02.02.2008

RELIGIONZwiebelturm statt Minarett

Moskauer Mönche wollen ein Kloster in der Uckermark gründen - mit Putins Segen und in freundlicher Nachbarschaft zur Datsche von Angela Merkel.
Die letzten Russen, die mit den Bewohnern von Götschendorf sprachen, sollen im April 1945 als Voraustrupp zur Befreiung Templins durchs Dorf gekommen sein. Später, zu DDR-Zeiten, blieben die Soldaten der Sowjetarmee nahezu unsichtbar, "rollten nur noch in ihren Panzern durch unsere Hauptstraße", erinnert sich eine 82-jährige Bewohnerin, "unterwegs zu ihren Truppenübungsplätzen".
In diesem Frühjahr nun kommen wieder Russen in das verschlafene 200-Seelen-Nest, doch ihr Einzug wird wesentlich geräuschloser vonstattengehen. Der erste Vortrupp ist schon da.
Russisch-orthodoxe Mönche des Moskauer Patriarchats wollen in dem Flecken, etwa eine Autostunde nördlich von Berlin, ihr erstes Kloster im westlichen Europa gründen. 30 Mönche sollen noch im Laufe des Jahres ins Schloss Götschendorf am Kölpinsee einziehen - sofern die gründliche Renovierung des alten Gemäuers und seiner Nebengebäude termingerecht vorankommt.
"Trotz seiner ländlichen Lage könnte unser Klosterbetrieb ein Anziehungspunkt mit erheblicher Bedeutung für ein neues deutsch-russisches Miteinander in Europa werden", erklärt der künftige Vorsteher des Klosters St. Georg, Prior Daniil Irbits, etwas gestelzt. Der 31-Jährige stammt aus Riga und möchte mit seinen jungen Mönchen durch "ora et labora" (bete und arbeite) Schloss, See und Park wieder zum Leben erwecken. Allein für die rund 200 000 in Deutschland lebenden orthodoxen Russen, sagt er, wäre eine Pilgerreise zum neuen Kloster beinahe Pflicht.
Der Bau eines Klosters sollte eigentlich nur Gottesmänner und ein paar Architekten beschäftigen. Doch in der Ära Wladimir Putins ist auch dies ein Politikum. Schließlich hat der Kreml-Chef klare Erwartungen an der Gottesfront: "Jede orthodoxe Pfarrei im Ausland mit russischen Wurzeln muss eine Repräsentanz der Russischen Föderation werden."
Und so geriet der Klosterbau zur Chefsache. Prior Irbits' oberster Dienstherr, der Moskauer Patriarch Alexij II., hat sich wegen der deutschen Außenstelle mit Staatspräsident Putin in Verbindung gesetzt - protokollarisch korrekt in einem Brief. Putin, der sich oft als betender Besucher orthodoxer Gottesdienste zeigt, soll begeistert gewesen sein und hat angeblich auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Baupläne informiert. Das heruntergekommene Schloss wurde von der Berliner Diözese der russisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats für einen Euro vom Land Brandenburg erworben - mit der Verpflichtung, es im Gegenzug vollständig zu renovieren.
Seitdem werden Spenden für die geschätzten sieben Millionen Euro Gesamtkosten gesammelt. Und so wie sich für Schalke 04 mit Gasprom ein russischer Sponsor fand, so wurde auch ein Hauptfinanzier für das Kloster aufgetan - mit einem Unterschied allerdings: Er will noch nicht genannt werden. Der Putin-Freund, ein Stahlwerksbesitzer, der auch mit ThyssenKrupp kooperiert, soll gleich mehrere Millionen bereitgestellt haben. Bei einem Besuch vor Ort zeigte sich der fromme Russe begeistert von der Schorfheide-Landschaft, die ihn an seine Heimat erinnere.
Das geräumige Schloss, auf einer Anhöhe mit Seeblick, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Es diente Hitlers Paladin Hermann Göring als Gästehaus, dann der Nationalen Volksarmee und schließlich der Stasi als Urlaubsrefugium. Bald sollen in seinen Sälen deutsch-russische Kulturveranstaltungen stattfinden, später wird vielleicht noch eine Brauerei entstehen. Gäste aus Politik und Wirtschaft sollen sich hier diskret treffen können.
Doch die Orthodoxie will fernab von Moskau auch ein sichtbares Zeichen setzen. Damit das Kloster in der hügeligen Uckermark auch weithin zu sehen ist, soll direkt neben dem Schloss noch ein Kirchenneubau mit einem knapp 30 Meter hohen Turm entstehen. Mit Protesten der Bevölkerung ist nicht zu rechnen. "Wir sehen hier lieber einen Zwiebelturm als ein Minarett", sagt eine ältere Bewohnerin auf der Dorfstraße und fügt hinzu: "Weihnachten gehen wir dann auch wieder bei denen beten."
Gegenwind war allenfalls von den protestantischen Pfarrern zu befürchten; schließlich sind die Evangelischen eher skeptisch in Sachen Orthodoxie. Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber betrachtet die Annäherung zwischen Katholizismus und Orthodoxie mit Unbehagen. Er sieht in beiden Kirchen eine Tendenz, "die mit der Aufklärung nichts zu tun hat".
Doch die Bedenken des obersten Protestanten scheinen in der Uckermark wenig zu verfangen. Der Berliner Norbert Kuchinke, 67, der lange als Journalist in Moskau lebte, hat das Projekt "St. Georg" von deutscher Seite begleitet - und vorsorglich bei den Pfarrern in der Region geworben. Schnell fand er einen Verbündeten mit Draht nach ganz oben: Horst Kasner, der Vater von Angela Merkel. Er hatte - wie seine ehemaligen Pfarrkollegen rund um Templin - keine Einwände.
Mehr noch: Da Kasners Tochter ihre Wochenenddatsche ganz in der Nähe des künftigen Russen-Klosters hat, glauben manche Götschendorfer, dass ihr vergessenes Kaff irgendwann doch noch in den Mittelpunkt der Weltpolitik geraten könnte. "Wer weiß", meint eine alteingesessene Landfrau des Ortes, "vielleicht trifft Merkel sich ja noch eines Tages mit Putin hier bei uns im Schloss." PETER WENSIERSKI
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 6/2008
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