02.02.2008

AKUSTIKPlok statt Gong

Viele Kirchenglocken haben Risse und tönen dumpf. Zwei bayerische Ingenieure sind den Ursachen der Missklänge auf der Spur.
Es war ein unerhörter Vorgang, der die Hansestadt Hamburg im Herbst 2005 gänzlich unvorbereitet traf: Als die Glocken der St.-Michaelis-Kirche - als städtisches Wahrzeichen kurz "Michel" genannt - wie üblich heftig im Gestühl bimmelten, hörte ein 15-Jähriger, dass da etwas nicht stimmte.
Von Ferne vernahm der Teenager einen überaus matten Klang des stadtbekannten Geläuts. Keck sprach der Knabe kurzerhand bei der Kirchenleitung vor. Die hierauf in Gang gesetzte Inspektion offenbarte tatsächlich einen über 35 Zentimeter langen Haarriss in einer der Glocken - ausgerechnet im tiefen F.
Im Mittelalter wäre diese Anekdote womöglich einen Eintrag in die Stadtchronik wert gewesen. Anno 2006 war der Kirchenvorstand mehr um Schadensbegrenzung wegen des peinlichen Vorfalls bemüht. Denn was da so dumpf vor sich hin dongelte, war ausgerechnet die erst sechs Jahre zuvor aufwendig mit einem Kran in den Kirchturm gehobene neue "Jahrtausendglocke".
Mit großem Getöse hatte die evangelische Gemeinde damals den knapp acht Tonnen schweren "Meisterguss" der Öffentlichkeit präsentiert - gefertigt für die Ewigkeit von einem Familienbetrieb aus Heilbronn. Die detektivische Suche nach dem Schuldigen für das Fiasko erforderte nicht weniger als eine moderne Variante von Sherlock Holmes und Dr. Watson.
Mit den Ingenieuren Andreas Rupp, 49, und Michael Plitzner, 32, von der Hochschule Kempten waren die richtigen Männer zur Hand. Die beiden Experten beschäftigen sich seit gut zwei Jahren vorwiegend damit, diverse bronzene Pretiosen von unterschiedlicher Größe auf ihre Widerstandsfähigkeit zu testen. In ihrer schalldichten Kammer im Alpenvorland ist es dem Team etwa "gelungen, eine Glocke im 2400-Stunden-Test kaputtzuläuten".
Die Misere am Michel konnten die Glockendetektive rasch aufklären. Offenbar war die automatische Läutevorrichtung auf eine viel zu hohe Betriebsstufe eingestellt worden. "Hoi, das ist recht heftig", erschrak Plitzner über die Wucht des Klöppelschlags.
In solchen Fällen gräbt sich der stählerne Prängel mit so viel Macht in die Bronzewand des Gebimmels, dass bei jedem Aufschlag feine Materialpartikel abplatzen. Rupp: "Da ist gewaltig Stress auf der Glocke."
Im Endstadium eines derart ruinösen Betriebs ist der Klangunterschied selbst für das ungeschulte Ohr hörbar: "Statt eines satt hallenden 'Gong'", erläutert Rupp, "macht es nur noch 'Plok'."
Dabei beanspruchen deutsche Kirchen ihre Glocken vergleichsweise sacht. Üblich ist "ein artiger Läutewinkel" (Rupp) von 40 bis 70 Grad - ganz anders die Belastung etwa in Südtirol, wo die Glocken beim "Himmelfahrtsläuten" auf 140 Grad hochgeschleudert werden.
So mussten Rupp und sein Kompagnon Plitzner unlängst nach Oberbozen eilen, wo die erst wenige Jahre alte Glocke der Kirche Maria Himmelfahrt an zwei Seiten gerissen war. Ein komplizierter Rechtsstreit drohte, weil die Kirchenleitung der Gießerei Schlamperei vorwarf.
Doch das aus Deutschland herbeigerufene Inspektionsteam entlastete den Betrieb. Tatsächlich hatte ein von der Kirche engagierter Sachverständiger einen viel zu schweren Klöppel in die Glocke gehängt, der die frische Bronzeform binnen kurzer Zeit marodierte.
Der Idealfall sieht anders aus: "Der Klöppel muss die Glocke küssen und zum Schwingen erregen. Das sind feinste Abstimmungsvorgänge", mahnt Rupp.
Die poetisch definierte Klöppelkunst unterlegen die Spezialisten mit eigens entwickelten Untersuchungsmethoden. Rupp und Plitzner messen mittels Beschleunigungssensoren die Anschlagsstärke des Klöppels, der bisweilen mit dem achthundertfachen Wert der Erdbeschleunigung auf die Glockenwand eindrischt.
Fingernagelgroße Dehnungsmessstreifen auf der Glocke prüfen derweil, wie sich das Material unter der Last des Klöppelschlags verhält. Das Duo aus Kempten hat inzwischen allerhand Computersimulationen erstellt, die das Innenleben seines Untersuchungsgegenstands erhellen.
"Dennoch stehen wir erst am Anfang der Deutung", räumt Plitzner ein. Ziel sei ein "musikalischer Fingerabdruck" von der Glocke im gesunden Zustand, der zum routinemäßigen Schnellabgleich alle paar Jahre taugen soll.
Eine Vielzahl von Feld- und Wiesenkirchen in ganz Europa würde von einem solchen Service profitieren, prophezeit Rupp. Rechtzeitig könnte ein entstehender Schaden erkannt und ausgebessert werden, bevor die Glocke kostspielig ersetzt werden muss.
Was den Geläuten zahlreicher Kirchen zudem zusetzt, sind die mitunter fragwürdigen Gutachten diverser Glockensachverständiger. So habe der Berufsstand einige schwarze Schafe hervorgebracht, die selbst nicht nur Glocken gießen, sondern ihren eigenen Schöpfungen dann auch noch das Gütesiegel verleihen, berichtet Rupp.
Die gelegentlich allzu subjektiven Bewertungskriterien der Branche haben in Kirchenkreisen denn auch einigen Spott provoziert, den Rupp genüsslich referiert. "Kennen Sie den?", fragt der Ingenieur: "Wie kriegt man drei Glockensachverständige zu einer Meinung? Indem man zwei totschlägt." FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 6/2008
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