21.01.2008

SRI LANKA„Eine verpasste Chance“

Der norwegische Friedensvermittler Jon Hanssen-Bauer, 55, über das offizielle Ende des Waffenstillstands zwischen der Regierung von Sri Lanka und den tamilischen Rebellen
SPIEGEL: Der blutige Bürgerkrieg, der schon über 70 000 Menschen das Leben gekostet hat, ist wieder offen ausgebrochen, und nicht nur die Europäer bekunden "schwere Besorgnis". Kommt die nicht viel zu spät? Seit 2006 sind 5000 Menschen getötet und 213 000 vertrieben worden.
Hanssen-Bauer: Die internationale Gemeinschaft kann im Moment wirklich nicht viel tun. Beide Seiten haben ihre Absichten deutlich gemacht: Die Regierung von Präsident Mahinda Rajapaksa will die tamilischen Rebellen weiter schwächen, und die Tamil Tigers haben nun angekündigt, in den Krieg zu ziehen. So ist die Lage.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass die internationale Gemeinschaft dem Bürgerkrieg tatenlos zusehen soll?
Hanssen-Bauer: Was soll denn ein Außenstehender tun? Sich über die demokratisch gewählte Regierung Sri Lankas hinwegsetzen? Viele Länder überprüfen jetzt ihre Strategien für die Entwicklungszusammenarbeit mit Sri Lanka - was nur natürlich ist, weil der Gewaltausbruch verschiedene Projekte zum Erliegen gebracht hat. Ich rede nicht über Sanktionen; aber nicht alle Gegenden, die Hilfe am nötigsten hätten, sind derzeit zugänglich.
SPIEGEL: Präsident Rajapaksa sagt, er sei weiterhin zu Verhandlungen mit den Tamil Tigers bereit. Sehen Sie darin einen Hoffnungsschimmer?
Hanssen-Bauer: Wir stehen zu den Versprechen, die wir beiden Seiten gegeben haben. Aber unsere Dienste werden im Moment eindeutig nicht verlangt. Wir haben von niemandem eine Anfrage. Ich stimme Herrn Rajapaksa zu: Krieg löst keine Konflikte, und um diesen Konflikt zu lösen, sind Verhandlungen entscheidend.
SPIEGEL: Rajapaksas Taten strafen ihn Lügen: Seine Kampfflugzeuge greifen seit Monaten Ziele im Norden Sri Lankas an.
Hanssen-Bauer: Ich weiß. Falls die Regierung wieder sprechen möchte, hat sie unsere Unterstützung.
SPIEGEL: Nach all diesen Jahren, in denen Sie versucht haben, den Friedensprozess in Gang zu halten - sind Sie enttäuscht?
Hanssen-Bauer: Was ich fühle, ist wirklich nicht wichtig. Wichtiger ist, dass das sri-lankische Volk eine Chance für sich verpasst hat. Es ist eine sehr negative Entwicklung, Zivilisten leiden jetzt wieder. Schon voriges Jahr war die Zahl der Vertriebenen sehr hoch. Ich fürchte, das wird in diesem Jahr so weitergehen.
SPIEGEL: Werden Sie noch einmal zurückkommen?
Hanssen-Bauer: Wir appellieren an die Regierung, sehr vorsichtig zu sein. Wir appellieren an die Tigers, die Spirale der Gewalt zu beenden und Zivilisten zu verschonen. Natürlich komme ich sofort zurück, falls meine Anwesenheit erforderlich ist. Im Moment scheint das nicht der Fall zu sein.

DER SPIEGEL 4/2008
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