21.01.2008

KUNST„Achtbare Gattin“

Vincent Delieuvin, 30, Kurator für italienische Gemälde des 16. Jahrhunderts im Pariser Louvre, über die neuen Spekulationen zur „Mona Lisa“
SPIEGEL: Herr Delieuvin, der Heidelberger Wissenschaftler Armin Schlechter hat in einem alten Buch eine Notiz zum Bild der "Mona Lisa" aufgespürt: Ist das Geheimnis um das berühmteste Gemälde der Welt gelüftet?
Delieuvin: Leider nein. Ganz sicher handelt es sich bei diesem handschriftlichen Kommentar eines florentinischen Kanzleibeamten um einen wichtigen Fund. Dank dieser Randnotiz wissen wir jetzt von einem Zeitzeugen, dass Leonardo da Vinci an einem Auftragsporträt der Seidenhändlergattin Lisa del Giocondo arbeitete. Und das Datum - Oktober 1503 - bietet einen sicheren Beleg für die Entstehung des Bildes. Nur meinte der Beamte auch unsere "Mona Lisa"?
SPIEGEL: Sie haben also noch Zweifel an der Identität Ihrer so geheimnisvoll lächelnden Schönen?
Delieuvin: Es fehlt in dieser besagten Notiz eine Beschreibung des Bildes. Die Bemerkung sagt lediglich, dass Leonardo diese Signora Gioconda malte, aber auf welches Gemälde bezog sie sich? Wir wissen, dass der Italiener damals an mehreren Frauenporträts arbeitete. Die These, dass unsere "Mona Lisa" die Florentinerin Lisa del Giocondo sein könnte, ist nicht neu. Aber sie lässt sich trotz der Heidelberger Entdeckung nicht mit völliger Sicherheit bestätigen.
SPIEGEL: Auch weil die Unbekannte ohne die Attribute einer wohlhabenden Kaufmannsfrau dargestellt wird?
Delieuvin: Das wäre kein Problem. Das Bild zeigt eine junge Frau in schlichtem Kleid, ohne Schmuck: Die Darstellung entspricht durchaus dem gesellschaftlichen Status einer achtbaren Ehegattin.
SPIEGEL: Sie werden das am meisten besichtigte Werk des Louvre also nicht umbenennen?
Delieuvin: Wir wissen, dass Leonardo etwa vier Jahre an dem Gemälde arbeitete, und wir können sagen, wer es über die Jahrhunderte besaß. Die Forschung freut sich über jeden Hinweis zu diesem Genie und seiner Zeit - wie jetzt aus Heidelberg.

DER SPIEGEL 4/2008
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