21.01.2008

„Mein Spiel ist primitiv“

Nahaufnahme: In London stellt der Ex-Beatle Ringo Starr sein neues Album „Liverpool 8“ vor.
Bei einem Gruppeninterview, bei dem zehn europäische Journalisten zehn Minuten lang dem bekanntesten Schlagzeuger aller Zeiten Fragen stellen dürfen, muss es schnell gehen - und so kommt es, dass Ringo Starr noch im Türrahmen des Konferenzraums der Plattenfirma EMI in London beide Hände hebt und mit der vertrauten Stimme, die einmal "Octopus's Garden" und "Yellow Submarine" gesungen hat, in den Raum hineinruft: "Love and peace to everybody, ich heiße Ringo."
Er setzt sich, faltet die Hände und fängt an, Däumchen zu drehen - was ungeheuer jung, frisch und angriffslustig wirkt. Mit exakt jener Mischung aus guter Laune, Ungeduld und Arroganz forderten die Beatles bei ihren Pressekonferenzen damals die Journalisten heraus - wie schön, das funktioniert heute, rund 40 Jahre später, also immer noch.
Und dieser Ringo grinst jetzt, mit den Fingern der rechten Hand Kapriolen auf die Tischplatte trommelnd, das bekannte Ringo-Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reicht: "Hat irgendjemand eine Frage an mich?"
Nicht eine Frage, sondern zu viele, zu große Fragen.
Sinnvolle Ringo-Fragen, man ahnt es, sind die Fragen, auf die Ringo gar nicht erst zu antworten braucht, sondern ein Witzchen erzählen kann - etwa so: Wie geht's? Und wie geht es Liverpool? Können Sie alle Titel des Beatles-Albums "Magical Mystery Tour" auswendig aufsagen?
Dem Ex-Beatle wird jetzt von einer spanischen Journalistin in einem wort- und gestenreichen Vortrag für sein gesamtes musikalisches Erbe seit 1963, dem Durchbruchjahr der Beatles, gedankt. Und Ringo antwortet, schon klassisch beatleesk: "Danke, Madam. Sie sehen auch großartig aus. Kann ich Sie nach dieser Veranstaltung auf eine Tasse Tee einladen?"
Und während Ringo Witze reißt, freut man sich ganz einfach, ihn, den ältesten Beatle (1940 in Liverpool geboren) und einer von mittlerweile nur noch zwei Beatles-Überlebenden (neben Paul), in so blendender Verfassung zu sehen: Sonnenbrille, Vollbart, das zerknautschte Gesicht.
Er wirkt klein, schmal, gekonnt heruntergekommen, wie ein freundlicher alter Hund. Der obligatorische Ringe-Check bei Ringo Starr: Er trägt zwei Ringe am linken kleinen Finger und drei silberne Ringe im linken Ohr.
Die zentrale Frage an Ringo muss also lauten: Was hat der auffälligste der drei Ohrringe, ein silberner Stern mit Brillantstein, der an einem silbernen Kettchen baumelt, zu bedeuten?
Die Journalistenrunde fragt nun nach Ringos neuem Song, der wie das neue Ringo-Album "Liverpool 8" heißt, das der Schlagzeuger gemeinsam mit ein paar alten Freunden (unter anderen dem Gitarristen Dave Stewart) zu Ehren seiner Heimatstadt aufgenommen hat.
2008 darf Liverpool den Titel Europäische Kulturhauptstadt tragen, weshalb Ringo die Ehre zukam, die Feierlichkeiten vor 50 000 Liverpoolern mit einem Schlagzeugsolo zu eröffnen.
Als Liebeserklärung an seine Heimatstadt ist "Liverpool 8" natürlich auch eine Fußballhymne geworden, die mit "Lalala"-Gesängen und "Liverpool!"-Schlachtrufen schließt - und darüber hinaus ein zauberhaft einfältiges Stück Pop. In 24 Liedzeilen bringt Ringo das Kunstwerk fertig, sein ganzes Leben zu erzählen. Es ist eine Geschichte, wie sie so knapp, banal, unschuldig und herzzerreißend nur ein Kind der sechziger Jahre erzählen kann.
Ringo ist der Junge, der zur See fährt und in der Fabrik arbeitet, als er mit George, Paul und seinem Freund John in Hamburg die Reeperbahn aufmischt und schließlich in einem New Yorker Baseballstadion landet, von wo die Fab Four beim ersten Stadionkonzert der Rockgeschichte Amerika erobern: "When I look back, it sure was cool / For those four boys from Liverpool". Die restlichen elf Songs des neuen Ringo-Albums zeichnet vor allem eine grandiose Unbedarftheit aus.
Ringo, der Kumpeltyp, der lustige, lockere, der schlichteste der Beatles: so weit das Klischee. Im Club der genialen und größenwahnsinnigen Rock'n'Roller, die einmal berühmter als Jesus sein wollten (John Lennon 1966), war Ringo für die Bodenhaftung und das Regelmäßige zuständig - der Mann, der mit einem spöttischen Grinsen, also der Rock'n'Rollfernen Tugend Selbstironie, den Beat und die Schlagzeugstöcke hielt. Berühmt ist Ringos Ausspruch, nie ein genialer, immer nur ein primitiver Schlagzeuger gewesen zu sein. Gilt das heute noch?
Erklärung Ringo: "Ich halte das Schlagzeug für ein primitives Instrument. Ich spiele nicht akkurat, ich bin nicht perfekt. Mein Spiel ist deshalb primitiv, weil ich den Emotionen des Songs folge."
Nur ein Jahr nach der Trennung der Beatles hatte Ringo mit "It Don't Come Easy" einen Nummer-eins-Hit in den USA. Und trotzdem ist er bis heute der einzige Ex-Beatle, der als Solo-Musiker kein Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame ist. Ist der Schlagzeuger musikalisch immer unterschätzt worden? Ringo, knapp: "Immer." Und er grinst.
Ob Ringo sich vorstellen kann, wieder in Liverpool zu leben, worauf Ringo, der Wohnungen in Los Angeles und Monte Carlo unterhält, natürlich auch eine Antwort weiß: "Ich habe den Menschen in Liverpool gesagt, ich bin kurz davor." Grinsen, Gelächter, Freude allerseits.
Die zehn Minuten Gruppeninterview sind um, die Pressefrau erlaubt noch zwei Fragen. Von wem kommt der Ohrring, Ringo? "Ein Geschenk von Olivia Harrison." Wie lautet die Botschaft aller Ihrer Songs? "Liebe und Friede, Liebe und Friede, Liebe und Friede." MORITZ VON USLAR
Von Moritz von Uslar

DER SPIEGEL 4/2008
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