11.02.2008

DeutschlandNeues Deutschland

Ortstermin: Ein russischer und ein amerikanischer Journalist verteidigen in Berlin die Pressefreiheit.
Deutschland ist schön an dem Morgen, als Dmitrij Muratow am Wannsee erwacht. Er geht über das Parkett einer weißen Villa, vorbei an großen Gemälden und großer Literatur, durch helle, hohe Räume, der Klang seiner Schritte hallt ihm nach.
Muratow geht hinaus in den Vorgarten, und als der Chauffeur ihn sieht, öffnet er die Tür einer dunklen Limousine, hinten rechts, wo die Wichtigen sitzen. Ein elektrisches Tor öffnet sich, und Muratow gleitet durch die Stadt, sie zieht geräuschlos an ihm vorbei. Er beugt sich nah an die Scheibe, als wollte er anfassen, was er hinter ihr sieht. Er zeigt auf ein Tor und sagt: "Brandenburg!"
Der Russe ist nicht als Tourist hier, er hat eine Mission, er ist im Namen der Menschenrechte unterwegs.
Muratow ist Chefredakteur der "Nowaja gaseta", einer Zeitung, die morgens im Kreml vermutlich als eine der ersten gelesen wird. Ihr Name bedeutet "Neue Zeitung". Es klingt nach neuer Zeit, das macht Regierungen, die sich nach der alten Zeit sehnen, nervös.
Muratows mutigste Reporterin war Anna Politkowskaja. Sie schrieb über den vergessenen Krieg in Tschetschenien und die Vergesslichkeit Wladimir Putins, wenn es um diesen Krieg ging und die Freiheit, die Wahrheit zu schreiben. Als sie am 7. Oktober 2006 in Moskau den Aufzug in ihrem Haus betrat, verstummte Anna Politkowskaja. Vier Projektile schlugen in sie ein, eins in die Schulter, zwei in die Brust. Das letzte fuhr durch ihre Schläfe.
Vielleicht sollte es ein Geschenk für den Präsidenten sein. Es war sein Geburtstag.
Es war das dritte Mal in sechs Jahren, dass Muratow am Grab eines seiner Reporter stand. Der erste wurde mit einem Hammer erschlagen. Der zweite starb an einer mysteriösen allergischen Reaktion.
Muratow ist nach Berlin gekommen, weil er Hilfe braucht, Hilfe gegen eine Regierung, die es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt; er will Hilfe von einer Regierung, die es genauer nimmt.
Russland ist eines der gefährlichsten Länder für Journalisten. Seit Putin Präsident ist, wurden in Russland 14 Reporter ermordet. Nur in einem Fall verurteilte ein Gericht einen Täter. Kritik an Regierungsbeamten kann von russischen Staatsanwälten als "Extremismus" verfolgt werden.
"Demokratie", sagt Muratow, "ist bei uns ein Luxusartikel, der in Edelboutiquen verkauft wird." Demokratie, hofft er, ist ein Exportartikel.
Seine Hoffnung ist Angela Merkel. Er hat nicht vergessen, dass sie Putin nach der Pressefreiheit fragte, dass sie Menschenrechtsvertreter in der deutschen Botschaft in Moskau empfing. "Ich glaube nicht", sagt er, "dass sie irgendwann mit Schröder bei Gasprom anheuern wird." Muratow ist nicht allein gekommen. Aus New York ist Paul Steiger durch die Nacht geflogen. Die beiden verbindet etwas. Die gleiche Gefahr, die gleiche Mission.
Steiger war bis Mai vergangenen Jahres Chefredakteur des "Wall Street Journal". Nachdem am 11. September 2001 in New York die Türme fielen, führte er die Zeitung von der Wohnung seines Stellvertreters aus, weil die Trümmer auf die Redaktionsräume gefallen waren. Steiger verlor keinen Reporter an diesem Tag. Doch vier Monate später verschwand einer in Pakistan, als er nach den Männern hinter dem Terror suchte. Er hieß Daniel Pearl, und als man ihn fand, wollte seine Frau ihn nicht mehr sehen. Sein Kopf war von seinem Körper abgetrennt.
Steiger ist jetzt Vorsitzender des Committee to Protect Journalists, er versucht, Journalisten zu beschützen, vor Zensur, vor Einschüchterung, vor dem Tod. Als Muratow ihn trifft, legt er den Arm um ihn. Es ist wie ein Bild aus einem anderen Deutschland, der Russe und der Amerikaner Arm in Arm in der Stadt, die Russen und Amerikaner besetzten, weil sie das Zentrum der Unfreiheit war. Jetzt stehen sie vor dem Kanzleramt, weil sie glauben, dass die Frau, die Deutschland regiert, die Freiheit in Russland verteidigen könnte. Geschichte wendet sich manchmal auf merkwürdige Weise.
Kohl ging mit Jelzin in die Sauna. Schröder fuhr mit Putin Schlitten. Angela Merkel stellte Putin zur Rede. Sie könnte eine Lichtgestalt sein, wenn sie mit Bush kein Wildschwein gegrillt hätte. Doch für Muratow und Steiger leuchtet sie, vielleicht weil die anderen so dunkel sind.
"Is it Fräulein or Frau Merkel?", fragt Steiger. Er lächelt, als er erfährt, dass die Kanzlerin als Fräulein Kasner geboren wurde und Frau Sauer heißen könnte, wenn sie sich nicht nur von Herrn Merkel, sondern auch von dessen Namen getrennt hätte. "Sie ist auf der Seite der Engel", sagt er. Es klingt pathetischer, als er es meint. Man sagt das so in Amerika über Leute, die nicht auf der Seite der Schweine sind.
Er würde der Kanzlerin auch sagen, dass es ihn beunruhigt, wenn Staatsanwälte in Deutschland gegen Journalisten ermitteln, die ihre Quellen nicht preisgeben. Aber Angela Merkel hat keine Zeit. Christoph Heusgen, ihr außenpolitischer Berater, empfängt Muratow und Steiger. Ob seine Mission, wenn er wieder daheim ist, etwas bewirkt, kann der Russe danach nicht sagen. Aber er hat die Botschaft der Kanzlerin im Gepäck, seine Regierung an die Einhaltung der Menschenrechte wieder erinnern zu wollen.
Am Abend kehrt Muratow in die Villa am Wannsee zurück, in das Haus der American Academy. Dort sitzt er auf einem Podium und berichtet von der Unfreiheit in Russland. Im Publikum macht sich ein Mann Notizen. Er ist ein Gesandter der russischen Botschaft. Er schreibt alles auf, wie ein Reporter. Vielleicht wird die Botschaft von Muratows Mission schneller in Moskau sein als Muratow. MARIO KAISER
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 7/2008
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