28.01.2008

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer verlorene Sohn

Wie ein Amerikaner seine Mutter im Baumarkt kennenlernte
Christine Tallady fühlte sich vom Leben überfordert, damals, vor 22 Jahren. Sie war fast noch ein Teenager, sie war unverheiratet und schwanger. Das Kind, das in ihr wuchs, war gesund, doch Tallady fühlte sich nicht bereit für ein Leben als Mutter, als Alleinerziehende, als übermüdete und überarbeitete Arme am Rand der amerikanischen Gesellschaft. Sie war jung, sie wollte leben, nicht verzichten, und so gab sie ihren Sohn im Oktober 1985, kaum dass er ihren Leib verlassen hatte, zur Adoption frei. In den kommenden Jahren fragte sie sich oft, was für ein Kind, was für ein Teenager und schließlich, was für ein Mann ihr Sohn wohl geworden sei.
Steve Flaig fragte sich Zeit seines Lebens, was für ein Mensch seine Mutter wohl sei, seine leibliche Mutter. Flaig wuchs auf bei Pat und Lois, seinen Adoptiveltern. Sie hatten ihm schon früh gesagt, dass er ihr angenommener Sohn sei, dass sie ihn aber liebten wie einen eigenen. Flaig glaubte ihnen das. Aber er wollte mehr erfahren über seine Mutter, über sich. Als er 18 Jahre alt war, versuchte er zum ersten Mal, das Rätsel seiner Herkunft zu lösen.
Flaig wandte sich an "D. A. Blodgett for Children", eine Adoptionsstiftung, benannt nach ihrem Gründer. Die Stiftung hatte auch Flaig vermittelt, und Christine Tallady hatte damals verfügt, dass ihre Identität offenbart werden dürfe, sollte ihr Sohn jemals nachfragen. Sie wollte ihm nicht die Chance nehmen, später einmal zu erfahren, wer er sei, woher er komme. Wo sich seine Mutter zurzeit aufhielt, ob sie noch am Leben war, konnten ihm die Mitarbeiter der Stiftung nicht sagen.
Flaig nahm die Papiere, setzte sich an einen Computer und tippte den Namen seiner Mutter in das Fenster einer Suchmaschine ein. Die Maschine meldete: kein Treffer. Flaig war ratlos. Er wusste nicht, wo er noch suchen sollte. Er stand auf und machte weiter mit seinem Leben. Flaig beendete die Schule und begann als Fahrer für "Lowe's" zu arbeiten, einen Baumarkt in seiner Heimatstadt Plainfield, Michigan.
Vier Jahre später, Flaig kann nicht sagen, warum, nahm er abermals die Dokumente der Stiftung zur Hand, las sie und erkannte, dass er den Namen seiner leiblichen Mutter nie korrekt ausgesprochen, nie korrekt geschrieben hatte. Sie hieß Christine Tallady. Flaig nannte sie Christine Talladay. Er setzte sich an einen Computer und tippte den Namen seiner Mutter ein. Der Rechner meldete: ein Treffer. Eine Christine Tallady lebte in Michigan, in Plainfield, im West River Drive, keine Meile von Flaigs Arbeitsplatz entfernt. Flaig holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. Am nächsten Tag erzählte er das Unmögliche seiner Chefin, die sagte: "Chris Tallady? Die arbeitet doch hier."
Seine Mutter war acht Monate zuvor eingestellt worden, als Kassiererin. Flaig hatte sie hin und wieder gesehen. Sie war eine zierliche Frau, einen Kopf kleiner als Flaig, und man sah ihr an, dass das Leben es nicht immer gut mit ihr gemeint hatte. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Flaig sie begrüßt: "Hi, ich bin Steve." Sie hatte geantwortet: "Nett, dich kennenzulernen. Ich bin Chris."
Was jetzt, fragte sich Flaig.
Sollte er ihr während der Arbeit auf die Schulter klopfen und sagen: "Hi Chris, ich bin's. Dein Sohn."
Sollte er zu ihr nach Hause fahren und an ihrer Tür klingeln? Sollte er ihr Blumen mitbringen? Oder doch lieber etwas anderes? Würde sie sich freuen, ihn zu sehen? Flaig wusste es nicht.
Zwei Monate lang fragte er sich, wie er den Kontakt herstellen könnte. Er wollte nicht abgewiesen werden. Nicht noch einmal.
Schließlich gestand Flaig sich ein, dass er Hilfe brauchte. Er fuhr ins Büro von D. A. Blodgett for Children. Eine Mitarbeiterin der Stiftung rief Christine Tallady an. Im Baumarkt.
Tallady war beunruhigt, als sie hörte, dass die Stiftung sie sprechen wolle. Wie konnte die Mitarbeiterin wissen, wo sie arbeitete? War Steve etwas Schlimmes widerfahren? Würde sie ihren Sohn im Krankenhaus wiedersehen, auf der Intensivstation? Dann hörte sie die Stimme am anderen Ende der Leitung sagen: "Chris, dein Sohn arbeitet mit dir bei Lowe's."
Flaig gab seiner Mutter ein wenig Zeit. Er rief sie später am Tag an, sie verabredeten sich im "Cheers Good Time Saloon" nahe dem Baumarkt. Flaig sah die Frau, die er schon kannte. Tallady sah einen ganz neuen Menschen. Steve Flaig trug einen imposanten Backenbart, der ihn älter erscheinen ließ, als er war. Er hatte ihre Haare. Ihre Augen.
Sie umarmten sich. Es war nicht wie im Kino, es gab kein großes Drama. Flaig hatte Fragen, er war neugierig, nicht auf Rache aus. Mutter und Sohn redeten zweieinhalb Stunden miteinander.
Flaig erfuhr nicht nur, wer seine Mutter ist, sondern auch, dass er Geschwister hat. Einen Halbbruder, Brandon, zehn Jahre alt. Eine Halbschwester, Alexandra, sie ist zwölf.
Er hat sie schon getroffen, einmal bisher. Seine Mutter sieht er jetzt jeden Tag. UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 5/2008
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Der verlorene Sohn

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