21.01.2008

KUNSTPygmalia mit Doppelleben

Es ist die spannendste Wiederentdeckung seit langem: Eine Schau in Münster feiert die klassizistische Bildhauerin Elisabet Ney, ein exzentrisches Ausnahmetalent.
Sie zierten sich, die Berliner Kunstprofessoren. Eine junge Frau hatte ein Stipendium beantragt, und wie reagierte die verblüffte Jury? Sie zweifelte, ob die eingereichte Arbeitsprobe wirklich von dieser Elisabet Ney stammte, man verlangte, die Dame solle eine neue Statuette modellieren, und zwar vor Zeugen.
Das war Ende 1854. Ney, 21 Jahre alt, nahm die Prüfung auf sich, erhielt das Stipendium, durfte beim damals besten Bildhauer Deutschlands lernen, dem Klassizisten Christian Daniel Rauch - und stieg zur Porträtistin der Prominenz auf. Auch in den USA, ihrer zweiten Heimat, feierte man sie als "Herrin ihrer Kunst".
Ein solches Leben musste vor dem Hintergrund strikter gesellschaftlicher Zwänge geradezu exzentrisch verlaufen, es war in vieler Hinsicht wegweisend. Doch seltsam, nach Neys Tod 1907 geriet das alles in tiefe Vergessenheit.
Jetzt ist sie eine echte, spannende Wiederentdeckung: Eine Schau in ihrer Heimatstadt Münster erinnert an die Bildhauerin*.
Sie wusste auch, wie sie sich selbst stilisieren konnte, trug ihre Haare offen, und weil jeder denken sollte, sie lebe ausschließlich für die Kunst, heiratete sie heimlich.
Der berühmte Dichter Gottfried Keller nannte sie "das musenhafte Fräulein Ney", umschwärmte sie in Anspielung auf den mythischen Bildhauer Pygmalion als ein "Fräulein Pygmalia". Er traute ihr zu, jeden Stein zum Leben zu erwecken.
Sie war eine Sensation, und die Männer saßen ihr für Porträtbüsten und -medaillen Modell: etwa die Könige von Hannover und Bayern, der legendäre Geiger Joseph Joachim, der Naturforscher Alexander von Humboldt und Arthur Schopenhauer (sowie anschließend sein Pudel). Der Philosoph, als Frauenverächter verrufen, war von der Arbeit des "hübschen und unbeschreiblich liebenswürdigen Mädchens" begeistert.
So mancher von ihr in Marmor gehauene Mann wirkt wie ein Romanheld (insbesondere ihr eigener). Dennoch lassen Büsten und Standbilder nicht den Verdacht aufkommen, sie habe bis zur Unkenntlichkeit idealisiert. Schopenhauer behielt auch ein wenig von seiner Grimmigkeit. Ganz nebenbei lockerte sie die oft schematische Strenge des Klassizismus mit einer für sie charakteristischen Lebendigkeit auf.
Im Katalog zur Schau in Münster wird sie als "Porträtistin aus Leidenschaft" gefeiert. Sie war aber auch Rebellin in eigener Sache.
Ihre Biografie zeigt, dass für einige Frauen schon im 19. Jahrhundert vieles möglich war. Nur mussten sie sich damit abfinden, dann eine Außenseiterrolle einzunehmen. Ney wandelte diesen Zwang geradezu strategisch zum Vorteil um, erfand ein Image und hielt hartnäckig daran fest. Es endete, fast unvermeidlich, in einem Doppelleben.
Ihr Vater, selbst Bildhauer in Münster, erkannte das Talent der Tochter früh, brachte ihr die Bearbeitung des Steins bei. Sie, nicht der Bruder, sollte die Werkstatt übernehmen. Aber Elisabet, die Ehrgeizige, wollte nach Berlin, studieren.
Die Eltern waren entsetzt. Berlin war ihnen zu wild, zu protestantisch. Die Tochter trat angeblich in den Hungerstreik. Ein Bischof vermittelte, schlug als Kompromiss München vor, wo sie sogar an der Akademie aufgenommen wurde. Eigentlich durften Frauen dort (bis 1921) nicht studieren. Sie hatte also schon viel erreicht - und wollte trotzdem zu dem bewunderten, großen alten Rauch nach Berlin.
Das gelang ihr dann auch. In den zwei Jahren bis zu Rauchs Tod lernte sie ihn als launisches Genie kennen. Sie arbeitete an einer Büste des Diplomaten Karl August Varnhagen - Rauch modellierte wütend um. Varnhagen notierte in seinem Tagebuch, er vermute, der Bildhauer habe sich als "rücksichtsloser Meister" aufspielen wollen: "Frln Ney litt sichtbar."
Zwei Tage später machte Rauch seine Änderungen wieder rückgängig. Varnhagen vermerkte: "Die Büste gewann wieder an Ausdruck, den aber erst nachher Frln Ney ganz wiederherzustellen suchte."
Es war ein Erfolg auf allen Ebenen. Wie ersehnt lernte sie die "Größen dieser Welt" kennen. Sie hatte mit Bettina von Arnim Bekanntschaft geschlossen, war Teil der Kreise, in denen Theodor Storm verkehrte. Cosima von Bülow (die spätere Cosima Wagner) wurde eine gute Freundin.
Sie besaß nichts außer ihrer Begabung, ihrer Disziplin und dem Wunsch, außergewöhnlich zu sein, strich deshalb das h aus ihrem Vornamen Elisabeth und ließ sich ihre Haare auf Kinnlänge abschneiden. Auf dem Porträt, das der - in sie verliebte - hannoversche Hofkünstler Friedrich Kaulbach schuf, ist sie eine Frau, die vor allem durch eine lässige Selbstsicherheit auffällt.
Kaulbach fürchtete übrigens, Ney könne eine andere "Affähr de Kehr" haben, wie er sich bei Schopenhauer beklagte. Gemeint war eine "affaire de coeur", eine Herzenssache. Er täuschte sich nicht.
Mit Anfang zwanzig hatte sie sich in den schottischen Medizinstudenten Edmund Montgomery verliebt. Jahre später reisten beide, nachdem er an Tuberkulose erkrankt war, nach Madeira - und heirateten in aller Stille. In einem Brief beschrieb Ney euphorisch ihr neues Atelier, deutete aber auch die "bösen Träume" an, die das "Herz umlagerten".
Ihre Ehe war eine seltsame Angelegenheit - sie dementierte sie stets. Zwei Jahre später zog ihr Mann erst einmal ohne sie an die Côte d'Azur, später nach Rom.
Elisabet Ney lebte für ihre Kunst - und dachte dabei immer auch an Urheberrechte und alles andere Geschäftliche. Sie spürte auf der Insel Caprera vor Sardinien den italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi auf. Ihn wollte sie unbedingt porträtieren, auch deshalb, weil sie hoffte, die Reproduktionen gut verkaufen zu können. Tatsächlich ließ sich der Held in ihre "Galerie der großen Männer" aufnehmen.
Welch eine Walhalla: Die Neugier auf die Büste Bismarcks trieb sogar Preußens König Wilhelm I. in ihr Atelier. 1867 gehörte der Bismarck-Kopf zu den Ney-Werken, die auf der Pariser Weltausstellung zu sehen waren.
Selbst der scheue junge Bayernkönig Ludwig II. gewährte ihr Sitzungen für Porträtstudien. Als er ihr außerdem einen pompösen Saal in der Münchner Residenz als Atelier zur Verfügung stellte, fürchtete sie aber auch den "garstigen Neid" der Kollegen. Einige sagten ihr nach, sie würde ihre Arbeiten nicht selbst schaffen.
Es hielt sie nicht auf, in keiner Hinsicht. Ney reiste viel, bis nach Ägypten, wo sie eine Nilfahrt machte. Sie war Mitte dreißig, gefragt und konnte es sich leisten, eine Villa in Schwabing zu kaufen. Das war die endgültige Entscheidung gegen Berlin und für München als "natürlichstes Terrain".
Das ästhetische Ideal ihrer Epoche war die Kunst der alten Griechen: Sie selbst fuhr im antikischen Gewand und mit blumengeschmücktem Haar in einem Ponygespann herum.
Morgens besuchte sie Vorlesungen über Chemie und Physik. "Zwei langgehegte Lebenswünsche von mir. Zum ersten Mal, dass man hier einer Dame dies gestattet hat", triumphierte sie in einem Brief.
Sie wollte auffallen, aber nicht zu sehr anecken: In ihrer Villa wohnte sie endlich mit ihrem Ehemann unter einem Dach, wenngleich er allen als bloßer "Freund" aus Jugendjahren vorgestellt wurde.
Die Männer staunten, die Damen lästerten. Einer ihrer Bewunderer war Justus von Liebig, der bedeutende Chemiker. Einem gemeinsamen Freund berichtete er, "Fräulein Ney" habe ihre Villa hübsch eingerichtet "und Dr. Montgomery bei sich wohnen, was ihr die Frauen sehr verdenken, sie sollte ihn heiraten, also pas de maitresse aus ihm machen". Liebig aber hielt das Verhältnis "für rein". Für ihn war sie eine Ausnahmegestalt, "weder Frau noch Mädchen, sondern eine Künstlerin". Ein Weib, das von seinem 16. Jahr an männliche Körper lebend modelliert habe, "muss wohl exzeptionelle Ansichten und Gefühle hegen". Und: "Unterordnen kann sie sich nicht."
So wollte, so musste sie gesehen werden, als Frau, deren Liebe der Kunst und sonst nichts galt. Sie fürchtete, eine Ehefrau würde als Künstlerin nicht ernst genommen: entweder Gattin oder Genie.
Kaum aber hatte sie sich in ihrer Villa eingelebt, verabschiedete sie sich 1870 mit Montgomery nach Amerika, ins Land der Pioniere. Auch ein Grund: Sie, die angeblich Ledige, war schwanger.
In Georgia wurde ihr erster Sohn, Arthur, geboren, der bald an Diphtherie starb. In der Wildwest-Weite von Texas erwarb das Paar eine Farm; ein Traum, der als Pleite enden sollte. Ihren Eifer übertrug Ney nun vor allem auf die Erziehung ihres zweiten Sohnes Lorne; für sie war es "die Kunst, Fleisch und Blut zu formen". Zugleich gab sie bei einer Volkszählung an, Lorne sei adoptiert. Die alten Lebenslügen hatte sie in die Neue Welt mitgenommen.
Es dauerte, bis die Kunst für sie die frühere Bedeutung bekam. "Ernstes Streben, feste Principien, glühende, oft wehmutsvolle Begeisterung für das Unvergängliche, das Schöne" - das seien ihre Gefährten. Und Montgomery, ihr "trauter Edmund"? Zu dem suchte sie im alten Rhythmus Abstand und Annäherung.
Amerika brachte neue Aufträge, für Politikerbüsten und Denkmäler; 1893 nahm "Miss Ney" an der Weltausstellung in Chicago teil.
Dreimal reiste sie nach Deutschland, wo zwischenzeitlich gemutmaßt wurde, Indianer hätten sie entführt. In den USA empfing sie Besucher in wallenden Gewändern, als moderne Göttertochter Iphigenie.
Dann griff sie ein altes Projekt wieder auf: kein Porträt, sondern die Statue einer schlafwandelnden Lady Macbeth. Sie gab der mörderischen Intrigantin aus der Weltliteratur die glaubhafte Dramatik und angespannte Vieldeutigkeit, die auch Shakespeare gefallen hätte.
Elisabet Ney starb 1907. Mit ihrer Bildhauerei war sie immer auf der Höhe der Zeit gewesen. Als viel später der von ihr vorgelebte Unabhängigkeitsdrang in Mode kam, war es ihre Kunst nicht mehr. Dennoch verwundert es, dass die Kunstgeschichte sie bis heute übersah.
In den USA würdigte man sie als "Tochter von Texas", widmete ihr ein Museum. Jetzt also Münster. Vielleicht entdecken auch Berlin und München ihr einstiges Fräuleinwunder wieder. ULRIKE KNÖFEL
* Im Stadtmuseum Münster, 27. Januar bis 25. Mai. Katalog: "Elisabet Ney. Herrin ihrer Kunst". Wienand Verlag, Köln; 304 Seiten; 38 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 4/2008
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