11.02.2008

INTERNET„Alles wandert ins Netz“

Netscape-Mitgründer Marc Andreessen, 36, über Microsofts Angriff auf Google, die neuesten Trends in der Web-Wirtschaft und die Suche nach der nächsten großen Geschäftsidee
SPIEGEL: Mr Andreessen, macht Ihnen die Vorstellung eines riesigen Microsoft-Yahoo-Konzerns Angst?
Andreessen: Nein, auf keinen Fall! Wenn es zur Fusion kommt, sind die erst mal zwei Jahre mit sich selbst und der Integration beider Unternehmen beschäftigt. Am Ende steht dann ein neuer Konzern, der manches gut macht und manches schlecht. Aber in der Zwischenzeit gibt's jede Menge Arbeit zu erledigen, von anderen Firmen - wie uns. Und das heißt: jede Menge neue Chancen.
SPIEGEL: Beherrschen künftig nur noch zwei große Player das Internet - Google und Microsoft-Yahoo?
Andreessen: Es ist völlig unmöglich vorherzusagen, wo die Beteiligten am Ende landen und welche Startups währenddessen emporkommen. Das ist ja gerade der große Spaß in unserer Branche.
SPIEGEL: Was ist denn falschgelaufen bei Yahoo? Wie konnte die einst so heiße Firma im Internet Google an sich vorbeiziehen lassen und so schließlich zum Übernahmekandidaten werden?
Andreessen: So was passiert halt, wenn man an der Börse ist. Ich habe zwei Unternehmen gegründet und an die Börse gebracht, aber mein drittes - Ning - ist privat! Keine Telefonkonferenzen mit Analysten, keine feindlichen Übernahmeversuche, wir können uns einfach auf unsere Arbeit konzentrieren. Das ist das Tolle daran.
SPIEGEL: Welche Trends haben den Milliardenpoker in Ihrer Branche ausgelöst?
Andreessen: Zunächst mal wird das Internet gerade zum wichtigsten Medium überhaupt. Im Grunde kommen jetzt alle Verbraucher zu uns rüber. Telekommunikation, Video, Musik, Nachrichten - alles wandert ins Netz, und zwar massenweise. In den Neunzigern haben wir bloß darüber gesprochen, das waren nur Experimente. Jetzt passiert es wirklich.
SPIEGEL: Die Werbeausgaben in der Offline-Welt sind immer noch viel größer als im Netz.
Andreessen: In den nächsten fünf bis zehn Jahren fließt das alles rüber. Und davon werden sowohl die Großen - Google, Microsoft, Yahoo - profitieren, als auch eine ganz neue Generation von Start-ups, die noch kaum einer kennt.
SPIEGEL: Wo sind denn die großen neuen Ideen? News Corp. kauft MySpace, Google steigt bei AOL ein, Microsoft kauft Facebook-Anteile und kämpft um Yahoo - sieht doch so aus, als wäre der Kuchen bald verteilt.
Andreessen: Nein! Das Tempo dieses Wandels hält an. Fernsehen und Presse haben immer nach denselben Gesetzen funktioniert. Aber im Internet kann jedermann ein Stück Software schreiben - und drei Jahre später benutzen es eine Milliarde Menschen. Meine Theorie ist: Jedes Jahr gibt es eine völlig neue, durchschlagende Anwendung, die absolute killer application. Erst ist es Ebay, dann Napster, dann PayPal, MySpace, Facebook, YouTube und so weiter. Ich investiere in eine ganze Reihe von Start-ups, jedes davon hat das Potential zum nächsten Megahit. Zum Beispiel Digg ...
SPIEGEL: ... ein Informationsportal, auf dem anstelle einer Redaktion die Nutzer über den Stellenwert von Artikeln, Videos, Podcasts und jeder Art von Content abstimmen und so das Newsangebot gestalten.
Andreessen: Vielleicht werden wir in fünf Jahren alle auf diese Art unsere Informationen konsumieren. Vielleicht nicht. Aber der Wandel wird auf jeden Fall schneller. Wir können nicht einfach sagen, okay, Google betreibt dieses Geschäft, Microsoft jenes. So wie wir in den USA früher meinten, Fernsehen, das sind CBS, NBC, ABC, und die Presse besteht aus "New York Times", "Washington Post" und "Los Angeles Times". Diese Tage sind endgültig vorbei.
SPIEGEL: Und die Nutzer machen dabei alles selbst, während professionelles Entertainment und klassischer Journalismus an Bedeutung verlieren?
Andreessen: Darauf antworte ich immer gern: Für diese Aussage plus drei Dollar kann man bei Starbucks eine Tasse Kaffee bekommen. Zeitungen mit Auflagenverlust können sich ja gern über die Leser beschweren und sagen, sie hätten keinen Geschmack. Im Laufe der Zeit fliegen sie trotzdem aus dem Geschäft. Zeitungen haben keinen öffentlichen Auftrag, sie haben ein Geschäftsmodell, das funktioniert - oder nicht.
SPIEGEL: So schlicht ist es nicht. Eigentlich alle großen Medienmarken sind im Netz, viele mit weit größerem
Publikum und Umsatz als eine Seite wie digg.com.
Andreessen: Nehmen Sie die "New York Times". Die sind langsam, die leben in einer Verweigerungshaltung. Nach 15 Jahren Internet machen die mit ihrem Online-Auftritt - obwohl der im Vergleich zum Wettbewerb gut gemacht ist - bloß etwa zehn Prozent ihres Gesamtumsatzes. Gleichzeitig kollabiert das Kerngeschäft. Jetzt sage ich Ihnen, was passieren wird: Die Abo-Zahlen stürzen ab, Druck und Vertrieb werden zu teuer und deshalb eingestellt. Dann gibt es nur noch die Online-Einnahmen, aber damit lassen sich die hohen Redaktionskosten nicht decken. Das ist keine Strategie für den Übergang von A nach B.
SPIEGEL: Was würden Sie denn anders machen?
Andreessen: Wenn sich die Verlage selbst zerstören, weil sie mit dem Übergang nicht klarkommen und zu spät reagieren - bitte schön. Es waren auch nicht die Kutscher, die das Automobil erfanden. So viel ist klar: Es gibt eine riesige Nachfrage nach Informationen. Und das bedeutet Chancen für neue Medienunternehmen. Im Internet entsteht ja gerade an jeder Ecke eines. Keines davon ist besonders groß, die Vielfalt ist gewaltig. Aber so entwickeln sich neue Industrien. Gut möglich, dass wir in zehn Jahren hier sitzen und über große Medienkonzerne sprechen, die aus den heutigen Experimenten entstanden sind.
SPIEGEL: Ihre jüngste Firma, Ning, ist ein Sammelbecken für soziale Netzwerke. Es gibt von Nutzern gegründete Networks für Rohkostanhänger, Baseball-Spieler oder Madonna-Fans. Kommt das nicht ein bisschen spät?
Andreessen: MySpace und Facebook laufen phantastisch, beide wachsen unglaublich schnell. Aber es sind weitgehend geschlossene
Veranstaltungen. Wir dagegen sagen, seid verrückt! Macht doch, was ihr wollt. Millionen Menschen werden jetzt mit dem Konzept von social networks vertraut. Und irgendwann wollen sie ihr eigenes Ding. Und dann kommen wir ins Spiel. Die Seite wächst gerade wie wild. Jeder neue Nutzer bringt zwei Freunde mit zu uns. Aus 1000 Ning-Usern werden 3000, aus 3000 werden 9000 - unsere Server zählen jetzt einfach tick, tick, tick.
SPIEGEL: Der Börsengang von Netscape war 1995 ein Sensationserfolg. Sie waren damals 24 und haben viele Millionen Dollar verdient. Ning ist dagegen eine winzige Nummer. Warum fangen Sie immer wieder von vorn an?
Andreessen: Ich liebe das Silicon Valley, es ist ein Riesenglück, hier zu sein. In meiner Heimat im Mittleren Westen gibt's kaum Start-ups. Das hier ist ein magischer Ort. Man kann ohne jede Geschäftserfahrung eine Firma starten, wachsen und Erfolg haben - so wie ich. Das ist einfach herausragend.
SPIEGEL: Vor gut zwei Jahren war Web 2.0 das große Schlagwort im Internet. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Variante 3.0 aus?
Andreessen: Das sind doch leere Phrasen. Das Internet war, ist und wird immer ein Zauberkasten sein. Wenn jemand will, dass ich in seine Web-2.0-Firma investiere, sage ich grundsätzlich: Der Nächste bitte! Weil er einem Trend hinterherrennt und kein klares Geschäftsmodell hat.
SPIEGEL: Vor rund neun Jahren zahlte AOL Milliarden Dollar für Ihren Netscape-Browser. Anfang März wird der Support dafür endgültig eingestellt. Sind Sie enttäuscht?
Andreessen: Das Ding wurde in Wahrheit doch schon 1999 zugemacht! Danach war es eine Dauerkatastrophe. Es war Teil der Dauerkatastrophe von AOL Time Warner.
SPIEGEL: Gibt es etwas, was Ihnen nach 15 Jahren Internet zu viel geworden ist?
Andreessen: Information. Ich habe einfach zu viel davon. Deshalb mache ich jetzt eine Informationsdiät. INTERVIEW: FRANK HORNIG

Marc Andreessen
war 22, als er 1993 mit Freunden einen neuen Browser entwickelte. Bis dahin galt das Web als Wust komplizierter Textprogramme für Eingeweihte. Mit Andreessens Netscape Navigator konnten Nutzer seit 1994 mühelos durch bunte Web-Seiten "surfen". Die Dot.com-Revolution begann. Der Amerikaner zählt deshalb zu den wichtigsten Pionieren des modernen Internet.
Netscapes Börsengang war 1995 ein Überraschungserfolg, doch danach ging es bald bergab. Nach langem Browser-Krieg mit Microsofts Internet Explorer verlor Andreessens Firma Marktanteile und Börsenwert, 1998 wurde sie für über vier Milliarden Dollar an AOL verkauft.
Ein Jahr später startete Andreessen einen IT-Dienstleister, den Hewlett-Packard 2007 für 1,6 Milliarden Dollar übernahm. 2004 gründete er mit Gina Bianchini (Foto) Ning, eine Plattform für soziale Netzwerke. Mittlerweile wurden auf Ning über 170 000 Netzwerke gegründet - etwa von Feuerwehrleuten, Pinguin-Fans und Diabetes-Patienten.
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 7/2008
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