28.01.2008

VERBRECHENDie Schwarze Witwe

Mehr als 20 Jahre lang hat die Polizei ohnmächtig zugesehen, wie eine Frau im niedersächsischen Bodenfelde alten Männern ein spätes Glück versprach - und deren Geld nahm. Nun steht sie vor Gericht: Ein mutmaßlicher Komplize hat gestanden, in dieser Zeit vier der Greise getötet zu haben.
Die Dame am anderen Ende der Leitung sitzt im Gefängnis von Hildesheim und redet und redet - einen Sturzbach aus Sätzen, die Stimme am Telefon empört, verbittert, leidend. Was da alles über sie in den Zeitungen stehe, wirklich schlimm. Selbst der Carsten falle über sie her, ihr eigener Sohn, aber der habe ihr ja früher sogar auf den Kopf gerotzt, das müsse man sich mal vorstellen. Und dann der Siggi, der Mann, der ihr jahrzehntelang in Haus und Garten zur Hand ging, was der jetzt alles bei der Polizei über sie zusammenspinne. Vier Morde, zu denen sie ihn angestiftet haben soll. Sie! Den Siggi! Vier Morde! Alles falsch! Alles gelogen! Na hören Sie mal ...
Vor allem aber redet Lydia L., 68, so schnell, als müsse sie nicht lange nachdenken, weil sie ja die Wahrheit sagt, nur die Wahrheit. Und so ist die Frau, die sie nun nach der männermordenden Spinne "Schwarze Witwe" nennen, jetzt auch im Gespräch mit dem SPIEGEL, was sie immer schon war: sehr überzeugend.
Wie überzeugend, wird sich Mitte Februar herausstellen. Dann soll vor dem Landgericht Göttingen der Prozess gegen sie und ihren mutmaßlichen Komplizen, Sigmund "Siggi" S., 53, anlaufen, beide aus dem niedersächsischen Flecken Bodenfelde. Vor der 6. großen Strafkammer muss sich zeigen, ob Siggi S. von 1994 bis 2000 vier Möchtegernlebensgefährten der Frau in deren Auftrag getötet hat - das ist seine Version. Oder ob er die Männer aus Eifersucht umbrachte und sie davon nichts ahnte, wie Lydia L. behauptet.
Die Ermittler glauben Siggi S. "Das ganze Geld, der ganze Scheiß hat sie verrückt gemacht", hat er in einer Vernehmung über Lydia L. gesagt, und wenn es so war, dann wird der Fall ein Stück deutsche Kriminalgeschichte schreiben: Kripo und Staatsanwalt gehen davon aus, dass Lydia L. ständig alte, am besten einsame Männer suchte, um sie auszunehmen. Und das in einer Zahl - mehr als ein Dutzend - und über einen Zeitraum - mehr als 20 Jahre -, wie es die Republik noch nicht erlebt hat.
Es geht damit in Göttingen um "Arsen und Spitzenhäubchen" in der deutschen Provinz. Aber abgesehen von der üblichen Suche nach den Beweisen und Beweggründen wirft der Fall noch eine andere Frage auf: Wie konnte es sein, dass es seit zwei Jahrzehnten immer wieder Verdächtigungen gegen Lydia L. gab, ja sogar Anzeigen und Ermittlungsverfahren, ohne dass die Polizei sie aus dem Verkehr ziehen konnte? Stattdessen reihte sie, wenn man den Fahndern glauben darf, Opfer an Opfer - jeder Fall schon eine Geschichte für sich. Und alle Geschichten zusammen die unglaubliche Geschichte eines Lebens jenseits von Moral und Gewissen.
Montag, der 27. August 2007: Es ist der Tag, an dem das alles endet, auf der Polizeiwache in Bodenfelde. Ein Raum, 15 Quadratmeter groß, an den Wänden speckige Raufaser, ein Kalender, noch von 2005, und in der Mitte Jürgen U., der Dorfpolizist, der einzige Beamte hier. Siggi S. kommt an diesem Morgen pünktlich; er ist bestellt, für zehn Uhr, er soll eine Aussage machen, als Zeuge, für Lydia L.
So was kommt schon mal vor, denn Lydia L. zankt sich ständig mit den Nachbarn. Die sind angeblich zu laut, oder sie sollen über die Grundstücksgrenze gebaut haben, und weil es eine Hecke gibt, gibt es natürlich auch Streit um die Hecke. Aber am heftigsten streitet sich Lydia L. mit ihrem Sohn Carsten. Sie will das Sorgerecht für dessen Tochter, ihre Lieblingsenkelin, sie kämpft darum schon seit Jahren, mit allen Mitteln, durch alle Instanzen.
Dort hatte Lydia L. sogar behauptet, der zeitweise drogensüchtige Carsten habe vor Jahren seine Freundin umgebracht. Und deshalb muss die Polizei nun ermitteln, auch wenn wahrscheinlich doch nichts dabei herauskommt; "völliger Quatsch", sagt der Sohn.
So gesehen ist die Aussage von Siggi S. also nichts Besonderes; eines aber ist an diesem Morgen anders: Früher musste der Polizist nach so einer Vorladung erst mal zehn Minuten lüften, so selten wusch sich der Siggi. Diesmal kommt er ordentlich geföhnt herein, und die Haare sind nicht das Einzige, was er in seinem Leben nun wieder ins Reine bringen will. "Wenn ich hier fertig bin, klicken die Handschellen", sagt er unvermittelt.
Stundenlang erzählt er, an diesem Tag, in den nächsten Wochen, immer wieder, immer mehr, so eifrig wie ein Schüler, der sich eine Eins für eine gute Nacherzählung verdienen will. Es ist sein Schlussstrich unter eine Beziehung zu Lydia L., eine Beziehung, die nie in die Nähe eines Bettes geriet, aber für ihn wohl trotzdem alles bedeutete: eine Art Familienanschluss, etwas,
das er schon in seiner Kindheit verloren hatte, als Heimkind, als Schwererziehbarer.
"Ich bin das schwarze Schaf meiner Familie", sagte Siggi S. in einer der Vernehmungen. Die Mutter war bei der Geburt schon 44, nach vier Kindern war das fünfte nicht mehr eingeplant. Er fliegt von der Volksschule, weil er ständig schwänzt, kommt auf die Sonderschule, aber "da war es noch bekloppter". Als er zwölf ist, hat endlich jede Schule genug von ihm, und auch die Familie: Er muss ins Heim, wechselt von einem ins nächste, schlägt sich später als Hilfsarbeiter durch.
1987 strandet er schließlich in einem Mehrfamilienhaus in Uslar, neun Kilometer von Bodenfelde entfernt. Und in einer der anderen Wohnungen lebt eine Frau, die er bis zu jenem 27. August 2007 nicht mehr verlassen wird: Lydia L.
Auch sie hat zu diesem Zeitpunkt schon reichlich Erfahrung im Verlassen und Verlassenwerden. Kriegsflüchtling aus dem oberschlesischen Orzesche, 1961 die erste Hochzeit, 1964 die erste Scheidung, 1971 der nächste Ehemann, Hermann S. Einige Jahre arbeitet sie als Altenpflegerin im nordrhein-westfälischen Scherfede.
Bei Celle führt das Paar einen Landpuff, die Rubin-Bar, mit ratternden Super-8-Pornos an der Wand und Verkehr im Hinterzimmer. Es zieht bald weg, eröffnet die nächste Rubin-Bar und nach dem Umzug in die Nähe von Uslar die dritte. Zwei Wohnwagen gehören zum Geschäft, in einem bietet sich Lydia L. später selbst an.
Die Ehe geht 1985 zu Bruch. "Mein Mann hat mich kaputtgeschlagen", behauptet sie am Telefon aus dem Gefängnis und: "Ich hatte danach die Nase voll von jungen Männern." Damals will sie einen Entschluss fürs Leben gefasst haben: nur noch ältere Männer. "Ich wollte endlich meine Ruhe." Und dass diese alten Männer ihr dann immer wieder Autos kaufen, Häuser übertragen, Reisen schenken würden - was war schon dabei? "Muss ich denn nein sagen, wenn mir einer was schenken will?"
Ihr Sohn Carsten erinnert sich anders: Sie habe ihm mal gesagt, ältere Männer hätten Geld, "und wenn sie sterben, erbt sie das. Das sei doch schön, und die Arbeit nicht so schwer wie im Altenheim".
Also keine Liebe?
"Nein; sie fand das widerlich, wenn die Alten noch was von ihr wollten."
Der erste: Ludwig Geller aus dem hessischen Biebertal. 1983, als er Lydia L. kennenlernt, ist er 82 Jahre alt, sie 44, aktiv, attraktiv, eine Frau, bei der die Männer immer zehn Jahre vom echten Alter abziehen. Im September 1985 setzt er sie als Alleinerbin ein, im November 1985 überschreibt er ihr elf Grundstücke, am 5. Januar 1986 ist er tot, nach ein paar Monaten in ihrer Obhut. Zwar stirbt er im Krankenhaus; aber schon damals gibt es Ermittlungen wegen ungeklärter Todesursache: Verwandte wundern sich, dass Geller so plötzlich abgebaut hat. Noch im gleichen Jahr wird das Verfahren eingestellt - das erste von so vielen ohne Folgen, die noch kommen werden.
So wie bei Wilhelm S., Maurermeister aus dem Sauerland. 1992 stellten seine Kinder Strafanzeige. Sie waren überzeugt, dass Lydia L. ihren Vater langsam vergiftet und schnell ums Ersparte gebracht hatte. Fünf Jahre vorher hatte er eine Kontaktanzeige aufgegeben. Kurz darauf kam Lydia L. ins Sauerland, und dann alle paar Monate wieder: Lief leichtbekleidet durch den Garten, dass sich das ganze Dorf das Maul zerriss. Schrieb ihrem "Schatz" Liebesbriefe: "Sieh zu, dass du gesund wirst. Ich brauche deine Beine noch zum Spazierengehen und für anderes." Wilhelm S., 77, vor Liebe so verzückt wie verrückt, bezahlte ihr einen Mercedes samt Sprit, Reisen, schenkte ihr Geld.
Damit kaufte sie sich dann 1988 jenes Anwesen in Bodenfelde, in dem sie bis zu ihrer Festnahme lebte. Ein Vorderhaus und ein Hinterhaus an der Dammstraße, in dem auch die meisten Männer wohnten, die sie köderte, mit Zeitungsannoncen wie: "Sie, 61, Witwe, sucht älteren, pflegebedürftigen Herren zwecks Altenpflege".
Zwei der vier mutmaßlichen Mordopfer logierten hier, und auch Wilhelm S., der Rentner aus dem Sauerland, der dort einzog und wenige Wochen später schwerkrank
wurde. Ohne einen Pfennig in der Tasche, verstört und ängstlich sei er zu ihnen zurückgekommen, erinnert sich sein Sohn Kurt. "Da war nichts mehr zu machen. Fünf Monate später war er tot" - und Lydia L. um 215 000 Euro reicher. So zumindest hat das die Polizei hochgerechnet. Aus der gleichen Aufstellung geht hervor, dass alle Senioren zusammen Lydia L. mindestens ein Vermögen im Wert von 670 000 Euro verehrten.
Einer aber zieht nach Bodenfelde, der bleibt: Siggi S., als eine Art Haus- und Hofknecht. Er wohnt in einem Gartenhaus in der Nähe. Lydia L. hat ihm angeblich mal Geld geliehen, das macht Siggi, den Sozialhilfeempfänger, von ihr abhängig, aber das scheint ihm auch nur recht: Allein bekommt er in seinem Leben nichts in den Griff; seine Bude: ein Chaos, dazu der Alkohol; er trinkt damals viel zu viel.
1990 wird Lydia L. ihrem Vorsatz, nur noch alte Männer kennenzulernen, untreu: Heinz, ehemaliger Fallschirmjäger bei der Bundeswehr, damals 50. Er ist die große Liebe. Sie schenkt ihm ein Auto, einen Urlaub - und sogar ihr Vertrauen. Sie sei damals durch ganz Deutschland gereist, zu alten Männern, um an deren Vermögen zu kommen, erinnert sich Heinz S. heute. "Einmal hat sie vor so einer Tour sogar gesagt: ,Ich muss noch eben einen Opa beerben.'" Heinz trennt sich, aber nicht, ohne sie noch bei der Polizei anzuzeigen. Die Kripo bestätigt: Auch diese Anzeige gab es, auch dieses Verfahren wurde eingestellt - Genaueres unbekannt; Akte vernichtet.
Ehemann Nummer drei, Paul Passon, 83, stirbt im Februar 1991 einen verhältnismäßig unverdächtigen Tod - er wird bei einem Raub in seiner Wohnung im fernen Bad Ems erschlagen, von zwei Männern. Die Hochzeit ist gerade sechs Monate her.
Nummer vier, Alois M., beim Kennenlernen 87, überlebt seine 18-monatige Kurzehe sogar um neun Jahre. Als Beleg für eine männermordende Gemahlin taugt der Fall also nicht, wohl aber dafür, dass Ehen mit Lydia L. sehr kostspielig waren. Sie ging damals monatelang auch in Spanien auf Herrenjagd, lernte den verwitweten M. kennen, der nach einem Berufsleben bei Köln an die Costa Blanca gezogen war.
Minirock und Hochgestöckelte hatten auch auf ihn die kalkuliert belebende Wirkung. Manchmal kraulte Lydia L. ihren Alois hinter den Ohren, setzte sich keck auf seinen Schoß. Dafür schenkte er ihr: ein BMW Cabrio, einen Silberfuchsmantel, knallrot gefärbt, ein Wohnmobil. 1992 heirateten sie, zogen nach Bodenfelde. Hinterher erzählte der Greis seinen Kindern, die Frau habe ihn eingesperrt und versucht zu vergiften. Auch er zeigte sie an, aber Bernd, ihr zweiter Sohn, sagte vor dem Gericht in Northeim für sie aus. Sie selbst bestritt alles. Ergebnis des Verfahrens: Einstellung, die übliche.
Wenn Sohn Carsten etwas an den Männern in Bodenfelde immer wieder auffiel, dann ihre Leistungskurve: steil abfallend. "Die kamen fit hierher, kurz danach wurden sie immer träger, schließlich lagen sie nur noch im Bett." Was an den Mitteln gelegen haben soll, die sie bekamen und sie möglicherweise auch so großzügig, so freigiebig machten. Immer wieder will Carsten für seine Mutter in die Bodenfelder Greif-Apotheke gegangen sein, um Psychopharmaka wie Diazepam mit Rezepten, die ein Arzt für seine Mutter ausgestellt hatte, zu besorgen. Großpackungen seien das gewesen, die hätten die Alten ins Essen bekommen, grüne und weiße Tabletten - das hat Siggi S. auch ausgesagt. Klaus Kunze, Anwalt von Lydia L., sagt dazu, weder die Angaben des Sohnes noch die von Siggi S. seien glaubwürdig.
Carsten S., inzwischen 35, will das ständige Kommen, vor allem aber das ständige Gehen der Männer irgendwann "ganz normal" gefunden haben; Fragen habe er nicht gestellt. Einmal aber, so behauptet er, habe ihm seine Mutter anvertraut, dass sie mit dem Siggi "einen umgebracht" habe und dass sie den dann weggefahren und angezündet hätten. Falsch, beteuert Lydia L. heute, sie habe Carsten nur mal so einen Spruch vom Siggi weitererzählt, ohne das selbst ernst genommen zu haben.
Auf jeden Fall lag die Leiche zur angeblichen Falschbehauptung am 25. Juni 1994 an einem Parkplatz der A 7 bei Lutterberg im Kreis Göttingen. Der Mann hieß Günter Schwenke, 74, was damals niemand wusste, weil ihn keiner vermisste. Den Namen erfuhr die Polizei erst am Tag, als Siggi S. auspackte - Mord Nummer eins.
Schwenke habe ständig an Lydia L. herumgetatscht, deshalb habe sie ihn mit Tabletten im Essen ruhiggestellt, und als Schwenke zum Arzt wollte, weil er sich so merkwürdig fühlte, soll Lydia L. Angst bekommen haben, dass die Rückstände auffallen könnten. Mit einem geliehenen Wohnmobil, so Siggi S., seien sie dann zum Rastplatz gefahren - er selbst, Lydia L. und Schwenke. "Ich sollte den erdrosseln", und so habe er es auch gemacht; sie hätten Schwenke dann abgelegt und mit Teppichresten verbrannt.
Tatsächlich hatte sich Lydia L. für den Tattag auch ein Wohnmobil geliehen, angeblich aber, um zu ihrem Bruder nach Hannover zu fahren. Da müsse Siggi S. wohl die Gelegenheit genutzt haben, Schwenke in ihrer Abwesenheit umzubringen, sagt Lydia L. Der Siggi sei eben auf alle Männer eifersüchtig gewesen, denen sie ihre Zeit gewidmet habe.
Der zweite, den die Ermittler heute für einen Ermordeten halten, lag in seinem Bett: Adolf Berge, Ehemann Nummer fünf, 84 Jahre alt und ein Kurschatten aus Bad Pyrmont. Sein Neffe Jürgen ist sicher, dass Lydia L. "ihm was in den Kaffee getan
hat", um ihn zur Heirat zu bewegen. Wenn es stimmt, hielt die Wirkung aber nicht lang genug an: Berge habe sich schon nach wenigen Wochen scheiden lassen wollen, sagte Siggi S. nun aus - zu früh, um noch an sein Vermögen zu kommen.
Also sei er im September 1994 mit Lydia L. zu Berge gefahren, nach Melsungen in Hessen; vorher habe er mit ihr alles abgesprochen. Dann die Tat in Berges Haus: eine Tablette in die Erbsensuppe, den betäubten Berge aufs Bett gelegt, mit einem Kissen erstickt, am nächsten Tag mit einem Nachbarn als Zeugen scheinbar arglos ins Haus zurückgekehrt, um den Toten zu finden. Ein Testament, ausgestellt auf den Neffen und die Nichte, hätten Lydia L. und er beseitigt.
Lydia L. behauptet, Berge sei eines natürlichen Todes gestorben. Fest steht: Sie erbt sein Haus, sein Auto, sein Geld, das meiste davon zumindest, wenngleich die Angehörigen noch darum kämpfen. Allerdings will sich Lydias Sohn Carsten erinnern, wie nervös seine Mutter geworden sei, als sie hörte, dass die Polizei im April 1995 Berges Leiche wieder ausgraben ließ, nach Gerüchten im Ort. Die Obduktion ergab mal wieder: keine Auffälligkeiten.
Später, 1997, brennt Berges Haus - gleich zweimal, durch Brandstiftung. Siggi will es angezündet haben, die Balken habe er noch extra mit Benzin angestrichen. Die Versicherungssumme ging an die Dame des Hauses, die mit der Brandstiftung nichts zu tun haben will. Allerdings leidet ihre Glaubwürdigkeit in solchen Fragen unter einem gut gefüllten Vorstrafenregister. Die Einträge lauten auf Unterschlagung, Urkundenfälschung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung, um nur einiges zu nennen.
Noch vor den Bränden stirbt der dritte Mann: Paul Gräf, 81, ein alleinstehender Unternehmer aus Zweibrücken, der selbst inseriert hatte: "Alleskönner sucht Ferienaufenthalt." "Er war ein zäher Bursche", sagt seine Ex-Frau, nie krank, nie wehleidig. Seine verkohlte Leiche lag am 23. April 1995 in einem Straßengraben in der Nähe von Volkerode in Thüringen, und wieder soll es das übliche Muster gewesen sein: Er sei, sagt Siggi S., mit der Lydia und dem Gräf in das leerstehende Haus vom toten Berge gefahren, nach Melsungen; dort habe Lydia dem Gräf eine Tablette in die Suppe getan. Es folgt: Ersticken mit einer Plastiktüte. Das will Siggi S. dann allein erledigt haben.
Der letzte Tote, Gerhard Gauger, 71, soll schließlich am 13. Juli 2000 in seinem Haus in Völksen bei Hannover getötet worden sein - wieder mit einer Plastiktüte erstickt, nur dass Lydia L. diesmal laut Siggi S. selbst mitgeholfen hat. Seine Mandantin sei zur Tatzeit in Tschechien gewesen, behauptet ihr Anwalt. Gauger habe dagegen eine Freundin in Polen besuchen wollen und sei von dort eben nicht mehr zu ihr zurückgekehrt. Warum sich da Gedanken machen? Erst recht, weil Gauger sie aus Polen ja noch zweimal angerufen habe. Das Problem: Die Freundin weiß nichts von dem Besuch. Und bei den angeblichen Telefongesprächen, die Lydia L. mit Gauger geführt haben will, lag Gauger schon in einem ewigen Funkloch: einen Meter unter der Erde, vergraben in seinem Garten.
Das alles hätte nun nach so vielen ergebnislosen Verfahren im Jahr 2001 endlich herauskommen können, sechs Jahre vor dem Geständnis von Siggi S., sechs Jahre, in denen noch so viele Männer in die Venusfalle der Lydia L. tappten, dass auch die Polizei den Überblick verloren hat.
In jenem Jahr 2001 ist die Tochter von Sohn Carsten zwei Jahre alt. Nachdem sie einige Zeit bei Lydia L. gewohnt hat, fordert der Vater sein Kind zurück. Aber Lydia L. will sie nicht wieder hergeben. Da erinnert er sich: dass ihm seine Mutter mal was von einem Mord erzählt hatte, den sie angeblich zusammen mit Siggi S. begangen habe. Ein Toter, verbrannt auf einem Rastplatz.
Carsten S. geht zur Polizei, kurz vorher hatte außerdem die Nichte des vierten Toten, Gauger, eine Vermisstenanzeige gestellt; die Kripo in Göttingen fängt an zu ermitteln. Angeblich dreht sie jeden Stein um, drei Jahre lang, auch die Telefone werden abgehört, aber 2004 wird die Akte wieder geschlossen. Kein Ergebnis.
Mit herkömmlichen Ermittlungen scheint man Lydia L. damals nicht beikommen zu können. So weiß sich selbst die Kripo 2002 nur noch damit zu helfen, dass sie einem alten Mann den Tipp gibt, schnell wieder auszuziehen; sogar ein Taxi ruft eine Beamtin für ihn. Der Grund: In abgehörten Telefonaten hatte Lydia L. über das Sparbuch des Mannes gesprochen.
So laufen die Geschäfte mit dem Altersstarrsinn, -leichtsinn, -schwachsinn in Bodenfelde weiter gut. Bis Siggi S. - ja was? Den Druck auf seinem Gewissen nicht mehr aushält, wie er angeblich ausgesagt haben soll? Oder er sich an Lydia L. rächen will? Es gab ein paar Tage vor dem Geständnis einen Streit, um irgendeine banale Sache, angeblich warf sie ihn vom Hof.
Oder wollte er sich nicht noch mehr, nicht noch tiefer verstricken? Der Polizei hat er gesagt, Lydia L. habe von ihm verlangt, Carsten eine Abreibung zu verpassen. Damit der endlich nachgebe im Streit um die Enkelin. Und auch eine Brandstiftung sollte er angeblich noch begehen.
Obwohl die Ermittler ihre Arbeit weitgehend abgeschlossen haben, haben sie keine Erklärung dafür, weshalb Siggi S. die Taten gerade jetzt gestanden hat. "Ich war es leid", hat Siggi S. bei den Vernehmungen nur gesagt. "Ich wollte schon früher zur Polizei, aber da war noch der Hund." Im Mai sei seine Katze gestorben, Anfang Juni dann sein Hund. Danach habe er endlich gehen können. JÜRGEN DAHLKAMP,
MICHAEL FRÖHLINGSDORF
Von Jürgen Dahlkamp und Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 5/2008
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