11.02.2008

AFFÄRENHelfer in Not

Der Skandal um die Unicef-Finanzen bringt eine ganze Branche in Schwierigkeiten. Er verunsichert die Spender, Politiker fordern schärfere Kontrollen.
Am vergangenen Donnerstag machten sich die Archivare des Deutschen Bundestags auf die Suche nach Protokollen einer Parlamentsdebatte aus den achtziger Jahren über das Finanzgebaren des Kinderhilfswerks Unicef. Darum gebeten hatte sie Willi Zylajew, als Sozialexperte der CDU-Fraktion und beurlaubter Caritas-Funktionär ein Kenner der Helferszene.
Denn der Abgeordnete aus Hürth bei Köln hat derzeit häufiger Déjà-vu-Erlebnisse: Wie vor mehr als 20 Jahren geht es auch in den letzten Wochen wieder um unanständig hohe Beraterhonorare bei Unicef, satte Provisionen für die Spenden-Akquise, etwas hemdsärmelig vergebene Aufträge. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Untreue gegen den Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Dietrich Garlichs - der nach 18 Jahren im Amt am Freitag vergangener Woche zurücktrat.
Der Fall belastet nun die gesamte Wohltäter-Branche: Insider rechnen mit einem Rückgang der Spenden auch bei anderen Wohltäter-Organisationen. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert Aufklärung - sowie Konsequenzen. Und wie die aussehen könnten, darüber macht sich Zylajews Fraktionskollegin Ingrid Fischbach schon mal Gedanken, 2004 war sie Unicef-Botschafterin für Junioren. Ihre Forderungen an alle Verbände und die Kontrolleure: "Verwaltungskosten drastisch senken - und erheblich strengere Kriterien für die Vergabe von Spendensiegeln".
Vier Milliarden Euro spenden die Deutschen jährlich für wohltätige Zwecke. Gut 74 Millionen Euro landeten 2006 bei der deutschen Sektion des Uno-Kinderhilfswerks Unicef. Das Gesamtaufkommen der Spenden stagniert seit Jahren, und ein Skandal schlägt direkt auf die Großzügigkeit der Deutschen durch. Dabei wirft der Streit um
Unicef nur ein Licht darauf, wie bei vielen Verbänden mit Spendengeldern umgegangen wird: Dass Hilfsorganisationen fast 20 Prozent ihrer Einnahmen für eigene Zwecke ausgeben, gilt als normal, aber auch 35 Prozent kommen vor - und werden vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) mit dem Spendensiegel abgesegnet.
Schon längst setzen die meisten Organisationen nicht mehr nur auf unbezahlte Freiwillige, die mit Sammelbüchsen durch die Fußgängerzonen ziehen. Mit regelrechten Drückermethoden ködern Agenturen im Auftrag etwa des Deutschen Roten Kreuzes, der Johanniter oder der Malteser Spender. Externe Berater zu beschäftigen ist üblich, bezahlte Fundraising-Shows im Fernsehen sind bei Großorganisationen ebenso gewünscht wie aufwendige Reisen von Prominenten in Dritt-Welt-Länder. Das Helfen ist zum Milliardengeschäft geworden - aber viele Organisationen gehen mit dem Geldsegen ziemlich unprofessionell um.
Das DZI prüft jetzt die Vorwürfe gegen Unicef, dabei könnte die Affäre zu einem Problem für den Spenden-TÜV selbst werden. "Auf solche Kontrollinstanzen können wir verzichten", schimpft CDU-Mann Zylajew. Hier würde den Spendern falsche Sicherheit vorgegaukelt. Die Finanzen von Spendenorganisationen müssten transparenter gemacht werden, damit jeder sehen könne, was von seinem Geld ankomme.
Solange Unicef nicht alles offenlege, sollte erst mal der Bundeszuschuss in Höhe von rund fünf Millionen Euro pro Jahr eingefroren werden. In einem Brief an das Kanzleramt fordert der CDU-Mann zudem "Veränderungen des rechtlichen Rahmens" für die Arbeit von Spendensammlern. Ein Spendensiegel sollten nur noch Organisationen bekommen, die mit einem Verwaltungsaufwand von fünf bis sechs Prozent auskommen. Staatszuschüsse
dürfe es ebenfalls nur noch für solche Verbände geben.
An dieser äußerst anspruchsvollen Vorstellung würde Unicef scheitern, der Verband gibt rund 18 Prozent für den eigenen Apparat aus. Aber auch die meisten anderen Großorganisationen könnten die Hürde kaum schaffen (siehe Grafik).
Und die Affäre schadet ihnen schon jetzt, ohne solche rigiden Regeln: Über eine "große Verunsicherung" in der Branche klagt etwa Thomas Kreuzer von der Frankfurter Fundraising Academy, der Spendensammler für verschiedene Verbände ausbildet. Einige Kollegen würden schon einen Rückgang der Spenden verzeichnen. Selbst bei der kirchlichen Organisation Adveniat, die mit 6,2 Prozent Werbungs- und Verwaltungskosten zu den Musterbeispielen des Metiers zählt, gehen bereits viele Anfragen von irritierten Spendern ein.
Besonders verheerend trifft es Unicef selbst: Bisherige Großspender verlangen den Rausschmiss des Vorstands, prominente Unterstützer, wie die Schwimmerin Sandra Völker, wollen sich nicht mehr für die Unicef-Werbung hergeben. Um fünf Millionen Euro sind die Einnahmen in den letzten Wochen zurückgegangen. Über 10 000 von 220 000 besonders treuen Fördermitgliedern haben in den letzten Tagen ihre Unterstützung aufgekündigt.
Ausgelöst wurde das Debakel von einem zweiseitigen anonymen Schreiben am 24. Mai 2007. "In unserem Haus werden in letzter Zeit Gelder in seltsamer Höhe ausgegeben", heißt es in dem Brief an die damalige Vorsitzende Heide Simonis.
Wie mit den Hinweisen umgegangen wurde, darüber gehen die Schilderungen weit auseinander. Unicef-interne Protokolle belegen jetzt, dass es Simonis ernst war mit der Aufklärung. Sofort nach Erhalt des Papiers schrieb sie an ihren Geschäftsführer Garlichs, sie wolle Details wissen: Wer hatte den aufwendigen Umbau der Bundesgeschäftsstelle genehmigt? Wo sei der Vertrag über 300 000 Euro, die ein Berater, ein Bekannter von Garlichs, bekommen hatte? Warum wurde ein Spenden-Akquisiteur nach Umsatz bezahlt?
Und Simonis kann in Geld-Dingen nervend gründlich werden: Vor ihrer Zeit als Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein war sie Haushaltsexpertin der SPD im Bundestag, sie kann Bilanzen lesen.
Garlichs aber konnte bis zu Simonis Einstieg 2006 sehr frei agieren, Bestätigungen durch Vorstände und Wirtschaftsprüfer waren meist Formsache. Millionen-Erbschaften beispielsweise wurden in einer Stiftung geparkt, nur die Erträge flossen in Hilfsprojekte, das Ganze kontrollierte im Wesentlichen Garlichs.
Dass Heide Simonis den auch mit sehr persönlichem Schwung und manch giftiger Bemerkung geführten Kampf ums Unicef-Komitee gegen die Altherrenriege um Garlichs kaum gewinnen konnte, wurde bereits auf einer Sondersitzung des Vorstandes in Köln am 1. Dezember deutlich. Man solle doch die Vergangenheit ruhen lassen - dafür machte sich vor allem Unicef-Urgestein Reinhard Schlagintweit stark, der alte und inzwischen neue Vorsitzende. Ihm zur Seite sprang der langjährige Schatzmeister Peter von der Heydt. Für ihn stehe außer Zweifel, dass Garlichs "kein Gesetz verletzt habe".
Doch immerhin verständigte der Vorstand sich darauf, dass Wirtschaftsprüfer der KPMG die Finanzen erst mal anschauen sollten. Sechs Wochen später legten die ihren Bericht vor. Sie fanden einige Unsauberkeiten in den Büchern - aber kriminelle Machenschaften entdeckten sie nicht, nur den bei manchen dieser Organisationen üblichen laxen Umgang mit Millionen.
Am Ende wurde die nervende Aufklärerin Simonis zur Schuldigen abgestempelt: Sie sei es gewesen, die die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ausgelöst habe, musste sich Simonis bei ihrem letzten Treffen mit Garlichs vorwerfen lassen. Dabei wedelte der im Frankfurter Flughafenhotel Sheraton mit einem Blatt Papier. Das vermeintliche Corpus Delicti stammte aus Simonis' Kieler Büro, enthielt eine Auflistung anonymer Hinweise zu angeblichen Mauscheleien in der Kölner DeutschlandZentrale und war adressiert an das Kölner Kriminalkommissariat 31. Dass die Ermittler die Unterlagen angefordert hatten, bremste Garlichs kaum. Noch auf der Sitzung am 2. Februar trat Simonis von ihrem Amt zurück.
Ex-Geschäftsführer Garlichs gibt inzwischen Schlampereien zu. Die Beauftragung eines Beraters sei ein "schwerer psychologischer Fehler" gewesen. Unicef-Vorstand Schlagintweit beschwichtigt, Garlichs hätte "etwas großzügig" und "unbekümmert" gehandelt. Nur hat diese Unbekümmertheit Folgen: Die ersten Helfer ziehen ihre Konsequenzen, die Unicef-Arbeitsgruppe Niederrhein etwa hat inzwischen die Arbeit völlig eingestellt. 250 000 Euro hat sie im vergangenen Jahr mühsam gesammelt. Das reichte ja nicht einmal für das Honorar des Garlichs-Beraters, wissen die braven Sammler jetzt. ANDREA BRANDT, BARBARA SCHMID,
ANDREAS WASSERMANN
* Mit Model Eva Padberg bei einer Spendengala in Köln.
Von Andrea Brandt, Barbara Schmid und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 7/2008
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