07.01.2008

FEMINISMUSDenkerin in der Männerwelt

Simone de Beauvoir, Philosophin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, wird zu ihrem 100. Geburtstag neu gelesen - unabhängig von Sartre.
Der Tod erschütterte sie nicht. Ihr Lebensgefährte seit über 50 Jahren lag in seiner "kleinen Kiste", er würde da nicht mehr herauskommen, und sie würde nicht mehr zu ihm kommen. Nüchtern stellte sie fest: "Selbst wenn man mich neben Euch beerdigt, von Eurer Asche zu meinen Überresten gibt es keinen Übergang."
Simone de Beauvoir blieb ihrer materialistischen Überzeugung treu. Ihrer katholischen Kinderfrömmigkeit, dem Glauben an den Himmel, hatte sie längst abgeschworen, im Alter von 14 Jahren erklärte sie ihrer Mutter mit trotziger Entschlossenheit: "Ich werde nicht mehr zur Messe gehen."
Der Tod hatte sie getrennt, nicht vereinigt. Dabei war es das Paar des Jahrhunderts: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Als sie am 14. April 1986 starb, sechs Jahre fast auf den Tag genau nach Sartre, ging die Protestbewegung von 1968 endgültig zu Ende. Der Trauerzug in Paris war die letzte Kundgebung der Revolte. Die Kellner der Brasserie La Coupole standen auf der Straße Spalier, die weiße Serviette über den linken Arm geschlagen, um ihrem treuen und prominenten Gast im Intellektuellen- und Künstlerviertel Montparnasse die letzte Ehre zu erweisen.
Der kleine Platz vor der Kirche Saint-Germain-des-Prés in Paris trägt heute ihren Namen, verbunden mit dem von Sartre. Ebenso eine kleine Fußgängerbrücke an der neuen Nationalbibliothek: ein Überweg zu Büchern, das hätte ihr gefallen.
Die beiden sind so nun doch vereint. Dabei hatte sie stets darauf geachtet, ihre Selbständigkeit zu behalten, ihren Freiheitswillen, ihre Lebensfreude, ihre Neugier, ihr Bedürfnis zu schreiben.
Hundert Jahre nach ihrer Geburt am 9. Januar 1908 ist die französische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir Wegbereiterin für Generationen von Frauen geblieben, eine Autorin, die Emanzipation praktisch lebte und mit ihren Büchern die theoretischen Grundlagen des modernen Feminismus lieferte - Vorbild auch für Alice Schwarzer in Deutschland, die seit Anfang der siebziger Jahre mit ihr befreundet war. Beauvoirs Kultwerk "Das andere Geschlecht", aber auch ihre mehrbändigen Memoiren haben die Debatte über das Verhältnis von Mann und Frau entscheidend geprägt.
"Selbstverständlich ist das Erbe von Simone de Beauvoir nicht auf den feministischen Aspekt zu beschränken", resümiert Schwarzer, die Epigonin, die nie an das Original herankam, "doch es gibt keine Zeile, die nicht durchdrungen wäre von der Tatsache, dass sie eine Frau ist in einer Männerwelt."
Mehrere Bücher und Biografien bemühen sich jetzt, Simone de Beauvoir wieder zu lesen, Neues, Überraschendes in ihrem Werk zu entdecken, vor allem aber die Klarheit, die Integrität, den Gerechtigkeitssinn und die Kühnheit ihrer Visionen zu würdigen.
Nicht nur die Bücher, vor allem auch ihr Leben haben sie zur bedeutendsten weiblichen Intellektuellen der Neuzeit gemacht; einer eigenständigen Denkerin, nicht nur dem Anhängsel des enthemmten Verführers Sartre.
Die Tochter aus gutem Hause entzog sich von Anfang an einem Gegensatz, der in der bürgerlichen Gesellschaft damals als selbstverständlich galt: Schönheit und Intelligenz.
Ein Mädchen war dafür bestimmt, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Wenn die Familie nicht reich genug war, der Tochter eine ansehnliche Mitgift zu spendieren, wenn das Mädchen nicht attraktiv genug war, einen Mann von Stand zu verführen, dann blieb sie existentiell auf sich selbst angewiesen, auf ihr Wesen an sich, unabhängig vom Geschlecht.
In ihrem epochalen Buch, "Das andere Geschlecht", das 1949 in zwei Bänden erschien und einen sofortigen Skandalerfolg erlebte (22 000 verkaufte Exemplare in zwei Wochen), sezierte Beauvoir die Frage, was es eigentlich für die eine Hälfte der Menschheit bedeutet, von der anderen - oft dümmeren, meist emotional ärmeren - definiert, herabgesetzt, gepriesen, wie auch immer fremdbestimmt zu werden.
Der Essay hatte eine Bombenwirkung und verurteilte seine Autorin zu einer quasi dämonischen, lebenslangen Verruchtheit: unbefriedigt, frigide, nymphomanisch, lesbisch, männer- und kindertötend, wüteten Leser und Medien.
In Schmähbriefen bot man ihr an, sie zu heilen, ihre Begierde zu stillen, ihr die Augen zu öffnen, um das Wahre, Schöne und Gute zu entdecken - in den ordinärsten und beleidigendsten Ausdrücken. Selbst der gutkatholische und hochanständige Schriftsteller François Mauriac spottete angewidert gegenüber einem Mitarbeiter Beauvoirs: "Ich habe alles über die Vagina Ihrer Chefin erfahren." Auch der zutiefst humanistische Albert Camus ertrug intelligente Frauen nicht, wie Beauvoir rasch bemerkte: Er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl, so dass er sich über sie lustig machte oder sie ignorierte, je nachdem, wie genervt er war: "Sein Ton mir gegenüber war gewöhnlich sarkastisch und häufig genug beleidigend."
Dabei ahnte auch Simone de Beauvoir, dass ihre revolutionäre These "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es" nicht ganz stimmen konnte.
Zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des "anderen Geschlechts" unterzog die Schriftstellerin Suzanne Lilar das Gründungswerk des modernen Feminismus einer fulminanten Kritik, die Beauvoir immerhin dazu brachte, genetische, hormonelle, anatomische Unterschiede zwischen den Geschlechtern einzuräumen - auch wenn sie zu Recht an der kulturellen Prägung der Vorstellung von Weiblichkeit festhielt, die immer noch zwischen Idealisierung und Dämonisierung schwankt.
"Frauen, ihr verdankt ihr alles!", soll Elisabeth Badinter, Frauenrechtlerin und Autorin in Beauvoirs Geist, bei der Beerdigung gerufen haben. Der französische Existentialismus analysierte den Menschen als eine radikal freie Person, die sich durch ihr Handeln entwirft, statt durch die Umstände getrieben zu sein. Aber sind alle Menschen gleich frei, zu handeln?
In ihren Erinnerungen hat sich Beauvoir, die aus ihrem Milieu austreten musste, um in die wahre Geschichte einzutreten, "betrogen" gefühlt. Doch die radikale Avantgardistin, die sie war, verehrt und verhasst, eine absolute Einzelgängerin, keineswegs nur eine Gefährtin oder ein Medium für den berühmteren Sartre, mit dem sie das Grab auf dem Friedhof von Montparnasse teilt - sie hat Generationen von Frauen in der ganzen Welt die Augen geöffnet. ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 2/2008
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