07.01.2008

LITERATURDer übermütige Unglücksritter

In der Erzählung „Die morawische Nacht“ zieht Peter Handke das Fazit eines Dichterlebens.
Ein erledigter Fall? Von wegen. Eher lässt sich sagen: So viel Handke war nie. Zu Beginn des neuen Jahres ist der Österreicher als Schriftsteller präsent wie kaum jemals seit seinem rasanten Start als Junggenie Mitte der sechziger Jahre ("Publikumsbeschimpfung").
Im Dezember feierte Peter Handke seinen 65. Geburtstag. Pünktlich zu diesem Datum ist er mit einer Rowohlt-Monografie geehrt worden. Er selbst überließ der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien viele Manuskripte seiner Werke (darunter "Mein Jahr in der Niemandsbucht", 1994, "Don Juan", 2004, und "Kali", 2007); ein Konvolut seiner Notizbücher hat er hingegen dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach gegeben, wo es für Forschungszwecke eingesehen werden kann (siehe Seite 143). Auch zwei Bücher mit bekannten, aber bisher verstreuten Texten sind noch Ende vergangenen Jahres erschienen: die Gedichtsammlung "Leben ohne Poesie" und die Essaysammlung "Meine Ortstafeln, Meine Zeittafeln" (mit Aufsätzen aus den Jahren 1967 bis 2007).
Und in dieser Woche nun kommt eine neue Erzählung mit dem Titel "Die morawische Nacht" hinzu, eine verspielte, weitgehend autobiografische Summe seines Lebens als Schriftsteller: Handkes großangelegter Versuch, die eigene Position poetisch zu bestimmen und zu verteidigen*.
Dabei geht er unorthodox vor. Wenn es gilt, sich und die eigene Lebensform zu verhöhnen, so macht ihm keiner etwas vor.
Als wollte er einen Katalog der Vorwürfe und Einwände anlegen, die gegen
ihn schon laut geworden sind, zählt er
seine vermeintlichen Schwächen auf: "Daß er allein dem Abseitigen nachgegangen war. Daß er die Augen geschlossen hatte vor der Realität ... Schicksale, Charaktere, Aktionen: nichts für ihn." Selbst die Erotik: "Für ihn kein Thema".
Und so geht es weiter: "Nirgends zeigte er ein Herz für seine Zeitgenossen. Dafür begeisterte er sich an einem Glühwürmchen, einem Igel, einem Bach mit einem Stück Glimmer am Grund ... einer Kuhflade, einem Kinderhaarwirbel, einem Mergelrot, einem Quittenblütenweiß. Und entsprechend abseitig er selber." Fazit: "Auch die Gutgesinnten müssen Angst um diesen Unglücksritter haben."
Lässt es sich besser formulieren? Aber ist hier denn überhaupt von Peter Handke die Rede? Nein, nicht direkt. Gegenstand dieser Attacken ist vielmehr der Held der neuen Erzählung, ein namenloser Schriftsteller, der - im Gegensatz zum Verfasser der "Morawischen Nacht" - mit dem Schreiben längst aufgehört hat.
Das ist der Clou der Erzählung, der doppelte Boden: Freier noch als in seinen früheren Büchern über das Schriftstellerleben - in dem knapp-konzisen "Nachmittag eines Schriftstellers" (1987) oder seinem voluminösen "Jahr in der Niemandsbucht" - kann Handke hier mit den Versatzstücken der eigenen Vita umspringen. Und mit der Fiktion, der Verlockung spielen: mit dem Schreiben aufzuhören.
Es scheint ihm viel Spaß gemacht zu haben, den "Verzicht auf gleichwelche Veröffentlichung" zu beschwören. Immer wieder findet er für seinen Helden neue Bezeichnungen, der mal als "Ex-Autor", mal als der "abgedankte Schreiber", der "ehemalige Autor" oder der "Autor-in-Ruhe" erscheint.
Der Grund für dessen Abkehr vom Schreiben? Eine ins Unermessliche gesteigerte Lärmempfindlichkeit. Irgendwann hat dieser Mann nicht einmal mehr das Rascheln des Bleistifts auf dem Papier ertragen können, ja sogar einen Hautausschlag bekommen, "wenn er ein Blatt Papier, vor allem ein leeres, berührte, und sogar schon bei einem bloßen Papierknistern".
Aber erzählen kann er noch, möchte er sogar. Was ihm also bleibt: der mündliche Bericht. Der Ex-Schreiber lädt eine kleine Gruppe von Zuhörern zu sich ein (sieben Männer): auf sein Boot, das auf der Morawa schwimmt, zwischen der Stadt Velika Plana und dem Dorf Porodin, südwestlich von Belgrad. Dort jedenfalls befindet sich der Liegeplatz, als die Gäste in einer Aprilnacht eintreffen.
Handkes Held und Alter Ego (oder auch: Alternativ-Ich) lebt zurückgezogen auf diesem kleinen Hotelschiff mit dem Namen "Morawische Nacht", das sonst keine Gäste empfängt und "mit der übergroßen Flagge eines längst versunkenen oder abgestunkenen Landes" (also wohl der jugoslawischen) ausstaffiert ist. Hier, an Bord, beginnt eine lange Erzählnacht.
Die Morawa in Serbien ist einer jener vier Flüsse, zu denen einst die "Winterliche Reise" geführt hatte, die Handke unter dem Titel "Gerechtigkeit für Serbien" 1996 beschrieben hat: in einem seiner wenig überzeugenden Versuche, der Öffentlichkeit einen anderen, seinen Blick auf die Zersplitterung des ehemaligen Jugoslawien nahezubringen.
Ausgerechnet von hier aus - so viel Selbstironie und wohl auch Trotz muss sein - ist sein Held, der "Wanderer", zu einer Rundreise aufgebrochen, die ihn quer durch Europa geführt hat und von der er nun, wieder auf seinem Boot, den Gästen berichten will: in Anwesenheit einer geheimnisvollen Frau, die mit ihm dort zu wohnen scheint und die Männer bewirtet.
Überliefert wird sein Bericht von dieser Rundreise, der "Rund- und Zickzackreise", durch ein kollektives Wir (das sich nur gelegentlich in einzelne Ich-Stimmen auflöst), durch "seine Zuhörer, seine (mehr oder weniger) Freunde". Die Gäste kommentieren dabei auch die Art des Erzählens, des Sprachgebrauchs. Als der Bootsherr einmal davon berichtet, dass eine Tafelrunde drei Tage und drei Nächte gewährt habe, heißt es sogleich: ",Währen', solche Wörter unterliefen ihm, der schon lange fern der aktuellen Sprache lebte."
Und die Zuhörer sind keineswegs nur Beifallspender, sie fragen sich sogar zwischendurch, ob vielleicht doch stimmt, "was die ganzen europäischen Zeitungen zuerst prophezeit und in der Folge berichtet hatten: daß der alte Freund auf dem Weg war, endgültig verrückt zu werden".
Die Route dieser Reise zeigt, dass Handke mit der "Morawischen Nacht" eine Art Lebensbilanz anstrebt, oft genug voller Selbstironie und Übermut. In zwölf Kapiteln spürt er wichtigen biografischen Stationen, gewissermaßen seinen europäischen Wurzeln nach. Da geht es mit dem Bus zunächst unter widrigen Umständen (Steinewerfer am Wegesrand) ein Stück Richtung Belgrad, dann mit dem Fährboot auf eine Insel, die hier Cordura heißt und auf der der "abgedankte Autor" sein erstes Buch geschrieben hat - tatsächlich entstand vor gut vier Jahrzehnten auf der jugoslawischen Insel Krk Handkes erster Roman "Die Hornissen" (1966).
Weiter führt die Reise über Spanien nach Deutschland, in den Harz, zum Herkunftsort des "nie gekannten Vaters", und nach Österreich, dem "Heimatland", wo der kranke Bruder zu besuchen ist, der sich dann noch gut daran erinnern kann, wie der ehemalige Autor als Jugendlicher mit ersten Schreibversuchen die Familie tyrannisiert habe: "Keinen Mucks hatten sie machen dürfen. Hustete bloß einer von
ihnen, oder schrammte ein Stuhl, so brüllte er schon um Ruhe."
Hier gehen Dichtung und Wahrheit ein munteres Verwirrspiel ein. Handke selbst hat seinen leiblichen Vater, einen Deutschen, durchaus kennengelernt, und es war seine Halbschwester, die sich einmal ganz ähnlich über den schreibenden Anfänger Handke geäußert hat, der "herrisch die Familie zwang, seine Selbstzweifel und Arbeitsqual mitzuleiden".
"Die morawische Nacht" ist das bisher raffinierteste von Handkes Büchern über das Erzählen, das Schreiben und Schreibleben. Noch nie zuvor ist er derart mit sich ins Gericht gegangen. Im Rahmen der Fiktion wird auch der Umgang mit Frauen zum Thema. Nur einmal nämlich, mit der ersten Freundin auf der Insel Cordura, hat der Ex-Autor das Schreiben und die Liebe zugleich ertragen: "In späteren Jahren wurde das anders. An dem Zwiespalt, als Beruf den des Schreibers, oder Aufschreibers, auszuüben, ausüben zu sollen, und andererseits Liebhaber oder Geliebter zu sein, war dann nichts mehr zu genießen. Es war eine Schuld. Es war die Schuld. Beides zusammen, das war die Strafwürdigkeit."
Die Überzeugung des armen Mannes: Das Schreiben verlange "ein Leben jenseits der Geschlechterliebe". Ja, der ehemalige Autor berichtet seinen Gästen sogar die Geschichte von der Frau, "die er einmal fast totgeprügelt hätte". Als die ihn wiederholt beim Schreiben gestört habe, sei es eines Nachts dazu gekommen, dass er "auf die Frau, ohne sie überhaupt anzuschauen, losstürzte und auf sie einprügelte".
Was immer daran autobiografisch gefärbt sein mag: Eine ehemalige Freundin, die Schauspielerin Marie Colbin, hat einmal öffentlich über einen Gewaltausbruch Handkes geklagt: "Ich höre noch meinen Kopf auf den Steinboden knallen. Ich spüre wieder den Bergschuh im Unterleib ..." Vor allem Schauspielerinnen sah man an der Seite des Schriftstellers, von Libgart Schwarz über Jeanne Moreau, Sophie Semin bis zu Katja Flint.
Und eines teilt der reale Handke ganz gewiss mit seinem fiktiven Ex-Kollegen im Buch - das Bedürfnis, völlig auf sich gestellt zu sein, die Welt als Einzelgänger zu betrachten, und zwar im wörtlichen Sinn: als jemand, der sich dem Gehen und oft ziellosen Herumreisen überlässt; zwischendurch auch einmal eine Strecke mit dem Zug oder Flugzeug.
Und so heißt es dann etwa: "Es war noch mitten am Tag, und die Sonne schien, die Sonne des Zeithabens. Sich sonnen in ihr: und so beschloß er, vom Flughafen zu Fuß aufzubrechen, irgendwohin in das Land, sich leiten lassen, ohne vorgefaßtes Ziel", geleitet "von den Straßen, den Wegen, dem Querfeldein, den Horizonten".
Das Gehen, hat Handke einmal gesprächsweise formuliert, sei heute das wirkliche Abenteuer, "das Gehen querfeldein durch die Städte durch, von der Vorstadt in die Stadt, zur großen Stadt wieder zu Fuß hinaus". Wäre seine umfangreiche Erzählung über weite Strecken nicht gar so grüblerisch und angestrengt ausgefallen, sein Buch könnte durchaus Hape Kerkelings Dauerbestseller "Ich bin dann mal weg" Konkurrenz machen.
Denn bei aller Schwermut und Selbstqual hat "Die morawische Nacht" auch ganz nüchterne Seiten, etwa wenn der Wanderer überlegt, "daß es an der Zeit wäre, die von dem nachtlangen Weg schlammigen Gehstiefel zu putzen, daß er möglichst bald einen Geldautomaten finden mußte".
Die Gewohnheit, sich während der Reisen Notizen zu machen, hat Handkes Held freilich abgelegt. Nur ein einziges Mal unterläuft es ihm, "daß er sein kaum mehr benütztes Notizbuch hervorzog, wie um nach längst abgetaner Gewohnheit mit all diesen kleinen Begebnissen mitzuschreiben". Aber unschwer ist zu erkennen, dass manche Passage dieses Buchs aus ebensolchen Handke-Notizen stammt, schlichte Reihungen scheinbar zufälliger Beobachtungen, wie etwa diese: "Ein Fahrrad fiel um. Eine Frau hatte graugrüne Augen. Ein Mann hatte auf der Wange eine Narbe, die kein Schmiß war. Ein Zweig federte von einem da aufgeflogenen Vogel. Der Rest einer Zeitung ragte aus einem Kanalgitter ... Ein Türke und ein Asiate sprachen miteinander im österreichischen Dialekt."
Obgleich nicht im engeren Sinne rea- listisch, ist Handkes Buch bemerkenswert welthaltig und gegenwartsbezogen. Aber, unter Freunden, eine gewaltige Luftnummer ist das Ganze eben doch: eine Nummer auf dem literarischen Hochseil, artistisch und wagemutig ausbalanciert, stets absturzgefährdet. Und manchmal ein wenig anstrengend.
Es folgt schließlich noch ein letztes, ein 13. Kapitel. Da löst sich, am Ende der Nacht, alles auf, keine Spur von einem Schiff, von Zuhörern, einer Frau, nicht einmal von dem erträumten Buch. Und im Morgengrauen fragt sich ein einsamer Erzähler gar: "Was hatte er bloß bei den Verlorenen auf dem Balkan zu suchen gehabt?" Darauf gibt es zwar keine Antwort, aber es gibt doch dieses eindrucksvolle Buch, das nicht über Nacht entstanden ist, sondern von Januar bis November 2007. VOLKER HAGE
* Peter Handke: "Die morawische Nacht". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 564 Seiten; 28 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 2/2008
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