21.01.2008

LEGENDENDie Wiege der Revolution

Vom ostdeutschen Luckenwalde zieht Rudi Dutschke aus, um den Westen von Unterdrückung und Kapitalherrschaft zu befreien. Seine Familie sieht dem Treiben so hilflos zu wie die Stasi. Und der Westen ruft Dutschke und den 68ern zu: Geht doch rüber! Von Jochen-Martin Gutsch
Im Sommer, sagt Schmidt, sei die erste Anfrage für den Pullover gekommen. Aus Bonn. Er saß in Luckenwalde, in seinem Büro unter dem Dach, weit weg. Er war überhaupt immer weit weg gewesen von 68, geografisch und inhaltlich. Der letzte 40. Jahrestag, an den Schmidt sich erinnern konnte, war sein eigener. Und der 40. Jahrestag der DDR. Jetzt schien er ein wichtiger Mann zu sein für den 40. Jahrestag der 68er-Bewegung. Schmidt sagte Bonn ab.
Er sagte auch den Museen in Frankfurt und Berlin ab, die den Pullover für ihre Ausstellungen haben wollten. Die ganze 68er-Jubiläums-Aufregung versandete bei Schmidt in Luckenwalde. Das ZDF schickte ein paar Leute vorbei, man brauche den Pullover für die Dreharbeiten zu einem Dutschke-Film. Schmidt schickte die Leute wieder weg und sagte, der Pullover sei nicht verhandelbar, er gehöre zu den "Zwölf Schätzen von Luckenwalde". Es klang nach Gold und Silber und Piraten.
Roman Schmidt ist der Leiter des Heimatmuseums in Luckenwalde, 20 000 Einwohner, Bundesland Brandenburg. Die "Zwölf Schätze" hat Schmidt im Eingangsbereich des Heimatmuseums ausgestellt: ein Kirchen-Gesangbuch aus dem 19. Jahrhundert; eine Fahnenspitze der FDJ; zwei Flaschen Whiskey der Luckenwalder Firma Falckenthal; einen alten Schwarzweißfilm über die Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag der DDR in Luckenwalde; ein handgeschnitztes Paddel aus Papua-Neuguinea zu Ehren von Carl Wilhelm Ottow aus Luckenwalde, einem der ersten beiden Missionare, die 1855 nach Papua-Neuguinea gingen. Und über dem Holzpaddel, in derselben Vitrine, hinter Glas, hängt der Strickpullover von Rudi Dutschke.
"Der bekannteste Pulli Deutschlands" hat Schmidt den kurzen Begleittext neben Dutschkes Pullover übertitelt. Ein Superlativ, aber die Sache ist trotzdem nicht so leicht zu begreifen. Pullover haben in der Geschichte selten eine Rolle gespielt. Dutschkes Pullover ist schwarz, braun, olivgrün und vielleicht auch grau oder türkis. Die Farben sind verwaschen. Dutschke trug ihn auf Demonstrationen, in Versammlungen, im Fernsehinterview mit Günter Gaus. Der Pullover strahlt nichts Umstürzlerisches aus, er ist als Kleidungsstück eher konservativ-gemäßigt, gestrickt in dem Muster eines Kinderpullis. Das Symbol der Revolution in Russland ist der Panzerkreuzer "Aurora". Die Kubaner haben Che Guevara. Die 68er verehren Dutschkes Pullover. Strickware. Andererseits kann eine Bewegung, die einen Pullover zum Symbol hat, nicht wirklich schlecht gewesen sein. "So oft wie er ihn anhatte, denke ick mal, ditt war einfach sein Lieblingspulli", sagt Schmidt.
Das ist die beste Erklärung.
Das Highlight für die meisten Besucher sei das kleine Kirchen-Gesangbuch, sagt Schmidt. Ein Mädchen klaute es einst aus
dem Heimatmuseum und brachte es als alte Frau beschämt wieder zurück. Die Filmaufnahmen vom 15. Jahrestag der DDR in Luckenwalde, 1964, kommen auch gut an. Manchmal erkennen sich die Leute darauf. Sie stehen davor und schauen in ihre Vergangenheit. "Der Pulli ist nich' ditt Highlight", sagt Schmidt. "Ick merke bei Führungen, ob ick noch weiter erzählen soll zum Pulli und 68 oder besser gleich mit dem Holzpaddel weitermache."
Schmidt ist Jahrgang 1963, geboren in der DDR. 1968 war er fünf Jahre alt, und auch später war Rudi Dutschke kein Name, der sich aufdrängte. Er war kein Thema im Osten, niemand, über den man in der Schule hörte oder in der Zeitung las. Man
wuchs ohne Dutschke und die 68er auf, genauso wie man auch ohne die Geschichte von der RAF und vom Deutschen Herbst aufwuchs, das andere große Thema der alten Bundesrepublik. Im Osten kannte jeder Tamara Bunke, die Guerillera, die mit Che Guevara kämpfte, und man wusste, dass Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, aus dem kleinen Ort mit dem schönen Namen Morgenröthe-Rautenkranz kam. Aber wer war Rudi Dutschke?
Den Namen hörte Schmidt zum ersten Mal im November 1989. "Muss auf einer Stadtratssitzung gewesen sein." Da war Dutschke seit fast zehn Jahren tot - und 68 seit über 20 Jahren Geschichte.
Schmidts angegraute Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden, er erinnert an einen DDR-Bürgerrechtler, aber Schmidt war nie Bürgerrechtler. Schmidt war Klempner. 1989, vor dem Mauerfall, bewarb er sich auf die Stelle des Museumsassistenten. "Ditt hatte gesundheitliche Gründe. Ick hatte ooch Rückenprobleme."
Jetzt, 2008, ist Schmidt so etwas wie ein Rudi-Dutschke-Nachlasspfleger. "Die Museen im Westen haben ja alle nüscht von Dutschke", sagt Schmidt und zündet sich im Büro eine Zigarette an. "Keine dreidimensionalen Objekte." Schmidt zeigt auf eine dunkelbraune Lederjacke, die locker auf einem Bügel am Bücherregal hängt. "Dutschkes Lederjacke. Is 'n Ding, oder?"
Schmidt ist zufällig in diese Rolle geraten, anders kann man es nicht sagen. Irgendwann, 1995, stand Helmut Dutschke bei Schmidt im Büro. Schmidt war jetzt Leiter des Heimatmuseums und Helmut Dutschke, älterer Bruder von Rudi, gerade mit der Initiative gescheitert, das Luckenwalder Gymnasium in Rudi-Dutschke-Gymnasium umzubenennen. Helmut Dutschke fragte Schmidt, ob man nicht eine Ausstellung machen könne. Über Rudi Dutschke. Schmidt sagte sofort zu.
Wahrscheinlich war es die erste Dutschke-Ausstellung auf ostdeutschem Boden. Nur hatten Schmidt und Helmut Dutschke anfangs nichts, was sie ausstellen konnten.
"Watt zeigen wir?", fragte Schmidt.
"Ich besorg was", sagte Dutschke.
Er kam wieder mit einer Tüte voller Bücher, Rudi-Dutschke-Biografien.
"Ditt is nüscht", sagte Schmidt. "Wir brauchen watt Richtiges, watt Lebendiges."
Helmut Dutschke, der in Potsdam wohnt, kam wieder und stellte zwei Tüten bei Schmidt ins Büro.
Schmidt beugte sich über die Tüten, zog die Sachen heraus, den Pullover, die Lederjacke, das Manuskript der Doktorarbeit mit "orijinal Korrekturen", den silberfarbenen Vierfarben-Kugelschreiber, mit dem Dutschke geschrieben hatte, und Dutschkes ersten Ausweis von West-Berlin. "Ick hab' ihn gefragt: Sag mal, Helmut, is ditt alles echt?"
Sie schauten auf die Sachen. Zwei Ostdeutsche, die sich einem fremden Mann und einer fremden Zeit annäherten. Helmut Dutschke seinem Bruder. Schmidt einem Revolutionär aus dem Westen.
Die Sachen kamen aus Amerika, von Gretchen Dutschke, der Witwe von Rudi Dutschke. Sie kehrten an den Ursprung zurück, nach Luckenwalde, dorthin, wo Dutschkes Geschichte begonnen hatte. Aber auch dorthin, wo sie Anfang der sechziger Jahre abgerissen war.
Rudi Dutschke wurde in Schönefeld bei Luckenwalde geboren. Später zog die Familie nach Luckenwalde. Dutschke ging hier zur Schule und zog 1960 nach West-Berlin, um später zu studieren. Im August 1961, ein paar Tage vor dem Mauerbau, stieg Rudi Dutschke auf den Rücksitz des Motorrads von Helmut Dutschke. Sie fuhren von Luckenwalde nach West-Berlin, wo Rudi gerade sein Westabitur nachgeholt hatte. Helmut fuhr wieder zurück. Die Familie saß jetzt in zwei Welten. Rudi Dutschke im Westen. Sein Vater, die Mutter und seine drei Brüder im Osten. Rudi Dutschke stieg auf zum politischen Helden der 68er. Seine Familie sah ihm manchmal im Fernsehen dabei zu.
Nur ein einziges Mal waren sie dabei. Sie verließen für ein paar Tage die DDR und gingen über die Grenze in die BRD, von Luckenwalde nach West-Berlin, mitten ins Herz der Revolution. Sie wechselten die Seiten. Von 68-Ost nach 68-West.
Am 11. April 1968, Gründonnerstag, gibt Josef Bachmann vor dem Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds am Ku'damm aus einem Revolver drei Schüsse auf Rudi Dutschke ab. Eine Kugel durchschlägt dessen Schädel.
Im brandenburgischen Teltow sitzt Helmut Dutschke nachmittags im Wohnzimmer, er spielt mit seinem Sohn, der Fernseher läuft, als plötzlich die Bilder vom Tatort zu sehen sind. Zwei Schuhe verstreut über die Straße, Dutschkes umgestürztes Fahrrad, seine Tasche. Helmut Dutschke steigt ins Auto, fährt nach Potsdam zur Bezirksbehörde und stellt den Antrag, nach West-Berlin reisen zu dürfen. Kurz vor Mitternacht hat er die Genehmigung. Zusammen mit seinem Vater fährt er zum Grenzübergang Invalidenstraße, sie stellen den Wagen ab. Dann laufen sie zu Fuß über die Grenze.
Sie stehen in West-Berlin, nachts. Sie haben kein Geld für ein Taxi. Helmut Dutschke spricht einen Polizisten an. "Ich bin der Bruder von Rudi Dutschke. Können Sie uns zum Krankenhaus fahren?" Der Polizist fährt sie. Das Westend-Krankenhaus ist umlagert von Journalisten, die Dutschkes schlüpfen unerkannt hindurch,
sie treffen auf Gretchen Dutschke. Sie treffen später auch Manfred Dutschke, den anderen Bruder, der es ebenfalls über die Grenze schaffte. Wolfgang Neuss, der Schauspieler und Freund von Rudi Dutschke, kümmert sich um den Ostbesuch. Sie kennen ihn aus dem Westfernsehen, er fährt sie in seiner "Ente" durch die Stadt. Sie übernachten für ein paar Tage in seiner Wohnung in Charlottenburg.
Am nächsten Tag sehen sie kurz ihren Bruder. Er ist ansprechbar. Er erkennt sie. Neuss fährt sie weiter durch die Stadt, zu Dutschkes Wohngemeinschaft, zur Freien Universität, aber niemand nimmt groß Notiz von ihnen. In diesen Tagen explodiert der Protest, vor dem Axel-Springer-Verlag werden Barrikaden errichtet, um die Auslieferungen der Zeitungen zu verhindern. Die Dutschkes halten sich fern. Sie umfahren eine Demonstration auf dem Ku'damm, sie kaufen ein paar Sachen für ihre Familien. Sie bewegen sich unauffällig durch die Welt ihres Bruders.
"Ich war ängstlich damals. Ich wusste nicht, wer da links und rechts von mir läuft. Ob das die Stasi ist oder so. Ich wollte nichts falsch machen. Ich wollte keine Probleme bekommen. Ich wollte sehen, was mit Rudi ist, und dann wieder zurück", sagt Manfred Dutschke.
Die Dutschkes überschreiten wieder die Grenze. Von 68-West zurück nach 68-Ost.
In Luckenwalde wartet die Stasi. Nur wenige Stunden nach der Rückkehr verwickelt der IM "Werner" Alfred Dutschke, den Vater, der bei der Deutschen Post in Luckenwalde arbeitet, in ein Gespräch über den Aufenthalt in West-Berlin und den Gesundheitszustand von Rudi Dutschke ("verbessert sich täglich"). Zudem will IM "Werner" die Haltung des Vaters zu seinem Sohn erkunden.
"Der IM ,Werner' teilte mit, daß der Vater die Lebensauffassung seines Sohnes Rudi und seiner Freunde als Utopie bezeichnet", heißt es in einem Bericht vom 17. April 1968. "Ferner konnte ermittelt werden, daß dem Vater das Äußere seines Sohnes Rudi nicht gefällt wie z. B. lange Haare. Er bedauert es auch, daß seine Schwiegertochter keinen positiven Einfluß auf Rudi ausübt." Der Bericht wird an den Stellvertretenden Minister für Staatssicherheit nach Ost-Berlin geschickt.
Für die DDR scheint Rudi Dutschke der kleinbürgerliche, langhaarige Spinner zu sein, eine Mischung aus Student, Rowdy und linkem Phantasten. Im Westen ist er der kommunistische Rädelsführer aus der Zone. Der Volksfeind Nummer eins. Vermutlich eingeschleust von der SED oder den Sowjets, um in der BRD das System zu stürzen. Am 7. Februar 1968 schreibt die "Bild"-Zeitung auf der Titelseite wie zum Aufruf: "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!"
Fast 40 Jahre später stehen zwei alte Männer vor einem Grab auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin. Der eine, Helmut Dutschke, ist groß, dünn, mit eisgrauen Haaren. Der andere, Manfred Dutschke, ist kleiner, untersetzt. Es ist Ende Dezember, der Wind geht kalt, sie tragen Hüte. "Dr. phil. Rudi Dutschke" steht auf dem Grabstein.
Sie gehen rüber ins Gemeindehaus, in die Wärme, sie ziehen die Jacke aus, nehmen den Hut ab. Helmut Dutschke legt einen Stapel Bücher auf den Tisch. Dazu Tonbandkassetten, eine CD, Videokassetten mit Reden von Rudi Dutschke, Rundfunkreportagen, Interviews, Dokumentationen. Eine Mappe mit Zeitungsausschnitten. Helmut Dutschke hat alles durchgelesen, durchgehört, durchgesehen. Er schiebt ein Zeitungsinterview mit der Band Wir sind Helden über den Tisch, die Rudi Dutschke erwähnen, wie einen Beweis dafür, dass ihm nichts entgeht.
1992 ging Helmut Dutschke in Rente und begann, sich das Wirken seines Bruders nachträglich zu erschließen. Er sammelte Informationen über ein ihm weitgehend unbekanntes Leben. "Ich wollte wissen, was war da eigentlich? Wie hat Rudi gelebt?" Er ist jetzt 71 Jahre alt und ein Zeitzeuge durch Lesen, falls es so etwas gibt. Er spricht bedacht, er nähert sich seinem Bruder wie ein Wissenschaftler, der väterlich ist und Sätze sagt wie: "Rudi war natürlich auch ein wenig blauäugig."
Manfred Dutschke ist 75 Jahre alt und Stadtverordneter der CDU in Luckenwalde. Ein paarmal während des Gesprächs geraten die Brüder kurz in Streit, und Manfred Dutschke entscheidet die Auseinandersetzung dann für sich. Er hat die lautere Stimme. Beide, Helmut und Manfred Dutschke, haben ihre späte Aufgabe gefunden. Sie pflegen das Andenken ihres Bruders. Und sie beschützen es. Manchmal werden sie in Schulklassen eingeladen, um über den berühmten Bruder zu berichten. Zeitungen und Radiosender wollen Interviews, gerade jetzt zum Jubiläum. "Wir haben heute eigentlich mehr Kontakt zu Rudi als damals", sagt Manfred Dutschke.
1968 steht die Mauer erst sieben Jahre. Aber die Welten, in denen sich die Menschen bewegen, im Osten und im Westen, fallen mehr und mehr auseinander.
In der DDR wird 1968 der FC Carl Zeiss Jena Fußball-Oberliga-Meister, Roland Matthes schwimmt Weltrekord über 100 Meter Rücken, eine neue Verfassung tritt in Kraft, das Waschmittel "Spee" kommt in die Läden, im DDR-Fernsehen läuft der mehrteilige Fernsehfilm "Ich - Axel Cäsar Springer", und einer der Hits des Jahres ist
"Heißer Sommer" von Frank Schöbel und Chris Doerk. Die Dutschke-Brüder tragen kurze Haare, gehen in den Betrieb und mögen deutsche Schlager.
Manfred Dutschke arbeitet in der Molkereigenossenschaft Luckenwalde als Berater für Milcherzeugung und Verarbeitung. Er ist Mitglied der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands, einer Blockpartei. Helmut Dutschke arbeitet im Reglerwerk in Teltow, nicht weit entfernt von Luckenwalde, als Elektroingenieur. Sie führen ein gerades, unaufgeregtes Leben in der DDR.
Rudi Dutschke studiert an der Freien Universität Soziologie. Er macht mit bei der Subversiven Aktion, später beim SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, beim Dritte-Welt-Arbeitskreis, alles Gruppen, die im Osten fast niemand kennt, er spricht vom "Marsch durch die Institutionen", er verehrt Ernst Bloch, Herbert Marcuse und Georg Lukács, seine Haare sind lang, seine Frau ist eine Amerikanerin aus Chicago.
Der Kontakt von Luckenwalde nach West-Berlin läuft vor allem über die Mutter. Sie schreibt fast wöchentlich. Sie sorgt sich. "Sag mal Rudi, bist Du nicht mehr Antialkoholiker, weil Du schreibst, Ihr hättet Deinen Geburtstag bei einer Flasche Rotwein gefeiert?", schreibt die Mutter im März 1965. "Oder war das nur eine Ausnahme, dann will ich sie gelten lassen. Bleibe gesund und Gott befohlen."
Im Juli 1965 schreibt Elsbeth Dutschke, weil ihr Sohn vergaß, sich für ein Paket mit Marx/Engels-Werken zu bedanken. "Rudi, hast Du vergessen, was Mutti Dir, als Du klein warst, gelernt hat: ,Ist die Gabe noch so klein. Dankbar mußt Du immer sein.'" Im August mahnt die Mutter: "Ihr lebt Euch ja als Brüder im geteilten Deutschland ganz auseinander, wenn Ihr nicht wenigstens die briefliche Verbindung hochhaltet. ... Es kommt im Laufe der Zeit noch so weit, wir sprechen eine Sprache und verstehen uns nicht mehr, und das wäre das Schlimmste, was geschehen könnte."
Aus Luckenwalder Sicht ist Rudi Dutschke der jüngste Sohn, der kleine Bruder. Allein im Wilden Westen.
1967, mit den Demonstrationen gegen den Schah-Besuch und den Schüssen auf Benno Ohnesorg, sieht die Familie Rudi Dutschke plötzlich im Westfernsehen auftauchen. Über den Vater, Alfred Dutschke, berichtet ein IM der Stasi, dass er sich jeden Bericht über seinen Sohn ansehe. Auch die Brüder sitzen vor dem Fernseher, meist nur mit der Familie, ohne Freunde, denn Rudi Dutschke, der kleine Bruder, ist niemand, den man gern allen zeigt.
Die Mutter schreibt wieder einen Brief. "Muß Euch einige Zeilen schreiben aufgrund einer Sendung, wo Du lieber Rudi leider wieder einmal scheinbar führend beteiligt warst. Denn Du warst hauptsächlich zu sehen mit wüsten Haaren und Gretchens Pullover hattest Du an, sagte Eva ... Hast Du keinen eigenen?"
Es ist der Pullover, der heute bei Schmidt im Museum hängt.
"Du machst noch solange bis sie Dich einsperren wie den Teufel. Bist Du ganz vom Bösen besessen, hast Du kein Verantwortungsgefühl mehr für Deine Frau und für Dein kommendes Kind? ... Vater läßt Dir sagen, ob Du so enden willst wie alle Anarchisten, dann hättest Du keine 6 Jahre studieren brauchen. ... Es ist bei uns heute schon so, wenn sie hören 'Dutschke' sagen sie gleich, ach der berüchtigte Name, das haben wir nur Deinem politischen Kram zu verdanken."
Helmut Dutschke schiebt auf dem Tisch im Gemeindehaus die Bücher zusammen, die Mappe mit den Zeitungsausschnitten. Es wurde so unglaublich viel geschrieben über seinen Bruder, alle scheinen ihn zu kennen. Es gibt so viele Meinungen, Wahrheiten. Es ist alles so lange her. 40 Jahre. Was also dachte man damals?
"Wir haben das meiste, was Rudi damals machte, nicht verstanden. Uns fehlten auch Informationen. Es lief eigentlich nur über das Westfernsehen. Wir haben uns natürlich gefragt, was tut er da? Warum geht er auf die Straße? Aber die Antwort fehlte", sagt Helmut Dutschke.
Die DDR-Zeitungen bringen kaum etwas über die Proteste. Der Bruder, Rudi Dutschke, meldet sich selten. Er ist Revolutionär. Er hat zu tun.
"Von uns aus gesehen lebte man im Westen besser. Also warum der Protest? Wogegen?", sagt Manfred Dutschke. "Unser 68 war eher durch die Entwicklungen in der CSSR bestimmt, den Prager Frühling." Im Sommer 68 rollen, nur ein paar Kilometer von Luckenwalde entfernt, Panzer der Nationalen Volksarmee Richtung Prag.
Die Staatssicherheit nähert sich Rudi Dutschke relativ spät. Man hat Angst, dass die Proteste im Westen auch die eigene Jugend erfassen könnten. Zunächst ist man sich jedoch nicht klar, woher Rudi Dutschke kommt und wie er heißt. "Vertreter des 'linken Flügels' des SDS, Dutschke, Rudi, stammt aus der VR Polen ...", heißt es in einem der ersten Berichte von 1966. "Als sehr wirksame Gruppe ist die Volkskommune I anzusehen. Diese Gruppe wird von einem Dutschke Rudolf oder Reinhold geleitet", schreibt ein Offizier 1967.
Die Berichte sind dünn, man tut sich schwer mit einer politischen Einschätzung. Ist Dutschke, den die Springer-Presse den
"roten Rudi" nennt, Freund oder Feind? Zu welcher Gruppierung gehört er? Sind "prochinesische Gruppierungen" gut oder schlecht? Und woran erkennt man Maoisten? Wahrscheinlich gab es damals einfachere Jobs bei der Stasi als die Observierung der 68er-Szene West-Berlins.
"Es ist aber auch so, dass nicht immer genau gesagt werden kann, wer zu welcher Gruppe gehört", notiert ein Offizier.
Man legt sich halbwegs fest. "D. vertritt eine anarchistische Konzeption", heißt es in einem Bericht. "Soweit uns bekannt - durch Auswertung der Westpresse - hat D. bisher noch keine maoistische Linie bezogen bzw. unterstützt."
Im Westen rufen sie Dutschke und den Studenten in diesen Tagen hinterher: Dann geht doch rüber, in den Osten! Im Osten hofft der Staat, dass Rudi Dutschke das nie tut und am besten bleibt, wo er gerade ist. Im Westen.
Die Stasi erkundet die Stimmung in Luckenwalde. IM "Helga" schreibt im Januar 1968 unsicher: "Über einen Dutschke, der zur Zeit in Westberlin eine politische Rolle spielt, wird ebenfalls gesprochen. ... Die Arbeitskollegen sagen, daß man über Dutschke häufiger etwas im Radio (West, Rias, usw.) hören würde. Als er hier zur Beerdigung seiner Mutter (etwa Oktober 67) war, sollen angeblich Ami-Fahrzeuge mit dagewesen sein. Seine Frau sei angeblich eine Amerikanerin."
Sätze voller Konjunktive.
Unterleutnant Jeserigk in Fürstenwalde schreibt in seinem Bericht vom 14. März 1968 fast schwärmerisch: "Dutschke erlernte im VEB Beschläge den Beruf des Industriekaufmanns. ... Im VEB Beschläge war D. wegen seines ruhigen und taktvollen Benehmens, man kann sagen auffallend guten Benehmens, bei den Belegschaftsmitgliedern sehr beliebt." IM "Hermann" in Luckenwalde schätzt dagegen zwei Tage später ein: "Seine jetzigen Aktionen in WD und WB werden nicht für voll genommen. Es wird geglaubt, dass er nur von sich reden machen will, sich in den Mittelpunkt stellen will, auf sich aufmerksam machen will, aber sein Ziel doch unklar ist und der 'Mode', der Protestwelle der jungen Menschen entspricht."
Es ergibt sich kein Bild. Am Ende überholen die Ereignisse den Geheimdienst. Die Stasi beschließt am 25. April 1968 einen umfassenden "Plan zur operativen Aufklärung und Bearbeitung des Dutschke, Rudolf". Also erst nach dem Attentat.
Im Juni 1968 verlässt Rudi Dutschke nach schweren Operationen das Land. Er will sich im Ausland erholen. Bald darauf ist auch die 68er-Bewegung vorbei.
Dutschke sucht in den folgenden Jahren eine neue Heimat. Er versucht, sich in Großbritannien niederzulassen, in Irland, schließlich zieht er 1971 nach Dänemark.
Zu den Brüdern in der DDR gibt es wenig Kontakt. Sie wissen nie genau, wo er sich aufhält. "Wie wir über das Fernsehen erfahren haben, warst Du zuletzt in England", schreibt Manfred Dutschke im März 1969. Rudi Dutschke antwortet im Juni 1969 aus London: "Im Augenblick besteht Eure beste Hilfe weiterhin in der Gestalt von Büchern. Hätte gern Lenin, Bd. 24. 25-30; Marx/Engels Bd. 7-16."
Silvester 1971 kommt er wieder nach Luckenwalde. Die siebziger Jahre hindurch sehen sich die Brüder regelmäßig, aber Rudi bleibt der ferne Verwandte. Sie kaufen ihm Sachen zum Anziehen, wenn er in Luckenwalde ist, weil sie finden, dass er ungepflegt rumläuft. Er findet sie etwas spießig und wundert sich, dass seine Brüder beide ein Auto haben, Skoda und Wartburg. Er selbst hat kein Auto, er ist der Westbesuch, der mit der S-Bahn kommt. Er erzählt ihnen nichts über die Treffen mit den DDR-Oppositionellen Biermann und Havemann, und sie fragen auch nicht danach.
Die Stasi-Akte zu Rudi Dutschke wächst. Jeder Besuch in Luckenwalde oder bei Biermann wird überwacht, die Stasi bewertet seine gesundheitliche Lage ("D. ist anfällig für Bewußtseinsstörungen und Ohnmachtsanfälle"), seinen Charakter ("D. ist offensichtlich in nicht geringem Maße geltungsbedürftig" ), sein Verhältnis zu den Brüdern ("äußerte er sich im Herbst 1973 verärgert im engeren Umgangskreis, diese
seien sehr 'linientreu' geworden."). Aus Sicht der Staatssicherheit ist Rudi Dutschke in den siebziger Jahren bedrohlicher, als er es 68 je war.
"Ich glaube, er hat sich uns revolutionärer gewünscht. Aber so waren wir nicht", sagt Manfred Dutschke.
Im April 1980, gut vier Monate nach Dutschkes Tod, wird die Akte geschlossen. Im November 1989 fällt die Mauer.
Seitdem versucht man in Luckenwalde, sich Rudi Dutschke anzunähern. Anfang der neunziger Jahre gibt es die Idee, vor allem von alten Mitstreitern aus dem Westen, dem Gymnasium in Luckenwalde den Namen Rudi Dutschke zu geben. Dutschke besuchte die Schule in den fünfziger Jahren. Die Brüder unterstützen den Vorschlag, aber das Gymnasium und die Eltern wehren sich. Die Schule hieß bis zur Wende Wladimir Iljitsch Lenin. In Luckenwalde, wie überall im Osten, werden die Straßen umbenannt, die Plätze, die Schulen. Es geht um richtige und falsche Geschichte und damit irgendwie auch um das richtige und das falsche Leben. "Sie meinten, Rudi Dutschke und 68, das ist Westgeschichte, was haben wir damit zu tun?", sagt Helmut Dutschke.
Heute steht eine kleine Gedenktafel für Rudi Dutschke vor der Schule, die jetzt Friedrich-Gymnasium heißt.
In diesem Jahr werden sie in der Stadt Gedenkstelen aufstellen, für die berühmtesten Persönlichkeiten von Luckenwalde. Hermann Henschel ist darunter, der Erfinder des Papptellers, Otto Hermann Koebe, ein Feuerlöschgerätehersteller, und, nach Streit im Stadtrat, auch Rudi Dutschke.
Schmidt, der Museumsleiter, sitzt in seinem Büro unter dem Dach und raucht. Vor dem Fenster ist es dunkel geworden. Die braune Lederjacke hängt am Bücherregal, Dutschkes Doktorarbeit, der Ausweis und der Vierfarben-Kugelschreiber liegen in einem zugeklappten weißen Umzugskarton.
Und was macht er jetzt damit, im Jubiläumsjahr? Nichts, sagt Schmidt. Er hatte kurz an eine eigene 68er-Ausstellung gedacht. Aber dann verwarf er die Idee. Ein Museum in Berlin bekommt die Sachen. Nur der Pullover ist nicht verhandelbar.
"Rudi ist heute eine Figur der Zeitgeschichte", sagt Helmut Dutschke im Gemeindehaus in Dahlem. Es klingt wie das endgültige Ergebnis seiner Recherchen. Etwas, worauf man sich einigen kann.
Ein Schlusssatz.
Dann stehen die Brüder auf, ziehen die Jacke an und drücken den Hut zurecht.
* Am Grab von Rudi Dutschke in Berlin.
* Links: Dutschke-Ehefrau Gretchen (r.) mit Sohn Hosea-Che; rechts: Rudi Dutschke; jeweils um 1974 am Grenzübergang Friedrichstraße.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 4/2008
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