationen - darunter auch die Deutsche Pamela Reusch - über die Flure des neuerrichteten Tribunalgebäudes, das mit seinen Türmchen aussieht wie ein buddhistisches Kloster. Übersetzer präparieren sich. Jede Zeugenaussage, jede Angeklagtenbemerkung muss in den drei Gerichtssprachen Khmer, Englisch und Französisch festgehalten werden.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Das Schlimmste für die Strafverfolger wäre, wenn ihnen die Angeklagten unter den Händen wegstürben. Auf drei Jahre ist das Gerichtsverfahren angelegt, die etwa 60 Millionen Dollar Budget - der Löwenanteil von der Uno, der Rest aus Haushaltsmitteln Kambodschas bestritten - dürften allerdings nur noch einige Monate reichen. Weniger problematisch ist die Aktenlage: Die Roten Khmer haben, wie die Nazis, mit Stolz und Akribie ihr Treiben dokumentiert.
Den Angeklagten steht neben einem kambodschanischen Rechtsbeistand auch ein internationaler Anwalt zu. Die Verteidigung des früheren Staatschefs Samphan wird Jacques Vergès, 82, übernehmen, jener berühmt-berüchtigte Advokat, der schon Klaus Barbie, den ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon, leidenschaftlich
vertrat, außerdem den Terroristen Carlos; er beriet auch den angeklagten Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic. Der Maître, ein wahrer Connaisseur des Grauens, liebt es zu provozieren. "Meine Moral ist, gegen jede Moral zu sein", sagt der Mann, der immer Schwarz trägt - freiwillig und Designer-gestylt. Vergès ist von der Rote-Khmer-Ideologie fasziniert, er soll Pol Pot und Mao getroffen haben, auf dem Schreibtisch in seinem Pariser Stadtpalais thront der steinerne Kopf eines lächelnden Khmer-Herrschers.
Im Vergès-Umfeld heißt es, der Staranwalt plane die ganz große Show. Er werde den früheren König Norodom Sihanouk vorladen, dessen zwischenzeitlicher Flirt mit den Roten Khmer diese erst hoffähig machte. Er werde Henry Kissinger in den Zeugenstand holen, den US-Politiker, der gemeinsam mit Präsident Nixon für das völkerrechtswidrige Bombardement Kambodschas verantwortlich war - ohne die zigtausend Opfer unter den Zivilisten, ohne den so geschürten Hass auf den Westen, sagen Historiker, sei der Aufstieg von Pol Pot und Co. kaum denkbar gewesen.
Wie die Dinge vor Gericht aus dem Ruder laufen können, zeigte sich auch schon ohne Maître Vergès bei einer ersten Anhörung. Da beklagte sich der Anwalt Duchs darüber, dass dessen "Menschenrechte" durch die Haft verletzt würden. Die Kambodschaner auf den Zuschauerbänken lachten; so hilflos, wie sie immer lachen, wenn ihnen etwas peinlich ist, wenn sie bei einer Beleidigung nicht weiterwissen.
Das Tribunal mag wichtig sein. Womöglich wichtiger ist, ob und wie Opfer, Mitläufer und Schuldige von damals zusammenleben können. Menschen wie der gefolterte Maler Vann Nath, der Rote-Khmer-Handlanger Nhem En, der Killer Him Huy - ihre Stimmen, ihre Gefühle zählen für die Zukunft Kambodschas.
Das Opfer
Das kleine Restaurant in Phnom Penh, drei Kilometer entfernt vom früheren Foltergefängnis Tuol Sleng, gleicht Hunderten anderen in der aufstrebenden Stadt mit ihrem Baufieber und dem hektischen Motorradverkehr: ein paar Tische mit Plastikstühlen, eine Art buddhistischer Altar, Neonlicht. Die Currys kosten um die drei Dollar. Es bedienen Familienmitglieder des Inhabers Vann Nath, 62, manchmal auch der Chef selbst.
Er bittet um Entschuldigung, dass er es heute nicht tut. In letzter Zeit hat sich sein Gesundheitszustand verschlechtert. "Die Nieren machen nicht mehr mit", sagt der Mann mit den schneeweißen Haaren und den eingefallenen Wangen. Buschige Brauen stehen wie Schutzschilde über wässrigen Augen. Sie sind immer in die Weite gerichtet, als gäbe es nichts in der unmittelbaren Umgebung, nichts in der Gegenwart, das sich zu betrachten lohne. "Ich komme von der Blutwäsche", sagt er: "Aber die scheint nicht mehr so richtig zu helfen."
Spätfolgen der Qualen, die er erleiden musste? Nath zuckt mit den Schultern, als interessiere ihn Ursache und Wirkung schon lange nicht mehr. Und beginnt dann doch zu erzählen. Stockend zuerst, gepresst die Stimme, dann flüssiger und gegen Ende wie befreit: die Geschichte seines Lebens. Nein, er will nichts verschweigen, auch seine Schwächen nicht, Lehren sollen andere daraus ziehen. Für das Folteropfer Nath hat schon lange nichts mehr Bedeutung außer seiner Familie.
Seine Eltern besaßen einen Bauernhof am Rande der Provinzhauptstadt Battambang, die Reisernten ernährten sie gut. Weil der Junge ein wenig zu übermütig war, gaben die Erzieher ihn für drei Jahre in ein buddhistisches Kloster zur Obhut - durchaus üblich damals. Aber die künstlerische
Ader Naths konnten dann weder Mönche noch Eltern unterdrücken: Er wollte Maler werden. Er lernte das Gewerbe von der Pike auf, pinselte Filmplakate, Porträts von Honoratioren, für den Besuch in der Stadt auch das des Staatschefs Sihanouk; und weil er begabt und geschäftstüchtig war, gründete er eine kleine Firma.
Doch die neuen Herren tolerieren 1975 keine bürgerlichen Existenzen. Wie die Hauptstadt wird auch Battambang von Kalaschnikow schwingenden Roten Khmer, manche erst 13 Jahre alt, leergeräumt. Vann Nath, seine junge Frau und ihren kleinen Sohn verfrachten sie in die Landkommune Nummer fünf. Er schuftet beim Dammbau, sammelt nachts Holz und hilft mit beim Ausheben der Gräber - die Roten Khmer lassen ihr Volk verhungern. Immerhin kann Nath seine Familie zusammenhalten und wird noch einmal Vater.
Als sie an einem Dezembertag 1977 kommen und ihn abholen, als sie ihn zusammenbinden "wie ein Stück Vieh, das zum Schlachthof soll", weiß er nicht, wie ihm geschieht. Bis heute hat Nath keine Ahnung, ob seine Verhaftung nur ein Irrtum ist. Nach einer mehrtägigen Lkw-Fahrt landet er in einem Gefängnis, von dem ihm seine Mitgefangenen zuflüstern, es heiße Tuol Sleng, Parteikürzel: S-21.
Man führt ihn mit verbundenen Augen in einen kalten Raum, zwingt ihn in Fußfesseln aus schwerem Eisen; mit mehr als 30 anderen teilt er "wie in einer Galeere aneinandergeschmiedet" einen kahlen Raum. Er hat Anstaltskleidung bekommen, dünnes Tuch, die meisten sind nackt. Es gibt nicht mehr als zwei, drei Löffel verwässerte Reisgrütze. "Glaubst du, Angkar kennt deine Verbrechen nicht?", fragen sie ihn und bearbeiten ihn mit Elektroschocks. Er wird ohnmächtig.
Vier Wochen geht das so, und er sieht Zellengenossen, die viel schlimmer zugerichtet sind als er. Wer abends stirbt, wird erst am nächsten Morgen weggeräumt. Läuse befallen Vann Naths Körper, eitrige Wunden brechen auf. Doch das Schlimmste sind die endlos langen Stunden in der Zelle - und der Hunger. "Dass die Roten Khmer mich darauf reduziert haben, an nichts anderes zu denken als an die nächste Schale Reis, das nehme ich ihnen am meisten übel", sagt Nath. Und erzählt von dem entwürdigenden Kampf der Gefangenen um die Grashüpfer, die gelegentlich von der Zellendecke fielen und die sich hastig jeder in den Mund zu stecken versuchte.
Er hat schon aufgegeben, als die Schergen plötzlich eines Morgens seine Fußfesseln lösen, nur untergehakt und stolpernd vor Schwäche kann er ihnen in das Büro des Tuol-Sleng-Chefs folgen. Duch heißt der Mann, gefürchtet und verhasst bei den Delinquenten. "Du bist also der Maler", sagt der Boss. "Kannst du auch ein schönes Bild nach einem Foto machen, eine exakte Reproduktion?" Zögernd nickt Nath. Er weiß nicht, wer der Mann ist, dessen Konterfei er kopieren soll, erst später sagt man ihm, es sei "Bruder Nr. 1". Und so beginnt Nath, mit Extraportionen Reis aufgepäppelt, in ein bequemeres Zimmer verlegt, fieberhaft und mit zittriger Hand um sein Leben zu malen. Er ahnt: Enttäuscht er Duch, wird es keine zweite Chance geben.
Zu seiner riesigen Erleichterung gefällt dem Chef-Folterer der dreieinhalb Meter hohe Pol Pot. "Gut, aber streng dich bloß weiter an", murmelt Duch, und Nath hätte diesen Augenblick seiner Rettung noch mehr genießen können, hätte er nicht Schreie gehört, die aus dem Hof zu ihm heraufhallten, die Verzweiflungsschreie der Gefolterten, und hätte er nicht kurz darauf wieder diese Lastwagen gesehen, die mehrmals die Woche abends vorfuhren und auf denen sie Gefangene abtransportierten, von denen jeder wusste: Sie kommen nicht mehr zurück.
Nath arbeitet rund um die Uhr, gemeinsam mit zwei anderen Malern produziert er Bild um Bild der Führungselite. Als ihm ein Assistent zur Seite gestellt wird, ertappt sich Nath bei der Überlegung, ihm nicht die beste Technik zu zeigen: Falls der Neue zu gut wird, macht er sich da nicht selbst überflüssig? Andererseits: Lässt er ihn ins Leere laufen, unterschreibt er nicht ein Todesurteil für den Assistenten?
Die Künstler sollen schließlich auch Statuen Pol Pots anfertigen, erst in Gips, dann aus Silber: Bruder Nr. 1 denkt offensicht-
lich an einen Führerkult. Doch dazu kommt es nicht mehr. Eines Tages im Januar 1979 bricht Hektik aus, die Wächter scheuchen die Maler ins Freie, die Vietnamesen stehen schon in Phnom Penh. Im Chaos kann Nath fliehen, irrt über die Felder, fragt verzweifelt nach seiner Familie. Eine Woche später hat er wie durch ein Wunder seine Frau gefunden; seine Söhne aber - fünf Jahre alt der eine, sechs Monate der andere, als er sie verließ - haben nicht überlebt.
Woher Vann Nath die Kraft genommen hat, mit seiner Frau noch einmal eine Familie zu gründen, das weiß er nicht. Aber er hat heute drei gesunde Kinder: Simen, 26, Sineth, 23, Narung, 16. Und er hat Ende der siebziger Jahre wieder gemalt, das einzige Motiv, das ihn beschäftigt. In Tuol Sleng, dem heutigen Genozid-Museum, hängen seine Gemälde. Szenen, wie sie sich in seine Erinnerung brannten, Szenen, wie sie ihm die anderen erzählt haben, die das Foltergefängnis überlebten: 7 Menschen von etwa 14 000, 4 sind in der Zwischenzeit verstorben.
Nath hat von seinen Honoraren das Restaurant eingerichtet und in den letzten Jahren noch andere Projekte zu zeichnen versucht, zuletzt Entwürfe für ein Altersheim. Doch jetzt hat er schon monatelang Pinsel und Stift aus der Hand gelegt. "Es gibt keine Themen mehr für mich", sagt der Überlebenskünstler, aus dem jede Kraft gewichen ist. Er träumt nur noch von einem: keine Alpträume mehr zu haben. Nicht mehr jede Nacht dieses Gesicht des widerwärtigsten aller Folterer vor sich zu sehen, der sadistisch ausführte, was der Anstaltschef und Mathematiklehrer Duch wollte. Auch nicht mehr das Gesicht des Fotografen, der ihm bei der Ankunft in S-21 die Augenbinde abnahm und ihn anherrschte: "Geradeaus sehen, keine Bewegung, keine Fragen!"
Der Mitläufer
Die Fahrt zum Dokumentar des Schreckens führt über eine Lehmstraße in den äußersten Norden Kambodschas, nach Anlong Veng. Rund 350 Kilometer von seiner ehemaligen Wirkungsstätte entfernt und fast in Sichtweite der thailändischen Grenze, arbeitet Nhem En, 48 - der Fotograf des Foltergefängnisses ist heute stellvertretender Distriktgouverneur. Ein Politiker auf dem Sprung nach oben.
Sein breites Gesicht überzieht ein Dauerlächeln, sorgfältig gekämmt ist der Mittelscheitel, der Kopf ohne Nacken. Die Augen zielen lauernd in alle Richtungen, als
witterten sie permanent Gefahr. Die gedrungene Figur mit den muskulösen Armen gibt En etwas von einem Boxer, der weiß, dass er nach Punkten zurückliegt und den K. o. suchen muss.
Er bewohnt ein schönes Holzhaus am See, seine Frau betreibt mit Hilfe der sechs Kinder einen Gemischtwarenladen, neue Honda-Motorräder stehen auf dem Hof. Es fehlt an nichts für ein komfortables Leben. An nichts - nur an Ruhm. Der Ruhm, den der "bedeutende Zeitzeuge" (En über En) gern nutzen würde für seine grandiosen Zukunftspläne. Er möchte ein "Versöhnungsmuseum" bauen. Bestücken will er es mit alten Khmer-Rouge-Kampfanzügen, Gewehren, Kameras aus seinem Privatbestand - und mit Fotos. Stolz zeigt er Dutzende Alben, in denen säuberlich seine Werke eingeklebt sind: Pol Pot in allen Lebenslagen, Porträts über Porträts aus dem Foltergefängnis. 60 000 Dollar soll sein Museum kosten, ein Anziehungspunkt für Touristen in der verarmten Nordprovinz werden. En sucht Sponsoren.
Er war noch nicht einmal zehn, erzählt er, als er 1970 von den Roten Khmer rekrutiert wurde, als Trommler für die Musikgruppe. Die Streifzüge mit den Guerilleros sind dann für den Jungen ein einziges Abenteuer. So beeindruckt sind seine Chefs von dem anstelligen Knaben, dass sie beschließen, ihn 17-jährig zu einem Lehrgang nach China zu schicken: Nhem En wird als Fotograf ausgebildet. Zwei Jahre später machen sie ihn zum Chef des Fotografenteams von Tuol Sleng.
Seine Aufgabe ist es, von jedem Neueingewiesenen ein Bild für die Akten zu machen. Sie werden von Lastwagen heruntergezerrt und in seinem Zimmer abgeladen. Dann ist er allein mit ihnen. "Fast alle haben mich gefragt: Warum bin ich da? Was machen Sie hier mit mir? Aber ich durfte ja nicht antworten." En weiß, was mit den Gefangenen geschieht: Er hört nachts die Schreie, er sieht die Lkw beim Abtransport. Er schweigt. Er macht einen Job, und er konzentriert sich darauf, ihn so gut wie möglich zu machen. Er kontrolliert die Dunkelkammer, fertigt die Abzüge. Er entwickelt, wie er sagt, "einen professionellen Stolz, die Fotos können sich heute noch technisch sehen lassen".
Und - kein Mitleid?
Er umgeht die Frage. "Ich sah vor mir nur Motive, ich musste das Berufliche von den Menschen und ihren Schicksalen trennen. Und ich hatte ständig Angst, etwas falsch zu machen."
Wie schnell die Stimmung umschlägt, sieht er, als einer seiner Kollegen wegen eines missglückten Fotos verschwindet; eines Tages wird auch En degradiert, muss in einem dem Gefängnis angeschlossenen Stall Schweine füttern, zwischengeparkt, bis eine Entscheidung von oben kommt. Er leidet Todesängste, als er den Vorwurf erfährt: Ein von ihm in China geschossenes Pol-Pot-Bild zeigt den Bruder Nr. 1 mit einem entstellenden schwarzen Fleck über den Augen. Nach Tagen dann die Entwarnung: Die Chinesen geben zu, dass sie beim Negativ gepatzt haben.
"Wenn der Sabotageverdacht an mir hängengeblieben wäre, dann ...", sagt En und hält sich einen Finger an die Schläfe.
Der Anstaltsleiter schätzt ihn damals sehr. "Das lag an meinem Organisationstalent und meiner methodischen, zuverlässigen Arbeit", vermutet der Fotograf. Duch schenkt ihm aus einer Laune heraus eine Rolex; als das Foltergefängnis dann in die Hände der vietnamesischen Sieger fällt, als En im letzten Moment fliehen kann, nützt ihm die teure Uhr sehr: Er tauscht sie gegen mehrere Säcke Reis. Er bleibt aber weiter an der Seite der führenden Roten Khmer, vergraben in den letzten Außenposten, die sie im Norden und Westen des Landes noch fast zwei Jahrzehnte lang halten. Mit seinem Gespür für Macht erkennt En dann 1997 in Anlong Veng, dass er abspringen muss - die Roten Khmer stehen vor dem Ende.
Und seitdem also: Politik unter anderen Vorzeichen. Zuerst tritt En für eine kleine Oppositionsgruppierung als Abgeordneter an - einmal, ein einziges Mal in seinem Leben will er riskieren, nicht mit dem Strom der Macht zu schwimmen. Doch der begnadete Opportunist erkennt bald, dass in der kambodschanischen Scheindemokratie nur die Regierungspartei Pfründen zu verteilen hat. En wechselt die Fronten, wird mit einem Vizegouverneursposten belohnt. Er zeigt seine neue Armbanduhr, auf dem Zifferblatt prangt ein Porträt von Premier Hun Sen.
Das Tribunal hält der Fotograf für eine gute Sache, er hat vor einigen Wochen in Phnom Penh als Zeuge ausgesagt. Dennoch hat er sich geärgert, es gab keine Vorzugsbehandlung für ihn, und wie alle anderen Zeugen sollte er sich mit fünf Dollar Tagegeld begnügen. Das hat En als unangemessen abgelehnt und ist wutschnaubend nach Anlong Veng zurückgefahren.
Solange sein Museum nicht steht, überlegt sich der Vizegouverneur, könnte man mit anderen Sehenswürdigkeiten locken. Die Villen der früheren Rote-Khmer-Führer bieten sich an - und die Verbrennungsstätte Pol Pots. Nhem En, Mitläufer und Chronist der Roten Khmer, zeigt den Weg zum Grab der einstigen Nummer eins. Auf einem Hügel liegt es, am Rande eines Weilers. Kühe grasen, Kinder spielen Fangen, ein Wellblechdach steht über schwarzer Erde, abgegrenzt durch in den Boden gerammte alte Milchflaschen. Ungeziefer kriecht zwischen Plastikbechern.
Noch kurz vor seinem Tod hat der Führer einen seiner engsten Vertrauten und dessen Familienclan hinrichten lassen, was ihn die Macht auch in seinem letzten Sprengel kostete. Der neue Boss Ta Mok verurteilte den geschwächten Pol Pot zu lebenslangem Gefängnis, woraus dann nur einige Monate Hausarrest wurden. Als der
Krebskranke im Schlaf gestorben war, ließ ihn Mok ohne jedes Aufheben einäschern - man warf Autoreifen und alte Matratzen ins kerosingetränkte Feuer, damit es richtig brannte. "Kuhscheiße ist jetzt wichtiger als Pol Pot", sagte der letzte (und inzwischen verstorbene) Rote-Khmer-Kommandeur an diesem 17. April 1998 zu seinen Genossen: "Wir können ihn nur noch als Düngemittel gebrauchen."
Um die Verbrennungsstätte herum liegen Minen, die der Vizegouverneur nun räumen will. "Ich dachte an zwei Dollar pro Tourist, um diesen Platz zu sehen - ist das angemessen?", fragt Nhem En.
Der Täter
Am schwierigsten ist der Killer von S-21 zu finden, der Mann, den sowohl der Maler als auch der Fotograf als Inbegriff der Brutalität in der Hölle der "a-pret", der "verdammten Seelen", identifiziert haben. Der Mann, der die Folterungen überwachte und den Tod auf den Killing Fields mitorganisierte, ist als Him Huy im Dokumentationszentrum geführt, wohnhaft in der "Provinz Kandal".
Die Bundesstraße von Phnom Penh 65 Kilometer Richtung Süden, an einem lang- gestreckten Reisfeld links in einen Weiler namens Prek Sdei, dessen kleines Geschäft mit dem amerikanischen Werbespruch "Life is Action" wirbt; das letzte Bauernhaus vor dem Ortsende, etwas zurück von der Straße - das müsste es nach den Beschreibungen der anderen Dörfler sein, die seine Mobilfunknummer kennen. "Willkommen", sagt der drahtige Mann am Hauseingang jovial, stolz drückt er sein neues Handy ans Ohr. "Ja, ich bin der frühere stellvertretende Kommandant der Wachmannschaften von Tuol Sleng."
Im Parterre des geräumigen Holzhauses ist der Stall, drei Kühe, Hühner, Gänse. Die Felder, erklärt der Hausherr, seien etwas weiter entfernt, Reis baue man an, Bohnen, Erdnüsse. "Die letzten Ernten waren gut, wir sind zufrieden." Eine Treppe führt in den zweiten Stock, zu den Wohnräumen. Rote Bastmatten liegen auf dem sorgfältig gekehrten Boden. Auf einem kleinen Tisch, mit Seidendeckchen geschützt, steht ein Sony-Farbfernseher.
Die Wände sind geschmückt mit Dutzenden Familienfotos. "Meine neun Kinder", sagt der Hausherr stolz, während seine Frau Tee serviert. "Sechs Jungs, drei Mädchen - aber Großvater bin ich leider noch nicht." Him Huy, 53, raucht Marlboro, zwei halbwüchsige Kinder, die beim Interview zuhören wollen, bedienen sich am Wasserspender, made in Taiwan, der neuesten Errungenschaft des Haushalts. Süßigkeiten aus klebrigem Reis werden gereicht, man setzt sich auf die Matten, barfuß: Gemütlich ist's beim Massenmörder.
"Es hätte alles nicht so kommen müssen", sagt Huy unaufgefordert, das sonnengegerbte, lederne Gesicht zur Andeutung eines Lächelns verzogen. "Meine Eltern hätten sich bestimmt eine andere Karriere für mich gewünscht."
Er ist 18, als er sich den Roten Khmer anschließt, und obwohl er als "Sohn eines Knechts" nur vier Jahre Grundschule genossen hat, begreift er schnell und bauernschlau, was man wie sagen muss. "Die Privilegien der alten Gesellschaft hatte ich gründlich satt", wird Huy in einem frühen Rote-Khmer-Dokument zitiert. Er imponiert den führenden Genossen mit Einsatz und Wagemut. Beim siegreichen Angriff auf Phnom Penh wird er verwundet, Granatsplitter stecken noch heute in seinem Körper. Die Partei macht ihn 1977 zu einem der Wächter von Tuol Sleng, 1978 ist er schon Stellvertreter und verantwortlich für die Sicherheit im Foltergefängnis. Einer der fünf Top-Leute in S-21.
Wie kam es zum raschen Aufstieg? "Sie haben all die anderen umgebracht, die in der Befehlskette vor mir standen", sagt er ohne erkennbare Emotionen und bläst den
Zigarettenrauch gegen die Decke. "Als Verräter, aber was hieß das damals schon. Duch schaltete jeden aus, den er nicht mochte. Davor hatte ich Angst."
Er war so nah dran an der Anstaltsleitung, dass er die Anweisungen von Bruder Nr. 2 gesehen hat. "Tötet sie alle", hieß es in einer Direktive. Und Duch selbst zeigte ihm öfter stolz seine eigenen Aufzeichnungen, die er sorgfältig katalogisiert hatte. "Der letzte Plan" hieß eines seiner Manuskripte, und diese Verschwörungstheorie zeigte auf, was die Parteispitze brauchte: einen nie endenden Strom von geständigen Spionen und Parteifeinden, der ein "reinigendes" Blutbad erforderte.
Huy hat das bis heute nicht so richtig begriffen, sagt er. Huy sieht sich als Werkzeug. "Ich hatte keine Wahl", sagt er, "ich habe an Flucht gedacht, ich mochte das alles nicht." Wie erklärt er sich dann, dass Augenzeugen wie Nath und En ihn als Sadisten und Schlächter bezeichnet haben, dem der Job sichtbar Spaß machte? "Die liegen falsch", sagt er.
Er hat also nicht die Todgeweihten eigenhändig auf die Lastwagen verfrachtet, er hat nicht auf den Killing Fields Hand angelegt, Tausende erschlagen?
"So viele waren es nicht", sagt Huy. "Aber ich musste in Choeung Ek schon selbst zupacken. Öfter stand Duch neben mir und drückte mir die Eisenstange in die Hand und sagte: ,Los, oder getraust du dich nicht, dann bist du der falsche Mann ...' "
Die Routine hätte die Sache erleichtert. Alle Exekutionen liefen nach einem bestimmten Schema ab, erklärt Huy und beschreibt dieses dann klinisch präzise. "Wir fuhren immer nachts vor. Die Gefangenen wurden in einen kleinen Raum gebracht, ihre Namen mit den Exekutionslisten abgeglichen." Anschließend führte Huy sie zu den ausgehobenen Gruben und forderte sie auf niederzuknien. Dann schlug er zu. Dann fiel der Körper vornüber. Dann gab es unten noch einen, der sicherheitshalber die Kehlen durchschnitt. Dann kamen Chemikalien über die Leichen, damit keine Seuchen ausbrechen konnten. Und dann waren sie fertig und konnten zum Schlafen in ihre Quartiere zurückgehen.
"Wir hatten auf die Killing Fields extra Elektrizität legen lassen", sagt Huy. Und ja, also einmal habe er einem älteren Opfer gesagt, dass es ihm leid tue, aber wenn er ihn nicht töte, dann werde er getötet. "Ich hatte den Eindruck, er verstand mich."
"Einige Monate" will Huy nach dem Ende der Roten Khmer angeblich "bei den Vietnamesen" im Gefängnis gesessen haben. Die Dorfgemeinschaft habe ihn wieder gut aufgenommen; keine Fragen. Eine neue Verhaftung fürchtet er nicht. Das Tribunal hält er für eine "gute Sache, weil endlich die wahren Schuldigen drankämen" - er wird aussagen, als Zeuge versteht sich. Die Bäuerin schaut noch einmal herein, als es nichts mehr zu sagen gibt. "Noch Tee?", fragt Frau Huy.
Das neue Kambodscha
Die Touristen strömen ins neue Kambodscha, zu den schönen Stränden des Südens, vor allem aber zu den weltberühmten Tempeln von Angkor. Die Direktflüge nach Siem Reap, Ausgangsort für die Besichtigungen, sind das wichtigste Gesprächsthema in der Hauptstadt, man erhofft sich neue Einnahmequellen. Diskutiert wird auch, dass die Behörden wieder einen pädophilen Touristen mitsamt seinem zwölfjährigen Opfer erwischt haben. Und dass Kambodscha in einer Sportdisziplin vorn mit dabei ist: Beim gerade in Phnom Penh ausgetragenen Volleyball-World-Cup für Behinderte hat das Land den dritten Platz errungen. Durch die zahlreichen Unfälle mit Minen verfügt das Land über ein riesiges Reservoir von Versehrtensportlern.
Das Rote-Khmer-Tribunal kommt bei vielen als Thema unter "ferner liefen". Mehr als der Gesundheitszustand der Inhaftierten interessiert, wie es dem König im Ruhestand geht, mit dem dieses Volk eine merkwürdige Hassliebe verbindet.
Norodom Sihanouk, 85, hat sich dieser Tage wieder einmal in Peking behandeln lassen, den Thron - der freilich nur noch ein symbolisches Gewicht hat - überließ er schon vor drei Jahren seinem Sohn Sihamoni, einem früheren Balletttänzer. Der Ex-Monarch ist nur noch selten in der Öffentlichkeit zu sehen, hält aber anderweitig mit dem Volk Kontakt: Auf seiner Website gibt der Exzentrische selbstkomponierte Ständchen an seine Frau Monique zum Besten. Über die Roten Khmer, die er einst als "Garantie für den Fortschritt" gepriesen hat und die ihn später "ausspuckten wie einen Kirschkern" (und einen Teil seiner Familie ausrotteten, was ihn mit allen anderen Kambodschanern verbindet), schweigt sich der hochwohlgeborene Blogger seit langem aus.
Man müsse verzeihen, die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, das ist am Hofe Diktum. Der Ex-Monarch wird ebenso wenig vor dem Tribunal aussagen wie der Premier. Schwamm drüber: So denkt auch die Studentin, die sich Sitha Sar nennt - das einzige Kind des Saloth Sar alias Pol Pot; es stammt aus seiner zweiten Ehe mit der Bäuerin Meas.
Nur wenige wissen, wer die hübsche junge Dame ist, die da allmorgendlich ihr Moped im Hof der Pannasastra-Universität von Phnom Penh parkt. Das private Lehrinstitut gilt als Eliteanstalt Nummer eins in Kambodscha und verlangt hohe Gebühren. Pannasastra erhält auch finanzielle Unterstützung aus den USA; ein Glückwunsch von George Bush senior an den Gründer hängt gerahmt im Gebäude.
Die Pol-Pot-Tochter Sitha, 21, hat sich im Fach Management eingeschrieben, die meisten Lesungen sind in Englisch; ein Grundkurs in Geschichte gehört zur Ausbildung, das entsprechende Lehrbuch widmet der Zeit der Roten Khmer allerdings nicht mehr als eine halbe Seite. Ihren Freundinnen hat sie anvertraut, sie lasse nichts auf ihren Vater kommen; was da über ihn in den Medien erzählt werde, müsse ein Missverständnis sein. Zu ihr sei er immer sehr freundlich gewesen, vielleicht nicht herzlich, aber fürsorglich.
Tatsächlich hat Kambodschas Bruder Nr. 1 kurz vor seinem Tod seinen Sekretär Tep Kunnal angewiesen, sich um Frau und Tochter zu kümmern. Kunnal heiratete
nach Pol Pots Tod dessen Witwe und zog das Mädchen seines Bosses wie ein eigenes Kind auf. Zur "Patriotin" wolle er die Kleine machen, vertraute Kunnal Freunden an, aber Englisch müsse sie schon können und die Geschäftswelt, den Feind "dort draußen", kennenlernen.
Fräulein Sar hat das Foltergefängnis S-21 noch nicht besucht. Sie weiß nichts Genaues über die Akten, die der Anstaltsleiter Duch angelegt hat, die auf Mikrofilmen dokumentiert sind. Die Pol-Pot-Tochter macht einen Bogen um Tuol Sleng. Sie sieht das kommende Tribunal mit großer Skepsis. Und so kennt das einzige Kind des kambodschanischen Schicksalsgottes auch nicht die Geschichte des besten Freundes ihres Vaters.
Wenn dem Führer Pol Pot irgendjemand wirklich nahegestanden hat, dann dieser Siet Chhe. Sie haben Seit an Seit den Kommunismus entdeckt. Chhe wich beim Untergrundkampf auch dann nicht von Saloth Sars Krankenbett, als der im Dschungel von Malaria-Anfällen geschüttelt wurde. Aufopferungsvoll pflegte er den Schwerkranken.
Der Freund rückte nach dem Sieg der Roten Khmer an der Seite Pol Pots in eine Spitzenposition der Bewegung, wurde Logistikchef im Generalstab, begleitete Pol Pot 1975 zu Mao - und fiel während der großen Säuberungen zwei Jahre später in Ungnade. Der Sturz muss völlig unerwartet gekommen sein, noch Tage nach der Einlieferung im April 1977 ins Foltergefängnis Tuol Sleng glaubt Chhe an ein Missverständnis. Er richtet eine Petition an die Anstaltsleitung, verlangt, mit den "höheren Brüdern" sprechen zu dürfen. Abgelehnt. Noch einmal versucht es Chhe, wie ein lähmendes Gift muss ihn in seiner winzigen Zelle die Verzweiflung gepackt haben, die Todesangst - diesmal richtet er das Schreiben direkt an Pol Pot.
"In meiner ersten Woche in S-21 bin ich nur angekettet worden, es gab keine Übergriffe. Aber die Verantwortlichen sagen mir, nach fünf bis sieben Tagen beginne Phase zwei, die Folterungen. Geliebter Bruder, ganz gleichgültig, was die Genossen mit mir tun, ob sie mich schlagen, meine Knochen in Stücke brechen, es gibt nichts Neues zu berichten. Ich werde der Partei gegenüber immer loyal sein, bis zum Ende." Und dann ein dringlicher Appell: "Bitte rette deinen jüngeren Bruder rechtzeitig! Ich wäre glücklich, wenn ich mit meiner Frau und meinen Kindern auf einer Kollektivfarm Reis anbauen dürfte, ich brauche keine offizielle Position. Lass mich einfach nur leben!"
Bei der Prominenz des Häftlings ist es wahrscheinlich, dass Anstaltsleiter Duch das Schreiben weitergeleitet hat, schon um sich abzusichern. Aber die Akten enthalten keine Antwort von Pol Pot. Kein Wort zu seinem Freund. Da ist nur das große, mitleidlose, kalte Schweigen. Und so weiß der oberste Folterknecht von S-21, dass er sich mit diesem Chhe alles erlauben kann.
Die schweren Folterungen setzen im Mai 1977 ein. In der Folge erste Geständnisse des Delinquenten, spioniert habe er. Aber immer wieder auch Zeichen von Aufmüpfigkeit. Chhe erlaubt sich die schriftliche Bitte, "selbst seiner Existenz ein Ende machen zu dürfen".
In Tuol Sleng ist nur Duch Herr über Leben und Sterben. Er denkt sich einen neuen Plan im Umgang mit dem renitenten Gefangenen aus, der offensichtlich immer noch nicht gebrochen ist. "Schreib die Geschichte auf, wie du deine Tochter sexuell missbraucht hast. Es hat keinen Zweck, dies zu leugnen, denn wir haben Zeugen", heißt es in einer dokumentierten Aufforderung an den Häftling: "Lass deinen Körper doch nicht wegen solcher Lappalien noch mehr Schmerzen leiden."
Alle haben alles gestanden in Tuol Sleng, um den Qualen zu entgehen. Es gibt nur ein Dokument des Widerstands: die folgenden Zeilen von Siet Chhe.
"Verehrte Organisation! Dies ist mein Report über meine Tochter, das einzige Mädchen unter meinen vier Kindern, und ich gestehe: Ich habe sie ganz besonders in mein Herz geschlossen. Wenn ich sie während meiner Reisen sah, habe ich ihren Kopf und ihre Schultern berührt und sie in den Arm genommen, mit der Liebe und der Fürsorglichkeit eines Vaters. Was ihre Sexualmoral angeht, bin ich sicher, sie ist ein normales, verantwortungsvolles Kind. Die Anschuldigungen, ich hätte mich an meiner eigenen Tochter vergriffen, sind lächerlich. Ich wünsche ihr, dass sie einen aufrechten und anständigen Revolutionär trifft, mit dem sie ein politisch und moralisch sauberes Leben führen kann. - Sollte mir in meinen anderen Berichten ein Fehler unterlaufen sein, bitte ich die Organisation um Vergebung."
Duch und seine Schergen quälten ihn noch fünf Monate. Ein Inzest-Geständnis konnten sie ihm nicht abzwingen. Dann brachten sie ihn auf den Killing Fields mit einem Schlag gegen den Nacken um und stießen ihn in die Grube. Sie hatten gedacht, jedem Menschen alles Menschliche austreiben zu können.
Sie irrten.
* Vor einem seiner Gemälde - einem Selbstporträt - im Genozid-Museum Tuol Sleng in Phnom Penh.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 2/2008
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