02.02.2008

„Mit voller Wucht lieben“

Die deutsche Regisseurin Doris Dörrie über ihr Faible für Japan und ihren Berlinale-Beitrag „Kirschblüten - Hanami“
SPIEGEL: Frau Dörrie, immer mehr deutsche Regisseure zieht es nach Westen, nach Hollywood. Warum gehen Sie mit Filmen wie "Erleuchtung garantiert" und mit Ihrem Berlinale-Beitrag "Kirschblüten - Hanami" in die andere Richtung, nach Japan?
Dörrie: Ich war schon mit meinem ersten Film "Mitten ins Herz" zum Festival nach Tokio eingeladen und von Japan überwältigt. Zu Hollywood hatte ich dagegen immer ein sehr nüchternes Verhältnis, für mich war es nie ein mythischer Ort. Ich war schon mit 18 als Studentin zum ersten Mal dort. Nach dem großen Erfolg von "Männer" machten die Studios mit mir eine richtige Schmusetour durch die Traumfabrik. Das war schon toll, jeder lobt einen, jeder will mit einem arbeiten - davon ist jeder geplättet! Wenig später habe ich dann dort meinen ersten amerikanischen Film "Ich und er" gedreht, aber recht bald gemerkt, dass das nicht meine Welt ist.
SPIEGEL: Warum nicht? In Ihrem Roman "Und was wird aus mir?" beschreiben Sie Hollywood als einen von Angst und Neurosen geprägten Ort. Sie sind von dort geflüchtet?
Dörrie: Nein, ich mochte es nur nicht, ständig gute Laune haben zu müssen. Das war mir zu viel. Mit hat auch meine Sprache gefehlt, in der ich meine Geschichten schreibe. Vor allem habe ich in Hollywood vermisst, in Ruhe in einem Café zu sitzen und Menschen beobachten zu können. Das ist für mein Schreiben wichtig.
SPIEGEL: Und diese meditative Ruhe finden Sie in Japan?
Dörrie: Ja, aber nicht nur deshalb drehe ich so gern dort. Ich erzähle von Menschen, die es nach Japan zieht, weil sie etwas suchen, was sie in Deutschland nicht finden. Doch sie haben auch oft Klischees von Japan im Kopf. Rudi, die Hauptfigur in "Hanami", will das Kirschblütenfest erleben und den Fuji sehen. Ich fahre nun seit über 20 Jahren nach Japan, habe aber beides immer verpasst. Entweder war die Kirschblüte vorbei, oder der Fuji war im Nebel. Das musste ich mir also mal anschauen.
SPIEGEL: "Hanami" erzählt von einem Mann, der nach dem Tod seiner Frau nach Japan reist - in ein Land, das sie geliebt, aber nie besucht hat. In diesem Fall ist Trauer ein produktives Gefühl.
Dörrie: Zunächst einmal will jeder Mensch Schmerzen vermeiden. Wenn man ihnen dann nicht mehr entfliehen kann, können sie Auslöser sein, das eigene Leben zu verändern. Ja, ich finde, der Tod kann sehr lebendig machen.
SPIEGEL: Verdrängen wir ihn zu sehr?
Dörrie: Ja. Aber wir kommen - zum Glück - auch meist sehr spät mit ihm in Berührung. In ärmeren Ländern halten sich die Menschen die Allgegenwart des Todes eher vor Augen, genießen das Leben dafür aber umso mehr. Sie sagen sich: Er sitzt mir schon im Nacken, also tanze ich noch mal auf dem Tisch. In Deutschland haben wir dagegen eine Lebensversicherungsmentalität. Wir verschieben vieles in die Zukunft. Doch ich wollte einen Film machen, der zeigt, dass wir mit
voller Wucht lieben und nicht sparen sollten, vor allem nicht mit Gefühlen.
SPIEGEL: "Hanami" ist ein sehr schneller Film. Wollten Sie im Tempo der Jugend vom Alter erzählen?
Dörrie: Der Film soll pulsieren! Man soll spüren, wie da jemand mit allen Sinnen eine neue Welt erkundet. Und zugleich wollte ich immer wieder frische Luft in den Film lassen. Dafür musste ich oft von meinem Plan abweichen. Aber das ist ja eine Lehre des Buddhismus: Man muss jederzeit bereit sein, das eigene Konzept über den Haufen zu werfen.
SPIEGEL: Hat Japan Ihre Art, Filme zu machen, verändert?
Dörrie: Der Buddhismus rät uns, die Welt auf uns wirken zu lassen, statt ihr unsere Sicht der Dinge aufzuzwingen. Für mich als Regisseurin bedeutet das, nicht strikt vom Blatt zu filmen, sondern offen zu sein, zu improvisieren. Ein wenig wie beim Dokumentarfilm. Früher hätte ich mich das nicht getraut.
SPIEGEL: Sie waren mit Ihren Filmen noch nie im Wettbewerb der Berlinale. Angst vor der Hauptstadt?
Dörrie: Nee, gar nicht. Als gute Mutter habe ich mir nur stets die Oster- und Sommerferien freigehalten, um sie mit meiner Tochter zu verbringen. So konnte ich frühestens im Herbst drehen und war nie pünktlich für Berlin fertig. INTERVIEW: LARS-OLAV BEIER
* Mit Darstellern Elmar Wepper, Aya Irizuki.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 6/2008
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