28.01.2008

ZEITGESCHICHTE„An Widerstand wächst man“

Der ehemalige sächsische Ministerpräsident und CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf, 78, über seine Zeit als Bochumer Uni-Rektor Ende der sechziger Jahre und die Motive der 68er
SPIEGEL: Herr Biedenkopf, Sie waren von 1967 bis 1969 Rektor der Ruhr-Universität Bochum. Wie haben Sie dort die Studentenrevolte erlebt?
Biedenkopf: Wir haben vor allem unterrichtet, geforscht und eine Universität betrieben. Es ging in Bochum nicht so wild zu wie an einigen traditionellen Hochschulen, etwa Frankfurt oder Berlin. Die Bochumer Universität war gerade erst eröffnet worden. Es war die erste Uni im Ruhrgebiet. Sie sollte auch Arbeiterkindern einen Studienort in der Nähe bieten. Die Leute im Revier waren stolz auf ihre Uni.
SPIEGEL: An welche Turbulenzen erinnern Sie sich?
Biedenkopf: Eine Gruppe von Studenten besetzte einmal das Gebäude, in dem sich auch das Rektorat befand. Ich musste den Umweg über den Keller nehmen, um an meinen Schreibtisch zu gelangen. Dort bekam ich einen Anruf des Betriebsratsvorsitzenden der Opel-Werke in Bochum. Er fragte, wie viele Leute ich brauchte, sie kämen gern vorbei, um mir zu helfen. Ich habe gedankt und gesagt, wir kämen schon zurecht.
SPIEGEL: Wie haben Sie den Klamauk gestoppt?
Biedenkopf: Es ist eine Legende, dass damals an den Hochschulen nur Klamauk herrschte. Unter hundert Studenten waren vielleicht drei, die nur dafür zu haben waren. Mit ihnen muss ein guter Pädagoge fertig werden. Ich erinnere mich an einen Besuch Helmut Schmidts in Bochum. Er war damals Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Ein Student in Armeejacke kam in den Raum, legte vor Schmidt einen Stein auf den Tisch und blickte ihn prüfend an. Schmidt erstarrte. Ich kannte den Studenten und sagte ihm, Schmidt sei unser Gast und es passe jetzt nicht. Dann ist er wieder abgezogen.
SPIEGEL: Reichte gutes Zureden aus?
Biedenkopf: Ich habe die jungen Leute damals auch verteidigt, gerade auch gegenüber meinen Kollegen, die teilweise entsetzt waren und den Verfall der Sitten beklagten. Die pauschalen Vorwürfe trafen und treffen auch heute nicht zu. Einige Studenten der sozialwissenschaftlichen Fakultät in Bochum wollten beispielsweise über alternative Lehrkonzepte diskutieren, fanden in ihrer Fakultät aber keine Resonanz. Ich stellte ihnen einige Uni-Räume zur Verfügung, unter der Bedingung, dass sie den Laden selbst sauber halten. Unseren Putzfrauen wollte ich das nicht zumuten. Nach mehreren Tagen Diskussion kamen die Studenten zu der Erkenntnis, dass man über wissenschaftliche Wahrheiten nicht basisdemokratisch abstimmen kann - eine wichtige Einsicht.
SPIEGEL: So viel Realitätssinn war selten: Die 68er wollten ja nicht nur die Hochschule, sondern die ganze Welt verändern.
Biedenkopf: Das zu wollen ist das Privileg der Jugend. Sicher: Es gab in den Jahren ab 1967 an den Hochschulen Entwicklungen, die ich auf keinen Fall wiedererleben möchte, Gewalt und die Verniedlichung von Gewalt. Das waren Entladungen voller Phantastereien, ohne rationale Ziele. Wenn aber Studenten zu ihrem Rektor kommen und mehr Mitsprache bei dem fordern, was sie lernen sollen, dann ist das fruchtbar. Und selbst Scheitern kann fruchtbar sein.
SPIEGEL: War der Aufruhr keine Bedrohung für die Hochschulen und die Gesellschaft?
Biedenkopf: Die Studenten waren damals in ihrer großen Mehrheit keine Radikalinskis. Sie haben Fragen gestellt, unbequeme Fragen. Das war folgerichtig in einer Phase des Umbruchs. Von einer unkontrollierbaren Revolution, die die gesellschaftliche Ordnung bedroht hätte, waren wir weit entfernt.
SPIEGEL: Gerade unter Unionspolitikern gehört es noch heute zum guten Ton, die 68er zu verdammen.
Biedenkopf: Ich kann mich einem solchen Urteil nicht anschließen, sondern halte es für eine unbegründete Verallgemeinerung.
SPIEGEL: Sie haben das Bochumer Rektorat im Alter von 37 Jahren übernommen, als damals jüngster Rektor in Deutschland. Haben Sie mit den Forderungen der Studenten sympathisiert?
Biedenkopf: Wenn sie berechtigt waren, ja. Viele von uns waren junge Hochschullehrer und nicht mit den Traditionen verhaftet, die als Muff unter den Talaren angeprangert wurden. Ich hatte mich zuvor dreimal für ein akademisches Jahr in den USA aufgehalten. Es waren prägende Jahre. Sie begründeten eine gewisse Distanz zum klassischen deutschen Hochschulbetrieb.
SPIEGEL: Wie sah dieser Betrieb damals aus?
Biedenkopf: Ein Beispiel aus der evangelischen Theologie: Nach Studentenprotesten
wurde ich als Rektor in eine Sitzung der Fakultät eingeladen. Viele der Professoren sahen darin einen Affront und empfingen mich mit schweigender Ablehnung. Ich bat jedoch die Kollegen einfach darum, mir als Nichttheologen ihre jeweiligen Fachgebiete zu erklären. Am Ende der Runde kam der Dekan zu mir und sagte: Magnifizenz, so haben wir noch nie miteinander geredet. Der Austausch der Lehrenden untereinander und der Austausch mit den Studenten fanden offenbar kaum statt. Dazu bedurfte es erst eines Anstoßes von außen.
SPIEGEL: Und der Verfall der Werte?
Biedenkopf: Die Relativierung der Werte hatte damals schon längst begonnen. Das kann man aber nicht den 68ern allein anlasten. Verantwortlich waren vor allem ihre Eltern. Sie hatten sich geweigert, argumentativen Widerstand zu leisten. Eine wirkliche, inhaltliche, öffentliche Auseinandersetzung fehlte. Als die jungen Leute merkten, dass sie nicht auf Widerstand stießen, wenn sie beispielsweise die Familie als Hort der Repression niedermachten, wurden sie immer übermütiger.
SPIEGEL: Was hätten die Älteren denn tun sollen?
Biedenkopf: Sich den Fragen inhaltlich stellen und sich nicht mit Formverletzungen herausreden. Echte Autorität setzt immer Erklärungsaufwand voraus, den Verweis auf künftige Notwendigkeit. Es reicht nicht aus, sich auf die Tradition zu berufen. 1968
entlud sich ein aufgestauter Generationskonflikt. Die Nachwachsenden wollten von ihren Eltern wissen, wie es zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen kommen konnte und was das für Deutschlands Zukunft bedeutete. Die Älteren blieben die Antwort weitgehend schuldig. Die jungen Leute spürten die Verkrampfungen, die aus der deutschen Katastrophe rührten. Und sie gingen dagegen an.
SPIEGEL: Waren die allgegenwärtigen Rückbezüge auf die NS-Zeit nicht nur ein vorgeschobener Grund für die Revolte?
Biedenkopf: Mein Eindruck war, die Jüngeren litten auch darunter, dass die Älteren nicht mit ihnen über die Vergangenheit sprachen. Schließlich lastete die Hypothek der Nazi-Verbrechen auch auf den Nachwachsenden. Sie gerieten in Erklärungsnot: Wie sollte man sich auf einer Frankreich-Reise verhalten, wenn man als Nazi-Deutscher beschimpft wurde? Als ich 1949/50 das erste Mal in den USA war, hatte ich Angst, ich könnte auf der Straße angespuckt werden. Das ist zum Glück nie passiert. Heute können wir auf all das Positive verweisen, das sich in der Bundesrepublik seitdem entwickelt hat. Ob es dazu kommen würde, war damals nicht entschieden.
SPIEGEL: Die Demokratie war Ende der sechziger Jahre bereits ziemlich gefestigt.
Biedenkopf: Der Wiederaufbau war gelungen. Das war die Leistung der Elterngeneration der 68er. Doch was sollte danach kommen? Wo sollten die produktiven Spannungen entstehen, die ein Land voranbringen? Die jungen Leute suchten nach neuen Zielen, und sie bekamen keine Antworten.
SPIEGEL: Was waren die Langzeitfolgen?
Biedenkopf: Am meisten gelitten haben die Schulen: Dort trat kaum jemand den studentenbewegten Lehrern entgegen, die Regeln und Anforderungen als Repression denunzierten mit der Folge, dass ebendiese elementaren Grundlagen einer hochentwickelten Gesellschaft diskreditiert wurden. Erst seit den neunziger Jahren kam es dann zu einer deutlichen Gegenbewegung.
SPIEGEL: Haben die 68er Leistung auch deshalb diskreditieren können, weil sie nach dem Protest in großer Zahl bequem im Öffentlichen Dienst unterkamen?
Biedenkopf: Die Behauptung, dass sich diese Generation in besonders großer Zahl im Öffentlichen Dienst festgesetzt habe, ist - von den Lehrern abgesehen - ohne Grundlage. So viele Positionen im Staatsdienst gab es nicht. Dort, wo Akademiker eingestellt wurden, war der Öffentliche Dienst weitgehend das Monopol der Juristen.
SPIEGEL: Wie hat es sich auf die Bundesrepublik ausgewirkt, dass die Studentenrevolte die individuellen Kräfte, den Drang nach Selbstverwirklichung stärker freigesetzt hat?
Biedenkopf: Das war sicher nützlich und wäre dem Land noch mehr zugutegekommen, hätte man dabei nicht die Verantwortung vergessen. Deshalb haben wir heute ein großes Problem: Die Leute wollen sich selbst verwirklichen, aber der Staat soll die Verantwortung tragen. Es gibt aber keine Selbstverwirklichung ohne Verantwortung. Diesen Zusammenhang haben die 68er noch nicht gesehen. Es ihnen klarzumachen wäre auch die Aufgabe der Älteren gewesen. Die 68er waren in ihrer großen Mehrheit noch immer in erster Linie junge Leute, die sich Raum schaffen wollten, ungefähr wie ein Schüler, der einen unsicheren Lehrer testet.
SPIEGEL: Was haben Sie für Ihre politische Karriere aus der Zeit gelernt?
Biedenkopf: Ich habe immer versucht zu unterscheiden: Gibt es eine Unruhe, deren Ursache begründet ist, dann ist sie vielleicht schrecklich unbequem. Aber es hat keinen Zweck, sie zu unterdrücken. In der Regel entsteht dabei etwas Produktives. Widerstand belebt das Geschäft genauso wie Wettbewerb. An Widerstand wächst man. Streit ist der Vater des Fortschritts. Das war immer meine Überzeugung. INTERVIEW: JAN FRIEDMANN,
DIETMAR PIEPER
* Demonstration gegen den Vietnam-Krieg im Februar 1968 in Berlin.
Von Jan Friedmann und Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 5/2008
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